Butscha: Vier Jahre fabrizierte Narrative statt Fakten

Gastkommentar von Andrej Jurjewitsch Grosow, Botschafter der Russischen Föderation in Österreich*

zf. Vor nun schon mehr als vier Jahren, im März und April 2022, gab es erfolgversprechende Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Diese wurden vor allem von Grossbritannien und den USA torpediert. Wesentliches Instrument dabei war die medial wirkungsvoll inszenierte Behauptung, russische Truppen hätten in der nördlich von Kiew gelegenen Ortschaft Butscha während ihrer kurzzeitigen Besetzung Massaker an Zivilisten verübt. So wurde einer breiten westlichen Öffentlichkeit weisgemacht, russische Truppen hätten sich schwerster Kriegsverbrechen schuldig gemacht. Begründete Zweifel an diesen Behauptungen gab es von Anfang an. Nichtsdestoweniger bleiben die Verantwortlichen im Westen bis heute bei ihrer Version, so auch beim diesjährigen Jahrestag der vermeintlichen Kriegsverbrechen. Uns liegt ein Text des russischen Botschafters in Wien vor, der die westliche Version anhand rational prüfbarer Fakten erneut in Frage stellt. Wir dokumentieren diesen Text, nicht zuletzt mit dem Hinweis: audiatur et altera pars!

Vier Jahre nach den Ereignissen in Butscha gibt es keine Klarheit, sondern eine auffällige Leerstelle an Fakten. Statt einer unabhängigen, transparenten Untersuchung erleben wir bis heute die fortgesetzte Reproduktion eines Narrativs, das von Kiew und seinen westlichen Unterstützern von Anfang an als unumstössliche Wahrheit präsentiert wurde – ohne belastbare Beweise, ohne kritische Prüfung, ohne Raum für Zweifel.
    Bei den damaligen Geschehnissen handelt es sich nicht um eine aufgeklärte Tragödie, sondern um eine gezielt inszenierte Provokation, deren politischer Zweck von Beginn an klar war: Russland international zu diskreditieren, Verhandlungen zu torpedieren und eine neue Eskalationsstufe – einschliesslich umfassender Sanktionen – zu rechtfertigen.
    Die Parallelen zur Geschichte sind dabei schwer zu übersehen. Bereits 1944 wurden ähnliche Vorwürfe gegen die Rote Armee im ostpreussischen Nemmersdorf erhoben – Vorwürfe, die später als gezielte Propagandafälschungen entlarvt wurden. Heute bedienen sich jene, die Russland beschuldigen, auffallend ähnlicher Methoden: Emotionalisierung, Vorverurteilung und systematische Ausblendung widersprüchlicher Fakten.
    Dabei sind die offenen Fragen zahlreich – und sie wurden nie beantwortet: Warum existiert bis heute keine vollständige Liste der angeblichen Opfer von Butscha, obwohl Russland wiederholt entsprechende Anfragen an internationale Organisationen, einschliesslich der Vereinten Nationen, gerichtet hat? Warum bleiben diese Anfragen unbeantwortet? Wie lässt sich erklären, dass die weltweit verbreiteten Bilder von Leichen auf den Strassen erst mehrere Tage nach dem Abzug russischer Truppen auftauchten? Warum berichteten weder die lokalen Behörden noch der Bürgermeister unmittelbar nach dem Rückzug über angebliche Massenexekutionen?
    Noch gravierender sind folgende Unstimmigkeiten: Die Behauptung, die Opfer seien bereits Ende Februar oder Anfang März getötet worden, widerspricht dem Zustand der Leichen, die auf den veröffentlichten Aufnahmen keinerlei typische Verwesungsspuren aufweisen. Unter den klimatischen Bedingungen eines milden Frühjahrs ist ein solcher Zustand nach Wochen im Freien schlicht nicht plausibel. Ebenso ungeklärt bleibt, wo und wann die Menschen tatsächlich ums Leben kamen. Moderne forensische Methoden könnten präzise Antworten liefern, doch die entsprechenden Daten werden nicht veröffentlicht. Statt dessen wird pauschal behauptet, russische Soldaten hätten die Taten begangen, ohne dass überprüfbare Belege vorgelegt werden.
    Weitere Fragen drängen sich auf: Warum fehlen auf vielen Bildern Blutspuren unter den Leichen? Das könnte auf eine mögliche Verlagerung der Körper hindeuten. Warum wurden viele der Toten mit weissen Armbinden gefunden – einem Symbol, das damals von Zivilisten getragen wurde, um ihre Neutralität oder Sympathie gegenüber russischen Truppen zu signalisieren? Könnte dies darauf hindeuten, dass diese Menschen nach dem Einrücken ukrainischer Einheiten als «Kollaborateure» ins Visier geraten sind? Warum begann die ukrainische Nationalpolizei unmittelbar nach dem Einmarsch mit sogenannten «Säuberungsaktionen»? Und weshalb werden Zeugenaussagen, darunter jene ausländischer Kämpfer, die über Gewalt gegen Zivilisten berichten, im westlichen Diskurs systematisch ausgeblendet?
    Nicht zuletzt stellt sich die Frage, warum alternative Erklärungen – etwa der Tod von Zivilisten infolge von Artilleriebeschuss während der Kampfhandlungen – von vornherein ausgeschlossen wurden. Selbst auf veröffentlichten Bildern sind Einschlagskrater zu erkennen, doch diese Aspekte passen offenbar nicht zum vorgefertigten Bild. All dies ergibt kein geschlossenes Bild einer aufgeklärten Tragödie, sondern vielmehr das einer politisch instrumentalisierten Erzählung, die bis heute gegen jede kritische Hinterfragung abgeschirmt bleibt.
    Besonders besorgniserregend ist dabei die Rolle westlicher Medien und politischer Akteure, die diese Version nahezu widerspruchslos übernommen und verbreitet haben. Anstatt journalistische Sorgfalt walten zu lassen, wurde einseitig berichtet – mit weitreichenden politischen Konsequenzen. Heute wird das Thema erneut aufgegriffen, begleitet von pathetischen Inszenierungen und Gedenkveranstaltungen. Doch auch diese dienen weniger der Aufklärung als vielmehr der Aufrechterhaltung eines Narrativs, das weiterhin politische und finanzielle Unterstützung für Kiew sichern soll – sowohl innerhalb der -Ukraine als auch in der Europäischen Union.
    Auch österreichische und andere europäische Politiker haben sich diesem Chor angeschlossen, etwa Aussenministerin Meinl-Reisinger, die fleissig ukrainische Narrative wiedergibt und die Einrichtung eines «Sondertribunals» fordert. Die Mühe dafür – und die dafür vorgesehene üppige EU-Finanzierung – könnte man sich jedoch sparen. Schliesslich ist der Schuldige bereits identifiziert. Ein von der Ukraine orchestriertes und von der EU bezahltes Tribunal hat kein Interesse daran, die Wahrheit zu ermitteln.
    Die Antworten auf die in diesem Beitrag gestellten Fragen werden vom ukrainischen Regime wohl nie geliefert, denn sie würden zur Wahrheit über die Ereignisse in der kleinen Ortschaft Butscha vor vier Jahren führen. Und die Wahrheit scheint die Machthaber in Kiew wie auch die jetzige EU-Führung am wenigsten zu interessieren. Ohne Antworten auf die zentralen Fragen bleibt Butscha nicht nur ein Symbol des Leids, sondern auch ein Beispiel dafür, wie schnell in Zeiten geopolitischer Spannungen fabrizierte Narrative an die Stelle von Fakten treten können.

* Andrej Jurjewitsch Grosow ist seit Oktober 2025 Botschafter der Russischen Föderation in der Republik Österreich. Geboren 1961, schloss er 1983 das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO) ab. Er spricht Englisch, Deutsch und Französisch und besitzt den diplomatischen Rang eines Ausserordentlichen und Bevollmächtigten Botschafters, der ihm durch Erlass des Präsidenten der Russischen Föderation vom 13. September 2021 verliehen wurde. Seit 1983 arbeitet er im Aussenministerium der Russischen Föderation, wo er verschiedene diplomatische Positionen sowohl im Zentralapparat des Ministeriums als auch im Ausland bekleidete Von 2004 bis 2005 war er Gesandter an der Russischen Botschaft in Bulgarien, von 2009 bis 2014 Generalkonsul Russlands in München und von September 2014 bis August 2018 Stellvertretender Direktor der Ersten Abteilung der GUS-Staaten. Von August 2018 bis Oktober 2025 Ständiger Vertreter der Russischen Föderation bei den Satzungs- und anderen Organen der GUS in Minsk.

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.

OK