Geht es um die Energiefrage oder Staatsumbau?

«Einen so schnellen Ausstiegskurs wie Deutschland fährt keine andere Industrie­nation. Ist das nicht doch übertriebene Panik? Nein. Es ist nicht deutsche Angst. It’s the economy, stupid! Kernenergie wird auf Dauer teurer, erneuerbare billiger. Vor allem aber gilt: Wer weiter sämtliche Optionen offenlässt, wird nicht investieren. Dann schafft Deutschland die Energiewende nicht.
Die Deutschen treibt eine listige Angst an. Sie wittern die ökonomischen Chancen der Weltmärkte. Ein Zyniker könnte sagen: Lasst die anderen doch weiter stolz auf ihre Angstlosigkeit sein – das mündet in technologische Stagnation und Fehlinvestitionen. Die Befürworter der Atomenergie verbauen sich selbst den Weg in die Zukunftsmärkte, sie investieren auch nicht in ‹alternative› Ausbildungen und Forschungsinstitute.»

Quelle: Ulrich Beck, Der Irrtum der Raupe; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 14.6.2011

Sonnenenergie macht Menschen unabhängig

«Wer nur einen Teil der Wüsten für Sonnenenergie erschliesst, könnte den Energiebedarf der gesamten Zivilisation decken. Niemand kann das Sonnenlicht besitzen, keiner kann es privatisieren oder nationalisieren. Jeder kann diese Energiequelle für sich erschliessen. Atomenergie ist hierarchisch. Sonnenenergie ist demokratisch. Nukleare Energie ist ihrer Natur nach antidemokratisch. Das genaue Gegenteil gilt für die erneuerbaren Energien der Sonne, des Windes. Wer seine Energie von einem Atomkraftwerk bezieht, dem wird, wenn er die Rechnung nicht bezahlt, der Strom abgeschaltet. Demjenigen, der seine Energie aus Sonnenkollektoren auf seinem Haus bezieht, kann das nicht passieren. Sonnenenergie macht Menschen unabhängig. Klar, diese Freiheit stellt das Machtmonopol der Kernenergie in Frage. Warum sind ausgerechnet Amerikaner, Briten und Franzosen, die der Freiheit einen so grossen Wert beimessen, blind für diese emanzipatorischen Konsequenzen?»

Quelle: Ulrich Beck, Der Irrtum der Raupe; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 14.6.2011

Eine neuartige Koalition zwischen zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Staat

«Angesichts der Atomkatastrophe werden Staaten und zivilgesellschaftliche Bewegungen ermächtigt, da sie neue Legitimationsquellen und Handlungsoptionen zum Vorschein kommen lassen. Entmächtigt wird gleichzeitig die Atom­industrie. Infolgedessen erhält eine neuartige ­Koalition zwischen zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Staat, wie wir sie jetzt in Deutschland beobachten können, ihre historische Chance.
Auch machtpolitisch ist der Politikwechsel sinnvoll. Nur eine wirtschaftsnahe, konservative Regierung kann eine solche Energiewende vollziehen, weil sie die lautesten Gegner dafür in den eigenen Reihen hat.»

Quelle: Ulrich Beck, Der Irrtum der Raupe; in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 14.6.2011