Wie ich mit Kindern über Krieg und andere Katastrophen spreche

von Renate Dünki

Die Familie ist überall auf der Welt der Ort für den Schutz und die Pflege der Kinder. Neben der Fürsorge für das körperliche Wohl ist vor allem die liebevolle Pflege der geistig-seelischen Gesundheit ihre Aufgabe. Jedes Kind ist für seine Entwicklung auf diese sorgsame soziale Einbettung angewiesen.
    Dies ist in unserer Welt, in der vor unseren Augen alle Werte auf den Kopf gestellt werden, keine leichte Aufgabe. Wir konnten in unserer Region über viele Jahre in Frieden leben, im Schutz des internationalen Rechtssystems, der Uno-Charta, die nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs geschaffen wurde. Politische Verwerfungen bringen heute unabsehbare Gefahren mit sich, kriegerische Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung, und die Bilder dieser Kriege gehen um die Welt. Eltern, aber auch die Schulen stehen vor grossen Herausforderungen. 
    Wie kann es gelingen, bei den täglichen Schreckensnachrichten mit den Kindern ins Gespräch zu kommen und ihnen Zuversicht und vor allem Vertrauen in ihre Mitmenschen zu vermitteln? Denn Angst und Hass sind eine schlechte Gefühlsgrundlage für die Zukunft, für die der Wille und die Bereitschaft zu friedlicher Einigung nötiger als je sein werden. 
    Es ist deshalb gut, ein Buch wieder in die Hand zu nehmen, das auf diese dringlichen Fragen sachlich und differenziert Antwort geben kann: «Wie ich mit Kindern über Krieg und andere Katastrophen spreche.» Ein Leitfaden für Eltern, Lehrpersonen und Pädagogen. Es ist zu Beginn des Ukraine-Krieges entstanden und leider heute so aktuell wie bei seinem Erscheinen.
    Die Autorin und der Autor des gut lesbaren Buches sind Dr. Eliane Perret und Dr. Rüdiger Maas, beide durch ihre Veröffentlichungen zu pädagogisch-psychologischen Fragen bekannt. Eliane Perret hat als Psychologin und Heilpädagogin sehr viel Wissen und Erfahrung in Theorie und Praxis, Rüdiger Maas leitet als Psychologe das Augsburger Institut für Generationenforschung.

Drei Schwerpunkte

Das Buch lässt sich in drei Teile gliedern: Im ersten Teil (Kapitel 1/2) geht es um zuverlässige Informationen, auf Grund derer wir als Eltern Situationen unvoreingenommen wahrnehmen können. Die Autoren rufen auf zur Sorgfalt in der Einschätzung von Konflikten, um bei uns und unseren Kindern keine Vorurteile gegenüber anderen Völkern entstehen zu lassen. Hierzu klärt das Buch auf, auch durch die Benennung der heute üblichen Propagandainstrumente, die in Kriegszeiten zum Steuern von Meinungen eingesetzt werden (Vorwort). Zum Umgang mit den Kriegsnachrichten empfehlen sie, in der Familie schöne gemeinsame Stunden einzuplanen und auch einmal eine Auszeit von den Medien zu nehmen. 
    Im Hauptteil (Kapitel 3/4) geht es um das jeweils altersangemessene Gespräch der Eltern mit ihren Kindern. In diesem Teil werden die Merkmale der Entwicklungsstufen des Kindes dargestellt. Die besonderen Anforderungen eines so sensiblen Gesprächsthemas wie Krieg werden durch Gesprächsbeispiele aus der Realität veranschaulicht. Im letzten, ebenfalls sehr wertvollen Teil (Kapitel 5/6) sind in der Praxis erprobte Projekte für Schulen oder Tagesstätten dokumentiert, die den Kindern neben der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen auch etwas an die Hand geben, wie sie aktiv beitragen können. Eine solche Auseinandersetzung gemeinsam mit unseren Kindern braucht Vorarbeit, Feingefühl und Zeit, um den Kindern zu vermitteln: Wir gehören zur Menschheitsfamilie, wir wollen mithelfen, dass wir in Frieden zusammenleben können.
    Bei solchen Themen sind wir Eltern und Pädagogen als echtes Gegenüber gefordert, wir sind wichtig und sollten uns Zeit für Gespräche nehmen. Das betonen die Autoren immer wieder. Die Unterstützung der Familien und Schulen bei dieser Aufgabe ist ihnen ein grosses Anliegen. Sie wenden sich in kurzen, gut verständlichen Kapiteln an uns und geben uns wertvolle Hinweise: Eine sachlich-ruhige, nicht zusätzlich dramatisierende Haltung der Eltern ist die Basis für jedes Gespräch mit den Kindern. Und solche Gespräche sind die Grundlage von Zuversicht.

Was will mein Kind wissen?

Eltern unterschätzen oft, was ihre Kinder alles an Nachrichten aus den Medien mitbekommen. Heute werden zum Beispiel Social Media Accounts intensiv als Propagandawerkzeuge genutzt. Wir Erwachsene müssen also aufmerksam und hellhörig sein, offen für die Fragen der Kinder. Dass jede kindliche oder jugendliche Altersstufe andere Antworten braucht, ist klar – aber welche konkret?
    Im Praxisteil des Buches finden wir Beispiele, in denen solche Fragen und Antworten vorgestellt werden. Eines ist das Gespräch mit einem Grundschulkind. Es will von den Eltern wissen, warum es Krieg gibt und wer der Schuldige ist. In diesem Alter stellt sich ein Kind bereits komplexere moralische Fragen im Zusammenhang mit Krieg, es macht sich Gedanken, warum ein Land das andere angreift, wer Schuld hat und was danach passiert. Wir als Eltern können auf die Komplexität der Situation hinweisen und antworten, dass es meist nicht einfach einen Schuldigen gibt. Und dass sich internationale Gerichte diesen Fragen zuwenden, auch wenn dies nicht immer möglich ist. Es gibt zudem neutrale Länder, die im Krieg nicht Partei ergreifen und sich als Streitschlichter zur Verfügung stellen. 
    Ins Detail von Regelungen zwischen Ländern zu gehen, würde ein Grundschulkind noch überfordern. Internationale Verträge sind auch für uns Erwachsene nicht leicht zu verstehen. Die Kinder sollten jedoch erfahren, dass auch im Krieg Regeln bestehen. Wir sagen ihnen, dass viele Menschen nach Möglichkeiten suchen, den Konflikt zu lösen, den Menschen zu helfen, den Krieg zu beenden und in Zukunft Krieg zu vermeiden. Wichtig ist für jedes Kind zu wissen, dass viele Erwachsene sich Gedanken machen. 
    Und wie spreche ich mit Kindern der Vorschulstufe? Wie mit Jugendlichen? Auch hier finden wir Beispiele für Gespräche, verbunden mit wichtigen Hinweisen zu jeder Altersstufe. Das Ziel solcher Gespräche muss es immer sein, den Kindern und Jugendlichen Hoffnung und eine Perspektive zu geben.

Ein Strauss von Projekten

Kapitel 5 im dritten Teil enthält grundlegende Überlegungen für Schulen oder Tagesstätten. Es fasst zusammen, was es auch ausserhalb der Familie braucht, um den Kindern und Jugendlichen die anderen Menschen als Mitmenschen zu vermitteln – auch wenn es keine fertigen Antworten gibt. «Das Allerwichtigste in Krisenzeiten ist, dass die Erwachsenen – die Eltern an erster Stelle, aber auch die Lehrer – den Kindern Orientierung und Sicherheit geben. Dazu gehören verlässliche Alltagsstrukturen genauso wie Zeit für Gespräche.» (S. 46) Einige der Gedanken seien hier aufgegriffen: «Wir verurteilen den Krieg, nicht die Menschen.» Das hilft den Kindern zu verstehen, dass in einem Krieg alle Menschen leiden, nicht nur die eine Kriegspartei. Die Autoren gehen auch darauf ein, wie wichtig es ist, das Erleben der Kinder, die sie vor sich haben, zu erfassen, denn in jeder Klasse gibt es Kinder aus Krisengebieten. Gerade für sie ist es unerlässlich, das Gespräch auf einer allgemeinen Ebene zu halten und jedem mit Respekt zu begegnen. Es ist die Erfahrung der Friedenspädagogik, dass es Mut macht, die Versuche weltweit, zu mehr Frieden beizutragen, kennenzulernen. Ein Beispiel ist die Arbeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz
    Im Praxisteil (Kapitel 6) werden verschiedene altersgemäss geordnete Projekte für die Schule vorgestellt, die alle das Zusammmengehörigkeitsgefühl unter uns Menschen stärken. Aus der gemeinsamen Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen entstehen Gespräche und Möglichkeiten, für andere Menschen einen Beitrag zu leisten. Die Projektberichte lassen erkennen, wieviel Zuversicht bei den Kindern und Jugendlichen entsteht, wenn sie selbst als Helfer aktiv werden. Daran wachsen sie, sie tanken Mut auch in Krisenzeiten. Ein ganzer Strauss von Projekten wird in diesem Teil vorgestellt, und es wäre gerade heute von Bedeutung, die Themen der gegenseitigen Hilfe in jedem Schulhaus, jeder Tagesstätte aufzugreifen, um unseren Kindern in Zeiten von Krieg eine mitmenschliche Perspektive zu geben.

rd. Bei einem Vorschulkind geht es darum zu verstehen, was genau ein Kind beschäftigt, das Bilder von Zerstörung im Fernsehen gesehen hat. Eine Rückfrage klärt, was es wissen will und verstanden hat: «ein zerstörtes Haus und weinende Frauen». Eine Antwort, die sachlich bei der Situation bleibt, aber dennoch Zuversicht vermittelt, könnte deshalb sein (Zitat S. 29, gekürzt):
    «Zwischen dem Land, in dem die Frauen und Kinder wohnen, und einem anderen Land hat es einen grossen Streit gegeben. Soldaten kämpfen gegeneinander und zerstören auch Häuser. Darum weinen die Frauen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Nun müssen sich viele Menschen in anderen Ländern Gedanken machen, wie man diesen Streit schlichten kann. Denn alle Menschen wollen in Frieden leben.»
    Die Mutter versucht also, die Frage des Kindes genau zu erfassen, sie will es nicht mit weiteren Erklärungen, die über das Vorwissen des Kindes hinausgehen, belasten. Ruhiges Fragen, Zuhören und altersgerechtes Antworten in einem vertraulichen Gespräch werden das Kind beruhigen. Es will ja wissen, was los ist, vor allem aber, ob das auch irgendwann einmal vorbei ist. Sie weist darauf hin, dass es Aufgabe der Erwachsenen ist, in solchen Konflikten zu vermitteln und dieses Problem anzugehen.

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