«Too big to fail» oder «too important to fail» immer noch ungelöst

«Kann es eine Wiederholung geben? Ja! Das Problem besteht immer noch … Ungleichgewichte beginnen wieder zu wachsen»

Interview mit Mervyn King, Governor der Bank of England, von Charles Moore

«Vor dem Krieg», sagt Mervyn King, «arbeitete mein Vater bei der Eisenbahn. Während des Krieges war er bei den Royal Engineers [einer speziellen Einheit der britischen Armee] und half bei der Planung des D-Day. Nach dem Krieg nahm er an einem Programm für aus dem Kriegsdienst entlassene Soldaten teil, um Lehrer zu werden. Er war zudem örtlicher Prediger der Methodisten. Er starb erst vor wenigen Wochen. An seiner Beerdigung sagte ich, dass er immer Prediger und Lehrer war – einige werden vielleicht sagen, das liege in der Familie – ich bin stolz darauf.» Der Anflug einer tiefen Rührung ist hinter den berühmten dicken Brillengläsern erkennbar.
Der Gouverneur der Bank of England sitzt in seinem grossen und eleganten Büro, nach vorne geneigt in einem nüchternen geraden Stuhl, der, wie er sagt, besser für seinen Rücken sei. Rund um ihn die Insignien seiner altehrwürdigen Institution. Ein Butler in der berühmten rosafarbenen Uniform der Bank kommt mit einer silbernen Kaffeekanne herein. Aber der kleine, runde, leise sprechende Mann auf dem Stuhl ist kein Citygrande, sondern ein Lehrer, ein Prediger, ein Intellektueller.
Es ist diese Woche zwanzig Jahre her, seit King in die Bank eintrat, eingestellt als ihr Chefökonom. Seine früheren Erfahrungen waren ganz und gar akademisch. Aber «ich wollte Politikgestaltung von innen sehen». Im Jahr nach seinem Eintritt fiel Grossbritannien aus dem Wechselkursmechanismus, und Kings Ideen zum Inflation Targeting [Inflationssteuerung] rückten in den Vordergrund. 1997 rief ihn Eddie George, der damalige Gouverneur, an einem Feiertag in das Büro, in dem wir heute sitzen, um ihm mitzuteilen, dass Gordon Brown am nächsten Tag die Unabhängigkeit der Bank bekanntgeben würde. «Sie können also jetzt nicht gehen, nicht wahr?» sagte George. Er konnte nicht.

Politikgestaltung von innen*

Im nächsten Jahr wurde King stellvertretender Gouverneur. 2003 wurde er Nachfolger von George. Er hat mehr «Politikgestaltung von innen» gesehen, als er sich je hätte träumen lassen – «eine Periode von gewaltiger historischer Bedeutung».
Der junge Mervyn «wollte eigentlich Kosmologie studieren», konnte aber die richtige Studienveranstaltung nicht finden und ging daher 1966 als Mathematiker ans King’s College in Cambridge, stieg aber umgehend auf Wirtschaftswissenschaft um.
Er liebte Cambridge, aber die Ökonomie ging zu sehr auf Keynes zurück. Während seiner Postgraduate-Tätigkeit in Harvard hat er «gemerkt, dass Volkswirtschaft eine ernsthafte Disziplin sein könnte». Als gescheiter junger Mann, legte er «übermässiges Gewicht» auf ökonomische Modelle. «Man hat das Gefühl, ‹meine Modelle werden viel bewirken›. Jetzt, wo ich älter werde, lege ich mehr Gewicht auf Geschichte. Alfred Marshall (der die Ökonomie in Cambridge als eigenständiges Studienfach begründete) hatte absolut recht damit, dass man Mathematik betreiben, aber dann das Papier verbrennen und das in Worten zu Papier bringen sollte.» Mathematik und Modelle sollten «Hilfen für das Denken, nicht Ersatz dafür» sein. Er denkt, die Leute hätten sich während der grossen Finanzkrise daran erinnern sollten. Sagen Sie mir, frage ich ihn, was ein Laie lesen sollte, um das grosse Desaster zu verstehen, in das wir noch immer verwickelt sind. Es sind zwei Bücher, sagt er. Eines ist der Klassiker aus dem 19. Jahrhundert von Walter Bagehot, «Lombard Street»1, eine «wunderbare Beschreibung der Leute, welche die Finanzmärkte zum Funktionieren brachten – sie sind immer noch die gleichen – und die ­Popularisierung der Idee des Lender of Last Resort [Kreditgeber letzter Instanz].» Das andere handelt von der [aktuellen] Kreditkrise selber; es ist «The Big Short» von Michael Lewis2. Es erklärt, sagt King, warum einige wenige Personen nicht daran glaubten, dass die Kreditvergabe im US-Subprime Markt funktionieren würde, aber «wie schwierig es für sie war, die Wette abzuschliessen, die sie abschliessen wollten und wie der grosse Bankenapparat darauf ausgerichtet war, das Gegenteil zu tun.»

Den Banken fehlt der Sinn für langfristige Beziehungen

Nun geht der Gouverneur darauf los, warum das alles eine moralische Dimension hat: «Je mehr ich über die Funktionsweise von Arbeitsmärkten nachgedacht habe, desto mehr habe ich festgestellt, dass es kaum Berufe gibt, deren Aufgaben man exakt beschreiben kann. Heutzutage haben die meisten Jobs die Eigenschaft, dass Angestellte wählen können, ob sie sie gut oder schlecht machen, daher sollten Arbeitgeber über das langfristige Wohl ihrer Mitarbeiter nachdenken, nicht nur über den heutigen Lohn.» Daraus folgt, dass die moralische Einstellung entscheidend ist. Die Industrie begreift das oft gut. Am Standort Sunderland fragt Nissan alle Arbeiter nach Ideen zur Erhöhung der Produktivität, und, sagt King, profitiert davon.
Der Gouverneur legt grossen Wert darauf, verarbeitende und Dienstleistungsbetriebe im ganzen Land zu besuchen. Solche Firmen zahlen weit tiefere Belohnungen, haben aber «eine unglaublich erfolgreiche Bilanz. Sie kümmern sich sehr um ihre Belegschaft, um ihre Kunden und sind vor allem stolz auf ihre Produkte.» Bei den Banken ist das anders. «Dort fehlt dieser Sinn für langfristige Beziehungen (daher der Rückgang der lokalen Filialleiter). Die Haltung gegenüber den Kunden ist eine andere. Kleine und mittlere Betriebe merken wirklich, dass sie die Ansprechpartner vermissen, die sie kennen.»
Er denkt auch, dass «zuviel Gewicht auf die Bedeutung und den Wert von Übernahmen gelegt wird.» Sie erzeugen kurzfristige Profite, «aber es macht keinen Sinn, ein angesehenes Unternehmen zu zerstören.» Seit dem grossen Knall Ende der 1980er Jahre, fährt King fort, haben zu viele in den Finanzdienstleistungsbetrieben geglaubt, «wenn es möglich ist, sich an leichtgläubigen und arglosen Kunden zu bereichern, sei das absolut akzeptabel». Gute Unternehmen «wahren eine klare Vorstellung davon, wer ihre Kunden sind, und werden von Leuten geführt, die nicht glauben, sie müssten einfach die Profite der nächsten Woche maximieren». Aber in den letzten 25 Jahren haben die Banken zunehmend «mit dem Geld anderer Leute spekuliert».

Jedermann sah es kommen, aber niemand wusste, wann

Das ist schlimm genug, aber es wird noch viel schlimmer, «wenn die Spielregeln so sind, dass sie herausgehauen werden, wenn alles schiefgeht.» In dieser seltsamen Atmosphäre haben Banken schliesslich aufgehört, sich gegenseitig zu vertrauen. «Finanzdienstleister lieben das Wort ‹Casino› nicht, aber es wurden Instrumente geschaffen, die nur innerhalb der Finanzkreise gehandelt wurden. Es war ein Nullsummenspiel. Niemand wuss­te, wer die Gewinner sein würden, wenn die Krise zuschlägt. Jeder wurde zum Verdächtigen. Daher wollte niemand irgendeiner solchen Institution Kredit geben.»
Northern Rock hätte vermieden werden können, wenn Grossbritannien nicht «das einzige G-7-Land gewesen wäre, das kein gesetzliches Abwicklungsverfahren [gesetzliche Vorschriften zum Vollzug eines Konkursverfahrens] gehabt hatte. Wir waren dabei, einen im Planspiel zu simulieren, aber die Gesetzgebung stand noch nicht bereit.» King ist der Meinung, dass «alle britischen Banken durch Bankanstürme in Mitleidenschaft gezogen worden wären, hätten wir nicht RBS und HBOS gerettet [Royal Bank of Scotland und Halifax Bank of Scotland, die im September 2001 durch die Fusion des Konzerns Halifax plc (frühere Halifax Building Society) mit dem Konzern Bank of Scotland entstand]. Sie haben das Wesen der Risiken, die sie eingingen, nicht verstanden.» Aber war der Gouverneur selber frei von Schuld? Hat er der Königin je die Antwort gegeben auf ihre berühmte Frage: «Wenn diese Dinge so gross waren, warum hat sie niemand kommen sehen?»
Er sagt, er habe letztes Jahr ein Treffen mit der Königin gehabt. Ich lächle beim Gedanken, «King und Queen» sozusagen. Was hatten sie einander gesagt? Ich glaube, der Gouverneur hätte mir gerne mehr gesagt, aber er zügelte sich selbst: Nach Gesprächen mit der Königin ruft er mir in Erinnerung, «darf man keinem andern Sterblichen ein Sterbenswörtchen davon sagen». Er hält ihre Fragen für gute Fragen. Seine Antwort auf Ihre Majestät lautet, dass «jedermann es kommen sah, aber niemand wusste, wann. Es ist wie bei einer Erdbebenzone. Man sollte versuchen, Gebäude in einer robusteren Art und Weise zu bauen.» Aber er bezieht sich in die Kritik mit ein. «Ich wünschte, ich hätte energischer über den Aufbau des Leverage3 gesprochen.»
Er glaubt jedoch, dass die Abhilfemassnahmen der Bank richtig waren. «Quantitative ­Easing [quantitative Lockerung]» ist ein neuer Begriff, aber «das ist wirklich sehr traditionelle Geldpolitik. Erstmals in meinem Leben war die Geldmenge zu langsam gewachsen.» Was man 2008 und 2009 getan hatte, «verhinderte eine Wiederholung der Grossen Depression».

Das ‹too important to fail›-Problem ist noch nicht gelöst

Die Bank produzierte Geld und «kaufte Papier des privaten, nicht des öffentlichen Sektors», so dass andere Einrichtungen als die Banken davon profitieren konnten. Sie beteiligte sich nicht an der Auswahl der zu bevorzugenden Vermögenswerte. Einige Zentralbanken allerdings gingen weiter und man sah, wie sie «in den Kreditvergabemechanismus eingriffen. Das hat das Leben viel schwieriger gemacht. Man betrachtet das als quasi-politisch, quasi-finanzpolitisch. Wir haben uns bewusst davon ferngehalten.» Aber auch wenn King glaubt, das der schlimmste Teil der Krise korrekt gehandhabt wurde, glaubt er nicht, dass wir das Schlimmste schon überstanden hätten. «Wir haben den Aufbau eines (Banken-)Systems zugelassen, das den Keim seiner eigenen Zerstörung in sich trug», und das ist nach wie vor nicht behoben: «Wir haben das ‹too big to fail›-, oder wie ich es lieber nenne, das ‹too important to fail›-Problem noch nicht gelöst. Das Konzept des ‹Zu-Wichtig-Sein-um-Unterzugehen› sollte in einer Marktwirtschaft keinen Platz haben.»
Ich zitiere ihm die jüngsten Äusserungen von Stephen Hester, dem CEO der sich weitgehend in staatlichem Besitz befindlichen RBS [Royal Bank of Scotland], mit denen er gleichzeitig zu sagen schien, dass RBS wenig Steuern zahlen solle, weil sie wenig Gewinn gemacht habe, aber auch grosse Boni zahlen sollte, weil ihre Investmentabteilung grosse Profite gemacht habe. King nickt. Die Äusserung illustriert, sagt er, den Konflikt zwischen Grossbanken und den Ambitionen der Investmentbanken. Die Kernfrage ist seiner Meinung nach nicht, warum einzelne Banken sagen, sie müssten Boni zahlen (als Grund wird immer das Halten von Talenten angeführt), sondern: «Warum wollen Banken überhaupt Boni zahlen? Das liegt daran, dass sie in einer ‹too big to fail›-Welt leben, in welcher der Staat sie aus einem Abwärts­trend durch finanzielle Stützung herausholen [bail out] wird.» Sie werden zu exzessiven Risiken und übermässigen Zahlungen verleitet: «Es ist sehr unproduktiv, einzelne Individuen herauszugreifen. Die Banker haben Anreize erhalten, um sich so zu verhalten, wie sie es taten. Das ist es, was verändert werden muss. Wir müssen dieses Problem lösen.» Er setzt grosse Hoffnung darauf, dass die Unabhängige Bankenkommission das tun wird. Nach Ansicht des Gouverneurs ist das letztlich keine technische, sondern eine moralische Frage. Es rührt an den Kern der Frage, ob die Menschen bereit sind, das Leben in einer freien Wirtschaft zu akzeptieren.

Die Institute, die gerettet wurden, waren diejenigen im Zentrum der Krise

Im Laufe der letzten 30 Jahre, sagt er, «haben wir Grossbritannien verändert, weg von eine sklerotischen, unproduktiven Wirtschaft mit Problemen in den Arbeitsbeziehungen. Jedermann kam an den Punkt, an dem wir nicht länger erwarteten, dass die Regierung uns heraushole. Jedermann hat sich auf die Marktdisziplin eingelassen. Wir waren alle finanziell besser gestellt. Es hat sehr erfolgreich funktioniert.» Aber jetzt haben die Leute jedes Recht, zornig zu sein, denn «aus, wie es ihnen schien, heiterhellem Himmel» kommt die Krise, sie stellen fest, dass sie ihre Arbeitsstellen verlieren und der stärkste Rückgang des Welthandels seit 1930 stattfindet. «Aber, Überraschung, Überraschung, die Institute, die gerettet wurden, waren diejenigen im Zentrum der Krise. Hedgefonds durften untergehen, 3 000 von ihnen sind verschwunden, nicht aber die Banken.» Könnte es eine Wiederholung geben? «Ja, das Problem besteht noch immer. Die ‹Fahndung nach Gewinn› geht weiter. Ungleichgewichte sind wieder am Zunehmen.»
Ich möchte die eigene Einschätzung des Gouverneurs, wie er den Kater nach der Party handhabt. Stimmt es, was Ed Balls behauptet haben soll, dass er zu politisch sei (was aus dem Munde von Balls heisst, zu sehr Tory sei)? King lehnt es taktvoll ab, anzunehmen, dass dies notwendigerweise die Sicht des Schattenkanzlers ist: «Die ‹Financial Times› hat berichtet, er habe das gesagt. Ich ziehe es vor, zu lesen, was die Leute tatsächlich sagen. Ich nehme Zeitungsschlagzeilen nicht für bare Münze.» Sein Hauptpunkt aber ist einfach: «Es ist undenkbar, dass der Gouverneur keine Meinung hat zur Grösse des Defizits und zur Notwendigkeit, es zu reduzieren. Für mich wäre es ein Pflichtversäumnis, nicht zu warnen. Man braucht einen glaubwürdigen Plan, um es im Laufe der Legislaturperiode zu reduzieren. Aber es ist an den Ministern, nicht an mir, zu sagen, wie das getan werden sollte.»

Die Opfer der Inflation tun ihm auch sehr leid, vor allem die Sparer

Er ist überzeugt, dass hinischtlich der Notwendigkeit, das Defizit zu reduzieren, unter den Parteien Gemeinsamkeit besteht und beansprucht für sich, «mit allen drei Kanzlern seiner Amtszeit eine gute Beziehung» gehabt zu haben. Was ist mit dem Mann, der eine Tür über Alistair Darling in der Downing Street war? King lächelt dünn: «Das müssen andere sagen … Wir haben während der Sanierung gut zusammengearbeitet.»
Er ist entschieden der Meinung, dass die Unabhängigkeit, die Gordon Brown einführte, gut funktioniert. WikiLeaks ertappte ihn dabei, als er über David Cameron und George Osborne, die dazu in Opposition standen, sagte, sie seien zu unerfahren. Das sieht er heute nicht mehr so: «Ich denke, Leute lernen bei der Arbeit sehr schnell.»
Jetzt aber, reklamiere ich, haben wir eine Inflation von 4 Prozent, was 100 Prozent mehr ist als die 2 Prozent, die vorgesehen waren. Der Mathematiker in ihm lacht über die Art der Darstellung: «Wäre unser Ziel Null Prozent und hätten wir eine Inflation von 0,1 Prozent, lägen wir unendlich hoch über der Vorgabe!» Ja, aber er war immer ein «Falke» bezüglich Inflation. Ist er das noch immer? «Ja, es ist befremdlich, zu lesen ich sei schrecklich taubenhaft. Vor der Krise gab es 14 Anlässe, bei denen ich in der Minderheit war, als ich für höhere Raten stimmte. Seither gab es eine Gelegenheit, bei der ich im umgekehrten Sinne in der Minderheit war.» Nachdrücklich betont er, dass er zur Zielvorgabe zurückkommen möchte, und das sie das auch tun werden: «Deshalb bin ich (für diese zweite Amtszeit) bei der Bank geblieben.» Danach, nach der schlimmsten Finanzkrise seit Menschengedenken, «wäre es ein sehr bedeutender Erfolg, wenn die Leute zurückschauen und sagen könnten, dass die Inflation wieder auf Kurs gekommen ist.»
Er nimmt das Wort nicht in den Mund, aber er spricht offensichtlich über seine Hinterlassenschaft nach seinem Weggang im Jahr 2013. Die Opfer der Inflation tun ihm auch sehr leid, vor allem die Sparer, die «einen scharfen Einschnitt beim Lebensstandard [erleiden]. Es ist für sie zutiefst beunruhigend. Sie waren besonnen vor der Krise.» Aber wenn er die Zinssätze zu früh erhöhen würde, wäre das, wie er kürzlich sagte, die «sinnlose Gebärde» aus der Darstellung des Battle of Britain in Beyond the Fringe. Die Einschränkung des Lebensstandards ist «unvermeidlich» – wegen der überseeischen Öl- und Rohstoffpreise und des Defizitabbaus; daher kann man sicher nicht behaupten, sagt der Gouverneur, dass «das, was Grossbritannien braucht, eine tiefere Rezession ist.» Natürlich müssten die Raten irgendwann steigen, und es gibt «einen absolut vernünftigen Grund, es jetzt zu tun», aber es geht darum, 18 Monate oder 2 Jahre vorauszublicken, es geht um den «Risikoausgleich». Er sagt, der Einschnitt bei den Lebensstandards ist «scharf und anhaltend» gewesen und sie «werden den Druck dieses Jahr noch etwas mehr erleben» bevor danach «fast sicher» die Erholung kommt.

Wirtschaft und Ethik müssen zusammengehen

Wir kommen langsam zum Ende, und ich komme auf die Hauptbotschaft des Predigers zurück. In einer kürzlich gehaltenen Rede zitierte Mervyn King den Grundsatz von Tolstoi, dass «Glück weniger wichtig ist als zu versuchen, richtig zu leben.» Was ist die richtige Art? King sieht die Aufgabe darin, dorthin zurückzukehren, wo wir vor alledem waren. «Grossbritannien ist gut aufgestellt, um ein internationales Bankenzentrum zu sein, aber wir können uns das nicht leisten, wenn es immer wieder einmal vom britischen Steuerzahler abhängig ist.»
Wir müssen uns von der Idee befreien, dass «etwas, das schnell wächst, gut sein muss. Jede Aufsicht sollte sagen: ‹Die Banken, um die ich mich kümmern sollte, sind nicht nur diejenigen, die Geld verlieren, sondern auch diejenigen, die eine Menge Geld machen.›» Er fährt weiter: «Was ich während meiner ganzen Zeit bei der Bank versucht habe zu tun, ist allgemeine Regeln aufzustellen. Man kann sich nicht auf die Weisheit Einzelner verlassen. Bevor ich gehe, will ich sicherstellen, dass der richtige Rahmen für die Geldpolitik, für Finanzstabilität und die Überwachung der Banken vorhanden ist (eine Aufgabe, welche die Koalition nun an die Bank of England zurückgibt).»
Hat er Vergnügen an alledem? Wäre dieser Mann der Ideen in seiner grossen Bibliothek nicht glücklicher? Seine Augen leuchten. «Ich freue mich darauf, zu meinen Büchern zurückzukehren (zur gegenwärtigen Lektüre gehören Niall Fergusons Buch «Civilization» und Chinua Achebes «Anthills of the Savannah») und Cricket zu schauen und Tennis zu spielen. Aber ich möchte das um alles in der Welt nicht missen. Auf Grund des Druckes ist Vergnügen das falsche Wort. Ich habe nie erwartet, eine Krise diesen Ausmasses zu erleben, aber es ist faszinierend und ein Privileg, diese Arbeit zu tun.»
Da ihm die Kultur des Bankwesens so unangenehm ist, wäre er nicht besser Industrieller geworden? «Nein, ich bewundere Leute wie John Rose bei Rolls-Royce oder John Parker bei National Grid», aber seine Arbeit ist «in erster Linie eine intellektuelle Herausforderung, wo ich Sachverhalte klar sehen und offen darüber sprechen muss.» Eine Art Professor sein, nur viel, viel spannender.
Wir diskutieren über Banknoten. King hat entschieden, dass die nächste 50-Pfund-Note die Erfindungs- und Fabrikationspartnerschaft von Matthew Boulton und James Watt abbilden sollte. Noch stolzer ist er aber, Adam Smith für die 20-Pfund-Note ausersehen zu haben. Smith gibt das Modell für den richtigen Weg ab: seine Wirtschaftstheorie im «Wohlstand der Nationen» war weise und wahr, aber Smiths anderes Buch, «Die Theorie der ethischen Gefühle» beweist, sagt King, dass «Wirtschaft nicht alles ist im Leben. Man muss die beiden zusammen nehmen.»    •

1    Walter Bagehot. Lombard Street.
2    Michael Lewis. The Big Short. Inside the Doomsday Machine. 2010
3    Hebelwirkung, durch die ein eingesetztes Kapital von der eintretenden Entwicklung überproportional betroffen wird. Liegt z. B. der effektive Zinssatz für Kredite unterhalb der Verzinsung am Kapitalmarkt, kann der Anleger mit aufgenommenen und wieder am Kapitalmarkt investierten Geldern die Rentabilität seiner Anlagen erheblich erhöhen. Verkehrt sich der Zinstrend, verliert er dagegen überproportional.

Quelle: © Charles Moore / The Daily Telegraph UK, 4. März 2011. http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/8362959/Mervyn-King-interview-We-prevented-a-Great-Depression...-but-people-have-the-right-to-be-angry.html  Übersetzung Zeit-Fragen

*Die Zwischentitel wurden von der Redaktion gesetzt.

Schuldenvernichtung durch Krieg: (K)EIN MODERNES MÄRCHEN

zf. Wir hatten in der vorletzten Nummer das nebenstehende Zitat eines Obama-­Beraters abgedruckt, wonach die Schulden der USA nicht rückzahlbar seien und als Ausweg ein Krieg oder ein Wirtschaftkrieg offen stehe. Wir haben einen Fachmann gebeten, diesen zynischen und unmenschlichen Mechanismus zu beschreiben. Hier seine Antwort:
«Kriegsvorbereitung oder Kriegseintritt bedeutet für ein Land stets Ausserkraftsetzung ordentlichen Rechts. Plötzlich wird alles nach Notrecht, Notverordnung geregelt, was auch bekannte Ordnung und Rechtswege massiv verändert.
Durch das Notrecht wird dem Staat das Recht erteilt, bestehende Vorschriften, Gesetze ausser Kraft zu setzen und neu rein situativ zu handeln. Er ist nicht mehr an Schuldengrenzen gebunden, er kann eigene Obligationen drucken und von der Staatsbank verlangen, dass diese von ihr gekauft werden.
Er kann dem Volk für Anleihen einen Traumzins versprechen, er kann Vermögensteile (weg)besteuern, Notabgaben einführen, Importe praktisch verbieten und eigene Produkte massiv subventionieren, die Inflation in die Höhe treiben und/oder alles Bewährte auf den Kopf stellen und Unsinn anordnen.
Durch hohe Inflation vermindert der kriegsführende Staat seine Staatsschulden oder bestimmt, dass diese in Raten über 50/60 Jahre zurückbezahlt werden. Er kann auch ein gewisses Steuersubstrat vor Inflation schützen, indem Zwangsabgaben jeglicher Art (Dienstleistungen, Produkte) schon beim Hersteller erfolgen (analog MWST) usw.
Das erwünschte Resultat ist, bedingt durch Kriegswirtschaft, eine Hochkonjunktur mit hohen Löhnen und hoher Inflation, die sehr viel höheres Steueraufkommen und hohes Kaufverhalten ermöglicht. Die Schulden schmelzen dadurch dahin wie der Schnee an der Mittagssonne.
Ein solches Staatsverhalten ist in Friedenszeiten nur in Diktaturen möglich, denn es setzt alle Möglichkeiten des Bürgers nach Wohlstand und Freiheit ausser Kraft und bevorzugt allenfalls Spekulanten, bestechliche Beamte und sogenannte Kriegsgewinnler.
Das alles funktioniert natürlich nur, wenn der Krieg gewonnen wird oder so lange er läuft. Es zahlt immer der Verlierer. Wenn der Krieg verlorengeht, schaut das Elend aus hohlen Augen auf den nächsten Winter.»
C.L., Wettswil

US-Regierungsberater:
Das Schuldenproblem lösen wir mit Krieg
Aus einem längeren Interview in der «SonntagsZeitung» vom  27.2.2011
«SonntagsZeitung»: Werden die USA das Schuldenproblem lösen können?
Parag Khanna: Nein.
Das ist eine kurze Antwort.
Es wird keinen Staatsbankrott geben, aber der Wert der Schulden wird verringert werden müssen, sei es durch einen Handelskrieg oder einen echten Krieg. Unsere Schulden sind unbezahlbar geworden.
Parag Khanna, US-Aussenpolitikexperte und Regierungsberater im Team von Barack Obama, Direktor beim Think tank New America Foundation, ab 2007 Berater der US-Streitkräfte und ab 2008 im Wahlkampfteam von Barack Obama
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me. Wenn man das so hört und nicht an spontane Volksaufstände glaubt, wenn man den Ablauf mit Libyen doch für etwas gar geschmiert erachtet, könnte dies jetzt der Auftakt zum «Ich-werd’-die-Schulden-los-Krieg» sein. Und das alles nur, weil der Dollar vom Thron steigen muss. Er wird nicht vernichtet, er muss nur vom Thron. Das soll so viele Menschenleben wert sein?