Für unsere Bienen – die Kornblume

von Helmut Hintermeier, Gallmersgarten, Deutschland

Wer sich an frühere Heuwiesen erinnert, der kennt sie von weitem; die Kornblume mit ihren intensiv blauen Blüten ist ein ausgesprochener Liebling der Menschen. Gross ist der Nutzen der Kornblume als Nektar- und Pollenspender für die Insektenwelt.

Die eigentliche Heimat der Kornblume (Centaurea cyanus) ist das Mittelmeergebiet, Sizilien, über die südliche Balkanhalbinsel hinweg bis nach Vorderasien. Mit dem Getreideanbau wurde sie fast über die ganze Erde verbreitet, doch fand sie in Mitteleuropa keinen Eingang in die natürlichen Pflanzengesellschaften. Sie wächst vorwiegend im Wintergetreide, vor allem in Roggenfeldern. Da dieser Korbblütler nur kleine, behaarte Blätter und einen harten Stengel besitzt, kommt er selbst mit den geringen Wassermengen trockener Sandböden zurecht. Lange Zeit war die auch als Kornnägele, Blaumütze, Roggen- oder Kaiserblume bekannte Kornblume durch Überdüngung, Saatgutreinigung und Wuchsstoff-Herbizide selten geworden. Heutzutage ist sie wieder häufiger anzutreffen, vor allem auf Feldern mit biologischem Anbau und extensiver Bewirtschaftung, aber auch dort, wo ein Ackerrandstreifen-Schutzprogramm praktiziert wird.

Auf Fremdbestäubung eingestellt

Die prächtig blauen Blütenköpfe der Kornblume (der blaue Blütenfarbstoff ist Anthocyan) bestehen ausschliesslich aus Röhrenblüten, von denen die randständigen unfruchtbar sind: Sie sind zu einem langen fünfstrahligen Trichter ausgezogen und dienen lediglich als Schauapparat, das heisst als Blickfang für Insekten, da sie die blau gefärbte Fläche des Körbchens von 2 auf 5 cm vergrössern. Nur diese etwa acht Randblüten reflektieren die für das Insektenauge sichtbaren UV-Strahlen. Nektar wird in den zwittrigen Scheibenblüten abgesondert. Es sind Röhrenblüten, die sich oben zu einer kleinen fünfzipfeligen Glocke erweitern. Wie bei der Sonnenblume umschliesst die Staubbeutelröhre den Griffel. Berührt ein Insekt mit seinem Rüssel die reizbaren «Tasthaare» der Staubfäden, ziehen sich diese zusammen. Dadurch wird die Staubbeutelröhre herabgezogen, der in ihr lagernde Pollen durch den Griffel ruckartig herausgeschoben und an das Haarkleid des Besuchers gepresst. In älteren Blüten wächst der Griffel aus der Röhre heraus, die Narbenäste spreizen sich und können nun mit Fremdpollen bestäubt werden, die ein Insekt von jüngeren Blüten mitbringt. Bienen, Hummeln, Fliegen, Falter – Kornblumen halten für ihre Gäste viel Nektar und sehr viel Pollen bereit. Nektar saugend wurden beobachtet: die tagaktive Gammaeule (Autographa gamma), der Grosse und Kleine Kohlweiss­ling (Pieris brassicae und Artogeia rapae), der Hecken- oder Rapsweissling (Pieris napi) und der Kleine Fuchs (Agiais urticae). Letzterer bildet mit seinen kräftig orangeroten Flügeln einen besonders hübschen Anblick auf den azurblauen Blüten. Auch die Kleine Keilfleckschwebfliege (Eristalis arbustorum) und die Schnauzenschwebfliege (Rhingia rostrata) finden sich an der «Nektarbar» ein. Das Gros der Gäste bilden jedoch die Hautflügler: Pollen und Nektar sammelnd wurden Dunkle Erdhummel (Bombus terrestris), Steinhummel (Bombus lapidarius), Gartenhummel (Bombus hortorum), Ackerhummel (Bombus pascuorum) und Waldhummel (Bombus sylvarum) angetroffen. Auch sieben Wildbienenarten verproviantieren ihre Brutzellen mit Kornblumenpollen: die Zweifleckige Pelzbiene (Anthophora bimaculata), die Sandbiene (Andrena nigriceps), die Furchenbienen (Halictus scabiosae und Lasioglossum convexiusculum), die beiden Keulhornbienen (Ceratina callosa und C. cyanea) sowie die Mohn-Mauerbiene (Osmia papaveris, Westrich 1990). Die zuletzt genannte Mohn-Mauerbiene tapeziert den Eingangsstollen und die Brutzelle ihres unterirdischen Nestes mit Blütenblattstücken aus, welche häufig auf Mohn gewonnen werden.

Häufigster Gast: die Honigbiene

Die Kornblume bildet eine ergiebige Nektarquelle unserer Honigbienen, wenngleich sie mittlerweile vielleicht als eine der Trachtpflanzen eingestuft werden muss, da grosse Kornblumenbestände immer mehr verschwinden. In Süd-, West-, Ost- und Nord­europa gehen die Bienen noch in die Kornblume und machen daraus einen hocharomatischen, leicht flüssigen, hellgelben Honig mit angenehmer Würze. Kenner behaupten, er würde vor der Ernte grünlichblau in den Waben schimmern. Kornblumennektar ist bereits bei der Absonderung durch die Nektar­drüsen gelb gefärbt: Löst man Kornblumenhonig in Wasser und filtriert die Pollen heraus, bleibt die Honig­lösung gelb. Die Nektarabsonderung der Blüten erstreckt sich über den ganzen Tag mit einem Höhepunkt um 11 Uhr. Bienen sammeln in den Kornblumen auch Pollen, der in kleinen, kompakten, hellgrünen Höschen eingetragen wird. Im Mittel liegt der Anteil der Kornblumenpollen zwischen 13 und 25 Prozent, kann hin und wieder aber auch bis gegen 60 Prozent erreichen.

Beliebte Symbolpflanze

Die Blaue Blume ist ein zentrales Symbol der Romantik. Sie steht für die Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Als reale Entsprechungen der Blauen Blume wurden oft heimische blau blühende Pflanzen angesehen, wie etwa die Wegwarte oder eben die Kornblume. Sie war einstmals so verbreitet, dass ihre Farbe zum Sprichwort geworden ist («kornblumenblaue Augen»). Von einem alltäglichen Ackerunkraut wandelte sie sich zum Symbol einer neuen Natürlichkeit und mit der Mythenbildung um die 1810 jung verstorbene Königin Luise zur «preussischen Blume». Den entscheidenden Anstoss für den Kornblumenkult des 19. Jahrhunderts hatte Luises Sohn, der spätere Kaiser Wilhelm I., gegeben, der in Erinnerung an seine Kindheit, die «preussisch blaue» Kornblume zu seiner Lieblingsblume erklärt hatte. In Österreich war sie sogar zum Abzeichen der deutsch-nationalen politischen Parteien geworden. Auch in Frankreich diente die Kornblume als Symbol einer politischen Partei.

Attraktive Gartenformen

Die Einstellung der Menschen zu bestimmten Ackerunkräutern, wie Klatschmohn (Papaver rhoeas), Kornrade (Agrostemma githago) oder Kornblume, war immer schon toleranter als gegenüber anderem Unkraut. Das satte Blau der Kornblume durfte in keinem Feldblumenstrauss fehlen, und wenn die Schnitter die goldenen Ähren zum Erntekranz wanden, flochten sie auch «blaue Cyanen» mit ein. Mädchen flochten sich gerne einen Kornblumenkranz fürs Haar. Die Verehrung reicht bis in unsere Zeit. Als vor einigen Jahren ein bekannter Showstar heiratete, muss­te die Braut unbedingt einen Kornblumenstrauss tragen. Es verwundert daher nicht, dass Kornblumen schon seit Jahrhunderten im Garten kultiviert werden. Die Pflanzenzüchtung hat inzwischen Sorten mit weissen, rosafarbenen, kirschroten, kastanienbraunen und tiefblauen Farben hervorgebracht. Die im Frühjahr oder Herbst ausgesäten Kornblumen können im Garten überall wachsen. Zusammen mit dem Rot des Mohns und dem Weiss der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) bilden sie einen fantastischen Anblick.

Erschienen in Schweizeriche Bienen-Zeitung, Nr. 06, Juni 2011, ISSN 0036-7540

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ab. Seit über 10 Jahren bereitet das Bienensterben die grössten Sorgen. Anfänglich traten die mysteriösen Winterverluste nur in einzelnen Ländern auf, dann füllte sich die Länderkarte rund um den Globus Jahr um Jahr. Inzwischen sind fast alle dabei.
In der Schweiz stehen die Bienen seit einigen Jahren unter dem Schutz des Seuchenparagraphen. Die Imker haben in ihrem Fachverband sorgfältige Beratung und stete Weiterbildung, die kantonalen Inspektoren überwachen das Ganze und stehen ihrerseits mit Rat und Tat zur Seite. Seit der Bund der eidgenössischen Forschungsstation mit einem neuen Kredit beigestanden ist, konnten zusätzliche Forscher angestellt werden: Insektologen, Virologen, Biologen. Sie arbeiten auf Hochtouren und in Spitzenqualität. Sie haben sich mit den anderen Forschern im Fachgebiet weltweit vernetzt. Die Zusammenarbeit ist mustergültig. Es stimmt nicht, dass die Meinungen weit auseinandergehen!
Die Varroa-Milbe überträgt Viren ins Bienenvolk. Das hat sie schon immer getan, ohne dass ganze Völker daran zugrunde gegangen wären. Mit den heutigen wissenschaftlichen Möglichkeiten wird jedes Virus natürlich genau analysiert. Eines darunter fiel der neuen Forschungsequipe in Liebefeld besonders auf – mit ähnlicher Bauart wie das Aids-Virus! Sie gingen auch allen weiteren Faktoren nach, die eine Rolle spielen könnten: GVO-Pflanzen sind kein Kausalfaktor. Ein Zusammenwirken von vielen Umweltfaktoren war dann das vorläufige Fazit. Also gingen Imker und Landwirte an die Arbeit, um einen Faktor nach dem andern zurückzudrängen. Sauerbrut und Faulbrut, zwei ältere Bienenkrankheiten, werden behandelt und wenn möglich eliminiert. Die Kreiselmäher, die Bienen im Tagflug auf dem blühenden Klee wie Kriegsflugzeuge in Massen «püriert» haben, fahren nur noch spät abends oder frühmorgens, wenn die Bienen noch nicht ausgeflogen sind. In den Obst­anlagen wird generell sparsamer gespritzt und auch das nur noch zu Nicht-Flugzeiten. Allgemeine Luftverschmutzung? Ist schwer zu beurteilen. Es sind alle an der Arbeit. Nur: Die Bienen sterben auch auf ­Bio-Betrieben mit Nachbarbetrieben, die auch schonendster Landwirtschaft verpflichtet sind, ohne Monokultur-Äcker weit und breit, ohne Obstplantagen, ohne Stadt oder Autobahn oder Industrie in der Nähe …
Was mehr aufgebaut werden müsste und wo alle Mitbürger dazu beitragen können, ist das Zur-Verfügung-Stellen von Bienennahrung in der Nähe der Stände durch den ganzen Sommer. Im Frühjahr und Frühsommer blüht in der Natur sehr vieles. Seit es mehr Ökowiesen gibt – die allerdings ein Heu ergeben, das kaum einer Tierart verfüttert werden kann, weil es zu stark verholzte Teile drin hat – blühen bis Mitte Juni viele Gras- und Blumenarten. Doch dann kommt das Sommerloch bis zur «Waldtracht», die sehr wetterabhängig ist. Und da kann ein grosser Beitrag von allen geleistet werden. Die Schweiz ist ein Land mit wunderschönen Blumengärten rund um unsere Häuser: Einige Kornblumen haben überall noch Platz – zwischen Rosen und Ringelblumen, zwischen Salat und Gemüse, zwischen Pfefferminze und Beinwell (den übrigens nicht nur die Hummeln aufsuchen, sondern auch – vor allem gegen Abend beim Nachhausekommen – unsere Honigbienen). Sie erhalten die Kornblumen  beim Gärtner als Setzlinge und können sie an einer geschützten Stelle auch jetzt noch aus Samen ziehen. Der Sommer dauert noch lange und ausserdem: Wenn eine Zwiebel ausblühen möchte, lassen Sie sie gewähren. Sie ergibt eine wunderschöne Blüte – die Bienen lieben sie. Auch beim Broccholi einige Pflanzen aufblühen lassen – Sie werden selber Freude haben am Insektenbesuch. Himbeeren – bei der Blüte ein «Chäferfest» und wenn die Beeren reif sind, einige hängenlassen, bis sie überreif sind: Dann wird ein Einzelkügelchen nach dem anderen über Tage ausgelutscht, vor allem aber am Abend, wenn die Bienen müde vom Tagewerk nach Hause kommen. Essen Sie gerne Aprikosen? Schenken Sie eine überreife den Bienen – in zwei Hälften auf ein Tellerchen gelegt in die Nähe des Bienenstandes. Sie selber können dann gegen Abend eine Weile in der Nähe dazu­sitzen und über den Sinn des Lebens und unseres menschlichen Tuns nachdenken.
Hochgradig alarmierend ist nämlich, dass Bienenforscher Peter Gallmann von Agroscope Liebefeld-Posieux nun sagt, dass es keine Wildbienen mehr gibt. Der Honigbiene können wir Menschen beistehen, so gut es geht, die Wildbienen waren dem Ganzen alleine ausgesetzt.
Und noch etwas steht aus, wo der Wille aller gebraucht wird und gefragt ist: Dass wir Menschen aufhören mit den Kriegen, auch den Wirtschaftskriegen, auch den Kriegen gegen die Lebensgrundlage der Völker! Die Menschheit hat die Wissenschaft entwickelt, um das Leben zu schützen und zu erhalten. Dass wir ein Jahrhundert hinter uns haben mit mehrerlei bösartigster Entwicklungen, darüber müssen wir nachdenken. Und dann uns aufraffen, um eine Wende zum Besseren zu erreichen. Die kleine Kornblume mit der blauen Blüte aus Anthocyan könnte ein leises Symbol werden – unseren Bienen und unseren Kindern zuliebe.  
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