Centre neuchâtelois d’intégration professionnelle –
das Neuenburger Zentrum für Berufsintegration
von Katrin Schulte-Holtey
Das Neuenburger Zentrum für Berufsintegration – Centre neuchâtelois d’intégration professionnelle (CNIP) –, Schule und Firma in einem, ist eine eng mit ihrer Region verwobene Ausbildungs- und Wiedereingliederungsstätte, deren Integrationsarbeit auf mehreren Ebenen der dort lebenden Bevölkerung dient: Sie arbeitet den Bedürfnissen der vor Ort verankerten Industrie zu und orientiert sich an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung: Arbeitslose, IV-Rentner oder andere nicht mehr im Erwerbsleben Eingebundene können durch eine Ausbildung am CNIP wieder einen Weg zurück ins Berufsleben finden, was ihnen die Möglichkeit eröffnet, ihre sozialen und finanziellen Probleme zu lösen und wieder ein eigenständiges Leben zu führen.
Fährt man von Neuchâtel aus in das für seine Naturschönheiten bekannte Val de Travers hinein, stösst man am Dorfeingang von ­Couvet, wenn man über eine schmale Brücke das Flüsschen Areuse überquert, auf ein altes Fabrikareal. Hier hatte die für das Tal so bedeutungsvolle Firma Dubied, die einst 1000 Mitarbeiter beschäftigte und weltbekannt für ihre Strickmaschinen war, bis zum Jahre 1989 ihren Standort. Nach über 100 Jahren erfolgreicher Tätigkeit war diese im Jahr 1988 Konkurs gegangen. Das Berufsintegrationszentrum konnte damals das stattliche und grosszügige alte Industriegebäude einer sorgfältigen Renovierung unterziehen lassen und seinen Bedürfnissen entsprechend umgestalten, womit der ehemalige Firmensitz wieder eine sinnvolle Nutzung erfahren hat. Heute beherbergt das geschichtsträchtige Gebäude auf drei Stockwerken und 5000 m2 verschiedene Werkstätten mit den dafür eingerichteten Arbeitsplätzen, eine grosse Zahl von Maschinen, Schulzimmer für den theoretischen Unterricht (die übrigens alle den Namen einer bedeutenden Persönlichkeit der Region tragen) und Räumlichkeiten der Administration – alles findet sich hier unter einem Dach. Der interessierte Besucher kann in einem abgetrennten Bereich sogar eine Sammlung alter Strickmaschinen der Firma Dubied ansehen.
Entstehungsgeschichte
Die Entstehung des CNIP, das im vorletzten Jahr sein 15-Jahr-Jubiläum feiern konnte, hängt unmittelbar mit der Geschichte der Region zusammen, in der die Industrie eine bedeutende Rolle gespielt hat. Nachdem wirtschaftliche Probleme dazu geführt hatten, dass viele Firmen einen Einbruch erleiden mussten, war man Anfang der 90er Jahre zusammengekommen und hatte den Entschluss gefasst, das für diese Region so wichtige, durch die industrielle Vergangenheit gewachsene Know-how nicht verlorengehen zu lassen. Auch war in jener Zeit deutlich geworden, dass Menschen, die über keine Ausbildung verfügen, zwar Arbeit finden, solange es der Wirtschaft gut geht, sie jedoch die ersten sind, die in einer Krise aus dem Erwerbsleben herausfallen. Gemeinsam entschloss man sich deshalb zur Gründung eines integrativen Berufsausbildungszentrums, das zugeschnitten sein sollte auf die Bedürfnisse der Neuenburger Industrie und das sich die Reintegration von wenig oder nicht qualifizierten Personen zum Ziel machte. Es bestand auf diese Weise von Anfang an eine enge Verflechtung zwischen den Firmen der Region und dem CNIP als integrativer Ausbildungsstätte.
Die Auszubildenden
Gesamthaft kann das CNIP 140 Ausbildungsplätze vergeben. Ausgebildet werden können dort Erwachsene, die über keine anerkannte Berufsausbildung verfügen und eine berufliche Grundausbildung im Bereich der Industrie/des Handwerks erlangen möchten, mit der ihnen eine Wiedereingliederung im industriellen Bereich gelingen kann: Arbeitslose und IV-Bezüger, Menschen, die einen Unfall hatten oder psychische und soziale Probleme haben, die unter Allergien oder Krankheiten leiden oder die ihre Arbeit aus irgendeinem Grund verloren haben. Das Ausbildungsangebot gilt für Menschen, die von einer Firma zur Weiterbildung angemeldet werden oder von der Invaliden- bzw. Arbeitslosenversicherung/vom Arbeitsamt vermittelt worden sind, steht aber auch jedem offen, der von sich aus Interesse daran hat, sich weiterzubilden, und einen neuen Weg sucht.
Die meisten der Auszubildenden sind zwischen 30 und 65 Jahre alt. Sie setzen sich aus zwanzig verschiedenen Nationalitäten zusammen. Eine Mehrheit von ihnen stammt aus den umliegenden Ortschaften, wie etwa La Chaux-de-Fonds, Le Locle oder Neuchâtel, etwa 10 –20% kommen direkt aus dem Val de Travers mit seinen etwa 10 000 Einwohnern, einige werden aus anderen Kantonen (Waadt, Wallis, Freiburg) zur Ausbildung geschickt. Auch Lehrlinge aus dem Nachbarland Frankreich absolvieren hier Kurse, die Industrie dort ist dieselbe, man hat dort dieselben Bedürfnisse. Umgekehrt können hiesige Lehrlinge bei Bedarf eine Ausbildungsstätte in Frankreich besuchen, welche dort einen Kurs anbietet, den es im CNIP nicht gibt. Man arbeitet eng zusammen und ergänzt sich.
Ausbildung «von der Pike auf»
Am CNIP werden die Lernenden in den Bereichen Mechanik, Polieren, Logistik, Verbindungstechnik/Schweissen, Elektrotechnik und Uhrmacherei ausgebildet. Eine Spezialität des CNIP ist die sechsmonatige Ausbildung für die in der Region ansässige Uhrenindustrie. Zum Abschluss dieser Ausbildung legen die Lernenden eine Prüfung ab und erhalten ein offizielles Zertifikat. Auch für den Abschluss in den anderen Bereichen werden die Lernenden mit einem Zertifikat des CNIP ausgezeichnet, welches sie berechtigt, weiterführende Schulen zu besuchen. Die etwa zweijährige Ausbildung beim CNIP ist eine Primärschulung, eine Ausbildung «von der Pike auf», die als Grundlage für weiterführende Ausbildungen dienen kann, wie Veronique Gosteli, die Kommunikationsleiterin, erklärt. Innerhalb der genannten Schwerpunktbereiche gibt es die Möglichkeit, 36 unterschiedliche Schulungen zu wählen. So bietet des CNIP beispielsweise im Bereich der Mechanik 11 verschiedene Ausbildungsgänge an. Während ihrer praktischen Ausbildung erhalten die Lehrlinge zusätzlich Französisch-, Mathematik-, Informatik- und/oder Technologieunterricht.
Beschäftigungsatelier
Neben den diversen Ausbildungsgängen führt das CNIP auch ein Beschäftigungsatelier, das Platz für 25 Personen bietet und von 2 Lehrern betreut wird. Die Menschen, die dort beschäftigt sind, warten v.a. das Material und die unzähligen Maschinen des CNIP – ein wichtiger Beitrag im ganzen Betriebsablauf.
Bewährungsphase
Die Bewerber der verschiedenen Ausbildungsmodule müssen sich einer sorgfältigen Prüfung sowie einer mindestens dreiwöchigen Bewährungsphase unterziehen. In dieser Zeit, in der sie in einem Atelier arbeiten, wird von Lehrern geprüft, ob sie überhaupt für eine Ausbildung am CNIP geeignet sind bzw. welche Schulung als Alternative für sie in Frage kommt. Dabei werden ihre physischen und psychischen Kapazitäten, ihre ­Motivation, ihre Fähigkeiten bei den praktischen Arbeiten, ihre Ausdauer und ihre Konzentration beobachtet. Nach drei Wochen wird Bilanz gezogen: Der Kandidat, sein Lehrer und die Referenzperson der IV bzw. der Arbeitslosenversicherung setzen sich zusammen und fällen gemeinsam einen Entscheid, welche Ausbildung der Betreffende zukünftig anstreben und wo er dies tun wird. Mit diesem sorgfältigen Prozedere will das CNIP sicherstellen, dass die Personen, die sie aufnehmen und ausbilden, nach Abschluss ihrer Ausbildung auch tatsächlich eine Arbeit finden.
Personalisierte Ausbildung
Die Besonderheit des Berufsintegrationszentrums ist die stark personalisierte Ausbildung – jeder Lernende wird individuell betreut und psychosozial begleitet. Die Lernenden besuchen kleine Klassen (max. 8 Lernende), jeder von ihnen verfolgt ein eigenes, ganz individuell auf ihn zugeschnittenes Programm. Es gilt, Forderungen bezüglich eines gewissen Sozialverhaltens zu erfüllen, eine realistische Selbsteinschätzung zu erlangen und zu lernen, wie man sich auf eine Stelle bewirbt (Lebenslauf schreiben, Bewerbungsunterlagen zusammenstellen usw.). 35 Fachkräfte, d.h. Lehrpersonen, Sozialarbeiter, Assistenten für die Ausbildungsprogramme, das sind Fachleute der Berufsbildung, sowie administratives Personal sind für diese Aufgabe am CNIP tätig.
Konfrontation
 mit der ökonomischen Realität
Das CNIP ist eine Schule, zugleich aber auch eine Firma, denn gearbeitet wird wie in der Industrie: man steht in direkter Verbindung mit einem Partnerunternehmen. Dieser enge Kontakt zur Industrie ist eine weitere Besonderheit des CNIP. Die Lernenden produzieren in ihrer Ausbildung Objekte für die Industrie, und sie müssen sich dabei an Lieferfristen und Qualitätsauflagen halten. Die Konfrontation mit der ökonomischen Realität ist Teil der Ausbildung.
Enge und flexible Zusammenarbeit
mit den Firmen und Schulen der Region
Die Firmen der Region haben die Möglichkeit, auf das bestehende Angebot des CNIP zurückzugreifen und ihr Personal für einen Weiterbildungskurs anzumelden. Sie können das CNIP aber auch bitten, für sie in einem gewünschten Bereich ein spezifisches Ausbildungsprogramm zu entwickeln, auch diese Aufgabe übernimmt das Zentrum. So wie mit den Firmen der Region eine enge Zusammenarbeit gepflegt und gesucht wird, steht man auch mit anderen Schulen in engem Kontakt, man verfolgt gemeinsame Ziele und tauscht zu diesem Zwecke sogar die Lehrer aus. Ganz bewusst werden nicht ausschliess­lich Menschen, die von der Invalidenversicherung oder der Arbeitslosenversicherung geschickt werden, aufgenommen.
Zum Nutzen aller
Dank der Arbeit des CNIP gelingt es, IV-Empfänger und Arbeitslose wieder ins Erwerbsleben zu integrieren – mit all den positiven Konsequenzen, die dies für das Leben jedes einzelnen hat. Durch die Vermittlung der spezifischen Fachkenntnisse in den Ausbildungsgängen des CNIP kann das entsprechende Know-how erhalten werden. Dies wiederum trägt dazu bei, den Fortbestand der örtlichen Industrie zu sichern, die in der Region als wichtiger Arbeitgeber fungiert. Gerade in Krisenzeiten ist eine solch enge Zusammenarbeit aller Beteiligten besonders nötig und kann negative Entwicklungen sowohl für den Einzelnen als auch für die ganze Gemeinschaft einer Region auffangen helfen.     •