Neuer Nahost-Krieg: Die Weichen sind gestellt

Die Bulletins aus den Nachbarländern stimmen nachdenklich

Als der Londoner «Economist» in seiner Ausgabe vom 29.12.2010 für das neue Jahr den schlimmsten Nahost-Krieg aller Zeiten prophezeite, ging diese Nachricht weitgehend unter. Vor lauter berechtigter Sorge um den Geldwert und die Finanzen der meisten westlichen Staaten nahm man die besorgniserregende Entwicklung im arabischen Raum und dem Nahen Osten kaum wahr. Jetzt kann man nicht mehr wegsehen, die Lunte ist entzündet. Man kann über die Ursachen trefflich streiten (es wird eine Mischung sein aus der unter der jungen arabischen Bevölkerung herrschenden Unzufriedenheit und einer teilweise gezielten Steuerung z.B. aus den Reihen der CIA), was Europa erwartet, steht schon heute fest und kann auf der italienischen Insel Lampedusa jeden Tag besichtigt werden: Es wird einen neuen Flüchtlingsstrom nach Europa geben. Das erwartet im übrigen auch der jedes politischen Extremismus vollkommen unverdächtige Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen!
Es ist ein Flüchtlingsstrom, gegen den man kaum etwas wird unternehmen können. Wegen der extrem jungen Bevölkerungsstruktur drängen zum Beispiel in Ägypten jeden Monat 75 000 junge Ägypter zusätzlich auf den Arbeitsmarkt. Selbst wenn man alle «älteren» Arbeitnehmer auf einen Schlag entlassen würde (was selbstverständlich gar nicht geht), wäre es dennoch nicht möglich, alle unzufriedenen jüngeren Ägypter mit Lohn und Brot zu versorgen. Schon jetzt konkurrieren dort vier junge Menschen um einen Arbeitsplatz, und die Lage wird von Tag zu Tag schlechter!
Doch auch wer sich zur Flucht entschliesst – und gegebenenfalls in einem westeuropäischen Land ankommt –, wird dort auf zahlreiche «Konkurrenten» stossen. Ab dem Frühjahr 2011 werden aus etlichen europäischen «Randbereichen» (z.B. Polen) ebenfalls Millionen Menschen nach «Zentraleuropa» drängen. Sie werden eine neue europaweite Freizügigkeit nutzen und dabei unter anderem dem Ruf der deutschen Regierung folgen, die sie geradezu zum Verlassen ihrer Heimatländer aufgefordert hat, weil hierzulande angeblich unbedingt neue Arbeitskräfte benötigt werden. Sie alle werden (und darüber schweigt man gerne) weitgehend unqualifiziert sein, was ihre Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt minimiert! Die arabischen Flüchtlinge werden (von den Leistungen des deutschen Sozialsystems natürlich abgesehen!) deshalb hierzulande in eine Situation kommen, die sich von der in ihren Heimatstaaten nicht deutlich unterscheidet: Es wird ihnen an Arbeit und damit an sinnvoller Beschäftigung fehlen!
Es klingt zynisch, aber man muss es nüchtern feststellen: Es gibt im gesamten arabischen Raum Millionen junger Männer, für die es keine sinnvolle Beschäftigung gibt, die – sarkastisch ausgedrückt – im Grunde niemand braucht! In früheren Zeiten lösten die meisten Herrscher dieses «Problem» ganz «einfach», indem sie diese Menschen in Kriege schickten und sich gegenseitig aufreiben liessen. Und heute?
Laut einer unserer Quellen gab es bereits am 13. Januar 2011 (also bevor die arabischen Massenproteste und Revolutionen ausuferten) ein Gespräch zwischen US-amerikanischen Regierungsvertretern und israelischen Generälen über einen möglichen neuen Nahost-Krieg. Es ging dabei vordergründig um die Frage, wie Israel auf die Stationierung von immer mehr Raketen im Gaza-Streifen und in Libanon reagieren soll. Einen Tag zuvor hatte ein israelischer Militärsender bereits die Ansprache eines Generals verbreitet, der vor einem absehbaren neuen Nahost-Krieg mit einer erschreckend hohen Zahl auch ziviler Opfer warnte. Laut unserer Quelle drängten die Amerikaner die Israeli bei dem kürzlichen Geheimgespräch noch zur Zurückhaltung. Doch wie lange noch?
Welche Haltung man bezüglich des seit Jahrzehnten schwelenden Nahost-Konfliktes auch immer einnimmt – eines ist unübersehbar: Die Hizbollah in Libanon und die Palästinenser bereiten sich seit geraumer Zeit auf einen neuen Konflikt vor, und Israel wird eines Tages reagieren. Doch ein neuer Libanon-Krieg (da sind sich zurzeit die Beobachter weitgehend einig) wird dieses Mal den gesamten Nahen Osten zu einem gewaltigen Pulverfass machen und vermutlich auch explodieren lassen. Praktisch alle der heute unruhigen arabischen Staaten laufen dann Gefahr, einbezogen zu werden. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen werden ihr Leben lassen, wenn sie nicht vorher zu flüchten versuchen. Sie alle werden zu den Verlierern dieses neuen Krieges zählen.
Doch es wird auch «Gewinner» geben, und das nicht allein im militärischen Sinn. An erster Stelle führen dabei die meisten Beobachter die US-amerikanische Regierung und auch einige europäische Staaten an, die dann noch für einige weitere Zeit von ihren drohenden Staatsbankrotten ablenken können. Auch manche arabische Staaten werden profitieren: Sie werden kriegsbedingt einen Teil ihrer jungen und unzufriedenen Bevölkerung verlieren, was die dortige politische Lage zumindest vorübergehend wieder etwas stabilisieren kann. Und Israel hätte eine Handhabe, gegen die auf das Land gerichteten Raketen massiv vorzugehen …
Natürlich würde im Zuge eines neuen Nahost-Krieges der Ölpreis zumindest vorübergehend in die Höhe schnellen, was nicht alleine den Interessen der USA zuwiderliefe. Doch die grundsätzliche Versorgungssicherheit wäre nach Auffassung etlicher Fachleute kaum gefährdet, weil die US-Armee an praktisch allen strategisch entscheidenden Punkten mit ihren Basen schon jetzt präsent ist. Und zur «Sicherung» des Suezkanals sind bereits einige weitere US-Kriegsschiffe im Anmarsch. Die Weichen für einen neuen Nahost-Krieg sind damit so gut wie alle gestellt ...!    •
Quelle: Vertrauliche Mitteilungen – aus Politik, Wirtschaft und Geldanlage, D-Büsingen, Nr. 3915
vom 22. Februar 2011

 

Das Schuldenproblem lösen wir mit Krieg

US-Regierungsberater:
Das Schuldenproblem lösen wir mit Krieg
Aus einem längeren Interview in der «SonntagsZeitung» vom  27.2.2011
«SonntagsZeitung»: Werden die USA das Schuldenproblem lösen können?
Parag Khanna: Nein.
Das ist eine kurze Antwort.
Es wird keinen Staatsbankrott geben, aber der Wert der Schulden wird verringert werden müssen, sei es durch einen Handelskrieg oder einen echten Krieg. Unsere Schulden sind unbezahlbar geworden.
Parag Khanna, US-Aussenpolitikexperte und Regierungsberater im Team von Barack Obama, Direktor beim Thinktank New America Foundation, ab 2007 Berater der US-Streitkräfte und ab 2008 im Wahlkampfteam von Barack Obama
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me. Wenn man das so hört und nicht an spontane Volksaufstände glaubt, wenn man den Ablauf mit Libyen doch für etwas gar geschmiert erachtet, könnte dies jetzt der Auftakt zum «Ich-werd’-die-Schulden-los-Krieg» sein. Und das alles nur, weil der Dollar vom Thron steigen muss. Er wird nicht vernichtet, er muss nur vom Thron. Das soll so viele Menschenleben wert sein?

 

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Der obige Bericht aus den «Vertraulichen Mitteilungen» vom 22. Februar 2011, stimmt nachdenklich, sehr nachdenklich. Er wirft aber auch einige Fragen auf.
Zum Beispiel zeigen Länderkarten auf, dass in den arabischen Ländern der Anteil der  Bevölkerung unter 25 Jahren sich zwischen 42,2% (Tunesien) und 65,4% (Jemen) bewegt. Die sind aber nicht erst gestern auf die Welt gekommen. War es dann richtig, dass wir uns seit Beginn der 90er Jahre nur mit gewinnreicher Globalisierung des Geldes abgegeben haben, mit fürchterlichen Kriegen des westlichen Bündnisses «out of area», die die Finanzsituation der stärksten Staaten ruiniert haben und nun zu verheerenden Debakeln werden, im Inland mit Privatisierungen am Laufmeter, und dass wir uns mit Schikanieren der Bevölkerung, mit Firlefanz und Tittytainment in den Medien abgegeben haben. In dieser Zeit hätte in einer soliden Zusammenarbeit mit diesen Ländern, mit dem afrikanischen Kontinent und der dritten Welt insgesamt würdige, an den Bedürfnissen, an den Menschen in diesen Ländern orientierte, nachhaltige Aufbauprojekte entwickelt werden können. Dann wäre der Westen heute nicht in der Position des Imperialismus und des Neokolonialismus. Und unsere Jugend hätte erst noch einen Sinn im Leben, den sie freudig ausfüllen würden.
Und der neue Nahost-Krieg, für den die Weichen nunmehr gestellt sind? Ein Naturereignis? Ein Automatismus? In früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte erzählte man den anvisierten Völkern, dass ihre Götter es so beschlossen hätten, ein böses Fatum breche über sie herein; so sollte ihr Verteidigungswille geknickt werden. Das glaubt heute kein Kindergärtler, auch wenn er aus der Bertelsmannschen Kinderstunde kommt. Wenn es aber um den Nahen Osten geht, wird dem Land, das auf Geheiss des Internationalen Gerichtshofes längst die Mauer abreissen müsste, immer so eine Fatum-ähnliche Rolle zugestanden. Als ob es nicht auch Uno-Mitglied wäre und diverse Resolutionen dort warten und immer weiter warten.
Im «GlobalEurope Anticipation Bulletin Nr. 52» vom 15. Februar 2011 liest sich die Lage etwas  anders. [S. 3-5]

 

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«GlobalEurope Anticipation Bulletin Nr. 52»: Heute jedoch, mit Beginn des Jahres 2011, zweifelt kaum jemand noch daran, dass wir uns in einem historischen Umbruch befinden, mit dem die Nachkriegswelt und mit ihr in erster Linie die USA vor unseren Augen zusammenbrechen. Die Weltordnung der letzten Jahrzehnte zerfällt jeden Tag mehr, während gleichzeitig die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der meisten Staaten dieser Erde weiter zerbröseln. Heute ist dies alles eindeutig. 2006 hingegen waren «Entscheider und Experten» noch so sicher, dass die Gefahr einer grösseren Krise ausgeschlossen war. Und 2009 war es genauso ausgeschlossen, dass die Welt – und öffentliche Ordnung zerfallen könnte. Leider haben sich die Fähigkeiten unserer immer noch gleichen «Entscheider und Experten», die ablaufenden Ereignisse zu antizipieren und darauf zu reagieren, in keiner Weise verbessert. Denn vor kaum einmal zwei Monaten erschien ihnen die Möglichkeit von erfolgreichen Volksaufständen in Tunesien und Ägypten undenkbar. Heute sind Regierungen und internationale Organisationen blind, Experten und Medien überfordert. Die westlichen Eliten und ihre Klone in den anderen Weltregionen preschen weiterhin den Holzweg ihrer obsoleten Wahrheiten entlang, wollen gar noch beschleunigen, um möglichst schnell mit einem Mehr an alten Rezepten die Krise zu überwinden. Das Bild vom Holzweg hinkt, wie alle Vergleiche, etwas, da selbst Heidegger schrieb, dass auch Holzwege weiterführen können, wenn man die Bescheidenheit besitzt, ständig dem Wald und seinen Zeichen zu lauschen.
Aber unsere Eliten ignorieren die Zeichen sogar dann, wenn sie zu ohrenbetäubenden Warnsignalen anschwellen. Dafür können wir sogar ein sehr gutes Beispiel aus jüngster Vergangenheit anführen: Angela Merkel, gefolgt von weiteren hochrangigen Politikern und eminenten Experten sowie den Medien, vergleicht die Ereignisse in Nordafrika mit dem Fall der Berliner Mauer. Wir nutzen diesen Vergleich schon seit 2006, um zu beschreiben, welche Qualität der Niedergang der USA besitzt und bis zu welchem Grad die bestehende Weltordnung dadurch umgekrempelt wird. Dennoch sind unsere Eliten unfähig, dieses Bild weiterzudenken und sich klarzumachen, welche Mauer, die welches Imperium schützt, am Einstürzen ist. Vielleicht sind sie aber auch nur unwillig, weil sie einfach nicht erkennen wollen, dass ihre Welt und damit auch ihre Zeit an der Macht und im Rampenlicht zu Ende ist. Unsere Entscheider und Experten beschreiben, statt zu analysieren.
Wie die Berliner Mauer wurde die «Mauer», die nun einstürzt, sehr wohl von jemandem und mit einem Ziel errichtet. Die Berliner Mauer wurde von der DDR-Regierung als Teil des «Eisernen Vorhangs» errichtet, mit dem die Sowjetunion sich und ihre Satellitenstaaten hermetisch vom Westen abriegeln wollte. Diese Isolation sollte die Herrschaft der kommunistischen Parteien im Ostblock und damit die Kontrolle Moskaus über die osteuropäischen Länder sichern. Im Austausch dafür sicherte Moskau Macht und Privilegien der herrschenden Klasse in den kommunistischen Ländern. Mit dem Fall der Berliner Mauer zerfiel auch das Machtmonopol und der Herrschaftsanspruch der kommunistischen Parteien und somit auch Moskaus Kontrolle über seinen bisherigen Einflussbereich. Die kommunistischen Regime Osteuropas kippten wie Dominosteine. Gerade einmal zwei Jahre später löste sich die Sowjetunion auf.
Wenn also auch in der arabischen Welt vor unseren Augen gerade eine Mauer fällt, dann muss jeder, der versuchen möchte, die kommenden Ereignisse vorherzusehen, sich folgende Fragen stellen: Wer hat diese Mauer gebaut? Und mit welchem Ziel? Die Antworten darauf sind für die, die keine ideologischen Scheuklappen tragen, nicht schwer zu finden:

  • Diese Mauer wurde von den jeweiligen Diktatoren oder Regimen in der Region errichtet, um ihr Monopol auf die Macht im und den Reichtum des Landes zu sichern und zu verhindern, dass der alleinige Machtanspruch für ihre Partei oder ihre Dynastie in Frage gestellt wird. Insoweit gibt es wenig relevante Unterschiede zwischen den Oligarchien in den arabischen Ländern und der Nomenklatura in den kommunistischen Ländern.
  • Diese Mauer war ein Teil der gesamten «Sicherungsanlage», die Washington aufgebaut hatte, um seinen privilegierten, da in eigener reinen Papierwährung bezahlten Zugang zu den Erdölquellen dieser Region zu gewährleisten und die Interessen Israels zu schützen. Die treue Zusammenarbeit der Armeen und Sicherheitsbehörden dieser Länder (ohne Syrien und Libyen) mit dem US-Militär und den amerikanischen Geheimdiensten sicherte (und sichert noch immer) eine bedingungslose Unterstützung Amerikas und ermöglichte (und ermöglicht noch immer) somit den Machthabern in den arabischen Ländern dank Ausschaltung innerer und äusserer Opposition den ungestörten Niessbrauch ihrer Privilegien.


Wenn also die deutsche Kanzlerin auf der Münchner Sicherheitskonferenz ihren Vergleich mit dem Fall der Berliner Mauer etwas weiter gedacht hätte, hätte sie sich eigentlich die Anwesenheit der amerikanischen Aussenministerin Hillary Clinton nutzen können, um ihr die Frage zu stellen, ob die Ereignisse in Tunesien und Ägypten nicht auch nach ihrer Ansicht die ersten Zeichen für den bevorstehenden Fall aller Regime seien, die für ihr Überleben von Washington abhängen; und ob damit nicht auch das gesamte Erdölversorgungssystem der USA, in dessen Aufbau und Erhalt die USA seit Jahrzehnten ungeheure Anstrengungen investieren, vor dem Zusammenbruch stehe? Und damit auch die Rolle des Dollars als Zahlungsmittel für Erdöl und damit wiederum die Rolle des Dollars als Weltleitwährung? Und während bei den Anwesenden auf der Sicherheitskonferenz in München die Erkenntnis einzusickern begonnen hätte, dass endlich über etwas wahrhaft Bedeutendes diskutiert wird, hätte sie noch hinzufügen können: Und was die Lage Israels angeht, meinen Sie nicht auch, dass der Fall dieser «Mauer» auch erfordert, umgehend den gesamten Ansatz der amerikanisch-israelischen Politik in dieser Region auf den Prüfstand zu stellen? Wie durch ein Wunder wäre die Münchner Sicherheitskonferenz in das 21. Jahrhundert versetzt worden und der europäisch-amerikanische Dialog hätte sich endlich mit den realen Themen der Welt beschäftigt, statt weiterhin in der virtuellen Welt der transatlantischen Beziehungen und ihrer ausschliesslichen Konzentration auf die Bekämpfung des Terrorismus zu verharren.
Aber wir wissen alle, dass es zu diesen Fragen und einer anschliessenden Diskussion nicht gekommen ist. Die intellektuelle Geisterfahrt unserer Regierungen wird wohl noch ihre Fortsetzung finden. Damit werden uns die Schocks, die das Jahr 2011 auf Lager hält und über die wir ausführlich in der vorhergehenden Ausgabe des GEAB geschrieben haben, mit aller Härte treffen.    •
Quelle: GlobalEurope Anticipation Bulletin, Nr. 52, 15.2.2011, www.leap.eu