von Karl-Jürgen Müller
In einem Gespräch, das Vatican News am 4. März 20261 veröffentlicht hat, warnte der für politische und diplomatische Aktivitäten zuständige Kardinalstaatssekretär des Vatikans, Pietro Parolin, vor einer Aushöhlung des internationalen Rechts durch die Logik der Gewalt. Er sagte dies mit Blick auf den erneuten israelisch-US-amerikanischen Angriffskrieg gegen den Iran. Die Völker Westasiens seien «erneut in den Schrecken des Krieges zurückgestürzt worden, der brutal Menschenleben zerbricht, Zerstörung hervorbringt und ganze Nationen in Spiralen der Gewalt mit ungewissem Ausgang hineinzieht». Kardinal Parolin verwies auf den Papst, der beim Angelus-Gebet am 1. März von einer «Tragödie von enormen Ausmassen» und vom Risiko eines «irreparablen Abgrunds» gesprochen hatte.
Der Kardinalstaatssekretär bekräftigte seine Ansicht, «dass Frieden und Sicherheit durch die Möglichkeiten gepflegt und verfolgt werden müssen, die die Diplomatie bietet, vor allem jene, die in multilateralen Organisationen ausgeübt wird, wo die Staaten die Möglichkeit haben, Konflikte unblutig und gerechter zu lösen». Nach dem Zweiten Weltkrieg und seinen mehr als 60 Millionen Toten «wollten die Gründerväter mit der Schaffung der Organisation der Vereinten Nationen ihren Kindern die Schrecken ersparen, die sie selbst erlebt hatten. Deshalb wollten sie in der Charta der Uno präzise Vorgaben zur Regelung von Konflikten festhalten».
Die Charta der Vereinten Nationen halte fest, dass «der Rückgriff auf Gewalt nur als letzte und äusserst schwerwiegende Instanz betrachtet werden [darf], nachdem alle Instrumente des politischen und diplomatischen Dialogs ausgeschöpft worden sind, nachdem die Grenzen von Notwendigkeit und Verhältnismässigkeit sorgfältig geprüft worden sind, auf der Grundlage strenger Feststellungen und begründeter Motive – und stets im Rahmen einer multilateralen Ordnung. Würde den Staaten das Recht auf einen ‹Präventivkrieg› nach eigenen Kriterien und ohne einen überstaatlichen Rechtsrahmen zuerkannt, könnte die ganze Welt in Flammen stehen». Die schwindende Anerkennung des internationalen Rechts sei «wirklich besorgniserregend: An die Stelle von Gerechtigkeit ist Gewalt getreten […]».
Der Kardinal wird gefragt, warum internationales Recht und Diplomatie heute einen solchen Niedergang erlebten. Seine Antwort: «Das Bewusstsein ist verlorengegangen, dass das Wohl aller tatsächlich allen zugute kommt, also dass das Wohl des anderen auch für mich gut ist und dass Gerechtigkeit, Wohlstand und Sicherheit in dem Mass verwirklicht werden, in dem alle daran teilhaben können.»
Dies habe noch eine weitere Folge: «Das System der multilateralen Diplomatie in den Beziehungen zwischen Staaten durchlebt eine tiefe Krise, unter anderem wegen des Misstrauens, das viele Staaten gegenüber rechtlichen Bindungen hegen, die ihr Handeln begrenzen. Diese Haltung ist die andere Seite des Machtwillens: der Wunsch, frei zu handeln, anderen die eigene Ordnung aufzuzwingen und der mühevollen, aber edlen Arbeit der Politik auszuweichen, einer Politik, die aus Diskussionen, Verhandlungen, Vorteilen für sich selbst und Zugeständnissen an andere besteht.»
Das «gesamte Gefüge, das das internationale Recht in Bereichen wie Abrüstung, Entwicklungszusammenarbeit, Achtung der Grundrechte, geistiges Eigentum sowie Handels- und Transitbeziehungen aufgebaut hat», werde in Frage gestellt und schrittweise beiseite geschoben. Es scheine das Bewusstsein verlorengegangen zu sein für das, was Immanuel Kant bereits 1795 schrieb: «Die Verletzung des Rechts an einem Punkt der Erde wird an allen Punkten empfunden.» Man berufe sich nur noch dann auf das internationale Recht, wenn es eigenen Interessen diene.
Schliesslich erinnerte Kardinal Parolin an die Bedeutung des Humanitären Völkerrechts. Dessen Einhaltung dürfe «nicht von Rahmenbedingungen oder militärischen und strategischen Interessen abhängen». Der Heilige Stuhl, so der Kardinal, «bekräftigt mit Nachdruck seine Verurteilung jeder Form der Einbeziehung von Zivilpersonen und zivilen Einrichtungen – wie Wohnhäusern, Schulen, Krankenhäusern und Kultstätten – in militärische Operationen und fordert, dass stets das Prinzip der Unverletzlichkeit der menschlichen Würde und der Heiligkeit des Lebens gewahrt wird». Schon zuvor hatte er betont: «Es gibt keine Toten erster und zweiter Klasse, und keine Menschen, die mehr Recht auf Leben haben als andere, nur weil sie auf einem bestimmten Kontinent oder in einem bestimmten Land geboren wurden.»
Kardinal Parolin verlieh seinem Wunsch Ausdruck, «dass der Lärm der Waffen bald verstummt und man zum Verhandlungstisch zurückkehrt». Er fügte hinzu: «Man darf den Sinn von Verhandlungen nicht aushöhlen: Es ist entscheidend, ihnen die notwendige Zeit zu geben, damit sie zu konkreten Ergebnissen führen können – mit Geduld und Entschlossenheit.» Zudem sei es notwendig, «jeder Delegitimierung internationaler Institutionen entgegenzutreten und die Festigung supranationaler Normen zu fördern, die den Staaten helfen, ihre Streitigkeiten durch Diplomatie und Politik friedlich zu lösen». «Dieser Ruf», so Kardinal Parolin abschliessend, «sollte die Regierenden und alle, die im Bereich der internationalen Beziehungen tätig sind, aufrütteln und sie dazu bewegen, ihre Anstrengungen für den Frieden zu vervielfachen».
* * *
Mit seinen Worten hat Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin das gesagt, was Vernunft und Menschlichkeit gebieten – was aber heute im Nebel des Krieges und der dazugehörigen geistigen und seelischen, der sittlichen Verwahrlosung unsichtbar zu werden droht. Deshalb sind die öffentlichen Worte aus dem Vatikan und ähnlich lautende Stellungnahmen von anderer Seite so wichtig.
Mitte 1941, als Hitler-Deutschland und seine Verbündeten fast ganz Europa brutal unterjocht hatten, hatten Millionen von betroffenen Menschen kaum noch eine Hoffnung, viele verzweifelten. Vier Jahre später endete das III. Reich mit seinem Untergang. Donald Trump und Benjamin Netanjahu sind nicht Adolf Hitler, aber ihr in Worten und Taten brachial gewalttätiger Grössenwahn muss sich den diesbezüglichen Vergleich gefallen lassen. Kardinal Parolin nennt keine Länder, Völker und Namen von Verantwortlichen. Wer zu lesen in der Lage ist, weiss dennoch, wer und was gemeint ist.
1930, in Vorahnung dessen, was drei Jahre später in Deutschland Wirklichkeit wurde und was sich schon 1930 im Gebaren des Faschismus überall in Europa überdeutlich zeigte, verfasste Bertolt Brecht seine berühmte Parabel «Massnahmen gegen die Gewalt». Brecht war überzeugter Kommunist. Aber die Botschaft seiner Parabel war: Offener Widerstand gegen die faschistische Brachialgewalt ist zwecklos. Es macht keinen Sinn, sich gegen die Gewalt zu opfern. Wichtiger ist zu überleben. Sich allerdings trotz aller erzwungenen äusserlichen Angepasstheit innerlich nicht zu beugen, das ist möglich und sinnvoll.
Die Verantwortlichen im Iran mussten sich für einen anderen Weg entscheiden. In der westlichen Welt wird der Iran seit dem Ende des Schah-Regimes 1978/79 verteufelt. So wird auch der jetzige Widerstand des Landes auf eine groteske Art und Weise an den Pranger gestellt, entstellt. Auf eine unverfrorene Art wird ausgeblendet, wer denn hier den Krieg erneut begonnen hat.
Die Iraner wehren sich gegen einen gegen sie geführten Vernichtungskrieg. Die Berichte des iranischen Roten Halbmondes müssen hochgradig alarmieren. Es ist eine Schande, wie westliche Machteliten den Krieg rechtfertigen, dem Widerstandswillen grosser Teile des iranischen Volkes den Respekt verweigern, und wir auch jetzt wieder mit Verdrehungen und Verzerrungen, mit Propaganda und «alternativen Fakten» überschüttet werden.
Man muss deshalb auf die unabhängigen Stimmen verweisen, die versuchen, einen anderen Blick auf den Iran und den Krieg zu werfen. Persönlichkeiten wie dem ehemaligen Oberst der US-Armee Douglas Macgregor, dem ehemaligen Oberst der US-Armee und Stabschef von Colin Powell, Lawrence Wilkerson, dem ehemaligen CIA-Analysten Larry C. Johnson oder dem ehemaligen Major der US-Armee, Geheimdienstoffizier und UN-Waffeninspekteur Scott Ritter – um an dieser Stelle vier ehemalige Insider des US-Systems zu nennen – gebühren Dank und Hochachtung.2 Viele weitere Namen wären zu nennen. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es mutige Stimmen. Eine davon ist die von Michael Lüders.3
Dass der Iran derzeit keinen westlichen Verhandlungsangeboten mehr traut, ist nach den Verhandlungslügen der Vergangenheit nur logisch. Und man darf sich auch wünschen, dass die Analysen und Prognosen nicht weniger Sachverständiger, dass sich die US- und die israelische Regierung in ihrem Grössenwahn dieses Mal übernommen haben, zutreffen.
Vor allem geht es allerdings darum, dass die Menschheit Wege findet, damit die politische Ethik, die in den Worten von Kardinal Parolin zum Ausdruck kommt, keine Utopie bleibt, sondern Schritt für Schritt verwirklicht werden kann. •
1https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2026-03/parolin-risiko-praeventionskriege-interview.html vom 4.3.2026
2 vgl. Gespräche von Glenn Diesen mit Douglas Macgregor vom 3.3.2026 (https://www.youtube.com/watch?v=yd_uJiRcl0Q), mit Lawrence Wilkerson vom 5.3.2026 (https://www.youtube.com/watch?v=H3r8Ie-yNZU&t=28s), mit Larry C. Johnson vom 6.3.2026 (https://www.youtube.com/watch?v=lligsWoPAx0) und mit Scott Ritter am 11.3.2026 (https://www.youtube.com/watch?v=rQt351IzD54). Alle vier Videos und die dazugehörigen Transkripte sind auch in deutscher KI-Übersetzung zu finden.
3 vgl. zum Beispiel Lüders, Michael. Angriff auf den Iran. Armageddon im Orient?; https://www.youtube.com/watch?v=GhHwTxh96W0 vom 2.3.2026
«Stabilität und Frieden entstehen nicht durch gegenseitige Drohungen oder Waffen, die Zerstörung, Leid und Tod säen, sondern nur durch einen vernünftigen, authentischen und verantwortungsvollen Dialog.» (Papst Leo XIV. in einer Predigt vom 1. März 2026)
«Man kann einen Anführer töten, aber man kann keine Zivilisation in die Unterwerfung bombardieren. Wir haben nie wirklich verstanden, womit wir es im Iran zu tun haben. Jeder spricht über den Iran als eine Art radikalem islamischem Staat – nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Iran ist letztlich Persien, und diese Zivilisation ist viel älter. Die persische Zivilisation, das persische Denken, die persische Philosophie, die persische Kunst und Geschichte – all das hat in den letzten 25 bis 30 Jahren seine Dominanz wieder geltend gemacht. Und die Menschen im Iran haben sich weitgehend von dieser ideologisch starren Form des Islam abgewandt. Sie hassten Khamenei nicht, und sie tanzten nicht auf den Strassen, als er getötet wurde. Im Gegenteil, die Menschen sahen in ihm, so denke ich, einen sehr bescheidenen und anständigen Menschen. Er hat sein Leben geopfert. Er blieb dort, obwohl er wusste, dass er getötet werden würde. Seine Tötung hat ihn zu einem Märtyrer gemacht, den selbst Menschen ehren können, die den Islam nicht mögen. Ich denke also, wir haben das Land gegen uns aufgebracht. Wir haben die Menschen gegen uns mobilisiert. Ich sehe nichts Gutes, das daraus entstehen könnte. Und das ist unser Problem: Wir projizieren unsere Werte, unser Denken, unsere Erfahrungen auf andere. Nun, unsere Erfahrungen mögen im Zusammenhang mit europäischen Erfahrungen Bestand haben, aber sie entsprechen nicht den Erfahrungen der Menschen im Nahen Osten und in Asien oder in Afrika oder auch in Lateinamerika. Deshalb denke ich, dass wir uns gerade in einer anderen Welt befinden, die wir noch nicht einmal verstehen. Die Welt verändert sich, die alte Welt geht zu Ende, und wir kämpfen gegen das Entstehen einer neuen. Ich denke, das kann man so sagen. Die Zukunft der Welt wird nicht mehr von uns geschrieben.» (Douglas Macgregor im Gespräch mit Glenn Diesen; https://www.youtube.com/watch?v=yd_uJiRcl0Q vom 3.3.2026; Übersetzung Zeit-Fragen)
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