«Und sie bewegt sich doch»

Warum wir trotz allem guten Grund zur Zuversicht haben

von Karl-Jürgen Müller

Galileo Galilei lebte von 1564 bis 1642 in verschiedenen Städten Italiens. Für Europa und die Welt waren dies Jahrzehnte grosser Umbrüche. Das mehr als 1000 Jahre bestehende, christliche Byzantinische Reich (Oströmisches Reich) hatte – nach einem lange währenden Bedeutungsverlust – schon 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch das Osmanische Reich ein Ende gefunden. Auf der Suche nach einem neuen, westwärts führenden Seeweg nach Indien war Christoph Kolumbus 1492 auf Inseln in der Karibik und später das amerikanische Festland gestossen. Das war nicht nur der Auftakt zu einer bis heute nicht enden wollenden Kolonialpolitik europäischer Staaten, sondern auch ein Schub für naturwissenschaftliche Forschungen und technologische Neuerungen. In Mittel- und Nordeuropa war mit den Reformationsbewegungen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Monopolstellung der römisch-katholischen Kirche endgültig gebrochen. Die Gegenreformation und der von allen Seiten mit unvorstellbarer Brutalität geführte Dreissigjährige Krieg von 1618 bis 1648 waren der letzte, am Ende gescheiterte Versuch, die gemeinsame Hegemonie von kaiserlicher Macht und katholischer Kirche in Europa wiederherzustellen.
    Galileo Galilei war ein italienischer Naturwissenschaftler und Universalgelehrter seiner Zeit. Berühmt wurde er durch seine durch wissenschaftliche Forschung untermauerte These, dass sich – entgegen dem damaligen Weltbild der römisch-katholischen Kirche – die Erde um die Sonne dreht und nicht die Sonne um die Erde. Die Kirchenoberen, sowieso schon geschwächt und in Frage gestellt durch die Umbrüche der Zeit, griffen nach einem langjährigen Hin und Her zur Drohung mit Inquisition, Folter und Verbrennung wegen Ketzerei und führten 1633 einen Prozess gegen Galilei. Er widerrief seine Erkenntnisse – in der Absicht, der Folter zu entgehen und sein Leben zu retten. Galilei wurde unter Hausarrest gestellt und nutzte die letzten Jahre seines Lebens, um seine naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse schriftlich festzuhalten und der Nachwelt zu überlassen – Erkenntnisse, die nun schon lange Zeit allseits anerkannt sind, auch wenn die Kirche selbst Galilei erst 1992 rehabilitierte. 
    Schon bald nach seinem Tod wurde verbreitet, trotz seines offiziellen Widerrufs vor dem Inquisitionsgericht habe er leise vor sich hin geflüstert: «Und sie [die Erde] bewegt sich doch» – ein Zeichen seines inneren Widerstandes. Galileis kleiner Satz ist eine bis heute geläufige Metapher, die zum Ausdruck bringen soll, dass man trotz aller Widrigkeiten bei der Wahrheit bleibt und zuversichtlich ist, dass die Wahrheit über kurz oder lang nicht weiter geleugnet werden kann.
    Und heute? Die Repräsentanten einer von immer mehr Menschen in der Welt in Frage gestellten Machtstruktur und Machtpolitik sind ganz offen zur reinen Machtpolitik übergegangen. Politiker gebärden sich wie die Herren der Welt, Staaten werden in Windeseile zu Unrechtsstaaten: in ihren internationalen Beziehungen, aber auch gegen die eigenen Bürger. Die Dämme, die Menschen mit einer jahrhundertelangen Rechtsentwicklung zu errichten versucht haben, sind brüchig geworden und drohen gänzlich hinweggespült zu werden. Wer würde es heute noch wagen wie der deutsche Staatsrechtslehrer Martin Kriele 1987, ein Buch mit dem Titel «Die demokratische Weltrevolution. Warum sich die Freiheit durchsetzen wird» zu schreiben und zu veröffentlichen? 1987 hofften viele Menschen in Europa und in der Welt – nicht ohne Grund –, dass der die Nachkriegsjahrzehnte bestimmende Kalte Krieg ein Ende finden und eine neue, bessere Weltordnung möglich würde. 
    Auf der Rückseite des Buches von Martin Kriele ist eine gute Zusammenfassung des Buchgehaltes zu lesen: «Die Geschichte der demokratischen Revolution ist die Geschichte des Mündigwerdens des Menschen. Der Rechtszustand, der den Menschen und den Völkern Freiheit zur Selbstgestaltung ihres Lebens gewährleistet und diese Freiheit zugleich beschränkt, dass die anderen Menschen und Völker die gleiche Freiheit geniessen, ist die der Natur des Menschen allein gemässe Gestalt des Zusammenlebens. Das ist der Grund, weshalb der demokratischen Revolution eine natürliche Tendenz auf universale Ausbreitung innewohnt. Sie ist die Weltrevolution schlechthin.» – Eine Wohltat!
    Indes: Der Blick von Martin Kriele bedarf der Erweiterung. Zwar schrieb er 1987 selbst – in Anbetracht einer noch bipolaren Welt mit den hochgerüsteten Blockzentren Sowjet-union und USA –, dem «militärischen Gleichgewicht» entspreche ein «politisches Gleichgewicht». Und: «Auf diesem Gedanken beruht die Politik der Entspannung und der gegenseitigen Anerkennung des territorialen Status quo. Diese Politik ist um der Erhaltung des Weltfriedens willen unverzichtbar.» Er schrieb zudem: «Die grossen Aufgaben unserer Zeit – wie die Sicherung des Friedens, die Abwendung ökologischer Katastrophen und die Überwindung des Elends, vor allem in der Dritten Welt – [… setzen] Vernunft und Zusammenarbeit […] voraus […].» Das sind Formulierungen, die auch gut in eine multipolare Welt passen würden. Kriele allerdings schränkte ein, dass die Weltprobleme «durch sozialistische Zwangsherrschaft vollends unlösbar» würden und im Grunde genommen nur eine am westlichen Modell orientierte Staats- und Verfassungsordnung zukunftsweisend wäre.
    Mit einem echten «Dialog der Zivilisationen» (Hans Köchler1) den Horizont zu erweitern, sich von der Unterteilung der Welt in «gut» und «böse» zu verabschieden und statt dessen kulturgeschichtliche Sensibilität für das «Andere» zu entwickeln, wäre ein notwendiges Korrektiv. Denn die Kulturen sind tatsächlich verschieden, und ohne einen solchen Dialog gibt es keine gleichberechtigte Zusammenarbeit zur Lösung der Weltprobleme und für den Fortschritt aller Völker und Staaten.
    Ein Buch wie das von Martin Kriele besticht durch seine Zuversicht, dass der «Natur des Menschen» eine «natürliche Tendenz auf universale Ausbreitung innewohnt». Erweiterung hiesse deshalb, seine grundsätzlichen Aussagen weiter zu verfolgen, die Frage nach der «Natur des Menschen» aber genauer zu stellen und nicht auf das Gerüst einer westlichen Verfassungsordnung zu reduzieren. Anders formuliert: Was ist die eigentliche Substanz von «Demokratie», «Rechtszustand» und «Freiheit» – von der Natur des Menschen und von seinen Traditionen und seiner Kultur her betrachtet? Welche Entwicklungspotentiale haben alle Völker und Staaten der Welt, und was ist einer Entwicklung eher förderlich und was eher störend? Diese Fragen werden um so dringender, je deutlicher es wird, dass die Staaten mit westlicher Verfassungsordnung auf dem Papier zwar viele schöne Dinge formuliert haben, in Tat und Wahrheit aber – schon seit sehr langer Zeit – ganz andere Dinge praktizieren. Musterbeispiel dafür sind die Vereinigten Staaten von Amerika, ist EU-Europa. Dass «humanitäre Interventionen», «Nation building» und eine hegemoniale Politik der «Einflusssphären», dass Machtausdehnung und völkerrechtswidrige Gewaltanwendung, dass Entrechtung im Inneren sicher störend sind, haben die vergangenen 500 Jahre und der aktuelle Stand der Dinge zur Genüge bewiesen.
    Die grosse Mehrheit der Menschheit leidet unter Unrecht, Machtstreben und Gewalt und hat hiergegen zumindest einen natürlichen inneren Protest. Ein Protest, der um so stärker und auch ausdrücklicher wird, je mehr man sich als Mensch mit dem Mitmenschen verbunden fühlt und die gegenseitige Hilfe lebt. Alfred Adler hat es schon 1919, ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in seiner Schrift «Die andere Seite. Eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes» abgelehnt, sein Volk, das millionenfach an den Fronten tötete und starb, für die Grauen des Krieges schuldig zu sprechen. Er verwies auf die dem Volke schon in der Vorbereitung des Krieges aufgezwungene donnernde Propaganda und alltägliche Erniedrigung, aber er schrieb auch: «Zu allen offenen Leistungen des Widerstandes fehlte diesem Volk, dem eine Decke übers Haupt gezogen war, das eigentliche Band des gegenseitigen Vertrauens, ein starkes, geschultes Gemeinschaftsgefühl.»
    Trotz der vielen individuellen Opfer, die wir derzeit zurecht beklagen und deren Leidensgeschichte noch kein Ende gefunden hat: Das Wissen um die Kraft der Verbundenheit und der gegenseitigen Hilfe macht zuversichtlich.

1 vgl. zum Beispiel: Köchler, Hans. «Die Bedeutung des Dialoges der Zivilisationen für die internationalen Beziehungen». Gekürzter Text eines am 30. August 2014 auf der Tagung «Mut zur Ethik» in Sir-nach (Schweiz) gehaltenen Vortrages; i-p-o.org/Koechler-Dialog-der-Zivilisationen-int-Beziehungen--IPO-OP-2014.pdf

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