Genossenschaften – menschengerechtes Wirtschaften als Alternative im grossen Crash


Die Zeiten, die wir momentan erleben, sind nicht gerade rosig. Um so wichtiger deshalb, sich in der Tageshektik auch etwas Zeit zu nehmen und den Blick auf Grundsätzliches zu richten. Was die Wirtschaft betrifft, wäre eine Rückbesinnung auf und ein Wiederbeleben des Genossenschaftsprinzips ein Segen für alle Menschen.
ts. Die Wirtschaftskrise ist noch längst nicht überwunden, ja droht eher noch schlimmer zu werden. Man erinnert sich: Skrupellose Finanzjongleure haben sich Milliarden zugeschanzt, aus reiner Gier und purem Egoismus. Die Notenbanken drucken Geld aus dem Nichts, um die Löcher in den Kassen zu stopfen. Die riesigen, durch nichts gedeckten Geldströme fliessen vermehrt in den Handel mit landwirtschaftlichen Gütern und lassen die Preise für Nahrungsmittel explodieren. Die Leidtragenden sind wie immer, wenn ­Finanzoligarchen ein Leben in Saus und Braus führen, zuerst die Ärmsten der Armen: In den Entwicklungsländern hungert über eine Milliarde Menschen, Tendenz stark steigend. Was Wunder, dass diese Menschen in ihrer Not fliehen wollen, dorthin, wo Menschen noch genug haben. Oder genug zu haben scheinen. Zum Beispiel nach Europa.
Zugleich erleben wir Umwälzungen ungeahnten Ausmasses, mit unklarem Hintergrund und mit offenem Ausgang in den nordafrikanischen Ländern. Hohe Arbeitslosigkeit unter der zahlenmässig stark vertretenen Jugend, ein Überdruss an Ausbeutung durch Potentaten, die bislang vom Westen in geheuchelter Doppelmoral unterstützt worden waren. Auch hier bahnen sich Fluchtwellen an, die schon sehr bald Einlass im begüterten Europa begehren werden und wohl auch durch starke Grenzbesatzungen nicht aufgehalten werden können. Aber auch in diesem Euro­pa, insbesondere der EU, gärt es. Korruption und Misswirtschaft in Brüssel, wie gehabt. Wie lange der Euro sich noch hält, ist ungewiss, wie lange sich die Menschen in Griechenland, Portugal, Spanien, Italien, Irland usw. die drastischen Sparmassnahmen ohne Aufstände gefallen lassen werden, ist offen. Die Zeichen stehen jedenfalls eher auf Sturm. Zum Teil herrscht aber auch gespenstische Ruhe, wie etwa in Deutschland. Die Ruhe vor dem Sturm? Oder plant die deutsche Führungsriege Ablenkungsmanöver, etwa den Einsatz ihrer in Afghanistan geschundenen Soldaten in Libyen? Zur Sicherung der Rohstoffe für Grossdeutschland? Unter dem Vorzeichen der «humanitären Intervention»? Etwa nach dem Muster Irak oder Kosovo?
Und was erfährt man aus den USA? Wie die Bilder aus Madison, Hauptstadt des US-Bundesstaates Wisconsin, eindrücklich belegen, halten die Bürger seit Tagen das Parlamentsgebäude besetzt. Sie sind nicht länger gewillt, die das Volksvermögen aufs Spiel setzende Geldproduktion der Federal Reseve Bank (FED), der Zentralbank, und die Abführung von Geld an den Bund für dessen überzogene Kriegswirtschaft ad infinitum weiter hinzunehmen. Der US-Präsident wird mit Schmährufen als Persona non grata in die Zentrale zurückgeschickt.
Hüben wie drüben das gleiche Bild: Allfällige Gewinne der Wirtschaft werden privatisiert, die Schulden sozialisiert.
Eigentlich wäre er am Ende, der Washington Consensus, die Ideologie des globalisierten Weltfreihandels, der Kapitalverkehrsfreiheit, die zu einer gigantischen Finanzblase geführt hat, die völlig losgelöst von der Realwirtschaft zu einer Massenvernichtungswaffe in den Händen einiger weniger Oligarchen geworden ist und längst geächtet gehörte. Die Folgen dieser verfehlten Wirtschaftspolitik, die Herausbildung einer 80-zu-20%-Gesellschaft, sind überdeutlich, die Wut unter den staatstragenden Mittelschichten der diversen Länder enorm.
Zeit also für ein umfassendes Umdenken, eine klare Abkehr vom System der Gier, welches nur einige wenige zu Superreichen macht und die grosse Mehrheit der Menschheit in den Abgrund schickt?
Die klaffenden Löcher in den Budgets der Staaten, Länder und Kommunen werden unweigerlich einen Rückzug der öffentlichen Hand zur Folge haben, die Menschen werden vermehrt auf sich selber angewiesen sein.
Doch wie der Misere Herr werden? Sozialistische Planwirtschaft als Kontrapunkt, wie das 20. Jahrhundert überdeutlich zeigt, hat auch kein menschengerechtes Wirtschaften und Zusammenleben ermöglicht. Staatsmonopolkapitalistische Ansätze versagen am gleichen Punkt wie das von diesem bekämpfte kapitalistische System: Beide gehen von einem falschen Menschenbild aus. Beide verkennen die Natur des Menschen. Hie das fatale Zerrbild des «homo oeconomicus», welches den Menschen auf ein utilitaristisches Wesen reduziert, welcher nur den egoistischen Interessen nacheifere; dort der Mensch als «Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse», welcher lediglich Schnittmenge oder Resultante der ökonomischen Basis, des Spiels der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse, sei. Beiden Ansätzen fehlt das Verständnis dafür, dass der Mensch nur als Mensch verstanden und seiner innewohnenden Würde gemäss behandelt werden kann, wenn er als Person mit einer menschlichen Natur gesehen wird. Weswegen er auch nie als Mittel zum Zweck genutzt werden darf. Die personale Auffassung vom Menschen fasst den Mensch in seinem Wesen richtig als soziales Wesen, welches auf Gemeinschaft ausgerichtet ist und in der Verbundenheit mit den Mitmenschen seine wahre Erfüllung erfährt.
Die gegenseitige Hilfe, das gemeinsame Ringen um das Bonum commune, die dem Menschen innewohnende Würde, die Heiligkeit seines Wesens, wurden schon früh in verschiedenen Hochkulturen erahnt und vorformuliert, bis dann nach Ansätzen im alten Griechenland und China das Christentum, die Schule der Stoa, die Renaissance und insbesondere die Aufklärungsphilosophen die begriffliche Schärfe an den Tag legten, welche heute auch die diversen Konventionen zu den Menschen- und Bürgerrechten und das Corpus des Humanitären Völkerrechts auszeichnen.
Und immer wurde auch die Frage gestellt, was wäre eine der Würde des Menschen entsprechende Weise des Wirtschaftens?
Die personale Auffassung des Menschen sieht sich dabei im Prinzip des Genossenschaftswesens verwirklicht. Der Zusammenschluss von Menschen, freiwillig, selbstbestimmt, zum Wohl der Gemeinschaft, nach dem Prinzip «einer für alle, alle für einen».
Genossenschaftliche Ansätze des gemeinsamen Wirtschaftens kennt die Menschheitsgeschichte schon früh und an diversen Orten auf diesem Planeten. Lange bevor moderne Staatlichkeit sich entwickelte, regelten Menschen ihre Belange nach dem Prinzip des «one man, one vote». Genossenschaften finden sich auf allen Kontinenten und standen immer im Gegensatz zum Prinzip der Machtanmassung einzelner. Insbesondere in der Schweiz entwickelte sich aus dem Genossenschaftsleben auch staatliches Leben, eben die Eidgenossenschaft. Ein Aufbau von unten nach oben, kleinräumig, in Würde und gegenseitiger Hilfe, gemäss den Prinzipien der «drei Selbst», der Selbsthilfe, der Selbstverantwortung und der Selbstverwaltung, ermöglichten ein Ausmass an gesittetem Zusammenleben, welches zur Wahrung der Menschenwürde bis heute unübertroffen dasteht.
Gerade in unruhigen Zeitläufen, da die  Staatsordnung auf Grund mangelnden Geldes eingeschränkt wird, sind die Bürger in ihrer Selbsttätigkeit, im Milizsystem, vermehrt gefordert. Und gerade die guternährten, gutgebildeten Bürger Europas könnten da leicht auf Vorbilder zurückgreifen, derer die Geschichte so übervoll ist.
Zeit-Fragen wird deshalb künftig immer wieder Texte zur Geschichte des Genossenschaftswesens, zu einzelnen Vordenkern und einzelnen Modellen abdrucken. Dies scheint um so mehr angezeigt, als immer mehr grosse Universitätsbibliotheken die wertvollen Grundlagenwerke zur Genossenschaftsgeschichte aus ihren Beständen aussondern. Aus Platzgründen, heisst es lakonisch. Ein unverständlicher Vorgang, wären doch diese Modelle heute aktueller denn je – als Alternative eines dritten Weges zwischen den beiden Modellen, die im 20. und jetzt im 21. Jahrhundert derart kläglich und mit verheerenden Folgen für die Menschheit Schiffbruch erlitten haben und immer noch erleiden.
Exemplarisch sollen in den folgenden Ausgaben von Zeit-Fragen Auszüge aus den Dresdner Heften und aus dem grossen Standardwerk von Helmut Faust mit dem Titel «Geschichte der Genossenschaftsbewegung» abgedruckt werden. Nicht nur als Anregung für Bürgerschaften in den Gemeinden und Ländern, sondern auch als Anregung für junge Forscher, sich der lange Zeit sträflich vernachlässigten Materie wieder anzunehmen und zum Beispiel Fausts grossartiges Werk, welches zuletzt 1977 in der dritten Auflage erschien, ins 21. Jahrhundert hinein nachzuführen. Insbesondere wäre es spannend, die Erfahrung in Lateinamerika, vor allem in Argentinien 2001 nach dem Staatsbankrott, aufzuarbeiten und der übrigen Welt zugänglich zu machen.     •

 

Herkunft des Begriffs «Genossenschaft»

Sucht man den Sinn des deutschen Wortes «Genossenschaft» zu deuten, so stösst man auf die althochdeutsche Wortwurzel »noz», die soviel wie Vieh bedeutete. Aus dem althochdeutschen «Ginoz» hat sich im Mittelhochdeutschen «Genoz» gebildet. Die Vorsilbe «Ge» weist immer auf eine Gemeinsamkeit hin. So wie der Geselle derjenige ist, der im gleichen Saale weilt, den gleichen Raum teilt, der Gefährte Teilnehmer einer Fahrt ist, so hat der Genosse Anteil am Vieh oder an der Viehweide. Die Viehhaltung aber war eine Angelegenheit der «ginoz-caf»; das war im Althochdeutschen das Wort für Genossenschaft.
Quelle: Faust, Helmut: Geschichte der Genossenschaftsbewegung.
Frankfurt a. M. 1977, Seite 20