Satire: An der Parteiversammlung

von Andreas Thiel*
Die Sozialdemokraten haben einen Referenten gefunden, der ihnen ihre eigene ­Politik erklärt. Die Parteigenossen sind begeistert.
Präsident: Genossinnen und Genossen, unser heutiger Gastreferent … bla, bla, bla …
1. Fraktionsmitglied: Ich habe gehört, er soll ein grosses Tier sein.
2. Fraktionsmitglied: Und reich …
3. Fraktionsmitglied: Sehr nett, dass er Zeit gefunden hat, zu uns zu kommen.
Präsident: … bitte begrüssen Sie mit einem herzhaften Applaus …
1. Fraktionsmitglied: Jetzt bin ich aber gespannt.
Präsident: … aus Österreich Herrn Dr. Gessler.
(Herzhafter Applaus)
Dr. Gessler: Der Föderalismus ist ein volksfeindliches Modell …
1. Fraktionsmitglied: Ich mag ihn schon jetzt …
Dr. Gessler: … geht doch nicht an, dass sich da ein paar Bauern zusammentun und selbst bestimmen …
2. Fraktionsmitglied: Wo er recht hat, hat er recht.
Dr. Gessler: … die sind doch nicht alleine auf ihrem Acker. Da sind doch auch noch Fremde …
1. Fraktionsmitglied: Da sieht man, wie welt-offen die Österreicher sind.
Dr. Gessler: … auch die Fremden mitbestimmen lassen. Sonst hat man das Problem plötzlich alleine gelöst. Und dann stellt man die Fremden vor vollendete Tatsachen anstatt vor offene Fragen. Soll das Offenheit sein?
2. Fraktionsmitglied: Der ist gut.
Dr. Gessler: … deshalb die Bauern nicht selbst bestimmen lassen. Man muss die Probleme zentral lösen. Und da man Probleme nicht von aussen betrachten kann, wenn man drinnen ist, muss die Zentrale ausserhalb sein.
1. Fraktionsmitglied: Der wird mir immer sympathischer.
Dr. Gessler: Wir brauchen die Bauern. Aber den Bauern mangelt es an Bildung …
2. Fraktionsmitglied: Endlich sagt es mal einer.
Dr. Gessler: … nicht studiert …
1. Fraktionsmitglied: Das Handwerk hat vielleicht goldenen Boden, aber der Studierte hat einen vergoldeten Kugelschreiber in der ­Westentasche.
3. Fraktionsmitglied: Und damit kann er Gesetze schreiben, hihihi …
Präsident: Und anschliessend die Rechnung, hahaha …
3. Fraktionsmitglied: Sind Sie etwa auch ­Jurist?
Präsident: Viele hier sind Juristen …
3. Fraktionsmitglied: Freut mich, Evi Alle-mann.
Präsident: Christian Levrat. Sie sind auch Berufspolitikerin?
3. Fraktionsmitglied: Ja. Das Schreiben neuer Gesetze füllt mich total aus.
Präsident: Das ungeschriebene Gesetz der Politik lautet: Es muss geschrieben werden.
Dr. Gessler: … braucht es für den Bauern Vorschriften. Wenn der Bauer auf dem Land über sich selbst bestimmen will, dann nur im geschützten Rahmen …
1. Fraktionsmitglied: Ein unglaublich sympathischer Mensch, dieser Dr. Gessler.
Dr. Gessler: … müssen wir die Steuern erhöhen …
2. Fraktionsmitglied: Was er sagt, ist wahr, unglaublich, was er sagt, ist wahr …
Dr. Gessler: … vor allem die Steuern in den kleinen Urkantonen der Schweiz, den Waldkantonen, Schwyz …
3. Fraktionsmitglied: Der kennt sich aber gut aus. Woher er das alles hat?
2. Fraktionsmitglied: Er hat eben studiert.
Dr. Gessler: … darf man die Steuerhoheit nicht den Kantonen und Gemeinden …
1. Fraktionsmitglied: Den lassen wir unser nächstes Parteiprogramm schreiben.
Dr. Gessler: … müssen wir sie auf eine schwarze Liste …
2. Fraktionsmitglied: Wir sollten ihn auf die Liste nehmen.
1. Fraktionsmitglied: Genau, den stellen wir für die Wahlen auf.
3. Fraktionsmitglied: In der EU soll er ja eine sehr angesehene Respektsperson sein.
2. Fraktionsmitglied: Öffnen wir uns!
1. Fraktionsmitglied: Gessler in den Bundesrat!

Quelle: Weltwoche vom 18.2.2011


* Andreas Thiel, Jahrgang 1971, ist Schriftsteller und Kabarettist. Der gebürtige Berner lebt in Island. Zurzeit tritt er mit seinem Bühnenprogramm «Politsatire 3» in der Schweiz auf.