von Karin Leukefeld
«Ein Mond wird aus meiner Dunkelheit aufsteigen». Die leicht geänderte Zeile stammt aus einem Gedicht von Mahmoud Darwish, dem grossen palästinensischen Dichter und einem der wichtigsten arabischen Autoren. Der 1941 in dem palästinensischen Dorf Al Birwa, östlich von Acre geborene Darwish hat Flucht und Vertreibung, Verlust und Exil mit Hunderttausenden von Palästinensern geteilt. Für ihr Leid, ihre Trauer, ihr Dasein in der Fremde und die Verbundenheit mit ihrer Heimat fand er Worte, die jeder verstand, die stärkten.
«Ein Mond wird aufgehen aus der Dunkelheit» ist der Titel des Buches1, das «Berichte von Israels Völkermord in Palästina» enthält, wie der Untertitel sagt. Das Buch ist im Herbst 2025 in englischer Sprache bei Pluto Press in London erschienen und hat 178 Seiten. Das Titelbild, «Kinder von Gaza träumen vom Frieden», wurde von Malak Mattar gemalt, einer palästinensischen Künstlerin aus Gaza. Sie ging als Kind in die UNRWA-Schulen, wo ihre Mutter als Lehrerin unterrichtete. Das Buch erschien parallel in Grossbritannien und in den USA. Alle Erlöse aus dem Verkauf gehen an das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge, UNRWA.
Autorin des Buches ist Francesca Albanese, die UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechte in den Besetzten Palästinensischen Gebieten (OPT). Es dokumentiert die drei Berichte der Sonderberichterstatterin, die sie während des israelischen Krieges gegen Gaza für den UN-Menschenrechtsrat und die UN-Vollversammlung verfasste: Die Anatomie eines Völkermordes; Völkermord als koloniale Auslöschung; Von der Besatzungsökonomie zur Ökonomie des Völkermordes.
Den Berichten und einer von Albanese verfassten Einleitung vorangestellt ist das Vorwort der Herausgeber Mandy Turner und Lex Takkenberg sowie ein Vorwort der drei Vorgänger von Albanese im Amt: Richard Falk, Professor für Internationales Recht (Emeritus) an der Princeton Universität, der von 2008 bis 2012 UN-Sonderberichterstatter OPT war; John Dugard, Professor für Recht an der Universität Witwatersrand und Leiden (Emeritus), der UN-Sonderberichterstatter OPT von 2001 bis 2008 war; Michael Lynck unterrichtete Recht an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Western Universität London 1999 bis 2022, Professor Emeritus (2023), der von 2016 bis 2022 UN-Sonderberichterstatter OPT war.
Ergänzt wird das Buch von einem umfangreichen Anhang mit Anmerkungen und Quellen zu den einzelnen Kapiteln, die zu eigenen Recherchen auffordern.
Beigegeben sind dem Buch zu Beginn auf fünf Seiten Stimmen hochrangiger, mit der Region und den Palästinensern vertrauter Persönlichkeiten, darunter Ilan Pappe, Prinz Hassan Bin Talal von Jordanien, Craig Mukhiber, Andrew Feinstein, Avi Shlaim, Ramzy Baroud und viele andere mehr. Stellvertretend seien hier zwei der Kommentare wiedergegeben.
Raz Segal, ausserordentlicher Professor für Studien des Holocaust und Völkermords an der staatlichen Stockton Universität der Gemeinde Galloway in New Jersey, schreibt: «‹Ein Mond wird aufgehen aus der Dunkelheit› spiegelt das furchtlose Streben von Francesca Albanese nach Wahrheit, ihren Kampf für Rechenschaftspflicht und ihren Glauben an eine andere Welt wider, die tatsächlich schon aufgeht.»
Und Ghassan Abu Sitta, Professor für Chirurgie an der Amerikanischen Universität von Beirut und leitender Rektor der Universität von Glasgow. Er schreibt: «Als ich Ende November 2023 aus Gaza zurückkam, wurde mir klar, dass Israel nur die Spitze des völkermörderischen Eisbergs war. Der Rest war ein Apparat, der das möglich machte. Ein System aus Staaten, Institutionen und Einzelpersonen sicherte die Fortdauer eines Völkermordprojekts, das nun bereits in seinem dritten Jahr ist. Dieses Buch analysiert diesen Apparat und beleuchtet seine konstitutiven Komplizen.»
Den Nerv getroffen
«Sieht aus, als hätte ich einen Nerv getroffen.» So reagierte Francesca Albanese im Juli 2025 auf die Erklärung von US-Präsident Donald Trump, die US-Administration habe sie auf die Sanktionsliste gesetzt.2 Vorangegangen war ein «vertrauliches Schreiben», das Albanese an mehrere der mächtigsten Unternehmen im Frühjahr des Jahres geschrieben hatte. Unter den Empfängern waren u. a. Alphabet, Amazon, Caterpillar, Chevron Hew-lett Packard, IBM, Lockheed Martin, Microsoft und Palantir.
Albanese informierte sie darüber, dass ihre Namen bald in einem UN-Bericht stehen würden, weil sie «zu schweren Menschenrechtsverletzungen beitragen» würden, die Israel in Gaza und im Westjordanland verübe. Die Unternehmen wandten sich hilfesuchend an das Weisse Haus, berichtete später die Nachrichtenagentur Reuters. Die Trump-Administration verhängte gegen Albanese Sanktionen, weil sie «Drohbriefe geschrieben» habe.
Die Verleumdungen, der Hass, die Verfolgung, mit der die UN-Sonderberichterstatterin überzogen wird, erinnern an mittelalterliche Verfolgungsjagden. Dass der Vergleich nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen Äusserungen des israelischen UN-Botschafters Danny Danon in der UN-Vollversammlung im Oktober 2025. In ihrem Bericht «Gaza Völkermord: Ein kollektives Verbrechen» hatte Albanese die internationale Gemeinschaft der Komplizenschaft beschuldigt, weil sie den Krieg Israels gegen die Palästinenser unterstützten und geschehen liessen. Danon beschuldigte sie, «Israel mit Lügen und Hass zu verfluchen». Sie sei «eine Hexe» und ihr Bericht sei eine weitere Seite in ihrem «Buch der Verwünschungen».3 Wenn sie das könnte, so Albanese, würde sie dafür sorgen, dass Israels Verbrechen «ein für alle Mal ein Ende hätten».
Der breiten Kampagne gegen Francesca Albanese schlossen sich kürzlich auch die Aussenminister Frankreichs und Deutschlands an. Jean-Noel Barrot und Johann Wadephul forderten ihren Rücktritt. Albanese habe sich bereits «mehrfach Ausfälle» geleistet, nach den «jüngsten Ausfällen gegenüber Israel» sei sie «in ihrer Position unhaltbar», so Wadephul. Barrot warf ihr «Antisemitismus» vor und erklärte für die französische Regierung, man verurteile «vorbehaltlos die übertriebenen und schuldhaften Äusserungen von Frau Francesca Albanese, die sich nicht gegen die israelische Regierung richten, deren Politik man kritisieren darf, sondern gegen Israel als Volk und Nation, was absolut inakzeptabel ist».
Auslöser war eine angebliche Aussage, die Albanese in einem kurzen Videobeitrag anlässlich eines Podiums auf der Doha Konferenz des Senders al-Jazira gemacht haben soll. Laut einer Übersetzung von Amnesty International (London) sagte sie: «Die Tatsache, dass die meisten Länder der Welt Israel nicht gestoppt, sondern bewaffnet, ihm politische Ausreden, politischen Schutz, wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung gegeben haben […] Wir, die wir keine grossen Finanzmittel, Algorithmen und Waffen kontrollieren, sehen jetzt, dass wir als Menschheit einen gemeinsamen Feind haben und dass Freiheiten, die Achtung der Grundfreiheiten, der letzte friedliche Weg, das letzte friedliche Instrument sind, das wir haben, um unsere Freiheit zurückzugewinnen.»4 Die Minister dagegen hatten Albanese vorgeworfen, sie habe Israel als «gemeinsamen Feind» der Menschheit bezeichnet.
Die Organisation forderte die Minister in Österreich, Tschechien, Frankreich, Deutschland und Italien auf, sich öffentlich für die Falschaussagen zu entschuldigen und alle Forderungen gegen sie zurückzunehmen. Einige hätten ihre Kommentare in den Sozialen Medien gelöscht, das reiche nicht, so Amnesty. Die Regierungen müssten untersuchen, wie es zu diesen Falschinformationen gekommen sei und warum ein «absichtlich gekürztes Video», mit dem die Aussagen von Albanese falsch dargestellt und grob verdreht wurden, nicht überprüft worden ist.
France 24 (englisch) hat mittlerweile ebenfalls in seiner Sendung «Wahrheit oder Lüge» (Truth or Fake) nachgewiesen, dass die ihr gemachten Vorwürfe nicht stimmen.5
Den Ministern und ihren Mitarbeitern sei das Buch von Francesca Albanese empfohlen. Eigentlich sollten sie – in dem Amt, im dem sie sich aufhalten – sämtliche Berichte der UN-Sonderberichterstatterin gelesen haben. Eigentlich wäre das ihr Job, und eigentlich hätten sie längst ihre Unterstützung für Israel einstellen müssen, wenn das internationale Recht und die UN-Charta für sie noch eine Bedeutung hätten.
Gerade darauf hat Francesca Albanese unermüdlich aufmerksam gemacht: Regierungen, Unternehmen und Einzelpersonen machen sich mitschuldig, wenn sie der Auslöschung der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland, der Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen und ihrer Rechte nicht entgegentreten und wenn sie nicht die eigene Hilfe, Finanzierung, Waffenlieferungen an und Waffenkäufe von Israel einstellen.
Das Buch «Ein Mond wird aufgehen aus der Dunkelheit» wurde im Oktober 2025 fertiggestellt. Zu diesem Zeitpunkt dauerte der Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser in Gaza seit zwei Jahren an, und er habe sich «mit Gewalt, ethnischer ‹Säuberung›, Apartheid und drohender Annexion des verbliebenen historischen Palästinas beschleunigt», heisst es im Vorwort der Herausgeber Mandy Turner und Lex Takkenberg. Die Zeile aus dem Gedicht von Mahmud Darwish sei «eine Metapher für Hoffnung und Kraft selbst in den dunkelsten Zeiten». Man widme das Buch «den vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfen des palästinensischen Volkes um Freiheit, Gerechtigkeit und Würde». Bis dieser Tag der Freiheit komme, werde man «reden und sich allen Versuchen widersetzen, Stimmen für Palästina zum Schweigen zu bringen».
Francesca Albanese widmet ihre kurze Einführung vor den drei ausführlichen Berichten, die den Kern des Buches ausmachen, denjenigen, die sie während der Ausbildung auf einen Weg gebracht haben, der sie an den Punkt brachte, an dem sie heute steht. Sie bedankt sich bei allen, die seit Oktober 2023 ihre Arbeit unterstützt haben, besonders auch bei ihren Vorgängern im Amt, die sie bestätigt haben.
Das Leben in Gaza sei «schmerzhaft und apokalyptisch», schreibt sie. Apokalypse bedeute im Griechischen allerdings auch «aufdecken» und «entschleiern». In Gaza sei nun offen, was lange verborgen gewesen sei, vieles käme ans Licht, fordere Aufmerksamkeit und Handeln. Veränderung werde vorbereitet, und jede Veränderung bringe hohe Kosten mit sich. Jeder sei gefragt angesichts dessen, was in Gaza geschehe, jeder Mensch, jede Gesellschaft. «Der Bogen der Geschichte neigt sich nur dann in Richtung Verantwortlichkeit, wenn wir uns weigern, wegzuschauen», so Albanese. Und sagen, was ist. •
1www.plutobooks.com/product/a-moon-will-rise-from-the-darkness/
2www.reuters.com/investigations/trumps-war-global-justice-court-staff-un-face-terroristgrade-sanctions-2026-02-06/
3www.middleeastmonitor.com/20251030-israeli-ambassador-calls-uns-francesca-albanese-a-witch-after-her-report-on-gaza-she-replies-mockingly/
4www.amnesty.org/en/latest/news/2026/02/european-states-must-retract-attacks-francesca-albanese/
5www.youtube.com/watch
Erstveröffentlichung: globalbridge.ch/a-moon-will-rise-from-the-darkness-ein-mond-wird-aus-meiner-dunkelheit-aufsteigen/vom 17.2.2026
«Albanese hat durch ihre Berichte sowie ihr Engagement in den Medien und in der Öffentlichkeit zweifellos dazu beigetragen, weltweiten Widerstand gegen Israels Völkermord am palästinensischen Volk zu mobilisieren. Weder Israel noch die Vereinigten Staaten scheinen sich um Vorwürfe zu kümmern, dass ihr Verhalten eine Miss-achtung der Uno darstellt und gegen das Völkerrecht sowie grundlegende menschliche Anstandsregeln verstösst. Doch ihre Handlungen – insbesondere die US-Sanktionen gegen Albanese und Israels schrille, doch hohle Vorwürfe des Antisemitismus gegen seine Kritiker – sind ein Zeichen wachsender Frustration darüber, dass Israel kurz davor steht, die internationale Unterstützung zu verlieren. Die Haager Staatengruppe, die darauf abzielt, Israel mit rechtlichen und diplomatischen Mitteln zur Rechenschaft zu ziehen, wurde im Januar 2025 gegründet, und die Unterstützung der Zivilgesellschaft für die palästinensische Boykott-, Desinvestitions- und Sanktionsbewegung (BDS) sowie für andere Solidaritätsinitiativen nimmt parallel zur Hungersnot und der Unterernährungskrise, unter der die Bevölkerung im Gaza-Streifen leidet, rapide zu.
Sowohl Israels Völkermord als auch die Missachtung der Uno durch die USA und Israel rechtfertigen die heldenhaften Bemühungen von Francesca Albanese, wie die Lektüre dieses Bandes bestätigen wird. Es sollte uns auch an den unschätzbaren Wert der Sonderberichterstatter als Kanarienvögel in der Kohlemine* des 21. Jahrhunderts erinnern.» (aus dem Vorwort von Richard Falk, John Dugard und Michael Lynk; Übersetzung Zeit-Fragen)
* Kanarienvögel wurden früher in Minen eingesetzt, um Gaslecks zu erkennen. (Anm. d. Red.)
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