Der Iran als «der Böse»

Die Rückkehr der «Endzeit»

von Patrick Lawrence*

Es ist bemerkenswert, wie Amerikaner in Krisenzeiten oder wenn ihr Charakter, ihre nationale Identität oder ihr Verhalten gegenüber anderen in Frage gestellt wird, in einen Zustand religiöser Inbrunst verfallen. Die bekanntesten Beispiele dafür in der Geschichte sind die sogenannten Great Awakenings (grossen Erweckungen), von denen es seit der ersten in den 1730er Jahren drei gegeben hat – vier, wenn man das mitzählt, was die Amerikaner als «Jesus-Bewegung» der 1960er und 1970er Jahre bezeichnen. Zu dieser Zeit bedrohten die imperialistischen Aggressionen der Vereinigten Staaten in Südostasien viele Amerikaner mit dem Gedanken, dass ihre Republik doch nicht so von der Vorsehung bestimmt war, wie sie geglaubt hatten.
    «Amerika ist eine Nation mit der Seele einer Kirche», bemerkte G. K. Chesterton in seinem 1922 erschienenen Bericht über seine Transatlantikreise, «What I Saw in America» (Was ich in Amerika sah). Das ist der Gedanke. Und auf der Kanzel der amerikanischen Kirche finden wir immer evangelikale Christen. Das ist seit Jonathan Edwards so, einem Führer der Ersten Erweckungsbewegung, der angesichts der aufkeimenden Gefahren der Aufklärung seinen Gemeindemitgliedern versicherte, dass Amerika immer heiliger sein würde als aufgeklärt.
    Religiöse Erweckungsbewegungen dieser Art sind Übungen in Massenpsychologie und geben denjenigen, die sich darauf einlassen, verschiedene Arten von Bestätigung. Sie vermitteln ein Gefühl der Überzeugung gerade in den Momenten, in denen die Überzeugungen der Gläubigen nachlassen. Sie fördern den Glauben an die Möglichkeit der Erlösung, wenn Sünder vermuten, dass sie der Erlösung bedürfen. Vor allem aber geben sie einen Sinn inmitten des Verdachts, dass das jeweilige Unterfangen keinen Sinn hat.
    Wer findet die religiöse Natur des amerikanischen Bewusstseins nicht bedauerlich, wenn man bedenkt, wie viel Unheil sie im Laufe der Jahrhunderte angerichtet hat? Aber sie ist eine historische Tatsache und scheint unauslöschlich zu sein, wie das Gesicht auf einem Dollarschein deutlich zeigt.
    Und so zur Iran-Krise. Zu dem Spektakel, bei dem Drei- und Vier-Sterne-Generäle und Admirale ihren einfachen Soldaten und Matrosen erzählen, sie seien auf einer «göttlichen Mission». Und zu Präsident Trump, diesem rundlichen Mann mit grossen Gelüsten, der Gebetstreffen im Oval Office abhält.
    Was sollen wir davon halten, dass extremistische Evangelikale mit all ihren Widersprüchen wieder einmal zurückgekehrt sind, um den Amerikanern Amerika zu erklären – diesmal, dass die Nation mit der Seele einer Kirche einen Religionskrieg führt?
    Wenn ich über diese Fragen nachdenke, gehen mir zwei Dinge durch den Kopf.
    Erstens muss Trump den christlichen Nationalisten, die das Rückgrat seiner «Make America Great Again»-Bewegung bilden, zeigen, dass er dem Glauben treu bleibt. Und viele von ihnen sind Christen des Alten Testaments, das sollten wir nicht vergessen: Die Zionisten unter ihnen, von denen viele direkte Nachkommen derer sind, die sich vor vier Jahrhunderten beim Überqueren des Atlantiks zu Gottes auserwähltem Volk erklärten und glaubten, im neuen Jerusalem angekommen zu sein. Kruzifixe sind für diese Menschen ein Muss, auch wenn sie Rache und Krieg ohne Gnade predigen. Das hört man, wenn Pete Hegseth sich wie ein Prediger aus dem New England des 19. Jahrhunderts aufführt. Wir dürfen die politischen Kalküle hinter dem Aufschwung des evangelikalen Glaubens, der derzeit von diesem Regime ausgeht, nicht unterschätzen.

Viele Erklärungen für den Krieg

Zweitens, und das interessiert mich am meisten, ist über den politischen Zynismus im Weissen Haus unter Trump hinaus die Verzweiflung dieses Regimes und seines Militärs im Ausland mittlerweile, in der zweiten Woche dieses Krieges, unübersehbar. Selbst die «New York Times» berichtet endlich, dass die Stärke der iranischen Gegenangriffe in Washington und auf allen Stützpunkten in Westasien für einen Schock gesorgt hat. «Die Stimmung im Pentagon», so berichtete die «Washington Post» letzte Woche, «ist angespannt und paranoid».
    Trump ist ein Mann, der das Schicksal wie eine grosse schwarze Bowlingkugel auf sich zukommen sieht. Und wenn Donald Trump sich an den protestantischen Gott wendet, dann zittert Donald Trump in gewisser Weise.
    Wie vielfach berichtet, hat die Trump-Regierung den Amerikanern und dem Rest der Welt so viele Erklärungen für den Krieg geliefert, den die Vereinigten Staaten und Israel gegen die Islamische Republik Iran begonnen haben, dass es schwierig ist, den Überblick zu behalten. Entweder es geht darum, Demonstranten zu unterstützen, den Iran daran zu hindern, Atomwaffen zu entwickeln, die ballistischen Raketen des Landes zu zerstören, das Regime zu ändern, oder es liegt daran, dass der Iran eine direkte Bedrohung für die nationale Sicherheit Amerikas darstellt.
    Etc.
    Die offiziellen Erklärungen ändern sich von Tag zu Tag und von einem Regierungsvertreter zum anderen, und wie andere bereits bemerkt haben, hält keine davon einer genauen Prüfung stand. Da immer mehr Berichte in unabhängigen Medien die offiziellen Darstellungen ad absurdum führen, wird es von Tag zu Tag offensichtlicher, dass Ari Larijani, der die militärischen Operationen des Iran leitet, neulich Recht hatte, als er sagte, die Operation «Epic Fury» sollte besser «Operation Epic Mistake» heissen.
    Nicht zum ersten Mal weiss Amerika nicht, was es tut oder warum es sich dazu entschlossen hat.
    Der Bedarf an einer Erzählung, einer schlüssigen Geschichte, die diesen Krieg erklärt, wird mit jeder Meinungsumfrage dringlicher, die nun alle darauf hindeuten, dass die Mehrheit der Amerikaner dieses Abenteuer ablehnt. Dies kann sich nur noch verschlimmern, da immer deutlicher wird, dass die Vereinigten Staaten nicht auf einen kurzen Krieg aus sind, wie Trump immer noch behauptet. Amerikaner sind bereits in diesem Krieg ums Leben gekommen – mit ziemlicher Sicherheit in einer Zahl, die der Öffentlichkeit vorenthalten wird. Wenn die Zahl der Opfer steigt, was wahrscheinlich ist, wofür sterben diese Amerikaner dann?

Die Offenbarung als Rechtfertigung für den Krieg

Einige Tage nach Beginn des Angriffs der USA und Israels berichtete ein Unteroffizier, der in einer Kampfeinheit vermutlich irgendwo in Westasien dient, dass sein Kommandant in einer täglichen Besprechung Folgendes gesagt habe: «Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Signalfeuer im Iran zu entzünden, um Armageddon auszulösen und seine Rückkehr auf die Erde zu markieren.» Diese Bemerkung wurde zuerst von Jonathan Larsen1, einem unabhängigen Journalisten, berichtet und in The Cradle2, der Beiruter Nachrichten-Webseite, die über ihre Region berichtet, veröffentlicht.
    Der Unteroffizier berichtete diesen Vorfall der Military Religious Freedom Foundation, einer Nichtregierungsorganisation, die die verfassungsmässigen Rechte von Uniformierten verteidigt. Es handelt sich hierbei nicht um die Geschichte eines einzelnen gläubigen Offiziers oder einen Einzelfall. Die Stiftung erhielt innerhalb der ersten 48 Stunden nach Kriegsbeginn 110 solcher Beschwerden – diese stammten aus mehr als 40 Militäreinheiten, die in mehr als 30 verschiedenen Einrichtungen stationiert sind.
    «Das kommt aus allen Bereichen des Militärs, aus allen Rängen, von Flaggoffizieren [Generälen und Admiralen] bis hin zu Mannschaften», bemerkte Lawrence Wilkerson, ein pensionierter Oberst, der im Vorstand der Stiftung tätig ist, neulich in einem Podcast. Wilkerson zitiert wiederholte Verweise auf die Offenbarung und die bevorstehende Wiederkehr Jesu Christi in diesen Vorträgen. «Den Soldaten wird gesagt, sie sollen sich nicht vor dem fürchten, was kommen wird», schliesst er.
    Es spielt keine Rolle, dass man solche Äusserungen unmöglich ernst nehmen kann. Viele derjenigen, die dafür verantwortlich sind, Soldaten und Matrosen in diesen Krieg zu führen, tun dies jedoch.
    Die führende nigerianische Tageszeitung «The Sun» (und ich ziehe meinen Hut vor ihren Journalisten) veröffentlichte am 6. März, eine Woche nach Kriegsbeginn, ein Video auf X3, das etwas zeigt, das wie eine Handauflegung aussieht, während Trump feierlich am Resolute Desk sitzt, hinter ihm ein Halbkreis von Pastoren. «Präsident Donald Trump empfängt Prediger aus den gesamten USA im Oval Office», lautet die Bildunterschrift von «The Sun», «zu einer Gebetswache, um göttliche Führung im eskalierenden Iran-Konflikt zu erbitten.»
    Sehen Sie sich dieses etwa anderthalbminütige Video an und denken Sie darüber nach, was Sie sehen und hören. Während Trump mit gefalteten Händen, geschlossenen Augen und gesenktem Kopf dasitzt, intoniert einer der Geistlichen zu seiner Rechten beschwörend:

Ich bete um deine Gnade und deinen Schutz für ihn.
Ich bete um deinen Schutz für unsere Truppen.
Und für alle unsere Männer und Frauen, die in unseren Streitkräften dienen.
Und, Vater, wir bitten dich, unserem Präsidenten weiterhin die Kraft zu geben, die er braucht, um unsere grosse Nation zu führen.

Und so weiter.

Auf einer Skala zwischen politischer Leistung und Angst und Furcht deutet ein Video dieser Art darauf hin, dass Trump derzeit eher Letzterem nahekommt. Die Suche nach einem Sinn, wenn es keinen Sinn gibt. Der Anspruch,  moralisch überlegen zu sein, während die ersten Leichensäcke mit einer C-17-Maschine auf der Dover Air Force Base eintreffen.

Huckabee und Hegseth

Im Hintergrund steht der Fall von Mike Huckabee, den Trump ohne weiteres zu seinem Botschafter in Israel ernannte. Wie vor einigen Wochen vielfach berichtet wurde, erklärte Huckabee, ein grenzenlos verblendeter christlicher Zionist, gegenüber Tucker Carlson, dem bekannten unabhängigen Webcaster, dass Israel ein «biblisches Recht» auf die Gebiete vom Nil bis zum Euphrat habe – ein Gebiet, das die Zionisten als Eretz Israel, «Gross-Israel», bezeichnen.
    Und im Vordergrund steht Pete Hegseth, Trumps Kriegsminister, der oft in nostalgischen Fantasien vergangener militärischer Ruhmestaten versunken zu sein scheint. In American Crusade (Center Street, 2020), das er noch während seiner Zeit als Moderator bei Fox News schrieb, bezog sich Hegseth auf die Abenteuer europäischer Armeen im 12. Jahrhundert und schrieb: «Die amerikanischen Kreuzritter von heute müssen denselben Mut gegenüber den Islamisten aufbringen.»
    Als Ausdruck der hoffnungslos verwirrten Gedanken und Überzeugungen dieser Art von Menschen hat Hegseth in letzter Zeit auch damit begonnen, im Pentagon hyperchristliche Gebetsstunden abzuhalten, deren Themen eindeutig aus dem Alten Testament stammen und von endloser Rache handeln. Das ergibt überhaupt keinen Sinn. Nebenbei bemerkt frage ich mich, was Trumps «Kriegsminister» – und in diesem Zusammenhang auch Huckabee – von Moshe Gafni und Yaakov Asher halten werden, zwei Mitgliedern der israelischen Knesset, die gerade einen Gesetzentwurf vorgelegt haben, der es, wenn er verabschiedet wird, zu einer Straftat machen wird, öffentlich über Jesus zu sprechen oder auf andere Weise das Christentum in allen Medien zu fördern.
    Bin ich schockiert über diese Abdrift in die seltsamen Gefilde des christlichen Messianismus oder überhaupt nicht überrascht? Beides, denke ich. Es ist ein gefährlicher Wahnsinn, dass das Trump-Regime und ein Grossteil seines Militärkommandos offenbar jegliche Vernunft über Bord werfen, während sie den Amerikanern einen Religionskrieg verkaufen. Das ist schlichtweg irrational. Wir erleben die entschlossene Entmodernisierung der Republik.

Schon nach 9/11: «Diese Welt vom Bösen und Terror befreien»

Andererseits gibt es dafür einen Präzedenzfall. Dafür müssen wir nicht weiter zurückgehen als bis zum 11. September 2001 und der Invasion des Irak durch das Regime von Bush II zwei Jahre später.
    «Das grosse Ziel unseres grossartigen Landes ist es, diese Welt von Bösem und Terror zu befreien», hatte der jüngere Bush nach den Ereignissen des 11. September gesagt. «Die Bösen haben eine mächtige Nation, ein mächtiges Land aufgewühlt.»
    Die Bösen.
    Später, als Bush während der Vorbereitungen für die Irak-Invasion um die Unterstützung der Europäer warb, rief er Jacques Chirac an – laut zuverlässigen französischen Berichten zweimal – und bezog sich in seinem (gescheiterten) Versuch, den französischen Präsidenten zu gewinnen, auf Gog und Magog, die satanischen Figuren aus der Offenbarung, die erscheinen, wenn das «Ende der Zeit» nahe ist und der grosse Krieg zwischen Gut und Böse endlich ausgetragen werden muss. Berichte über diesen Austausch – Chirac spottete privat voller Erstaunen – wurden 2009 in Frankreich veröffentlicht; in Amerika blieben sie unveröffentlicht, bis William Pfaff, mein verstorbener Kollege und Freund, «The Irony of Manifest Destiny» (Walker, 2010) herausbrachte. Es war Bills letztes Buch.
    Was hören wir, wenn hochrangige Mitglieder der politischen Elite Amerikas geopolitische Ereignisse als biblische Prophezeiungen darstellen? Im vorliegenden Fall gibt es in den Vereinigten Staaten 30 000 bis 50 000 christliche Zionisten. Wie bereits erwähnt, müssen sie Trump und der M.A.G.A.-Sache treu bleiben, die nach vielen Berichten unter einem Verlust an Überzeugung leidet. Diese Menschen müssen sicher sein, dass Trump die Geschichte glaubt, die sie sich selbst erzählen, eine Geschichte, die es ihnen ermöglicht, einen Krieg, seinen Krieg, zu befürworten, der ihnen sonst keinen Sinn ergeben würde: Ja, «Gottes göttliche Mission».
    Tiefergehend, und das ist die Lehre, die wir meiner Meinung nach daraus ziehen sollten, ist dies der Klang eines Imperiums, das zutiefst unsicher ist. Das ist es, was ich höre – eine Nation, die lange bevor Francis Fukuyama sein idiotisches Buch schrieb, nach dem «Ende der Geschichte» suchte, es aber nie finden konnte. Konfrontiert mit den Realitäten des 21. Jahrhunderts – insbesondere, aber nicht nur mit dem Aufstieg des Nicht-Westens zu einer Macht – sind das Trump-Regime und vor ihm Bush II nicht verständnisvoller oder selbstbewusster als Jonathan Edwards, als er vor drei Jahrhunderten versuchte, dem aufkommenden Zeitalter der Vernunft entgegenzuwirken.
    Macht in Kombination mit Unsicherheit, Verzweiflung und einer eifrig unterdrückten Angst: Diese Kombination ist nicht vielversprechend. Was Bush II den Amerikanern mit seinen Kriegen im Irak und in Afghanistan hinterlassen hat, ist ein guter Anhaltspunkt dafür, wohin dies führt.
    In einer seiner ständig wechselnden, offensichtlich hohlen Darstellungen seiner Entschlossenheit hat Trump neulich eine weitere Erklärung zu seiner Politik gegenüber dem Iran abgegeben. «Es wird kein Abkommen mit dem Iran geben, ausser einer bedingungslosen Kapitulation», (Hervorhebung pl) schrieb er auf seiner Social-Media-Seite, «und nach der Auswahl eines grossartigen und akzeptablen Führers.» Das sind die Worte eines Regimes, dessen materielle Macht unbestritten ist, das aber in gewisser Weise unsicher, verzweifelt und ängstlich ist, was aus dem werden wird, was es begonnen hat.

1https://jonathanlarsen.substack.com/p/us-troops-were-told-iran-war-is-for

2https://thecradle.co/articles/us-commanders-tell-troops-iran-war-gods-divine-plan-trump-anointed-to-ignite-armageddon-report

3https://x.com/thesunnigeria/status/2029875124904554513

Quelle: The Floutist vom 12.3.2026; eine frühere Version des Textes in deutscher Übersetzung veröffentlichte globalbridge.ch am 11.3.2026

(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Patrick Lawrence, langjähriger Auslandskorrspondent, vor allem für die «International Herald Tribune», ist Kolumnist, Essayist, Autor und Dozent. Sein vorletztes Buch ist «Time No Longer: Americans After the American Century», Yale 2013. 2023 ist sein neues Buch «Journalists and Their Shadows» bei Clarity Press erschienen. Im März 2025 erschien sein Buch in deutscher Übersetzung. Seine Webseite lautet patricklawrence.us. Unterstützen Sie seine Arbeit über patreon.com/thefloutist.

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.

OK