«Ruhet in Frieden, Soldaten!»

thk. Wer das Buch «Ruhet in Frieden, Soldaten!» zur Hand nimmt und darin zu lesen beginnt, wird schonungslos mit der Brutalität des Kriegs in Afghanistan konfrontiert. Die beiden Journalisten, Julian Reichelt und Jan Meyer, haben deutsche Truppen in Afghanistan besucht, sie auch auf ihren Einsätzen begleitet und persönlich befragt.
Sie führen dem Leser vor Augen, wie junge deutsche Soldaten in einen Krieg geschickt werden, ohne dass sie nur im geringsten darauf vorbereitet werden. Die politisch Verantwortlichen und die Armeeführung meiden tunlichst, den Begriff Krieg zu verwenden, und mit Euphemismen und Schönfärbereien wird die Öffentlichkeit zu Hause getäuscht und belogen. Die deutsche Propaganda würde funktionieren, wenn nicht immer wieder mutige Menschen einzelne Vorgänge an die Öffentlichkeit brächten, häufig gegen schweren Druck von seiten der Armeeführung.
Junge Menschen werden seit Jahren in den Tod getrieben, und sie wissen nicht, wozu sie das eigentlich alles tun sollen. Gerade letzte Woche wurden wieder drei deutsche Soldaten getötet und mehrere schwer verwundet. Die Gesamtlage wird immer schlechter, und während die USA bereits intensiv darüber nachdenken, sich aus Afghanistan möglichst bald zurückzuziehen, besucht der deutsche Verteidigungsminister von und zu Guttenberg die deutschen Truppen vor Ort, spricht ihnen Mut zu und versichert die Unterstützung der Bundesregierung. Ein verlogenes Spiel auf Kosten junger Menschen, die mehrheitlich traumatisiert aus dem Kriegsgebiet zurückkommen und im Heimatland keine Ehre und Anerkennung für ihren Einsatz ernten. Die Kriegsversehrten sollen totgeschwiegen werden, die getöteten Soldaten möglichst auch.
Nach offizieller Lesart herrscht für die deutschen Truppen kein Krieg in Afghanistan, sondern ein friedensfördernder Einsatz. Weit gefehlt. Die folgenden Auszüge verdeutlichen das.

«‹Nicht schön›, sagt der Feldwebel, nachdem er uns alle Fotos gezeigt hat. ‹Da kommt man schon ins Grübeln.› Das letzte Foto ist kurz nach dem Anschlag im Lazarett aufgenommen worden. Es zeigt einen deutschen Sanitäter, der irre entrückt in die Kamera grinst, während er dabei hilft, einem Soldaten die Schrapnell-Splitter aus dem Körper zu operieren. Es ist ein wahres Foto vom Krieg. Es zeigt, was der Krieg mit den Menschen macht, mit ihren Körpern und ihren Seelen. Wären diese Bilder damals, 2003, in deutschen Zeitungen erschienen – das Märchen von der Wiederaufbau-Mission der Bundeswehr wäre schlagartig enttarnt gewesen.» (S. 25)
«Am 29. April 2009 reiste der damalige Aussenminister Frank-Walter Steinmeier nach Afghanistan. Seine erste Station war nicht etwa eines der deutschen Feldlager in Mazar-e-Sharif oder Kunduz. Steinmeier flog zunächst nach Kabul, um im grössten Park der Stadt ein Apfelbäumchen zu pflanzen. ‹Was wir hier sehen›, sagte Steinmeier, ‹ist das neue Afghanistan. Ein Afghanistan, in dem wieder Bäume gepflanzt werden.›
Es war eine Reise in einen Märchenwald, wie sich bald zeigen sollte. Wenige Stunden nachdem Steinmeier im Schatten eines eigens dafür aufgespannten Zeltes Erde auf die Baumwurzeln geschippt hatte, war ein deutscher Soldat tot, neun waren schwer verwundet. Getötet und verletzt bei schweren Gefechten mit den Taliban nahe Kunduz.»(S. 38/39)
«Ein paar Monate später treffen wir den Hauptgefreiten in Kunduz wieder. 22 Jahre alt, leicht gebräunt von der afghanischen Frühlingssonne, kräftige Oberarme. Wir reden über den Tag im Gefechtsübungszentrum. ‹Dieses ganze Ausbildungsgequatsche ist mir doch scheissegal›, sagt er. ‹Man kommt hierher, merkt plötzlich, wie es wirklich ist, dass die uns nämlich alle umbringen wollen, und will einfach nur noch heil und so schnell wie möglich wieder nach Hause. Das könnt Ihr so schreiben. Die wollen uns umbringen und ich will einfach nur heil nach Hause. Ey, aber ohne Namen. Sonst krieg ich echt Stress.›» (S. 55) Wie es denn den Soldaten gehe, die bei diesem Gefecht zum ersten Mal in ihrem Leben einen Menschen erschossen hatten, wollten wir wissen.
«Das gehört nun mal zum Beruf», antwortete der Hauptmann. Die Männer würden untereinander reden, das unter Kameraden verarbeiten, es gehe ihnen ganz gut.
Später erfuhren wir, dass die beiden Soldaten, die geschossen hatten, ausgeflogen worden waren. Es ging ihnen überhaupt nicht gut, sie waren auf dem Weg nach Hause, um sich psychologisch betreuen zu lassen. Aber offiziell durften sie weder Genugtuung empfinden noch verzweifelt sein. Offiziell war alles in bester Ordnung. (S. 68)
Julian Reichelt, Jan Meyer.
Ruhet in Frieden, Soldaten! Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschen. 2010. ISBN 978-3-7716-4466-6

 

«Ich bin kälter geworden. Ich habe vieles in mich hineingefressen; so manches konnte ich erst nach dem Einsatz verarbeiten.»
«Ich leide ganz extrem, wenn mein Sohn im Einsatz ist.»
«Wir wurden von allen Seiten beschossen und konnten uns nicht verteidigen. Das nagt in einem, man fühlt sich irgendwie ausgeliefert.»
ISBN: 978-3-7716-4438-3