Putin-Versteher werden!

Leserbrief

Schon in der Einleitung zu seiner Rede am Waldai-Forum, – jedem Zuhörer muss das aufgefallen sein! – äusserte Putin sich so, die Sicht des Westens Russland und ihm gegenüber sei voreingenommen und die westlichen Politiker führten den Dialog mit den Russen und mit Putin nicht gleichwertig und auf Augenhöhe. 
    Meiner Meinung nach hat Putin hiermit recht. 
    Im Westen hat man tiefsitzende Vorurteile gegenüber dem russischen Volk. Es wird hier behauptet, Russland sei ein imperialistischer Staat, oder: Es wolle zurück zur UdSSR und diese wiederherstellen. Dabei hat Putin deutlich kurz und bündig seine Meinung zur UdSSR in einem Bonmot gesagt: «Wer den Kommunismus nicht vermisst, dem fehlt das  Herz. Wer ihn zurückhaben will, dem fehlt der Verstand.»
    Was die angeblichen Eroberungspläne Russlands gegenüber Europa angeht, sagte Putin wiederholt in den letzten Monaten: «Es ist eine Absurdität zu sagen, dass Russland die europäischen Länder erobern will.»
    Was will Putin? Die Anerkennung der Bedeutung Russlands auf der Welt als ein grosses, flächenreiches Land, als Zentralmacht mit Einfluss und nicht nur als Regionalmacht, eine Grossmacht, die einige Probleme in den letzten Jahrzehnten erfolgreich gelöst hat und eine starke Wirtschaft hat, die Atommacht ist: Auf Augenhöhe will er mit allen Staaten verkehren, er will, dass seine Reden auch im Westen diskutiert werden und nicht ungehört verhallen. Er will die russische Stimme im Konzert der Nationen hörbar machen. 
    Was ist daran so falsch? Von einer Rückeroberung Usbekistans, Kasachstans, Lettlands und Litauens war in den letzten Jahrzehnten in Russland nicht die Rede. Wenn dem so wäre, hätten die europäischen Medien schon lange frohlockend in reisserischen Artikeln breit davon berichtet … Und es wäre in der Tat völlig irrsinnig, eine Wiederherstellung der Sowjetunion zu versuchen. 
    Die Zitate von Äusserungen von Putin, dem am längsten auf der ganzen Welt amtierenden Staatspräsidenten, werden in der deutschen  Presse fast immer verkürzt, verfälscht oder überhaupt nicht wiedergegeben. Man will ihn hier nicht hören, man will vor allem eines nicht: «Putin-Versteher» sein. Dabei haben wir in der Diplomatie nur eine Chance bei den anstehenden Verhandlungen. Wir sollten «Putin-Versteher» werden!
    Ich finde, dass die europäischen Politiker immer noch die alte, verheerende Suppe von 2008 in Bukarest kochen, nämlich die Ukraine in die Nato einzubeziehen. Sie planen, europäische Soldaten als vermeintliche Sicherheitsgaranten in der Ukraine zu stationieren. Sogar der erneute Leiter der Münchner SicherheitskonferenzWolfgang Ischinger warnte schon vor einem Jahr im Magazin Stern, dies zu tun. Er meinte damals, dass Russland niemals europäische Sicherheitsgarantien akzeptieren würde. Er wird damit auch nicht gehört. Stur verfolgen die Starmers, Merzʼ, Macrons, Melonis weiter ihren Weg. 
    Die europäischen Politiker haben zur Zeit nichts anderes im Sinn als den Krieg, den sie – angeblich defensiv! – für 2030 im Osten planen. Sie rüsten auf, hoch rüsten sie, dabei ist in Russland von einer Hochrüstung  zusätzlich zum Bedarf im Ukraine-Krieg gar keine Rede!
    Mich wundert, dass Putin sich nicht gegen solche Zumutungen («Sicherheitsgarantien») wehrt. Wäre es nicht sinnvoll, ein anderes Land mit der Bereitstellung von Kräften für  Sicherheitsgarantien zu beauftragen und auch die Uno miteinzubeziehen in die Verhandlungen zum Ukraine-Krieg? 
    Wichtig wäre, dass die Ursachen des Angriffs Russlands 2022 auf die Ukraine beseitigt werden, das heisst gerade jene Ost-Erweiterung der Nato! Das geht nur auf dem Wege der direkten und vorurteilslosen Verhandlungen. Selbstreflexion und Reflexion des eigenen Auftretens  wäre von unserer Seite nötig, dringend nötig!

Susanne Wiesinger, Lehrerin Geschichte und Gemeinschaftskunde, Freiburg i. Brg.

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