Nord Stream und die journalistische Herausforderung für die Berichterstattung – ein Fallbeispiel

von Hans von Sponeck, Beigeordneter UN-Generalsekretär a. D.

Beängstigend sind die vielen journalistischen Veröffentlichungen, die es heute gibt, die den Schluss erlauben, «wenn Journalisten zu Aktivisten werden, ist es bis zur Falschmeldung nicht mehr weit», so das Pioneer Briefing vom 17. Dezember 2025. 
    Untersuchungen dokumentieren den sich ausbreitenden desolaten Zustand journalistischer Arbeit. Dazu gehören u. a. die Veröffentlichungen von Patrick Lawrence, Auslandskorrespondent der «International Herald Tribune» über viele Jahre («Journalists and Their Shadows»), von Udo Ulfkotte, FAZ-Korrespondent über 17 Jahre («Gekaufte Journalisten») und von Lee McIntyre, Professor an der Boston University und Harvard. («On Disinformation: How to Fight for Truth and
Disinformation»). Auch Florian Warweg, der unerschütterbare Journalist, muss erwähnt werden. In einem Vortrag in Nürnberg im Dezember letzten Jahres hatte er zum Thema «Macht, Medien und Manipulation» auf die mangelnde Qualität der Berichterstattung und auf das entschwindende Vertrauen in die Medien hingewiesen. Er erinnert daran, dass «die Aufgabe der Medien als vierte Gewalt und als Watchdog und Kontrolleur der Politik […] angesichts zunehmender Querfinanzierung und der damit zunehmenden Abhängigkeit von Regierungszahlungen geradezu ad absurdum geführt worden ist.»

Unsere Medien – ein gemischtes Bild

Eine allgemeine Bewertung «der» deutschen und ausländischen Medien über geopolitische Berichterstattung ist jedoch nicht sinnvoll. Neben der ansteigenden Zahl von schlecht recherchierten Artikeln, oder schlimmer noch, ideologisch gefärbten Veröffentlichungen, sowohl in Deutschland als auch im westlichen Ausland und anderswo, gibt es weiterhin ausgezeichnete Analysen von unabhängigen Journalisten. Hierzu gehören z. B. Karin Leukefeld, die sich trotz viel böswilligem Gegenwind als anerkannte Expertin für den Nahen und Mittleren Osten unermüdlich für objektive Berichterstattung einsetzt, und Florian Warweg, den bereits genannten Journalisten, der die Regierungsvertreter der Bundespressekonferenz (BPK) immer wieder an ihre Verpflichtung erinnerte, der Öffentlichkeit wahrheitsgemässe Informationen zu liefern anstelle rhetorischer und nichtssagender Hülsen. Anfang 2025 erwähnte er in der BPK, dass EU-Staaten und die USA zu dem Schluss gekommen waren, dass «entgegen vorherigen Verdächtigungen Russland nicht für […] die Beschädigung von Unterwasserkabeln in der Ostsee verantwortlich sei». Gleichzeitig berief sich die «Washington Post» auf westliche Geheimdienstquellen und bedeutete: «Accidents, not Russian sabotage are behind the undersea cable damage».
    Ich möchte auch den bekannten, leider verstorbenen australischen Journalisten John Pilger nennen, der weltweit für seine journalistische Unabhängigkeit und seine Integrität bekannt und geschätzt war. Vergessen ist nicht seine Aussage, dass «Medien ein Instrument der Macht sind, aber wenn wir das erkennen, werden wir uns des offiziellen Geschwätzes bewusst und verstehen, dass die Wahrheit subversiv ist. Das ist immer so.» 
    Um nicht falsch verstanden zu werden, es ist vollkommen klar, dass journalistische Arbeit immer einen Grad der Auswahl und Subjektivität beinhaltet. Aber dies ist nur dann zu akzeptieren, wenn damit keine Meinungsmanipulation verbunden ist. Diese vierte Gewalt sollte die Basis schaffen, durch die Tatsachen und gegensätzliche Auffassungen debattiert werden können als grundsätzlicher Ausdruck einer freien Gesellschaftsordnung.

Viele Nord-Stream-«Theorien» ohne Beweise …

In jedem Fall ist die Öffentlichkeit heute kontinuierlich konfrontiert mit einer Flut von Desinformation und einer oft schwer zu ergründenden Abwesenheit von Recherche und notwendigen Faktenchecks. Dass Künstliche Intelligenz eine weiterhin unkontrollierte und zusätzliche Problematik darstellt und damit das Vertrauen in die Medien tiefer sinken lässt, braucht nicht betont zu werden. 
    Eines der «grossen» Medienthemen, das über die vergangenen Jahre immer wieder Teil der Berichterstattung geblieben ist, hat mit der Sabotage der Nord-Stream-Rohrleitung vom 26. September 2022 zu tun. Schon kurze Zeit nach der Sabotage häufte sich die Zahl der Aussagen. US-Talk-Showmaster Tucker Carlson war sich im Oktober bereits sicher, dass die USA die Pipeline gesprengt hätten. Bei dieser Gelegenheit reagierte Victoria Nuland (ehemalige Stellvertretende US-Aussenministerin) mit: «I am glad to see the NS at the bottom of the sea.» Peter Vonnahme, Richter am Bayrischen Verwaltungsgericht, schrieb in einem Artikel, bezüglich der Täterschaft gäbe es zwei Versionen: Entweder «der Russe wars oder der Täter waren die USA». Er fügte hinzu: «Ein Mindestmass analytischen Denkens würde zu dem Schluss kommen, dass es vollkommen unlogisch sei, an eine Täterschaft Russlands zu glauben.» 
    Der Ex-Präsident des Bundesnachrichtendiensts, August Hanning, warf Polen die Mittäterschaft beim NS-Anschlag vor. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg wurde im März 2023 mit der Aussage zitiert: «Es ist nicht bekannt, wer den Anschlag verübt hat.» Am 11. Juli 2023 erklärte das Mitglied des Bundestages (MdB) Konstantin Kuhle (FDP): «[…] bis zum jetzigen Zeitpunkt gibt es keine klaren Erkenntnisse über die Schuldigen». MdB Roderich Kiesewetter (CDU) bedeutete dagegen: «Klar, Russland war an diesem Anschlag beteiligt.» MdB Sevim Dagdelen (Die Linke) meinte: «Die Bundesregierung sollte nichts gegen die Etablierung einer internationalen Untersuchungskommission unter der Schirmherrschaft der Uno haben.» Wenig später kam das ZDF am 25. August 2023 zu dem Schluss: «[…] für Tatverdächtigung aus Russland gibt es keine belastbaren Beweise.» MdB Lamya Kaddr (Bündnis90/Grüne) forderte: «Das deutsche Volk hat das Recht zu erfahren, wer uns angegriffen hat.»
    Im Laufe der Zeit gab es eine weitere grosse Anzahl von ähnlich widersprüchlichen Behauptungen und Hinweisen auf Nord Stream. Le Monde Diplomatique schrieb, «einige westliche Regierungsvertreter und führende westliche Medien hätten zunächst die These favorisiert, dass Russland für die Anschläge verantwortlich sei». Zu diesen gehörte auch Annalena Baerbock. In der ARD-Tagesschau vom 4. Januar 2025 sagte Markus Sambale vom ARD-Hauptstadtstudio: «Auch wenn die Untersuchungen noch laufen, Aussenministerin Baerbock macht keinen Hehl daraus, dass sie Russland verdächtigt.» 

aber auch ernstzunehmende Untersuchungen

In vielen Beiträgen wurde darauf hingewiesen, dass die Nord-Stream-Sabotage einen hohen Grad an technischer Expertise erfordere, wie Professor Jeffrey Sachs (Columbia University) es vor dem Uno-Sicherheitsrat im Februar 2023 ausgesagt hatte. Seymour Hersh, der bekannte amerikanische investigative Journalist, erinnerte den UN-Sicherheitsrat an die Radar-Überwachungen, die Bilder von Helikoptern des US-Militärs über dem Nord-Stream-Explosionsort und die vielen politischen Drohungen in den USA, die Pipelines zu sabotieren. Laut Hersh hatte Anfang 2022 eine Arbeitsgruppe der CIA berichtet: «Wir haben eine Möglichkeit, die Pipeliens zu sprengen.» Es sei hier auch die Aussage von US-Präsident Biden erwähnt, die er im Beisein von Bundeskanzler Scholz am 7. Februar 2022 gemacht hatte: «Should Russia invade the Ukraine, there will be no longer a Nord Stream– we will bring it to an end.» 
    Relevant sind auch die Zeugenaussagen im Untersuchungsausschuss des Landtags von Mecklenburg-Vorpommern vom Juli 2025: «Vertreter der US-Geheimdienste setzten sich offensiv für eine Verhinderung von Nord Stream 2 ein.» Besonders aufklärend ist die Aussage des Hafenmeisters von Christiansen in Dänemark, der laut der dänischen Zeitung «Politiken» vom 3. Oktober 2024 bedeutete:«[…] Wenige Tage vor der Explosion der Nord Stream 1 und 2 befanden sich Kriegsschiffe der US-Marine vor Ort mit abgeschalteten Transpondern.»
    Die hier wiedergegebenen Aussagen, die stellvertretend für die Unmenge von anderen relevanten Beiträgen sind, bestätigen, dass es bis zum heutigen Tag kein schlüssiges Bild von der Täterschaft für die Sabotage der Pipelines gibt. 
    Das simple Fazit: Es war Sabotage. Es gab ein Segelboot mit einer ukrainischen Crew. Es existieren interpretierbare Aussagen und Hinweise sowohl der amerikanischen und der russischen Regierungen als auch anderer offiziellen Stellen. Es bleibt aber weiterhin unbekannt, wer die Hintermänner/Hinterfrauen gewesen sind, die es wohl brauchte, um die benötigte «technische Hilfe» einzubringen, damit eine komplexe Sabotage erfolgreich durchgeführt werden konnte. 
    Es gibt ehrbare und unehrbare Versuche, die volle Täterschaft zu erfassen. Es ist bedauerlich, dass die Ergebnisse der Untersuchungen der Regierungen Dänemarks, Deutschlands und Schwedens über die Nord-Stream-Sabotage immer noch nicht bekannt gemacht worden sind. Nach nunmehr über vier Jahren bleibt die Öffentlichkeit damit weiterhin unvollständig informiert.

Indes die FAS : «Warum nicht Moskau?»

Trotz der angedeuteten diffusen und unklaren Sachlage über die Nord-Stream-Sabotage entschloss sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) am 10. November 2025, einen Leitartikel von Konrad Schuller zu veröffentlichen mit dem Titel «Die andere Spur im Fall ‹Nord Stream› », mit dem Untertitel «Fahnder haben nach der Explosion in der Ostsee Kiew im Blick. Kritiker fragen: Und warum nicht Moskau?»
    Mit 26 Hinweisen auf Russland, Moskau und Putin will der FAS-Beitrag den Eindruck vermitteln, dass die Täterschaft für die Sabotage auf Russland deutet. Dies geschieht allerdings, ohne irgendwelche Beweise zu liefern. Die USA als mögliche Täter bleiben unerwähnt. Der Ukraine wird durch ein paar kurze Andeutungen eine mögliche Mittäterschaft zugeschrieben. «Indizien weisen aber», so der FAS-Beitrag, «[…] auf eine Spur nach Russland». Genannt werden existierende Fotos von russischen Marineschiffen an dem Explosionsort vier Tage vor der Explosion. Nicht erwähnt wird, dass es ebenso Fotos von amerikanischen Marineschiffen am Tatort gibt. 
    Beweist die Präsenz von Schiffen, ob russische oder amerikanische, Täterschaft? Gibt es hiermit sogar eine «Spur nach Russland», wie in dem FAS-Artikel behauptet wird? Erwähnt wird auch eine Frau Diana B., deren Firma das verdächtigte Segelboot gemietet haben soll und im Besitz sowohl eines ukrainischen als auch eines russischen Reisepasses sei, und «Bilder von Reisen durch Russland publiziere» – ein weiteres «Indiz»? Wie kann eine grosse deutsche Zeitung so dreist sein und solch einen Unfug veröffentlichen? Das ist wahrlich kein verantwortlicher Zeitungsbeitrag, wohl aber eine freiwillige «Spende» für die Flammen des brennenden Ost-West-Konflikts. 
    Weiterhin wird in dem Artikel argumentiert, dass das (ukrainische) Boot Andromeda Teil des Sabotageakts gewesen ist, dass es aber «hoch plausibel sei, dass der eigentliche Job von der russischen Flotilla erledigt worden sei […]». Warum könnte es nicht auch «hoch plausibel» sein, dass der Job von der amerikanischen Marine durchgeführt wurde?

Bewusste Irreführung?

Erneut die Frage: Ist dies eine ernstzunehmende FAS-Beweisführung oder eine unverantwortliche und bewusste Irreführung? Weiter schreibt Journalist Schuller: «Die Spuren könnten Teil einer russischen Täuschungsoperation sein.» Ohne einen Beleg bleibt diese Aussage, wie die anderen, nur eine unwürdige Spekulation.
    MdB Kiesewetter für die Beweisführung, dass Russland für die NS-Sabotage verantwortlich sei, zu zitieren, hilft auch nicht. Kiesewetter hat in Schrift und Wort keinen Hehl aus seiner russophoben Einstellung gemacht. In einer Fragestunde im Deutschen Bundestag am 24. April 2024 wurde Kiesewetter zum Thema Nord Stream die Frage gestellt: «Warum verbreiten Sie Verschwörungstheorien?» Seine Reaktion: «[…] ich empfehle Ihnen, nicht auf Desinformation durch bekannte Kreml-Propagandisten zu hören!» Wir sollten uns erinnern, dass MdB Kiesewetter bereits am 11. Juli 2023 im Bundestag erklärt hatte: «Klar, Russland war an diesem Anschlag beteiligt.» 
    Die FAS hatte Zugang zu den hier zitierten Aussagen. Konrad Schuller hatte jede Möglichkeit, einen Artikel zu schreiben, der den tatsächlichen Stand der Sabotage-Ermittlungen hätte darstellen können, d. h. «Dinge zu berichten, wie sie sind». Die Fragen, warum ein solcher Beitrag nicht geschrieben wurde und welche Motive dahinterstecken, sollen hier nicht beantwortet werden. 
    In seinem FAS-Beitrag vom 1. Februar 2026, «Kiew hält durch», schreibt Konrad Schuller «[Bundeskanzler] Merz hätte auch goldenes Schweigen wählen können statt einer losen Lippe.» Diese Wahl hätte Schuller bezüglich Nord Stream auch gehabt. In jedem Fall hat die Öffentlichkeit aber das Recht gemäss des deutschen Pressekodex, darauf zu bestehen, «dass unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen als solche erkennbar gemacht werden» und «Fakten eingeordnet und analysiert werden».
    Der Fall Nord Stream ist nur ein Beispiel, aber ein sehr ernstes, für mangelhaften Journalismus in unserem Land, das aber genutzt werden kann, um die Qualität und Unabhängigkeit journalistischer Arbeit herzustellen als eine wichtige Grundhaltung für die «Vierte Gewalt» eines Landes mit Führungsanspruch.

«Rheinmetall eilt von Rekord zu Rekord»

km. So titelte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» am 11. März 2026. Und die Zeit schrieb am selben Tag: «Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall erwartet für das laufende Jahr ein Umsatzplus von bis zu 45 Prozent.» Schon 2025 verzeichnete der Rüstungskonzern ein Plus von fast 30 Prozent. Um 30 Prozent wuchs auch der Gewinn – entsprechend auch die Dividende. «Die Auftragsbücher sind prall gefüllt», ergänzt die Zeit. 
    Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb den Zwischentitel: «Was Rheinmetall einen Extra-Schub geben könnte». Da ist zu lesen: «Der Iran-Krieg lässt die Nachfrage nach Flugabwehr-Geschützen von Rheinmetall nach oben schnellen. ‹Die Telefone standen übers Wochenende nicht still, man will unsere Systeme›, sagt Konzernchef Pappberger.» Stolz ergänzt er, seine Geschütze hätten im Krieg im Mittleren Osten «bereits mehr als 100 iranische Drohnen abgeschossen». Jeder Schuss koste nur 1000 Dollar. Im Vergleich mit den etwa zwei Millionen Dollar teuren US-Raketen sei das «nahezu ein Schnäppchen». 
    Für Deutschland verspricht der Konzernchef Lieferungen mobiler Anti-Drohnen-Systeme schon im Sommer, nicht erst im kommenden Jahr, wie zuerst geplant. Die könnten dann schon im Sommer in deutschen Städten aufgestellt werden.
    Ja, manch einer profitiert vom Krieg! Deutsche Rüstungskonzerne ganz vorne mit dabei. Und: Deutschland soll schneller «kriegstüchtig» sein, als man denken mag.

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