Was kommt als nächstes bei WHO und IAEA? – Tschernobyl, 25 Jahre danach

von Dr. Janette D. Sherman, MD*

Der 26. April 2011 war der 25. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, und mehr als 50 Jahre lang haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) eine Abmachung befolgt, die im Grundsatz jedem von beiden Rückendeckung gibt – manchmal auf Kosten der öffentlichen Gesundheit. Sie stellt eine delikate Balance zwischen Zusammenarbeit und geheimer Absprache dar. Die Vereinbarung wurde am 28. Mai 1959 beim 12. Weltgesundheitsgipfel unterzeichnet. Sie besagt:
«Jedesmal, wenn eine der Parteien ein Programm oder eine Aktion auf einem Gebiet unternimmt, in welchem die andere Partei ein wesentliches Interesse hat oder haben kann, konsultiert die erste Partei die andere mit dem Ziel einer gegenseitigen Übereinstimmung.» Weiter heisst es: Die IAEA und die WHO «anerkennen, dass sie es für nötig befinden können, gewisse Einschränkungen vorzunehmen, um die Vertraulichkeit von Informationen zu garantieren, die ihnen zur Verfügung gestellt wurden. Sie vereinbaren daher, dass nichts in diesem Abkommen so ausgelegt werden soll, dass eine von beiden Organisationen Informationen weitergeben muss, die – in der Einschätzung der anderen Partei – so geartet ist, dass sie die geordnete Durchführung der betreffenden Operation stören würden.»
Der Auftrag der WHO ist es, sich um die Gesundheit auf unserem Planeten zu kümmern, der Auftrag der IAEA, Atomenergie zu fördern. In Anbetracht des jüngeren industriellen Versagens von Atomkraftwerken haben viele anerkannte Wissenschaftler und Gesundheitsbeamte das «Stillhalteabkommen» zwischen WHO und IAEA kritisiert, das die Bemühungen behindert hat, die Auswirkungen des Tschernobyl-Unfalls 1986 zu bekämpfen und Informationen über das Unglück zu verbreiten, so dass die aktuellen Schäden dokumentiert und zukünftige Schäden hätten verhindert werden können.
Am 20. Jahrestag von Tschernobyl veröffentlichten die WHO und die IAEA den Tschernobyl-Forum-Bericht und erwähnten darin 350 Quellen, hauptsächlich englischer Literatur, während es in Wirklichkeit mehr als 30 000 Publikationen aus bis zu 170 000 Quellen gibt, die sich mit den Folgen von Tschernobyl beschäftigen.
Nachdem zwei Jahrzehnte vergangen waren, bevor die Erkenntnisse aus Tschernobyl von den Vereinten Nationen zur Kenntnis genommen wurden, haben Alexey Yablokov aus Russland und Vasily Nesterenko und Alexey Nesterenko aus Weissrussland es unternommen, 5000 Artikel zu sammeln, zu übersetzen und zusammenzufassen, die Berichte von vielen verschiedenen Wissenschaftlern enthalten, die aus erster Hand die Auswirkungen des Fall-outs beobachtet haben. Diese waren hauptsächlich in slavischen Sprachen erschienen und waren bis dahin für eine Übersetzung nicht verfügbar. Das Ergebnis ist «Tschernobyl – Konsequenzen der Katastrophe für Menschen und Umwelt», veröffentlicht von der New York Academy of Sciences im Jahr 2009.
Den grössten radioaktiven Fall-out gab es ausserhalb von Weissrussland, der Ukraine und des europäischen Teils von Russland, er breitete sich über die nördliche Hemisphäre aus bis nach Asien, Nordafrika und Nord­amerika. Die grösste Konzentration der Radioaktivität mussten die Menschen in Weissruss­land, der Ukraine und im europäischen Teil von Russland ertragen.
Direkt nach der Katastrophe wurde die Informationsweitergabe eingeschränkt und die Datensammlung verzögert. Die WHO, die ja von allen Regierungen weltweit unterstützt wird, hätte viel aktiver sein können und hätte vorangehen können und schnell verfügbare Informationen liefern können, doch das tat sie nicht. Diese Versäumnisse hatten mehrere Konsequenzen: Die Fall-out-Levels wurden unzureichend überwacht, die Abgabe von ­Potassium Jodid an die Menschen wurde verzögert, für viele gab es keine ausreichende medizinische Versorgung, und die Verhinderung der Nahrungsmittelkontamination geschah nur zögerlich. Die Anzahl der Opfer ist einer der grössten Streitpunkte zwischen den Wissenschaftlern, die die Daten aus erster Hand sammelten, und der WHO/IAEA, nach deren Schätzung es «nur» 9000 Tote gegeben hatte.
Die genaueste Schätzung der Toten wurde in Russland vorgenommen. Es wurden die Raten in sechs hochverstrahlten Gebieten mit denen im gesamtrussischen Durchschnitt und mit denen aus sechs weniger verstrahlten Gebieten verglichen, wobei diese Gebiete vergleichbare geographische und sozioökonomische Parameter aufwiesen. In jedem dieser Gebiete wohnten über 7 Millionen Menschen, eine Anzahl, die eine solide Analyse erlaubt. So wurden die Daten von vielen verschiedenen Wissenschaftlern ausgewertet und ihre Schätzung der generellen Sterblichkeit, verursacht durch die Tschernobyl-Katastrophe, betrug 985 000 Todesfälle für den Zeitraum von April 1986 bis Ende 2004; das sind hundertmal mehr als die Schätzung der WHO/IAEA.
Angesichts der Tatsache, dass Schilddrüsenkrankheiten einen solch hohen Tribut an Menschenleben verursachen, hat Tschernobyl gezeigt, dass die Nukleargesellschaften – insbesondere Japan, Frankreich, China, die Vereinigten Staaten und Deutschland – der Bevölkerung unbedingt stabiles Kaliumjodid (KI) austeilen muss, bevor ein Unfall passiert, denn es muss innerhalb von 24 Stunden eingenommen werden.
Der Schlüssel zum Verständnis der Wirkungen radioaktiven Fall-outs ist der Unterschied zwischen äusserlicher und innerlicher Verstrahlung. Während äusserliche Strahlung – wie etwa beim Röntgen, von Neutronen, Gamma- oder kosmischer Strahlung – schädigen und töten kann, wird die innerliche Strahlung (Alpha- und Betapartikel), wenn sie durch Nahrungsaufnahme oder Atmung aufgenommen wird, im Gewebe eingeschlossen und setzt schädigende Energie in direktem Kontakt mit Gewebe und Zellen frei, oft während der ganzen Lebensdauer der betreffenden Person, Pflanze oder des Tieres.
Bis heute hat man noch nicht jedes lebende System untersuchen können, aber bei denen, die man untersucht hat – Tiere, Vögel, Fische, Amphibien, Invertebraten, Insekten, Bäume, Pflanzen, Bakterien, Viren und Menschen – weisen viele genetische Instabilität über Generationen hinweg auf, alle erlitten Veränderungen, einige für immer und einige tödlich. Wildlebende Tiere und Haustiere sowie Vögel zeigten abnorme Entwicklungen und Krankheiten, ähnlich wie diejenigen, die man in Menschen gefunden hat.
Für ein Isotop braucht es 10 Jahrzehnte, um vollständig zu zerfallen, daher werden die ungefähr 30 Jahre Halbwertzeit für Sr-90 und Cs-137 fast drei Jahrhunderte benötigen, um zu zerfallen, nur ein Wimpernschlag, wenn man diese Zeit mit der von Pu-239 vergleicht, das eine Halbwertzeit von 24 100 Jahren hat.
Die menschlichen und wirtschaftlichen Kosten sind ungeheuer gross: In den ersten 25 Jahren hat der direkte wirtschaftliche Schaden in Weissrussland, der Ukraine und Russ­land über 550 Milliarden Dollar betragen. Weissrussland gibt etwa 20% seines nationalen jährlichen Haushalts, die Ukraine bis zu 6% und Russland etwa 1% dafür aus, einige dieser Folgen wenigstens teilweise zu mildern.
Wenn Strahlung in die Umwelt entweicht, können wir im voraus nicht wissen, welchen Teil der Biosphäre sie verseuchen wird, wir kennen nicht die Tiere, Pflanzen und Menschen, die betroffen sein werden, noch die Menge und die Dauer dieser Schädigungen. In vielen Fällen ist die Schädigung zufallsbedingt, abhängig vom Gesundheitszustand, dem Alter, dem Entwicklungsstand und der Menge, der Art und Weise sowie der Variante der radioaktiven Strahlung, die auf Menschen, Tiere und Pflanzen trifft. Aus diesem Grund muss die internationale Unterstützung für die Erforschung der Folgen von Tschernobyl weitergehen, damit wir die fortlaufenden und noch zunehmenden Schäden mildern können. Die Information muss transparent sein, alle müssen Zugang zu den Informationen haben, über alle Grenzen hinweg. Und die WHO muss unabhängige Verantwortung übernehmen für die Unterstützung der internationalen Gesundheit.    •

Quelle: www.counterpunch.org/sherman03042011.html
(Übersetzung Zeit-Fragen)

* Janette D. Sherman, M.D., ist die Autorin von «Life’s Delicate Balance: Causes and Prevention of Breast Cancer and Chemical Exposure and Disease». Sie hat sich in internistischer Medizin und Toxikologie spezialisiert. Sie hat das Buch herausgegeben: «Chernobyl: Consequences of the Catastrophe for People and Nature» von A.V. Yablokov, V.B. Nesterenko und A.V. Nesterenko, veröffentlicht von der New York Academy of Science im Jahr 2009. Ihr Hauptinteresse gilt der Krankheitsverhütung durch Aufklärung der Öffentlichkeit.