Journalismus in der Verantwortung

von Renate Dünki

Wer heute Nachrichten zur Weltlage hört, würde am liebsten die Decke über den Kopf ziehen. Nur hilft das natürlich nicht weiter.
    In der Schweiz wäre schon viel getan, wenn sich jeder Bürger, jede Bürgerin auf die eigene Geschichte und den Wert der Neutralität und der Guten Dienste besinnen könnte. Denn Neutralität ist ein Friedensmodell, das neutrale Land nimmt nicht an kriegerischen Auseinandersetzungen teil, sondern bietet bei Konflikten Vermittlung und mit den Guten Diensten und als Sitz des Internationalen Roten Kreuz unparteiische Hilfeleistung für die Menschen in Not und Gefahr an. Hier kann jeder einen Beitrag leisten und so, statt ein Zuschauer, ein Helfer werden.
    In unserer brisanten Situation hätte auch der Journalismus viel mehr als sonst eine wichtige Aufgabe: Er könnte zum Brückenbauer in Krisenzeiten werden. Ein solches Ziel setzt Wertschätzung der eigenen Wurzeln, Bildung, Themenkenntnis und unabhängiges, auch geopolitisches Denken voraus. Jeder, der sich an uns Bürger wendet, übernimmt eine Verantwortung. Die Quellen müssen offengelegt, die Gesprächspartner genannt, das aktuelle Geschehen ehrlich in sein Umfeld eingeordnet werden. Tatsachen müssten benannt und von persönlicher Beurteilung deutlich getrennt werden. Zur journalistischen Ethik liesse sich noch viel sagen. 
    Wie sieht es heute damit aus? Zum vierten Jahrestag des offiziellen Beginns des Ukraine-Krieges konnte man in unseren Medien vieles hören, lesen und sehen, der Titel eines Beitrags von Radio SRF vom 24. Februar soll als Beispiel genügen (David Nauer in der News App von SRF Schweizer Radio und Fernsehen).
    «Putin ist ein miserabler Feldherr.» Ein vergleichbarer Satz wäre vor einigen Jahrzehnten in unserem Nachbarland sehr gefährlich gewesen; es gab keinerlei Meinungsfreiheit, schon gar nicht gegenüber dem Führer, dem «grössten Feldherrn aller Zeiten». Oder Napoleon? Auch er ein grosser Führer und «Feldherr», für den ein Menschenleben nichts zählte. Sind heute wieder «Feldherrn» gefragt? Und wer sollte dann ein «guter Feldherr» sein? Was in unserer Weltlage dringend nötig wäre, zum Schutz der Bevölkerungen weltweit, das liegt auf der Hand. Es sind Staatsmänner – Politiker, die zum Wohl ihres Landes ein Sicherheitskonzept zwischen Staaten anstreben, auf Dialog und Verhandlungen setzen und als gleichberechtigte Teilnehmer, nicht als Feldherrn oder Führer auftreten. Dieses Konzept entspricht der Uno-Charta. 
    Wenn ein SRF-Korrespondent, Journalist in der neutralen Schweiz, seinen Beitrag für uns Hörer mit dem Titel versieht «Putin ist ein miserabler Feldherr», so zeugt das von grob einseitiger Analyse. Dieser Journalist kennt und versteht den Friedensauftrag der neutralen Schweiz nicht. Ich erwarte vom öffentlich-rechtlichen SRF zum allermindesten eine ausgewogene Berichterstattung.

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