Die Schule hat ihren Bildungsauftrag zu erfüllen
Grundlagen des schulischen Lernens
von Dr. iur. Marianne Wüthrich
Die Gymnasiastin Aninda (Name geändert) kommt zu mir, um Deutsch zu lernen. Ihre Familie stammt aus einem fernen Land, die schwierige deutsche Sprache zu lernen ist für ihre Eltern nicht leicht. Deshalb hat auch ­Aninda noch einige Lücken in ihrem deutschen Wortschatz. Schon in der ersten Lernstunde bin ich ganz zuversichtlich, dass sie diese Lücken füllen und den Gymnasialstoff gut bewältigen wird, denn Aninda verfügt – neben ihrer positiven Lernhaltung – über sichere Grundlagen in Grammatik und Satzbau, und sie hat gelernt, wie man sich einen neuen Schulstoff erarbeitet. Aninda hat offenbar in den sechs Volksschuljahren Lehrer gehabt, in deren Unterricht echte Chancengleichheit für alle Kinder bestand: Sie hatte die Chance, trotz ihres sprachlichen Handicaps die Grundlagen zu lernen, die als Basis zum späteren aufbauenden Lernen unabdingbar sind.
Heute ist dies leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Immer mehr Schulklassen werden zu Opfern von Schulversuchen mit «modernen» Lehrmitteln, die angeblich zu angenehmerem und leichterem Lernen Hand bieten sollen (vgl. «Was ist mit unserer Schule los?» in «Zeit-Fragen» Nr. 1/2011). In Wirklichkeit werden unsere Kinder als Experimentiermasse für neoliberale Programme aus Übersee missbraucht, die für den deutschen Sprachraum durch Bertelsmann & Co präpariert und von Konzernen gesponsert werden – vermutlich nicht nur aus Nächstenliebe. Wer schon gefördert in die Schule kommt, lernt trotzdem etwas und ist für die kleine Elite auserkoren, die später an unseren Bologna-Hochschulen für die Bedürfnisse der globalen Gross­konzerne weiter zurechtgeschliffen werden soll. Die grosse Mehrzahl der Schüler jedoch bleibt auf der Strecke. Was für ein Verbrechen an unserer Jugend!
In der Tagespresse liest man immer häufiger von üblen Experimenten wie dem folgenden: «Versammeln sich die 17 Schülerinnen und Schüler bei Klassenlehrer C.N., um Französisch zu sprechen oder Kopfrechnen zu üben, holt niemand ein Buch hervor. Statt dessen stöpseln sich die Elfjährigen einen Kopfhörer ins Ohr und legen ihr Apple iPhone 3G aufs Pult, jenes Gerät, das ihnen die Schule für einen zweijährigen Versuch zur Verfügung stellt. Das Projekt wird von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz durchgeführt und soll herausfinden, ob Jugendliche das iPhone in Unterricht und Freizeit gewinnbringend einsetzen. Auf dem Smartphone befinden sich Audiodateien der Lehrmittel, ein Vokabeltrainer, der Duden und ein Kopfrechnungsprogramm, daneben benutzen es die Kids zum Lesen, Schreiben, Zeichnen, Kommunizieren und Surfen. Zudem umfasst das Projekt ein neuartiges Sponsoring: Die Swisscom stellt die iPhones gratis zur Verfügung und übernimmt alle Verbindungskosten.» So weit der Bericht aus der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 8. November 2010. Die Kinder – eine sechste Klasse, die im nächsten Sommer den Übertritt in die Sekundarstufe bewältigen sollte! – werden also sich selbst und ihrem elektronischen Gerät überlassen. Jeder Lehrer, dem es mit seinem Berufsauftrag ernst ist und der es ehrlich meint, weiss sehr genau, dass eine grössere Anzahl seiner Schüler auf diese Weise nicht viel lernen wird.
Dem Pädagogen zur Erinnerung:
Was braucht es zum Lernen?
Einige Lehrer finden es offenbar bequemer, wenn die Schüler im Sprachunterricht mit dem Herumsurfen auf elektronischen Geräten beschäftigt sind, als wenn sie ihre Grammatik und ihre Vokabeln aus dem Buch lernen sollten. Aber als Pädagogen kommen wir nicht an der Tatsache vorbei, dass alle Technologie, und sei sie noch so «modern», die anstrengende Tätigkeit des konzentrierten Lernens, des Übens und Wiederholens nicht ersetzen kann. Das im Artikel der «Neuen Zürcher Zeitung» erwähnte Beispiel des Schülers, der im Duden unter «F» das Wort «Philosophie» nicht findet und deshalb «frustriert» sei, sehe ich aus meiner Erfahrung als Berufsschullehrerin ganz anders: Der Schüler wendet sich an den Lehrer, dieser überlegt mit ihm und den Mitschülern zusammen, warum er wohl das Wort nicht findet, usw. Die Korrektur und schliess­liche Entdeckung des Wortes unter «P», das Notieren und Einprägen des richtig geschriebenen Begriffs ergibt eine positive Lernerfahrung, die mit viel grösserer Wahrscheinlichkeit haften bleibt als das Herumklicken im Lernprogramm, das Fehler von selbst verbessert. Damit soll nicht ausgeschlossen werden, dass man die Antwort auf eine Frage selbstverständlich statt in einem Buch auch einmal in einem elektronischen Lernprogramm oder im Internet suchen und finden kann. Aber das Einprägen, Wiederholen und Festigen in der Klassengemeinschaft ist unerlässlich, damit das Gelernte zu Wissen wird.
Dabei besteht die positive Lernerfahrung – wie jeder Pädagoge wissen sollte – nicht nur darin, dass der Schüler jetzt weiss, wie man «Philosophie» schreibt. Die Bewältigung des anstehenden Problems durch eigenes aktives Tun gibt ihm eine Befriedigung und stärkt sein Selbstvertrauen – das kann kein Mausklick ersetzen. Für den Schüler wächst zudem mit jedem gemeinsamen Lernerlebnis mit seinem Lehrer und seinen Mitschülern das Vertrauen, sich in der Beziehung sicher abstützen zu können, und damit das Vertrauen zu den Menschen ganz allgemein. Und der Lehrer? Was für eine Freude und Genugtuung nimmt er nach einem Schultag mit, wenn seine Schüler wieder eine Hürde genommen haben und ein wenig mutiger nach Hause gehen!
Welches ungute Gefühl muss im Gegensatz dazu bei einem Lehrer zurückbleiben, wenn die Kinder sich scheinbar zufrieden den ganzen Tag mit «selbständigem Lernen» an einem elektronischen Gerät beschäftigen. Was haben sie wirklich gelernt? Wie weit konnten die einzelnen sich konzentrieren? Wie haben sie die Hürden genommen? Wie viele Schüler haben sie wohl umgangen, indem sie den Lernstoff, der ihnen schwierig vorkam, ganz einfach ausgelassen haben? Mit Hilfe einer Prüfung kann der Lehrer zwar kontrollieren, wer wie viel verstanden hat, aber das enthebt ihn nicht der Verantwortung. Seine Aufgabe ist, sein Möglichstes zu tun, dass alle Schüler in der Klasse mitgenommen werden, soweit sie das Ihrige dazu beitragen.
Pädagogische Hochschulen und Sponsoren aus der Wirtschaft, die unsere Kinder immer mehr der selbständigen Beschäftigung mit elektronischen Lernprogrammen überlassen wollen, nehmen zum Teil wissentlich und willentlich die Zunahme sogenannter Schulversager in Kauf.
Elektronische Geräte nur zeitlich begrenzt und als Hilfsmittel einsetzen
Als erfahrene Berufsschullehrerin habe ich festgestellt, dass auch Berufsschüler, also junge Erwachsene, am Computer nicht alleingelassen werden dürfen, weil sonst nur die wenigen etwas lernen, die auch unter erschwerten Bedingungen lernen können. Es darf doch nicht sein, dass ein Lehrer mit seiner Klasse einzig und allein deswegen den PC-Raum benutzt, weil die Schüler das «lässig» finden. Das Lernziel muss an erster Stelle stehen, wogegen der PC nur ein Hilfsmittel, ein Werkzeug sein darf, um zu einem bestimmten Lernerfolg beizutragen. Dass es den Schülern nebenbei auch noch Spass macht, ab und zu auf dem PC zu schreiben oder zu recherchieren, ist ein Faktor, der durchaus zum positiven Lernerlebnis beiträgt. Aber: Das Hilfsmittel PC kann nichts daran ändern, dass Lernen mit Anstrengung verbunden ist.
Meine Mechapraktiker- und Elektropraktikerklassen haben zum Beispiel ab und zu einen Aufsatz am Computer geschrieben. Dabei haben sie gelernt, das Rechtschreibprogramm einzusetzen, und die Erfahrung gemacht, dass dieses einem das Denken nicht abnimmt. Ob man ein Verb klein schreibt oder ob es substantiviert ist, ob «das(s)» mit einem oder zwei s geschrieben werden muss, hat der Autor selbst zu entscheiden. Sie haben gelernt, ihrer Datei einen sinnvollen Namen zu geben (nicht ihren eigenen Vornamen!) und ihn am richtigen Ort abzuspeichern, so dass sie den Aufsatz später wiederfinden können. Sie hatten Freude daran, einen schönen Titel und ein passendes Bild einzusetzen, die Geübteren fanden weitere Gestaltungsmittel. Und sie haben für einmal mit Vergnügen ihre Fehler verbessert, nachdem ich die Aufsätze korrigiert hatte, denn der PC hat den riesigen Vorteil, dass man nicht den ganzen Text noch einmal schreiben muss. Davon abgesehen bleibt das Fehlerverbessern dieselbe Knochenarbeit wie in einem handgeschriebenen Aufsatz. Da brauchen die Schüler auch oft die Hilfe ihres Nachbarn oder des Lehrers, damit sie verstehen, was an ihrem Wort oder Satz falsch geschrieben ist und wie es richtigerweise heissen müsste. Je mehr Interesse ein Schüler dafür aufbringt, je intensiver er sich mit dem Lehrer oder einem Mitschüler zusammen damit auseinandersetzt, desto grösser ist die Chance, dass die Aufsatzverbesserung etwas zu seinem Sprachverständnis beiträgt. Auch diese Lernerfahrung kann kein elektronisches Gerät ersetzen.
Anspruchsvoller ist der Einsatz des Internets, zum Beispiel um die Programme der ­politischen Parteien kennenzulernen und zu vergleichen. Wer da als Berufsschullehrer seine Schüler sich selbst überlässt, nimmt in Kauf, dass einige zwar die Texte korrekt herunterladen und in einer Powerpoint-Präsentation inhaltlich richtig und schön formatiert darstellen, aber wer nicht regelmässig Zeitung liest, versteht selbstverständlich vieles nicht. Es bleibt auch im Computer-Zeitalter die Aufgabe des Lehrers, gemeinsam mit den politisch interessierten Schülern die Parteiprogramme mit Inhalt zu füllen und seiner Klasse die Grundlagen für ein Leben als aktive Staatsbürger mitzugeben.
Kehren wir noch einmal zur Gymnasiastin Aninda zurück, die mit meiner Hilfe ihre Deutschkenntnisse verbessern will. Nachdem wir bei unserem ersten Treffen gemäss ihrem Wunsch ein Grammatikkapitel erarbeitet haben, erscheint sie zur zweiten Lektion mit vorbereiteten Hausaufgaben dazu. Sie hat alles bereits sorgfältig durchgelesen und die Sätze markiert, die sie nicht ganz versteht. Ausserdem hat sie aus eigener Initiative in der Schulmediothek als Vertiefung zum Schulstoff im Fach Geographie aus einem Lehrbuch drei Seiten kopiert, die sie ebenfalls schon zu Hause gelesen und markiert hat. Um den anspruchsvollen Text besser zu verstehen, schauen wir gemeinsam etwas im Internet nach. Auf meine Frage, ob sie zu Hause auch Internetzugang habe und wozu sie ihn benutze, antwortet ­Aninda: Ja, sie brauche Internet ab und zu, um Fragen zum Schulstoff nachzuschlagen. Beim Abschied fragt sie mich, ob ich vielleicht in den Schulferien noch einmal Zeit für sie hätte.
So macht das Lernen Freude – der Schülerin und der Lehrerin, so kommt die Schülerin zum Lernerfolg.
Gefestigtes Allgemeinwissen und Denken
in Zusammenhängen
  statt «lebenslanges Lernen»
Die Formel «lebenslanges Lernen» ist eine Erfindung US-amerikanischer Spin doctors, die über Bertelsmann & Co. an unseren Pädagogischen Hochschulen und in den Köpfen ihrer Professoren gelandet ist. Mit «lebenslangem Lernen» ist gemeint, es sei zu nichts mehr nutze, sich Lernstoff einzuprägen, indem man ihn immer wieder übt und auswendig lernt, weil das Wissen schon nach wenigen Jahren veraltet sei. Ausserdem könne man ja alles im Internet «googeln». Deshalb sollen die Lehrer die armen Kinder nicht damit plagen, dass sie wissen sollten, wie man ein Wort genau schreibt oder dass sie das Einmaleins auswendig lernen müss­ten. Das einzige, was wir den Schülern beibringen müssten, sei die «Handlungskompetenz», also das Training, wie und wo sie was finden könnten. Demzufolge sollen die Schüler in der Volksschule vor allem den Umgang mit dem Computer lernen und im Internet surfen können – und natürlich brauchen sie minime Englischkenntnisse, damit sie sich in der globalisierten Internetwelt zurechtfinden. Bücher, die mehr als zehn Jahre alt sind, gehören auf den Müll, mit altem Ballast sollen wir die Jugend nicht belästigen.
Für die 20 : 80-Gesellschaft genügt es, wenn die grosse Masse der Befehls- und Sozialhilfe-Empfänger punktuelles Wissen besitzt: Da ein Schlagwort, dort ein Mausklick, die Hintergründe und Zusammenhänge zu verstehen ist überflüssig.
Was für ein Verbrechen an unserer Jugend!
Welche Lerninhalte für unsere Kinder?
Die Versorgung unserer Schulen mit verbilligter oder sogar kostenloser Hard- und Software durch die Wirtschaft nimmt immer mehr überhand, und zwar nicht nur durch swisscom und die Schweizerische Post. Bekanntlich haben Microsoft und andere IT-Multis schon seit Jahren Lernprogramme und günstige PCs für die Schulzimmer finanziert. Heute missbrauchen alle möglichen Konzerne mit ihren zum Teil äusserst bedenklichen Botschaften die Jugend für rein gewinnorientierte Werbezwecke bis hin zur Manipulation. Inzwischen gibt es bereits Firmen, die die Vermarktung gesponserter Programme an den Schulen betreiben:
«Spitzenreiterin in Sachen Sponsoring ist aber Kiknet.ch in Baden. Seit acht Jahren bietet das Unternehmen Lektionseinheiten an, welche die Schulen gratis im Internet beziehen können. Etwa 140 Module für alle Stufen stehen zur Auswahl, die knapp 18 000 registrierten Lehrkräfte beziehen pro Monat rund 50 000 Dokumente. Das Besondere daran: Alle Lektionen sind gesponsert – für eine solche «soziale PR-Aktion» bezahlt jeder Auftraggeber rund 20 000 Franken, wie Kiknet-Leiter Timo Albiez erklärt. So kommt es, dass Bodyshop eine Lektion über «Die Haut» vertreibt, Fielmann eine über «Das Auge», Bayer eine über «Sexualität». Aber auch Verbände, Ämter und Parteien machen mit, etwa Swiss­nuclear mit einem Modul zur Atomkraft, die Schweizer Armee mit einer Lektion zu ihrem Auftrag oder die FDP Schweiz mit einer kleinen Staatskunde.» («Neue Zürcher Zeitung» vom 8. November 2010)
Unsere Kinder erhalten also von einem deutschen Chemiemulti sexuelle Aufklärung, werden von der Schweizer Atomkraft-Lobby über die angebliche Notwendigkeit von Kernkraftwerken «informiert» und von einer politischen Partei nach deren Parteiprogramm in die Staatskunde eingeführt.
Zugegebenermassen sind wir Lehrer, die mit Unmengen von unnötiger bürokratischer Arbeit zugedeckt werden, manchmal froh, aus zeitlichen Gründen vorgefertigte Lernmodule im Unterricht einsetzen zu können. Aber wir sind dazu aufgerufen, deren Inhalte vorher genau zu prüfen. Wir sind dafür verantwortlich, unser möglichstes dazu beizutragen, dass unsere Schüler zu gefestigten, gemeinschaftsfähigen und verantwortungsvollen Persönlichkeiten heranwachsen. Auf der Berufsschul- und Gymnasialstufe, wo die Schüler ohnehin allen Unsinn in den Medien mitbekommen, muss der Lehrer auch fragwürdige Mediensendungen und Zeitungsartikel zum Thema besprechen, so dass die Jugendlichen lernen, mit kritischen Augen und Ohren aufzunehmen und sich damit auseinanderzusetzen, was ihnen vorgesetzt wird.
Fazit
«Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein grosses Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.» (Albert Einstein)
Tragen wir mit all unseren Kräften dazu bei, dass unsere Jugendlichen die fast grenzenlosen Fähigkeiten ihres Hirns entwickeln können, um zu lernen, zu lesen, Wissen zu speichern, Fragen zu stellen, in der Gemeinschaft mit anderen Menschen zu diskutieren, wissen zu wollen und in Zusammenhängen zu denken, aber auch verantwortungsbewuss­te und gemeinschaftsfähige Persönlichkeiten zu werden, die mitfühlen können und bereit sind, ihren Beitrag in ihrer Gemeinde, im Land und auf der Welt zu übernehmen. Nicht nur eine kleine Elite, jeder vollsinnige Mensch bringt die organischen Grundlagen dazu mit. Allen Kindern diese Chance zu bieten, dafür tragen wir Erwachsenen die Verantwortung. Wer den Beitrag der Schule zur Chancengleichheit unserer Jugend verbessern will, ist aufgefordert, das Steuer in der Bildungspolitik herumzureissen.    •