IWF-Kredit hilft nicht dem Euro, sondern einer Karriere

Kontrolleure des IWF warnen: Niederschmetternde Fehler und Denkfaulheit

me. Demnächst soll das Parlament einen Kredit an den IWF von 16 Milliarden Schweizerfranken freigeben. Diese will der IWF dafür einsetzen, dass es noch etwas länger geht, bis die maroden Staatshaushalte in gewissen EU-Ländern am Ende sind, bzw. dass die Banken als Schuldner dieser Länder noch etwas mehr erhalten als nur Verlustscheine. Das Geschäft ist aus verschiedenen Gründen umstritten und kann sich als Bärendienst für die Schweiz und die EU erweisen.
Erinnern muss man sich daran, dass der IWF von heute nicht mehr der IWF ist, über den wir abgestimmt haben. Beat Kappeler hat dargestellt, dass der IWF seine Mittel jüngst verzehnfacht (!) und seinen Zweck klammheimlich verändert hat. Nicht mehr die Stützung von Währungen ist das Ziel, sondern auch das «Retten von Staatsbudgets». Darüber haben wir aber nicht abgestimmt. Jetzt sollen wir Staaten, die prassen statt haushalten, fast all das geben, was Bundesrat Merz in den letzten sieben Jahren eingespart hat.
Genau genommen geht das Geld bei Bedarf aber gar nicht an diese Staaten, sondern an deren Gläubigerbanken. Der IWF hat die ur­sprüngliche Orientierung verloren und ist zur Sanitätshilfsstelle der taumelnden Grossbankenkonglomerate umfunktioniert worden. Dabei zieht der Währungsfond eine Blutspur von Inkompetenz sondergleichen hinter sich her, die uns aber vorenthalten wird. Wie niederschmetternd die Bilanz des IWF ist, ergibt sich aus dem Bericht des Independent Evaluation Office IEO, das seinen Bericht am 10. Januar 2011 veröffentlich hat und eigentlich in der schweizerischen Presselandschaft hätte Aufsehen erregen müssen (vgl. Kasten unten rechts). Es blieb aber verdächtig ruhig, statt dessen erscheinen oberflächliche Plauderinterviews zur Imagepolitur des SNB-Präsidenten.
Doch nun zum Zweck des IWF-Kredites: Nach dem Hauptprotagonisten Philipp Hildebrand, dem Präsidenten des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, brauche die Schweiz ein stabiles Europa und ohne dieses sei der Schweizerfranken gefährdet (so Hildebrand sinngemäss im Sonntag vom 27. Februar). Der IWF-Kredit erhalte letztlich den Franken. Seine Dramatik bzw. sein «Spin» ist durchsichtig direkt auf das Parlament gerichtet, das demnächst zu entscheiden hat. Die Dramatik ist aber falsch und faul. So faul wie damals, als er im Dezember den Bundesrat mit der Behauptung erschrecken wollte, der Euro werde auf 50 Rappen absacken. Doch von diesem Teil der Angelegenheit später, denn es geht um Karrieren.
Ziel richtig, Weg unehrlich
Vorerst können wir seinem Ziel zustimmen: Ein stabiles Umfeld macht es für die Schweiz und die Exportwirtschaft leichter. Die Frage ist bloss, ob der Kredit und dessen vorgesehener Verwendungszweck der richtige Weg zum Ziel eines stabilen Umfeldes ist.
Bekommen die angeschlagen EU Länder nämlich Kredit vom IWF, verlängert das nur ihr Leiden. Er lindert kurz den Schmerz, aber heilt nicht die Krankheit der Staatshaushalte, die auf zu grossem Fuss leben. Leiden zu Verlängern kann nicht Aufgabe des Parlamentes sein. Der Kredit ist nämlich an keine Voraussetzungen geknüpft, und solche sieht auch der IWF nicht vor. Sinnvoll wäre es, den Kredit jetzt zu sperren, bis ein Mechanismus besteht, wonach der IWF das Geld nur an Staaten gibt, die einen vernünftigen und durchführbaren Plan vorlegen, wie sie den Staatshaushalt ausgleichen und die Schulden abbauen wollen. Dies kann man verlangen. Die Schweiz macht es mit der Schuldenbremse vor. Die EU könnte froh sein um diesen Ideensteinbruch der im «UNDING» zu finden ist, dem es so verblüffend besser geht als dem DING. Mit dem Signal eines «bedingten NEIN» könnte in der EU und im Währungsfonds diese Diskussion um Heilung beginnen.
Es ist Zeit für Ehrlichkeit, nicht nur in Arabien. Wenn das erwähnte Independent Evaluation Office IEO dem IWF den Spiegel vorhalten kann, dann kann man auch in der EU dazu stehen, dass gewisse Länder sachlich nicht reif waren für den Euro. Es war schlicht falsch, sie hineinzumogeln. Also eingestehen und korrigieren. Das ist keine Schadenfreude, sondern der Einspruch der Realität.
Es ist besser, die Länder machen eine neue Währung (allein oder gemeinsam), verlassen den Euro, können abwerten und sich auffangen. Es kann einen starken Nord-Euro geben und einen Süd-Euro oder mehrere Währungen.
Ebenso wird in Brüssel und Berlin aber schon über einen «Euro reloaded» nachgedacht. Der Name bleibt, aber man ändert das gesamte interne Design und die Mechanismen. Modellpflege würde man dem bei den Autos sagen. Dabei wäre der IWF-Kredit auch nicht nötig, es gibt einfach eine euroraum­interne Währungsreform und man schreibt ein bisschen Schulden ab und führt strikte Straf- und Kontrollmechanismen ein.
Dies wären alles Wege (die weit angedacht sind) zum (richtigen) hildebrandschen Ziel des stabilen europäischen Umfeldes. Auf jeden Fall würde so der alte Euro härter, besser und stabiler, und die Länder, die ausscheiden, können regenerieren. Die Verlängerung des Leidens mit IWF-Krediten ohne Auflagen erspart diesen Weg nicht. Er muss bloss später erst beschritten werden. Im übrigen, wenn die Kredite ohne Schuldenbremse-Kriterien vergeben werden, ist bald auch der IWF pleite. Und wer rettet dann den IWF? Der Mann im Mond wohl kaum. Dann ist wohl der Schuldenturm von Babel endgültig gebaut …
Karrierefragen können stören
Nun wieder zurück zum falschen Weg zum richtigen Ziel des Präsidenten der SNB. Der ehemalige Hedgefondsmanager Hildebrand, der mit diesem Geschäft früher ein enormes persönliches Vermögen machte, aspiriert und möchte selber Chef des IWF werden. Dieses Ziel hat er nie dementiert, auch nicht bei seinem neulichen Interview im schielenden Fernsehen DRS.
Der heutige Chef des IWF Dominique Strauss-Kahn signalisierte erst neulich wieder, er erwäge 2012 als Nachfolger von Präsident Sarkozy für das Amt des französischen Präsidenten zu kandidieren. Jeder, der Militärdienst gemacht hat, weiss, dass diejenigen, welche aspirierten, nicht mehr ihre Truppe im Auge hatten, sondern diese ehrgeizig strapazierten, um den ersehnten «Vorschlag» für Höheres zu erhalten. Manche hofften, nie mehr mit ihrer Truppe Dienst machen zu müssen, um sich die Vorwürfe der Schinderei nicht anhören zu müssen. (Auch für Bürger ohne solche Erfahrungen wird klar sein, dass wer nach Höherem schielt und sich anbiedert, anders tickt, als derjenige, der seinen Platz mit Freude, Tatkraft und Verantwortung ausfüllt.) Kurzum, es dürfte klar sein, dass Herr Hildebrand (ein EU-Turbo) ohne den IWF-Kredit nicht als Nachfolger von Strauss-Kahn in Frage kommt. Und für Dominique Strauss-Kahn geht es auch um eine Karriere, denn ohne Erhöhung der IWF-Kreditlimiten wird er als «gescheitert» dastehen und den Franzosen nicht besonders im­ponieren.
Philipp Hildebrand könnte seinen Ehrgeiz aber später noch einmal befriedigen, und zwar sehr sinnvoll. Er hat nämlich noch die «Too-big-to-fail»-Thematik zu bearbeiten. Die Grossbanken müssen so umgebaut werden, dass sie für den Staat Schweiz kein systemisches Risiko mehr sein können. Das ist lebenswichtig und nicht zu umgehen, aber eine Herkulesarbeit. Wenn der SNB-Präsident das geschafft hat, dann hätte er eine Lebensleistung vorzuweisen, für die ihm die Schweiz echt dankbar sein wird. Dann könnte er mit vollem Support von Volk und Ständen zu neuen Ufern aufbrechen. Wäre das menschlich nicht befriedigender?      •

 

Der verheimlichte Bericht der internen IWF-Überprüfung

me. Am 10. Januar 2011 veröffentlichte die unabhängige Untersuchungsabteilung des IWF, das Independent Evaluation Office (IEO) einen Bericht zu den Leistungen des IWF während der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2004 bis 2007 mit einem niederschmetternden Urteil.
Das Versagen des IWF bei den Entwicklungen hin zur Weltfinanzkrise wird in einem 50seitigen Bericht analysiert. Das IEO macht eine erschütternde Liste von Eingeständnissen. Wir geben Auszüge im Wortlaut wieder. Zusammenfassend heisst es, der IWF sei unfähig, Risiken im Finanzsystem zu erkennen und Warnungen auszusprechen. Es gäbe markante analytische Schwächen und unter den Mitarbeitern herrsche Gruppendenken. Bemerkenswert ist, dass das Büro auch intellektuelle Voreingenommenheit feststellt: Viel zu sehr habe man angloamerikanische Denkansätze und Methoden unkritisch übernommen und abweichende Informationen ignoriert. Es herrsche Schubladendenken und Anpassungsmentalität, und das Team sei beratungsresistent.
Der IWF habe anderen Industrieländern empfohlen die angloamerikanischen Methoden im Finanzsektor zu übernehmen, weil diese finanzielle Innovationen fördere. Der IWF habe aber nicht erkannt, dass dies nicht nachhaltig sei und er habe auch nicht zeitgerecht verstanden, was die  Immobilienblase verursacht und welche Rolle die Währungs- und Finanzpolitik in diesem Prozess gespielt hat.

Zwei Bemerkungen:
1. Zur Person: Präsident Hildebrand wusste oder musste um diesen Bericht wissen, seit sechs Wochen. Davon hat er dem Bundesrat, dem Parlament und der Öffentlichkeit nichts gesagt. Warum nicht? Wurden die Medien abgelenkt? Wollte man uns täuschen? 

2. Zur Sache: Der IWF war Geisel angloamerikanischer Denkmodelle, die er Europa aufgedrängt hat. Wir müssen wieder selber denken und die übergestülpten US-Modelle in Wirtschaft, Versicherung und Banken überprüfen und überdenken. Schliesslich sind Europa, die Schweizer Banken und die deutsche Industrie ohne US-Compliance-Schnickschnack das geworden, was es war. Mit dem Konzept des eigenverantwortlichen Bürgers und Angestellten haben wir europäische Kulturteile, die unsere Wirtschaft stark machen. Der IWF in der klammheimlich veränderten Variante ist überflüssig und braucht nicht unterstützt zu werden. Die Schweiz soll eigene Modelle entwickeln, um das Geld an notleidende Staaten zu geben.

 

Zitate aus dem Independent Evaluation Office of the International Monetary Fund
40. Beim Versagen des IWF, Risiken zu identifizieren und deutliche Warnungen auszusprechen, spielten verschiedene Faktoren eine Rolle. Viele […] stellen seit langem bestehende Probleme dar, die seit über einem Jahrzehnt aufgezeigt worden sind.
(24) In diesem Abschnitt werden diese Faktoren in die folgenden umfassenden Kategorien gruppiert: analytische Schwächen, organisatorische Hindernisse, interne Führungsprobleme, politische Zwänge. […] Die Fähigkeit des IWF, die steigenden Risiken korrekt zu identifizieren, war behindert durch ein hohes Mass an Gruppendenken, intellektueller Befangenheit, einer allgemeinen Geisteshaltung, wonach eine grössere Finanzkrise in weit fortgeschrittenen Volkswirtschaften unwahrscheinlich sei, sowie lückenhaften analytischen Ansätzen.
Schwache interne Führung […] und ein Mangel an Anreiz, bereichsübergreifend zu arbeiten und gegensätzliche Ansichten aufzubringen,  […]  
41. Analytische Schwächen bilden den Kern einiger der offensichtlichsten Defizite des IWF bei der Beobachtung der am weitesten entwickelten Volkswirtschaften. […]
42. Verschiedene kognitive Voreingenommenheiten scheinen eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Gruppendenken bezieht sich auf die Tendenz in homogenen, geschlossenen Gruppen, Fragestellungen nur innerhalb eines bestimmten Paradigma zu betrachten und dessen grundlegende Annahmen nicht in Frage zu stellen (Janis, 1982). Die unter den IWF-Mitarbeitern vorherrschende Auffassung – einer geschlossenen Gruppe von Makroökonomen – war, dass Markdisziplin und Selbstregulation genügen würden, um ernsthafte Probleme von Finanzinstituten abzuwehren. Sie glaubten auch, dass Krisen in entwickelten Volkswirtschaften kaum auftreten würden, wo «hochentwickelte» Finanzmärkte bei einem Minimum an Regulierung eines grossen und wachsenden Teils des Finanzsystems sicher gedeihen könnten.
43. Der Stab des IWF stimmte im wesentlichen mit den Auffassungen der USA und Grossbritannien und Behörden weiterer Industrieländer überein, dass ihre Finanzsysteme grundsätzlich gesund und stabil seien. Sie waren sich auch bezüglich des Paradigmas einig, dass das System sowohl effizient Ressourcen bereitstellen, als auch Risiken unter denjenigen umverteilen könne, die besser darauf vorbereitet sind, sie zu tragen. Angesichts des besseren Zugangs der jeweiligen Behörden zu Bankdaten und Kenntnissen über ihren Finanzmarkt und der grossen Zahl hochqualifizierter Ökonomen, die in ihren Zentralbanken arbeiten, war es dem Stab des IWF zudem unangenehm, die Anschauungen der Behörden in hochentwickelten Volkswirtschaften zu monetären Fragen und Problemen der Regulierung in Frage zu stellen. Der IWF war von Fachwissen und Ansehen der Behörden übermässig beeinflusst (und stand manchmal in Ehrfurcht davor); das ist möglicherweise ein Fall von intellektueller Befangenheit.
44. Bestätigungsfehler (confirmation bias) beschreibt die gut dokumentierte Neigung von Menschen, nur Informationen wahrnehmen, die mit ihren eigenen Erwartungen übereinstimmen, und Informationen, die dazu in Widerspruch stehen, zu ignorieren (Bazerman und Moore, 2009). Das dürfte erklären, warum die IWF-Mitarbeiter sich auf die hauptsächlichste Sorge des IWF – globale Ungleichgewichte und eine ungeordnete Talfahrt des Dollar – konzentrierten und Hinweise auf andere Risiken weitgehend übersahen. […]
46. Die IWF-Ökonomen neigten dazu, Makromodelle, die sich für die Analyse makro-finanzieller Zusammenhänge als inadäquat erwiesen hatten, in höchsten Ehren zu halten. Das DSGE-Modell (dynamic stochastic general equilibrium), Arbeitspferd für Verfahrensdiskussionen, führte Geld und Vermögensmärkte nur in allerrudimentärster Form ein. Derzeit arbeitet man an der Entwicklung von Modellen, die Spannungen im Finanzbereich mit berücksichtigen. Vielleicht besorgniserregender war das blinde Vertrauen vieler Ökonomen auf Modelle als einzig zulässigem Mittel zur Analyse ökonomischer Gegebenheiten, die für eine Modellierung zu komplex sind.
47. Bilanzanalyse (der Staaten) wurde ungenügend und gelegentlich falsch eingesetzt; dies trotz der Tatsache, dass dieser Ansatz Risiken und Schwachstellen besser erfasst als ein typisches Makromodell der offenen Volkswirtschaften (open-economy). Ein leitender Mitarbeiter drückte es so aus: «Bilanzanalyse war das fehlende Glied in der Makroanalyse.» Wenn dieser Ansatz zum Einsatz kam, erbrachte er leider irreführende Resultate, so zum Beispiel erfasste er die laufende Blase der Preise der Vermögenswerte nicht.
48. Financial-Sector-Assessment-Programme (FSAP) nutzten Stresstests, um die Bonität von Banksystemen bestimmen zu helfen. Während Stresstests für eine erste Runde der Risikoprüfungen nützlich sind, erfassen sie normalerweise die Effekte einer zweiten Runde oder von Liquiditätsschocks nicht. Daher glauben eine Reihe von Behörden und Mitarbeitern, dass Stresstests zu Selbstzufriedenheit beigetragen haben könnten, da deren Begrenzungen nicht ausdrücklich diskutiert wurden.
49. Obwohl ein Problem, war der Mangel an Daten und Information nicht die Hauptursache für die «Leistung» des IWF. Erstens wurden viele verfügbare Daten ignoriert oder fehlinterpretiert (z.B. Kreditwachstum, Verschuldungsgrad, Zunahme von Hochrisikoinstrumenten und Haushaltsbilanzen). Tatsächlich war der GFSR (Global Financial Stability Report) vom April 2008 über die Verluste des Finanzsektors ohne zusätzlichen Zugang zu Daten erstellt worden.
Zweitens hinderte der Mangel an Daten den IWF nicht, sowohl den Zustand gewisser Finanzsysteme als auch die Eigenschaften der Risikodiversifizierung der Verbriefungen zu rühmen.
Der entsprechende Mangel an Daten in einigen Schwellenmärkten hinderte den IWF nicht daran, in diesen Ländern Alarm zu schlagen. […]
Quelle: IMF Performance in the Run-Up to the Financial and Economic Crisis: IMF Surveillance in 2004–07. IEO Independent Evaluation Office of the International Monetary Fund.
January 10, 2011