von Dr. Eliane Perret, Heilpädagogin und Psychologin
Angesichts des Weltgeschehens heute ist dringend eine breite, ethisch begründete Gegenbewegung nötig – eine humanitäre Bildungsaufgabe. Wer die Nachrichten verfolgt, kann nur mit Empörung und Entsetzen auf das schauen, was ihm begegnet. Völkerrechtliche Verträge, das Humanitäre Völkerrecht und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sind Makulatur geworden. Verträge und Abkommen, mit denen die Menschheit auslöschende Waffen ächtet und deren Abrüstung regelt, wurden einseitig durch eine «regelbasierte Ordnung» ausgetauscht. Kriegspropaganda ersetzt Information und verwirrt die Menschen. Mirjana Spoljaric, die Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz IKRK, entgegnete zu Recht auf die Frage eines Journalisten «Sie sagen, wir befinden uns in einem Weltkrieg?»: «Darüber wird die Geschichte richten.» Und weiter meinte sie: «Als die Kriegsparteien 1939 in den Weltkrieg eintraten, sprach auch noch niemand vom Zweiten Weltkrieg. Das Ausmass der Rücksichtslosigkeit und der enthemmten Gewalt ist aktuell nicht weniger verheerend als vieles, was in den Weltkriegen geschah.»1
Damals – nach den Millionen von Toten, den Zerstörungen, der Verzweiflung und der grossen menschlichen Not, die dieser Krieg mit sich gebracht hatte, wurden auch im Rahmen der Uno Verträge geschlossen, um einen Schutzwall gegen neue Kriege aufzurichten. So beauftragte die Generalversammlung der Uno 1946 die neu gegründete Menschenrechtskommission mit der Ausarbeitung eines universellen Dokuments, das dazu beitragen sollte, die Welt künftig vor Greueln der Kriege und Barbarei zu verschonen. Es sollte einen verbindlichen Rahmen zum Schutz der Menschenwürde bieten. Zu dessen Ausarbeitung wurden Vertreter aus der ganzen Welt in die Kommission berufen, denn ihre unverzichtbaren unterschiedlichen Rechtstraditionen, Philosophien und Kulturen sollten sich im Dokument abbilden. Nach zweijährigem Diskussionsprozess konnte in Paris am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR) verabschiedet werden. Eine Hoffnung für eine friedlichere Welt!
Eine gemeinsame Ethik als Grundlage
Damit war auch eine Bildungs- und Erziehungsaufgabe gestellt: Die heranwachsende Generation sollte im Geist des Friedens heranwachsen und gebildet werden. Erstmals in der Geschichte wurden alle Menschen und Völker auf eine gemeinsame Ethik verpflichtet – eine Grundlage für eine Welt der Gleichberechtigung und für das Zusammenleben in gegenseitiger Achtung. Gerade in der heutigen Zeit, in welcher der Respekt vor dem Krieg verlorengegangen zu sein scheint, sollten wir uns in den Schulen auf der ganzen Welt dieser Aufgabe mit grosser Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit widmen. Der heranwachsenden Generation muss der Inhalt dieses Dokuments in seiner wahren Bedeutung vermittelt werden. Es ist ergänzend zum Humanitären Völkerrecht eine wichtige innere Orientierung zur Beurteilung aktuellen Weltgeschehens.
Dabei darf es nicht nur um die Vermittlung von Wissen gehen, das als schnell abzuhakendes Faktenwissen «erledigt» werden soll. Unsere Heranwachsenden sind Träger des künftigen menschlichen Zusammenlebens. Deshalb muss die in den Dokumenten verankerte humanitäre Gesinnung in unserem Denken, Fühlen und Handeln wieder einen wichtigen Platz einnehmen.
Eine Klassengemeinschaft ist in Ergänzung zur Familie der geeignete Ort, diese ehrenvolle Aufgabe zu übernehmen. Dort kommen Kinder aus allen Bevölkerungsschichten zusammen und können angeleitet werden, ihr Zusammenlernen und Zusammenleben im Sinn und Geist der Menschlichkeit zu gestalten. Die Schulklasse wird so zum idealen Ort, um den Mitmenschen – unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Religion und sozialer und kultureller Herkunft – gleichwertig zu begegnen. Die jungen Menschen können dort lernen, in Achtung vor der Würde anderer zu leben, sich in Toleranz zu üben, Konflikte friedlich lösen zu lernen, Verantwortung für sich und die Mitschüler zu übernehmen und Respekt vor der eigenen Kultur und anderen Kulturen zu entwickeln. Diese Grundbildung braucht jedes Kind, damit es seinen Platz als souveräner Mitmensch in der Menschheitsfamilie wahrnehmen kann.
Dieses Erbe vorangegangener Generationen muss wieder neu, bewusst und mit Entschiedenheit zum Inhalt der Volksschule werden. Es gehört zu den Bildungszielen der Gründer unserer Volksschule und ist in vielen Volksschulgesetzen nachzulesen. Damit wollte man die Voraussetzungen für die späteren Mitgestalter einer gelebten Demokratie festschreiben. Heute stellt sich diese Bildungsaufgabe um so mehr, als sich unsere Schule stark von diesen Zielsetzungen abgewendet hat. In den letzten Jahren wurde sie zusehends mehr zu einer Institution, die das «Humankapital» geeigneter «Kunden» zum Inhalt hat und so das Elitedenken statt gegenseitiger Solidarität fördert. Doch Kinder und Jugendliche sind in ihrem Wesen nicht so, auch wenn man in den letzten Jahren zunehmend versuchte, sie zu Objekten einer verdummenden Kommerzialisierung zu machen. Sie sind ansprechbar und innerlich bereit für den Gedanken der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung – weil es dem Wesen des Menschen entspricht.
Eine kleine gemeinsame Welt
Ein Beispiel aus einer Schulklasse mit elfjährigen Kindern soll das deutlich machen. Unter der Anleitung ihrer Lehrerin befassten sie sich mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie heissen Anna, Rachel, Jasmin, Liam, Afeni, Marco, Arjun, Isabella und Sajeel, um nur einige von ihnen zu nennen.2 Eine bunte Schar von Kindern mit unterschiedlichen familiären Hintergründen. Sie kommen aus verschiedenen Ländern und gehören unterschiedlichen Religionen an. Einige von ihnen sind mit ihren Familien aus ihren Heimatländern geflohen und haben Belastendes und Bedrückendes erlebt. Andere sind sehr behütet in unserem Land aufgewachsen.
Nun sitzen sie zusammen in einem Schulzimmer, in einer kleinen gemeinsamen Welt. Das gibt ihnen die Möglichkeit, sich kennenzulernen. Zum Projekt der Lehrerin gehört es, dass sie einander von ihrem Land erzählen. Zum Beispiel, was sie dort so sehr geschätzt haben und heute vermissen, aber auch, was ihnen in ihrer neuen Heimat gefällt. So unterschiedlich und doch so gleich! Für die Lehrerin wird deutlich, dass sie mit dem Thema der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte auf offene Ohren stossen wird. Selbstverständlich sind die Formulierungen und der Wortschatz des Dokumentes nicht einfach, das ist ihr klar. Doch als erfahrene Lehrperson weiss sie, wie sie den Kindern die Entstehung, die geschichtlichen Zusammenhänge und den Inhalt des Dokuments in altersgemässer Form näherbringen kann. Dazu gehörte der geschichtliche Entstehungsrahmen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und deren Bedeutung für eine gemeinsame, friedliche Welt. Aus den Artikeln wählte sie diejenigen aus, die ihr zur aktuellen Lebenswelt der Kinder als passend erschienen, und veranschaulichte sie auch durch passende Lesetexte. Den Kindern fiel es nicht schwer, sich bildnerisch, aber auch mit einem kleinen Text eingehender mit einem der Artikel zu befassen. Manchmal baten sie die Lehrerin, ihnen beim Formulieren der Sätze zur Seite zu stehen. Daraus wollten sie ein kleines Buch mit den Beiträgen aller Schüler und Schülerinnen gestalten, das war der gemeinsame, sie begeisternde Plan.
Arjun, Liam, Rachel und Afeni
Es gäbe viel Eindrückliches aus diesem Unterrichtsprojekt zu berichten, deshalb sollen nun auch einige der Kinder mit ihren Beiträgen zu Wort kommen. Beginnen wir mit Arjun. Er interessiert sich besonders für den Artikel 16, der sich mit dem Recht auf Eheschliessung und Familie befasst. Seine tamilischen Eltern sind als junge Studenten auf kompliziertem Weg aus Sri Lanka in die Schweiz geflohen und haben hier politisches Asyl bekommen. Nur so konnten sie einer Verhaftung durch die Geheimpolizei der Regierung entgehen, wie es mit ihren Verwandten geschehen ist. Arjun weiss um die Geschichte seines Volkes und um die menschenrechtswidrigen Ungerechtigkeiten gegenüber seinem Volk. Das haben ihm seine Eltern erzählt. Er weiss auch, dass seine Mutter oft vom Wind und vom Meer träumt und hofft, eines Tages auf ihre Insel zurückkehren zu können. Die Familie und die tamilische Gemeinschaft sind für alle ein wichtiger Halt. Oft schwärmt Arjun von den vielen Festen und Anlässen, in denen seine Freunde und er zum Singen und Tanzen zusammenkommen und Zugang zu ihren hinduistischen Wurzeln finden. Er weiss deshalb seinen Mitschülern viel zu erzählen und in einem Bild festzuhalten.
Sein Freund Liam hat Artikel 3, das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit ausgewählt und schreibt dazu: «Ich habe dieses Menschenrecht ausgewählt, weil ich finde, dass alle Menschen in Freiheit leben und nicht unberechtigterweise gefangen werden dürfen. Die Polizei muss für Sicherheit sorgen, und die Gesetze sagen, was richtig ist und was falsch.»
In seiner Klasse ist auch Rachel. Ihre Familie ist schon seit Generationen in der Schweiz ansässig und gehört einer jüdischen Gemeinde an. Für Rachel beginnt das Wochenende am Freitagabend, je nach Jahreszeit zu verschiedenen Uhrzeiten. Sie erzählt, wie sie die Zeit des Sabbats und die jüdischen Feste gemeinsam gestalten. Sie hat sich im Lebenskundeunterricht aber auch stets für die unterschiedlichen Hintergründe der Religionen interessiert und befasst sich deshalb mit Artikel 18, der von der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit handelt. Sie schreibt dazu: «Ich habe das Recht auf Glaubens- und Religionsfreiheit gewählt, weil es egal ist, welche Religion ein Mensch hat. Jeder Mensch hofft ja auf Frieden und will keinen Krieg. Jede Religion hat ihre Feste, ihren Glauben und das Gebet für den Frieden. Das Gesetz und ich finden, dass es keinen Krieg geben soll zwischen den Religionen. Es sind ja alles dieselben Menschen.»
Und schliesslich soll noch Afeni zu Wort kommen. Ihr Vater kommt aus Ghana, die Mutter ist Schweizerin. Sie wählt Artikel 4, das Verbot der Leibeigenschaft, der Sklaverei und des Sklavenhandels. Von ihren Eltern hat sie vieles über das Heimatland des Vaters und die Kinder dort gehört. Dass es möglich ist, Menschen wie Ware zu behandeln, beschäftigt sie, und sie schreibt: «Ich habe das Verbot der Sklaverei gewählt, weil ich das eine grosse Ungerechtigkeit finde. Ich habe viele Bilder gesehen und Geschichten gehört. Ich hoffe, dass es bald keinen Sklavenhandel mehr gibt auf der Welt. Ich hoffe, dass es keine Kindersoldaten mehr gibt auf der Welt.»
Andere Kinder befassen sich mit dem Recht auf Bildung, Arbeit, Freizeit. So entstehen Bilder und Texte und Geschichten, die sie der Klasse erzählen und zu einem kleinen Buch zusammenfügen können. Auch für die Lehrerin ist diese persönliche Auswahl der Menschenrechte aufschlussreich. Sie gibt ihr Hinweise auf das Interesse, aber auch mögliche Sorgen von ihnen – Ansatzpunkte für eine weitere Gestaltung des Unterrichts.
Die Stimme der Menschlichkeit bewahren
Mittlerweile sind Arjun, Liam, Rachel und Afeni und ihre Kameraden junge Erwachsene geworden. Sie stehen heute in einer Welt, in der diese weltweit gültigen Grundlagen des Zusammenlebens kaum mehr in den Lehrplänen zu finden sind und die Entwicklung des Jugendlichen zum mündigen, verantwortungsbewussten, kritisch denkenden und engagierten Mitbürger nicht mehr gewollt ist. Werden sie das zulassen, dem Weltgeschehen unberührt zuzuschauen, oder haben sie das dem Menschen zutiefst inneliegende Gefühl, echt mitmenschlich denken, handeln und fühlen zu wollen, behalten können? Ich würde es ihnen zutrauen und ihnen wünschen, Mensch geblieben zu sein. •
1 Tuchschmid, Benno. «Befinden wir uns bereits im dritten Weltkrieg? Darüber wird die Geschichte richten.» In: Sonntagszeitung vom 29. März 2026, S. 10
2 Die Namen und die Familiengeschichten dieser Kinder sind aus Datenschutzgründen so geändert worden, dass sich keine Rückschlüsse auf tatsächlich lebende Personen ziehen lassen.
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