Die Schweiz in der Zwischenkriegszeit von 1918 bis 1939

Im Spiegel der weltpolitischen Entwicklungen – harte Proben für die Neutralität

von Dr. phil. René Roca, Forschungsinstitut direkte Demokratie (www.fidd.ch) 

Anmerkungen zur Schweizer Neutralität IV

Die Schweiz versuchte, im Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) ihre immerwährende, bewaffnete Neutralität zu wahren. Der politische Zustand der Schweiz war zu Beginn des Krieges noch sehr labil. Die deutsche Schweiz sympathisierte eher mit dem Deutschen Reich, und die französische Schweiz war auf der Seite Frankreichs. Es brauchte die mahnenden Worte des späteren Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler (1845–1924), der den inneren Zusammenhalt des Landes stärken wollte. 
    In seiner Rede «Unser Schweizer Standpunkt» führte er aus: 
    «Vor allem müssen wir uns klarmachen, was wir wollen. Wollen wir oder wollen wir nicht ein schweizerischer Staat bleiben, der dem Ausland gegenüber eine politische Einheit darstellt? […] Den Westschweizern droht die Versuchung, sich zu nahe an Frankreich zu gesellen, bei uns ist es umgekehrt. Sowohl hier wie dort ist Mahnung, Warnung und Korrektur nötig. […] Wohlan füllen wir angesichts dieser Unsummen von internationalem Leid unsere Herzen mit schweigender Ergriffenheit und unsere Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab. Dann stehen wir auf dem richtigen neutralen, dem Schweizer Standpunkt.» 
    Dieses Votum für eine vernunftbetonte, neutrale Haltung der Schweiz bewirkte neben anderen ausgleichenden Stimmen, dass die politische Schweiz wieder mehr inneren Zusammenhalt erhielt. Sie kam so – nebst allen Einschränkungen – relativ unbeschadet durch den Krieg. Insgesamt lässt sich feststellen, dass der Erste Weltkrieg die Integrationskraft der Neutralität stärkte. 

Folgen des Ersten Weltkrieges – Generalstreik 1918

Diese Integrationskraft vermochte zwar das multikulturelle und multireligiöse Land zu einen, aber im Laufe des Krieges zeigten sich deutliche soziale Risse. Mit dem Landesstreik vom November 1918, einem landesweiten Generalstreik, schlitterte der Bundesstaat in seine schwerste politische Krise. Wie in anderen europäischen Ländern erreichten die sozialen Auseinandersetzungen am Ende des Ersten Weltkrieges einen Höhepunkt. Das Oltner Aktionskomitee (OAK) – ein Zusammenschluss von führenden Gewerkschaftern und Sozialdemokraten – drohte mit Streiks und setzte politische Forderungen auf die Tagesordnung. Dazu kam die Angst des Bürgertums, dass sich in der Schweiz eine ähnliche Entwicklung abspielen könnte wie 1917 in Russland, die zu einer Revolution geführt hatte. Der Bundesrat beschloss, die Armee gegen die Protestierenden zu mobilisieren. Trotzdem rief das OAK einen unbefristeten Generalstreik aus und formulierte gleichzeitig einen umfassenden Reformkatalog. Die Proklamation enthielt neun Forderungen teils politischen, teils sozialen Inhalts. Sie verlangte unter anderem die sofortige Neuwahl des Nationalrats gemäss dem Proporzwahlrecht, die Einführung des Frauenstimmrechts, die 48-Stunden-Woche, die Sicherung der Lebensmittelversorgung sowie eine Alters- und Invalidenversicherung (AHV). 
    Das OAK, das immer mehr eine gewaltsame Niederschlagung des Streiks durch die Armee befürchtete, brach den Streik nach nur zwei Tagen ab. Einige wichtige sozialpolitische Forderungen wurden danach aber mit Volksabstimmungen eingeführt. So gewannen die linken Parteien bei den nationalen Wahlen dank des Proporzwahlsystem mehr Sitze im Nationalrat. Auch wurde mit der 48-Stunden-Woche eine massive Kürzung der Arbeitszeit durchgesetzt, und das Projekt AHV führte später zu einer wichtigen sozialpolitischen Wende. 

Bedeutung der Neutralität für die Schweiz

Die Gründung des Völkerbunds 1920 hatte eine aktive Periode der schweizerischen Aussenpolitik zur Folge. Der Bundesrat entschied sich für einen Beitritt und beschloss, den Entscheid Volk und Ständen zur Abstimmung vorzulegen. Dieser Schritt stellte eine wichtige Erweiterung der direkten Demokratie auf das Feld der internationalen Beziehungen des Landes dar. Der Völkerbundsrat bestätigte schliesslich, dass die Schweiz bei einer Mitgliedschaft von der Teilnahme an militärischen, nicht aber an wirtschaftlichen Sanktionen befreit werden sollte. Fortan sollte die Schweiz ihre Neutralität nicht mehr als eine «integrale», sondern als eine «differentielle» bezeichnen. Am 16. Mai 1920 stimmten Volk (56 %) und sehr knapp die Stände (11½:10½) dem Beitritt der Schweiz zum Völkerbund zu. Genf setzte sich gegen internationale Konkurrenz als Sitz des Völkerbunds durch. 
    Die Schweiz engagierte sich nun noch mehr für Schiedsgerichtsverfahren, vor allem durch die Beteiligung von Schweizern an Streitschlichtungen auf Grund der Friedensverträge von 1918/19. Mit dem Aufkommen von totalitären Systemen traten im Verlaufe der 1930er Jahre Japan, Deutschland und Italien aus dem Völkerbund aus. Im Zuge der Sanktionen des Völkerbunds gegen Italien wegen dessen Krieg in Abessinien (ab 1935) kehrte die Schweiz mit Billigung des Völkerbundsrats am 14. Mai 1938 zur «integralen» Neutralität zurück. Dieser Status entband sie neben den militärischen nun auch von wirtschaftlichen Sanktionsverpflichtungen. Die Schweiz baute fortan ihre Guten Dienste aus, vertrat mit vielen Mandaten diplomatische Interessen anderer Länder und förderte so die Streitschlichtungen zwischen ihnen. 

Die Weltwirtschaftskrise und die Schweiz 

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 verlief in der Schweiz anders als in den übrigen Ländern. Zwar erfasste sie auch hier früh die Exportwirtschaft, aber wegen günstiger Entwicklung der Binnenwirtschaft setzte der steile Niedergang erst 1931 ein. Auf den Tiefpunkt 1932 folgte eine bis 1936 anhaltende Stagnation, in der die Arbeitslosigkeit anstieg. Im Gegenzug gewannen Absprachen unter den Parteien und Verbänden an Gewicht. Die grundlegende Veränderung der Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die seit dem Landesstreik auf mehr Dialog und Vertrauen basierte, zahlte sich nun aus. Dies bewirkte ein vermehrtes Abschliessen von Gesamtarbeitsverträgen, die weniger Streiks zur Folge hatten. 
    Antidemokratische Kräfte wie die Kommunisten und die Frontisten gab es in der Schweiz auch. Diese relativ kleinen Gruppierungen erzielten zwar Teilerfolge, konnten aber die bestehenden Institutionen und die Demokratie nie grundsätzlich gefährden. In der Schweizer Bevölkerung herrschte damals mehrheitlich ein antitotalitärer Konsens.
    Das sozialdemokratisch-gewerkschaftliche und das bürgerliche Lager handelten in diesem politischen Klima bezüglich der Wirtschaftspolitik wichtige Kompromisse aus. So wurden die Arbeitsbeschaffung und die militärische Aufrüstung aneinander gekoppelt (Wehranleihe 1936) und das Prinzip der Gesamtarbeitsverträge wurde ausgeweitet. Dies gipfelte schliesslich 1937 in der Maschinen- und Metallindustrie im sogenannten «Friedensabkommen», was einen nachhaltigen Arbeitsfrieden förderte.

Der Weg Europas in den Zweiten Weltkrieg

Während die Schweiz zur «integralen» Neutralität zurückkehrte, stieg in Europa sukzessive die Kriegsgefahr. Deutschland entfesselte den Zweiten Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen. Eine gute Woche vorher hatte der Hitler-Stalin-Pakt die europäische Linke geschockt. Während die Sowjet-union nun den ihr in einem Geheimabkommen zugesagten östlichen Teil Polens besetzte und im Winterkrieg 1939/40 versuchte, Finnland in die Knie zu zwingen, trieb Hitler im übrigen Europa seine «Blitzkriege» voran. Nach dem Fall von Paris am 14. Juni 1940 war die Schweiz von totalitären Mächten eingeschlossen. Der Bundesrat blieb angesichts der äusserst schwierigen Situation lange Zeit stumm. Als Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz (1889–1958) am 25. Juni 1940 eine anpasserische Rede hielt, war die Schweizer Bevölkerung zutiefst verunsichert. Erst der Rütli-Rapport von General Henri Guisan (1874–1960) am 25. Juli 1940 und die Réduit-Strategie beruhigten die Gemüter etwas. In der Folge versuchte die Schweiz während der Kriegsjahre eine heikle Balance zwischen Anpassung und Widerstand zu finden.

Der Artikel erschien als Erstpublikation in der Schweizerischen Kirchenzeitung (SKZ), 05./12. März 2026.

Unsere Website verwendet Cookies, damit wir die Page fortlaufend verbessern und Ihnen ein optimiertes Besucher-Erlebnis ermöglichen können. Wenn Sie auf dieser Webseite weiterlesen, erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
Weitere Informationen zu Cookies finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
 

Wenn Sie das Setzen von Cookies z.B. durch Google Analytics unterbinden möchten, können Sie dies mithilfe dieses Browser Add-Ons einrichten.

OK