von Dr. Eliane Perret, Psychologin und Heilpädagogin
Die Diskussion (und das erstaunte Erschrecken) über die mangelnden Deutschkenntnisse von Schweizer Schulkindern ist seit Jahren immer von neuem aktuell – auch jetzt. Die Sprachheilkindergärten ringen darum, welches der vielen angemeldeten Kinder sie aufnehmen können. Logopädinnen könnten ihre Arbeitszeit verdoppeln. Dabei geht es nicht nur um fremdsprachige Kinder, die mit rudimentären Deutschkenntnissen in den Kindergarten oder die Schule eintreten, auch viele Schweizer Schülerinnen und Schüler stehen mit ihren Sprachkenntnissen dürftig da, beziehungsweise die Schere in den Schulklassen zwischen sehr sprachgewandten und solchen mit grossen sprachlichen Lücken geht sehr weit auf. Wie soll man diesem Missstand begegnen? Dazu werden immer wieder verschiedene Möglichkeiten diskutiert. Leider geht es meist um strukturelle Veränderungen: kleinere Schulklassen, individualisierte Lernangebote, spezialisierte Lehrpersonen für diese Kinder, Sprachkurse für Kleinkinder und fremdsprachige Eltern, obligatorischer Besuch von Spielgruppen und Kindertagesstätten usw. Wenig Beachtung finden erstaunlicherweise die vielen Forschungsergebnisse, die sorgfältig aufzeigen, wie ein Kind Sprache lernt und was sein familiäres und schulisches Umfeld beitragen könnte, um es bei dieser wichtigen Entwicklungsaufgabe zu fördern. Daraus würden sich wichtige Hinweise für das familiäre Zusammenleben und die Gestaltung des Sprachunterrichts in Kindergarten und Schule ergeben. Doch das wird bei den Massnahmen heute meist übersehen, deshalb soll der folgende Artikel den Blick etwas weiten.
Sprache – ein Band zwischen den Menschen
«Die Maus geniesst die Abendstille. Doch plötzlich riecht es nach Fuchs. Und da ist ein Geräusch …» So beginnt ein Bilderbuch von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer.1 Sind Sie nicht neugierig geworden, was da vor sich geht und welche Geschichte wohl zu Maus und Fuchs gehört? Genauso geht es vielen Kindern, wenn sie schön gestaltete, interessante Bilderbücher in der Hand halten. Sie betrachten staunend die Bilder und lassen sich neugierig auf eine «Reise» durch die Geschichte mitnehmen. Das ist eine Chance für jedes Kind, denn die Fähigkeit, Sprache ausschöpfen zu können, ist sehr bedeutsam für die sozial-emotionale und kognitive Entwicklung eines Kindes. Sprache verbindet das Kind mit seinen Mitmenschen und ist ein ausserordentlich komplexes Gefüge mit vielen Facetten. Ein «Wunderwerk, das den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnet»2, wie es der Wiener Arzt und Psychologe Alfred Adler (siehe Kasten) bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts treffend beschrieb: «Die Entwicklung der Sprache des Menschen [. . .] setzt diesen Kontakt zwischen Mensch und Mensch voraus. Sie ist aus diesem innigen Band entstanden und mehr noch, sie ist auch ein neues Band zur Verbindung des Einzelnen mit den anderen.»3 Adler nahm damit viele aktuelle Forschungsergebnisse vorweg, denn es darf im heutigen Sprachunterricht bei weitem nicht einfach darum gehen, in einem Mc Donald’s einen Hamburger mit Zutaten bestellen oder sich am Arbeitsplatz verständigen zu können.
Bilderbücher – eine Einladung zum Dialog
Bilderbücher sind heute für Eltern, Erziehende und Lehrpersonen ein wichtiges Werkzeug, um Kinder in die Geheimnisse der Sprache einzuführen. Zum Beispiel, wenn sie sich, versehen mit einem Bilderbuch, miteinander aufs Sofa setzen oder sich im Kindergarten oder Schulzimmer im Stuhlkreis versammeln. Bild und Geschichte – in unserem Fall von der Maus und dem Fuchs – werden dann zur Einladung für einen Dialog, der aufmerksames Zuhören und das Mitteilen eigener Gedanken und Fragen fordert. «Warum verschwindet die Maus durchs Kellerfenster? Wieso schleckt sich der Fuchs das Maul?» «Hoffentlich entwischt ihm die Maus.» «Ich finde das Mäuschen so niedlich, und du?» Die Bilder helfen nicht nur, die Verbindung zu den Worten zu erkennen, Handlungsabläufe nachzuvollziehen und den Verlauf einer Geschichte zu verstehen. Gerade mit vielen Details gestaltete Bilder wecken bei Kindern die Freude am Erzählen und regen zum eifrigen Austausch mit dem Gegenüber an. Heute wird meist hervorgehoben, dass Kinder in solchen Situationen spielerisch ihren Wortschatz vergrössern, sprachliche Strukturen verinnerlichen, sich in Satzbildung üben und die richtigen grammatikalischen Formen anwenden lernen. Das ist richtig, doch ist damit der Wert von Bilderbüchern und vor allem des gemeinsamen Gesprächs für den Sprachlernprozess bei weitem nicht genügend erfasst.
Sprache – eine Türe zur Kultur
Die Sprache gehört zu den Grundlagen des Menschseins und eröffnet einem Kind den Weg zu seinen Mitmenschen, der Umgebung und der Kultur, in die es hineingeboren wurde und – angeleitet von seinen Beziehungspersonen – hineinwächst. Hier reicht die Bedeutung der Sprachfähigkeit weit über die der individuellen Lebensgestaltung hinaus, denn sie schafft die Verbindung zu den Errungenschaften vorangehender Generationen und zur eigenen Kultur. Wie haben unsere Grosseltern, unsere Vorfahren überhaupt, gelebt? Wie sah ihr Alltag aus? Was machte man, wenn jemand krank war? Wann wurden die Schulen «erfunden»? Wie kam es zu den technischen Errungenschaften, die für uns heute «normal» sind? Welche Schwierigkeiten hatten sie zu bewältigen? Gab es damals auch schon Kriege? Warum? …
Solche und viele andere Fragen stossen bereits bei kleinen Kindern auf grosses Interesse. Sie sind eminent wichtig, denn in den Gesprächen mit uns üben sie sich nicht nur in ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, sondern sie erfahren auch, was heutige und frühere Generationen überlegt und geschaffen haben. Sprache wird dann zum Medium, intellektuell und emotional Zugang zu den Wurzeln der eigenen Kultur zu finden und diese auch zu schätzen. Auf diese Weise wächst das Interesse, sich in späteren Jahren in die vielen literarischen und philosophischen Werke zu vertiefen, die unsere Menschheitsgeschichte in Wort und Bild hervorgebracht hat. Sie verstehen den Weg technischer Errungenschaften und lernen zu beurteilen, was zum Fortschritt der Menschheit beigetragen hat und was Irrwege waren (und sind). Nur wenn solche Zeugnisse sprachlich verstanden und durchdrungen werden können, stehen sie der nachwachsenden Generation auch für die Lösung heute drängender Probleme unterstützend zur Verfügung. Wird dieser wichtige überindividuelle und kulturtragende Aspekt von Sprache nicht gerade in der heutigen Zeit in Familie und Schule fatalerweise vernachlässigt?
Es braucht das menschliche Gegenüber
Das Erlernen sprachlicher Ausdrucksfähigkeit ist also aus vielen Gründen ein unersetzlicher Teil der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes. Gerade deshalb muss es seine Fähigkeit, sich mit Worten auszudrücken, sorgfältig erwerben, üben und umfassend pflegen können – in Familie und Schule. Das gilt auch für Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist. Wenn sie in den Kindergarten oder die Schule kommen, können sie diese Ausweitung ihres Umfelds nur dann gut meistern, wenn sie sich in ihrer zuerst erlernten Sprache sicher und emotional zu Hause fühlen. Dieser «interpersonale» Sprachlernprozess kann nie durch ein digitales Medium, und sei es technisch noch so ausgefeilt, ersetzt werden. Alfred Adler hielt dazu fest: «Die Sprache kann nur geübt und ein Sprachschatz kann nur gewonnen werden in einer sozialen Umgebung, wo das Kind Verbindungen hat und die Verbindungen auch aufnimmt».4 Eine Feststellung, die seither durch viele aktuelle Forschungsergebnisse bestätigt wurde.5
Denken braucht Sprache
Zu den vielen Facetten des Sprachlernprozesses gehört auch deren enge Verknüpfung mit der kognitiven Entwicklung eines Kindes. Kurz gesagt: Differenziertes Denken braucht Sprache! Die Komplexität dieser Entwicklungsaufgabe wird deutlich, wenn wir zur Geschichte mit der Maus und dem Fuchs zurückkehren und miterleben, wie die Pippilothek (d.h. die Bibliothek mit ihrem Bücherschatz) für die Maus lebensrettend wird. «Die Maus flitzt um ein Regal, und der Fuchs hinterher. Plötzlich bleibt die Maus stehen: ‹Psst! Wir sind an einem besonderen Ort. Hier soll man niemanden stören. Und du störst ganz gewaltig!›.» Welch schlaue Überlegung hatte die Maus wohl?
Solche Gesprächsimpulse fordern und fördern Kinder in ihrem Denkvermögen, ihrer Ausdrucksfähigkeit und in ihrer Kreativität. Alfred Adler dazu: «Logisches Denken ist nur möglich unter der Voraussetzung der Sprache, die uns durch die Möglichkeit der Begriffsbildung erst in die Lage versetzt, Unterscheidungen vorzunehmen und Begriffe zu schaffen, die nicht Privateigentum sind, sondern Gemeingut.»6 Gemeinsam Überlegungen anzustellen und sich im Denken zu üben, ist deshalb auch für die kognitive Entwicklung eines Kindes unersetzlich. Nebst dem familiären Gespräch sollte deshalb im Unterricht das dialogische Lernen wieder in den Vordergrund des Sprachlernprozesses rücken. Das heute oft vernachlässigte gemeinsame Erarbeiten des Schulstoffes im Rahmen der Klassengemeinschaft müsste deshalb zum Vorteil aller wieder einen zentralen Platz im Unterrichtsgeschehen einnehmen. Hier fliessen individuelle Überlegungen zusammen, werden gegeneinander abgewogen und Schlüsse gezogen. Ein Übungsfeld demokratischen Zusammenlebens, auch das angesichts der weltweiten Konfliktherde eine Conditio sine qua non. Es ist nun sicher einsichtig, was Alfred Adler bereits in den 1930er Jahren festhielt: «Die Sprache ist ein Band zwischen zwei oder mehr Menschen, um zu vermitteln, was sie meinen. Dieses Kunstwerk verdanken wir der Gesamtheit und können verstehen, dass es nur entwickelt werden konnte, wo Interesse für den anderen bestand.»7 Mit anderen Worten: Familie und Schule sind wichtige Orte der sprachlichen Förderung.
Aber was ist mit der Pippilothek?
Vielleicht möchten Sie nun noch erfahren, wie die Geschichte von Maus und Fuchs ausgegangen ist und welche Rolle die Pippilothek dabei gespielt hat. Das zu wissen ist – bis jetzt noch – mir vorbehalten, denn ich habe das Bilderbuch mit Genuss bis zur letzten Seite angeschaut. Doch fürs erste einmal soviel: Der Fuchs fragte die Maus: «Was ist eine Pippilothek?» «Ein Ort mit vielen Büchern, Büchern zum Ausleihen. Und Bücher braucht es, um etwas zu erleben, um etwas zu lernen. Und um auf andere Ideen zu kommen», antwortete die Maus. Wäre jetzt nicht ein Gang in die Bibliothek oder in den Buchladen als Ausgangspunkt für ein Gespräch mit Kindern angesagt? •
1 Pauli, Lorenz; Schärer, Kathrin. (2011). Pippilothek??? Eine Bibliothek wirkt Wunder. Zürich: Atlantis-Verlag. ISBN 9-7837-15206-202
2 Adler, Alfred. (1927/1983). Menschenkenntnis. Frankfurt a. M.: Fischer. S. 40
3 Adler, Alfred. (1929/1982). Psychotherapie und Erziehung, Band I: Ausgewählte Aufsätze 1919–1929. Frankfurt a. M.: Fischer. S. 122
4 Adler, Alfred. (1930/1974). Die Technik der Individualpsychologie 2 – Die Seele des schwererziehbaren Schulkindes. Frankfurt a. M.: Fischer. S. 181
5 zum Beispiel von Ainsworth, M.D.S.; Bowlby, John; Buchholz-Kaiser, Annemarie; Herzka, Heinz Stefan; Hobson, Peter; Spitz, René A.; Tomasello, Michael
6 Adler, Alfred. (1927/1983). Menschenkenntnis. Frankfurt a. M.: Fischer. S. 40f.
7 Adler, Alfred. (1931). Der Sinn des Lebens. In: Adler, Alfred. (1982). Psychotherapie und Erziehung, Band II: Ausgewählte Aufsätze 1930–1932. Frankfurt a. M.: Fischer. S. 74
ep. Alfred Adler wurde am 7. Februar 1870 als drittes Kind eines jüdischen Getreidehändlers in Penzing, damals ein Vorort von Wien, geboren. Er studierte Medizin an der Universität Wien, wo er 1895 seinen Abschluss machte. Nach seinem Medizinstudium arbeitete Adler zunächst als Psychiater und Augenarzt. 1902 schloss er sich Sigmund Freuds Psychoanalytischer Vereinigung an und wurde einer seiner frühen Mitarbeiter. Allerdings entwickelte er bald durch genaue Beobachtung Theorien, die sich deutlich von Freuds Triebtheorie unterschieden. Ab 1911 trennte sich Adler von Freud und gründete seine eigene Schule der Individualpsychologie. Von 1916 bis 1918 war er Militärarzt im Ersten Weltkrieg.
Seine Erlebnisse im Krieg wirkten sich massgeblich auf seine Theoriebildung aus. Im Gegensatz zu Freud sah er in der Grausamkeit des Kriegs keine dem Menschen inneliegende Eigenschaft. Wie er 1919 in seiner Schrift «Die andere Seite» darlegte und begründete, muss der Mensch zum Krieg verführt und gezwungen werden.
In den Nachkriegsjahren waren als Folge des Krieges schwerwiegende soziale Probleme zu lösen, und die Verwahrlosung vieler Jugendlicher stand als pädagogisches und psychologisches Problem an, das dringend der Lösung bedurfte. Adler legte deshalb verstärktes Gewicht auf Fragen der Pädagogik und Heilpädagogik und suchte nach Möglichkeiten, seinen theoretischen Ansatz in der pädagogischen Praxis fruchtbar zu machen.
Mit Vorlesungen für Lehrer, Beratungsstellen für Ärzte, Sozialarbeiter, Lehrer und Studenten, Erziehungsberatungsstellen und der Umsetzung individualpsychologischer Grundsätze in der Wiener Schulreform hatten Adler und seine Schüler ein breites, sehr erfolgreiches Wirkungsfeld.
Bereits 1926 reiste er für eine Vortragsreihe nach Amerika. Ab 1935 verlegte er seine Tätigkeit vollständig in die USA, unternahm aber immer wieder intensive Vortragsreisen in verschiedene Länder Europas. Während einer dieser Reisen verstarb er 1937 in Aberdeen, Schottland. Adlers psychologisches und pädagogisches Vermächtnis ist bis heute nicht ausgeschöpft, obwohl sich daraus viele Antworten auf bestehende Probleme ergeben würden.
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