Was heisst denn hier Links-Katholizismus?

Gegner von Stuttgart 21 in der Gewaltfrage nicht sauber

ab/ef/bha. Die Firma «Kretschmann & Co.» hätte nach dem Gewinnen der Wahlen und dem Regierungsantritt ihren ausserparlamentarischen Arm – die sogenannten «Parkschützer» – auflösen müssen. Eine APO, eine Ausserparlamentarische Opposition, wie sie früher hiess, hat in der repräsentativen Demokratie nur eine Berechtigung, solange ihre Vertreter vom aktiven Mitgestalten innerhalb des demokratischen Apparats ausgeschlossen sind. Und auch da nur, wenn es keine anderen demokratischen Einflussmöglichkeiten gibt. In der direkten Demokratie stellt sich das Problem nochmals anders: Hier hat jede Gruppierung der Gesellschaft die Möglichkeit, eine Volksinitiative aufzugleisen und einzureichen. Die grüne Partei der Schweiz hat in der AKW-Frage diesen Weg beschritten; sie verdient schon allein deswegen den Respekt, auch der Bürger anderer Couleur!
Die Firma «Kretschmann & Co.» hat schon im vergangenen September ihre Youngsters und deren Profi-Führer militant werden lassen. Dass Kretschmann diesen Aktionsarm bei Amtsantritt nicht aufgelöst hat, darf ihm nicht einfach nachgesehen werden. Wenn Angela Merkel mit der CDU auf schwarz-grün spekuliert, ist es ohnehin ein hochgradiges Alarmzeichen. Demokratie ist eine verletzliche Staatsform. Antidemokratische Kräfte müssen rechtzeitig beim Namen genannt werden.
Wenn man von der Schweiz aus seinen Bekannten im süddeutschen Raum zuhört, dann bringen sie immer wieder zum Ausdruck, dass sie sich bei den Wahlen vom Vertrauen, Kretschmann sei ein ehrlicher Linkskatholik, in die Falle haben locken lassen. Sie würden heute bereits anders wählen.
Eine der wichtigsten Überlegungen hat ein Theologe angestellt, der zu DDR-Zeiten bei den Bürgerrechtlern mitgewirkt hat: Die orangenen Revolutionen in Osteuropa seien von den Amerikanern mit weltlichen Argumenten aufgezogen worden, und gerade deshalb habe die jeweilige Bevölkerung sehr rasch gemerkt, dass es nur um Geld und Macht gehe. Eine solche Manipulation ihrer neugewonnenen Freiheit sei darum nirgends von langer Dauer gewesen. Deshalb hätten die westlichen «Think tanks» bei ihren Planungskonzepten neu einen Kultur-Wertefaktor dazubauen müssen. In den islamischen Ländern Nordafrikas müsse die Muslim-Bruderschaft diesen religiös-sozialen Nimbus dazugeben und ihn gleichzeitig unter Kontrolle behalten. In Europa brauche es dazu einen leicht christlich angehauchten Heiligenschein, sonst mache der solide Teil der Bevölkerung nicht mehr mit. Das sei die Rolle der grün-lackierten Parteien, die noch aus alten Zeiten ein «C» im Namen hätten …
Doch was heisst denn nun hier eigentlich Links-Katholizismus?
Wer durch die ganzen 90er Jahre als NGO-Delegierte mit beratendem Status beim ­ECOSOC für Fragen von Familie, Jugend und Bildung an den Uno-Konferenzen in Genf und in New York mitwirken konnte, der denkt bei solch wahltaktischem und macht­orientiertem Gehabe an das zurück, was er dort als katholische Soziallehre kennengelernt hat: In den Frauenkonferenzen, die jährlich im Februar während zwei Wochen tagten, versuchten die Delegierten der ersten Welt Jahr um Jahr, ihre Gender-Ideologie zu implantieren. Und die Frauen der südlichen Halbkugel kämpften Jahr um Jahr gegen diese Ideologinnen an, um an ihren ­realen Problemen arbeiten zu können und Lösungen zu entwickeln: im Anbau von Nahrung für Kinder und Erwachsene die richtige Beratung und Unterstützung zu erhalten, für gesundes Wasser, bei der Bekämpfung der hauptsächlichsten Krankheiten – auch Verhinderung der Aids-­Ansteckung –, im Zugang zu Schulbildung, damit die nächste Generation aus dem Elend herauswachsen kann, gegen Kriege, durch die ihre mühsam bestellten Felder wieder zerstört und die noch vorhandenen Erwachsenen am Tag oder in der Nacht überfallen, vergewaltigt, umgebracht oder mit Aids infiziert wurden.
Wer Jahr um Jahr gegen Ende dieser Konferenz diese Anliegen zusammenfassend aufgriff, ihnen Nachdruck verlieh und auch Schuldenabbau und -streichung für die ärmsten Länder der Welt verlangte, das war der Vertreter des Vatikans, Monsignore Martino (heute Kardinal Martino). Er vertrat die katholische Soziallehre mit Herzblut und Würde, so dass die heutige ganze Welt sich daran orientieren könnte. Diese ganze Arbeit der 80er und 90er Jahre ist in einem Dokumentenband zugänglich. Wer das nie zur Kenntnis nahm, waren die Damen aus der ersten Welt. Wenn dann heute bei Kretschmann oder den Nukleartheologen der deutschen CDU oder dem fehlenden Parteiprogramm der Schweizer CVP etwas von Links-Katholizismus erzählt wird, dann könnte man rot werden vor Scham: Billige Wahltaktik und Wahlkalkül sind im Verhältnis dazu wie Feuer und Wasser. Mit echter Arbeit im Rahmen der katholischen Soziallehre sind sie unvereinbar. Die Uno selber hat aus jenen Jahren dann wenigstens den Schluss gezogen, ihre Unterstützungsbeiträge den Frauen in kleinen Monatsbeiträgen in die Hand zu geben, damit die Männer sie nicht mehr in Waffen, Alkohol oder Drogen umsetzen können.
Die katholische Kirche braucht kein links oder rechts. Die katholische Soziallehre orientiert sich an der Gemeinschaft der Menschen, die heute mit Wissenschaft und Technik und dem im Gesamten vorhandenen Wohlstand ja alle Mittel in der Hand hat, um die Zukunft anders aufzubauen und auch den Ländern der südlichen Hemisphäre zu einer würdigen Entwicklung zu verhelfen.
Dass bei der Firma «Kretschmann & Co.» etwas in der politischen Ethik nicht stimmt, müsste allen Europäern spätestens jetzt aufgehen, wo Ulrich Beck auf der säkularen Seite mit einem maliziösen Lächeln die Antwort gibt auf die Frage, um was es bei diesen parteipolitischen Umpolungen denn eigentliche gehe: «It’s the economy, stupid!» Offenbar gibt es grosses Geld, das nicht weiss, wohin mit sich selber – und das aber politische Bedingungen stellt, bevor es aus den Tresoren ausrückt! Wenn es nach orangener Revolution, nach «Arabellion auf europäisch», nach Zerrüttung von demokratischen Staaten mit vorgeschobenen Dauerkonflikten (seien es nun Bahnhöfe oder die Energiefrage), nach «hidden agenda» per Twitter und Facebook riecht, dann sollten nicht nur Katholiken, sondern Mitbürger jeglicher Couleur genauer hinschauen.
Ulrich Beck erklärt in seinem Artikel «Der Irrtum der Raupe» («FAZ» vom 14. Juni, S. 31) manche Punkte, in denen Kretschmann sich bedeckt hält. Er erwähnt zu Recht die Risiken der Atomenergie und kommt auch auf die genetischen Schäden für die nächste Generation zu sprechen – ein Unglück, das die japanische Bevölkerung eventuell zusätzlich noch treffen wird. Aber: Warum hatte ­Ulrich Beck kein «Musikgehör», als es um die schrecklichen Schäden an Neugeborenen im Irak ging, im Kosovo, in Afghanistan? Die Fotos aus den Spitälern sind ein bleibender Alptraum für die Friedensbewegung in der ganzen Welt. Ausserdem sagen Kernphysiker, man könnte die Risiken ab sofort heruntersetzen mit einigen Massnahmen, die ohne weiteres möglich wären und für die es keinerlei schwarz-grüne neue Regierung braucht. Man müsse «nur» mit der Leistung auf 50–60% heruntergehen, dann sei der Druck im Reaktor nicht so hoch, die Plutonium-Stäbe herausnehmen und die Uran-Stäbe jährlich erneuern (dann seien sie weniger radioaktiv), die Kühlbecken räumlich vom Reaktor trennen und allfälligen Überdruck mit Schläuchen auf den Boden hinunter in Sandbecken führen. Um solche Sachfragen mit den Physikern zu diskutieren, hat jetzt offenbar niemand Zeit, weil zuerst alle Parteien und Organisationen grün angemalt werden müssen und notfalls noch einen leichten links-katholischen Nimbus um den Kopf ranken müssen. Aber nur einen leichten – womöglich aus Plastik, damit man ihn – wenn es politisch opportun wird – auch rasch wieder wechseln kann.    •