Für eine Kultur des Lebens

Der Mantel des Schweigens über die Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen ist zerrissen

Interview mit Gabriele Kuby*

ef. Vom 17. bis 22. Juni reiste die Soziologin und Buchautorin Gabriele Kuby durch die Schweiz und hielt an zehn Abenden Vorträge zum Thema «Gender Mainstreaming – Umsturz der Werteordnung». Eingeladen hatte der Verein «Zukunft CH», der es sich u.a. zum Ziel gesetzt hat, die freiheitlich-demokratische Rechtsordnung der Schweiz zu erhalten, zukunftstragende Werte zu vermitteln und die Familie als Grundpfeiler der Gesellschaft zu stärken. In vollbesetzten Sälen konnten sich die Teilnehmer über die Gender-Ideologie und wichtige Zusammenhänge informieren: eine schleichende Kulturrevolution, die – ausgehend und gesteuert durch die Uno-Frauenkonferenzen und die EU – in vielen Ländern zum zu implementierenden Gedankengut erklärt worden ist. Hinter dem Rücken der Öffentlichkeit hat sich die Gender-Ideologie über die staatlichen Institutionen, die Universitäten und Ausbildungseinrichtungen bis in die Schulen und Kindergärten eingeschlichen. Damit soll das Wertefundament unserer Gesellschaft im innersten Kern verändert und zerstört werden. In den Diskussionen gaben viele Teilnehmer ihrer Empörung über die sexualisierenden Inhalte von Büchern sowie die geplante staatlich verordnete emanzipatorische «Sexualerziehung» an Schweizer Schulen und Kindergärten Ausdruck. Das Schweigen über das Thema Gender Mainstreaming und seine Hintergründe wurde mit diesen Vorträgen durchbrochen.
«Zeit-Fragen» sprach am Rande dieser Vortragsreise mit Gabriele Kuby, und es entstand das Interview, das wir nachfolgend veröffentlichen.

Zeit-Fragen: Was hat Sie bewogen, die Vortragsreise in der Schweiz zu machen?

Gabriele Kuby: Ich wurde von Zukunft CH dazu eingeladen und bin dankbar, dass ich an diesen zehn Abenden rund 3000 Menschen vor den Gefahren des Gender Mainstreaming und der staatlichen Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen warnen konnte.

Warum ist es wichtig, sich in der heutigen Zeit mit Gender Mainstreaming zu beschäftigen?

Weil die Gesellschaft auf «allen staatlichen und nichtstaatlichen Ebenen» gegendert wird. So steht es im Aktionsplan der Schweizer Regierung von 1999.

Was verstehen Sie unter Kulturrevolution, und wo stehen wir diesbezüglich heute?

Zum Gender-Paket gehören
•    die völlige Gleichstellung, ja «Gleichheit» von Mann und Frau,
•    die Auflösung der Geschlechtsidentität von Mann und Frau,
•    die Bekämpfung der heterosexuellen Normativität, das heisst, die völlige rechtliche und soziale Gleichstellung, ja Privilegierung aller nicht heterosexuellen Lebensformen,
•    die Abtreibung als «Menschenrecht», verschleiert mit dem Begriff «reproduktive Rechte»,
•    die Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen durch Sexunterricht als Pflichtfach. In der Schweiz droht die Gefahr, dass der obligatorische Sexunterricht durch den «Lehrplan 21» flächendeckend eingeführt wird.

Können Sie etwas zur Geschichte des Gender Mainstreaming (GM) sagen?

Demokratisch nicht legitimierte Lobbygruppen haben als Non-Governmental Organizations (NGO) immer grösseren Einfluss auf die internationalen Organisationen UN und EU. Der grosse Durchbruch für GM war die Weltfrauenkonferenz in Peking 1995. Die «Pekinger Aktionsplattform» verlangt, dass in allen gesellschaftlichen Bereichen Frauen und Männer im Verhältnis 50 : 50 vertreten sind. Es gab dort Widerstand von einer Familienkoalition. Sie verteilte einen Flyer mit der Überschrift: «We do not agree.» Darin hiess es: «Die Pekinger Aktionsplattform ist ein direkter Angriff auf die Werte, Kulturen, Traditionen und religiösen Überzeugungen der grossen Mehrheit der Weltbevölkerung sowohl in den Entwicklungsländern als auch in den Industrienationen. […] Das Dokument zeigt keinerlei Respekt vor der Würde des Menschen, versucht, die Familie zu zerstören, ignoriert die Ehe, wertet die Bedeutung der Mutterschaft ab, fördert abweichende sexuelle Praktiken, sexuelle Promiskuität und Sex für Jugendliche.» Hier ist das ganze globale, kulturrevolutionäre Programm des Gender Mainstreaming auf den Punkt gebracht.

Welches sind die Auswirkungen (Meilensteine) dieser Strategie und worin besteht das Totalitäre dieser Strategie?

Es wird darum gekämpft, den schwammigen Begriff «sexuelle Identität» als Kriterium der Antidiskriminierung in den Verfassungen unserer Staaten zu verankern. Die Gender-Ideologie behauptet, das Geschlecht (ob Mann oder Frau) sei flexibel und wählbar und die «Normativität der Heterosexualität» müsse «destabilisiert» werden. Folglich kann sich die «sexuelle Identität» jederzeit ändern. Wenn es gelingt, diesen Begriff in der Verfassung zu verankern, muss jede ­«sexuelle Orientierung» als gleichwertig akzeptiert werden. Wer der Ansicht ist, dass die auf Heterosexualität beruhende Ehe und Familie als Fundament der Gesellschaft geschützt und gestärkt und als Leitprinzip vermittelt werden muss, der kann dann wegen «Diskriminierung» kriminalisiert werden. Das bedeutet: Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit bestehen nicht mehr.
Die Yogyakarta-Prinzipien, die sich mit Scheinlegitimität der UN umhüllen, sind eine totalitäre, kulturrevolutionäre Strategie. Zahlreiche Staaten, auch die Schweiz, fördern die Durchsetzung der Yogyakarta-Prinzipien.
Bei den Yogyakarta-Prinzipien geht es um die weltweite Akzeptanz nicht heterosexuellen Sexualverhaltens (LGBT)1 durch
1.    die Abschaffung der jüdisch/christlichen Sexualnormen,
2.    die Auflösung der bipolaren Geschlechts­identität von Mann und Frau,
3.    die Auflösung der Familie, Homo-Ehe mit Adoptionsrecht, Kinderrechte,
4.    Privilegien für LGBT-Personen
Zu den Methoden der Durchsetzung gehören:
1.    die Aushöhlung der nationalen Souveränität der Einzelstaaten,
2.    der Wandel der Grundeinstellungen der Bevölkerung, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, durch «emanzipatorische Sexualpädagogik»,
3.    die Abschaffung demokratischer Rechte im Namen von «Antidiskriminierung»,
4.    die Kriminalisierung von Widerstand mit neuen Straftatbeständen wie «Homophobie», «Hassrede» und Diskriminierung auf Grund der «sexuellen Identität».

Was ist Ihrer Ansicht nach echte Gleichberechtigung? Worin besteht heute die wahre Not der Mütter und Väter? Was bräuchte es heute (Familien Mainstreaming)?

Männer und Frauen sind verschieden und zur wechselseitigen Ergänzung berufen. Der Staat hat kein Recht, die Geschlechts­identität von Männern und Frauen durch Social engineering aufzulösen. Wir haben Gleichberechtigung! Der Radikalfeminismus kämpft gegen Frauen, Männer und Kinder. Die zerstörerischen Folgen sind für jeden offensichtlich. Die Not der Frauen besteht nicht darin, dass sie nicht in den Aufsichtsräten sitzen, wo es eh nur um ein paar hundert Stellen geht. Die Not der Frauen besteht darin, dass sie nicht Mütter sein können, dass sie nicht Raum, Zeit, Anerkennung und Rentenanspruch für die wichtigste Aufgabe in der Gesellschaft haben: Kindern das Leben zu schenken und sie mit dem Vater in der Familie zu verantwortungsvollen, bindungsfähigen, leistungsfähigen Menschen heranzubilden. Die Not der Väter besteht darin, dass sie zu patriarchalen Machos und Tätern abgestempelt und von der Justiz massiv benachteiligt werden. Die Not der Kinder spiegelt sich in den Statistiken. Eine grosse Jugenduntersuchung in Deutschland (KiGGS) hat ergeben, dass 31% der Kinder und Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren verhaltensauffällig sind, das heisst, sie schlagen, lügen, betrügen und stehlen. Noch ein paar Jahre, dann sind sie Wähler und sollen die Demokratie tragen. Wohin wird das führen?
Obwohl die demographische Katastrophe die physische und kulturelle Existenz unserer Gesellschaften bedroht, gibt es keine Umkehr. Gender Mainstreaming treibt immer tiefer in die Krise hinein. Was wir brauchen, ist nicht Gender Mainstreaming, sondern Familien Mainstreaming.

Inwieweit findet heute eine Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen statt?

Es ist erschütternd, was man den Kindern und Jugendlichen antut. Sie werden in Kindergärten und Schulen zunehmend zwangssexualisiert. Ihr Schamgefühl wird gebrochen, die Unschuld und Unbeschwertheit der Kindheit wird ihnen geraubt. Da wirken Medien und Schule zusammen. Eltern haben es sehr schwer, christliche Wertvorstellungen an die nächste Generation weiterzugeben. Die staatlichen Instanzen schaffen Strukturen, um das Elternrecht auszuhöhlen durch flächendeckenden, obligatorischen Sexunterricht ab dem Kindergarten. Kindern werden alle Arten von abweichender Sexualität inklusive Oral- und Analsex als gleichwertig zur Auswahl angeboten. Wer bei www.lilli.ch, www.amorix.ch, www.kinderschutz.ch oder mit den Stichworten «sexuelle Bildung» oder «emanzipative Sexualpädagogik» surft, wird staunen, was er findet. Die Kinder werden zur Masturbation und zu sexuellen Aktivitäten angeregt. Dadurch kann die Persönlichkeit des Kindes irreversibel verändert werden. Der neue, sexualisierte Gender-Mensch wird geschaffen.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen: «Es muss Ärger geben»?

Eltern, Lehrer, Politiker, die Kirchen, die dies alles widerstandslos haben geschehen lassen, müssen endlich dagegen aufstehen und sagen: Nein! Mit meinem Kind nicht und mit allen anderen Kindern auch nicht! Wir wollen nicht, dass die Jugend verdorben wird, denn um nichts anderes geht es. Eltern haben ein Recht, informiert zu werden und zu fragen: Wer macht was, wann, wo, mit welchen Lehrmaterialien? Das sollten nicht nur die Mütter tun. Die Väter sind gefordert, sich schützend vor ihre Kinder zu stellen und sich in diesem Kulturkampf zu engagieren. Es konnte nur deswegen so weit kommen, weil seit Jahrzehnten weggeschaut und geschwiegen wird.
Wir brauchen ein christliches Alternativprogramm, das die Kinder und Jugendlichen auf Ehe und Familie vorbereitet und in diesem Zusammenhang darstellt, welche Bedeutung die wunderbare Gabe der Sexualität hat. Sexualität vereint und bindet einen Mann und eine Frau in der Liebe und führt in der Regel zur Entstehung eines Menschen. Diese bindende Liebe schafft Familie. Es gibt für den Menschen keine grössere Freude als ein glückliches Kind. So, und nur so entsteht eine Kultur des Lebens. Alles andere bringt eine Kultur des Todes hervor, wie die demographische Katastrophe zeigt.
In der Schweiz gibt es jetzt eine Petition, die jeder unterschreiben kann und für die jeder Unterschriften sammeln kann (vgl. Zeit-Fragen Nr. 29 vom 18. Juli). Es sollten Hunderttausende werden.
Welches Resümee ziehen Sie aus Ihrer Vortragsreise durch die Schweiz?
Die grosse Resonanz hat mich und ­Zukunft CH ausserordentlich erstaunt und gefreut. Jeder Saal bei dieser zehntägigen Vortragsreise war übervoll mit 250 bis 600 Zuhörern. Immer habe ich sehr grosse Präsenz und Betroffenheit erlebt. Der Mantel des Schweigens über der staatlichen Strategie des Gender Mainstreaming und der Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen ist endlich zerrissen. Nun kommt es darauf an, dass die Menschen handeln.    •

1    LBGT = Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgene

 

*    Gabriele Kuby hat in Berlin und Konstanz Sozio­logie studiert. Sie arbeitet in ihren Themenbereichen als Vortragsrednerin, Seminarleiterin und Übersetzerin. Sie ist Autorin von neun Büchern. «Die Gender-Revolution – Relativismus in Aktion» war 2006 eines der ersten Bücher, welches die internationale Strategie des Gender Mainstreaming ans Licht gebracht hat.