Auf den Spuren von Elinor Ostrom

Besuch in Törbel

von Dr. rer. publ. Werner Wüthrich

Die Marktwirtschaft beinhaltet nicht nur den freien Wettbewerb mit seinen Vor- und Nachteilen. Die Wirtschaftsfreiheit gewährt den Menschen Raum und Chance, sich auf eine freiheitliche Art gemeinwirtschaftlich zu organisieren und sich die Regeln selber zu geben. Laut Elinor Ostrom lässt sich kollektives Handeln auf viele Bereiche ausdehnen. Sie äusserte sich im Interview wie folgt: «Wir sollten darüber nachdenken, welche Arten von Regeln und Institutionen in einer speziellen Umgebung am besten funktionieren.»
Indem das Nobel-Komitee letztes Jahr – mitten in der Finanzkrise – gerade diese Forschungsarbeit ausgezeichnet hat, hat es ein Signal gesetzt: Auch die Finanzbranche braucht einen Ordnungsrahmen, der Beständigkeit und Stabilität garantiert. Das Geld- und Kreditwesen ist ähnlich wie das Alpwesen ein gemeinsames Gut, zu dem wir alle Sorge tragen müssen, und das wir nicht einzelnen Akteuren überlassen dürfen.
Unser Weg führte uns ins Wallis nach Törbel. Über die Medien hatten wir von dieser berühmten Walliser Gemeinde gehört und waren neugierig geworden. Was werden wir hier wohl erleben? Was werden uns die Einwohner erzählen? – Die US-amerikanische Forscherin Elinor Ostrom hat letztes Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten. Sie hatte vor ungefähr 30 Jahren diese auf 1500 Meter hoch gelegene Bauerngemeinde im Mattertal besucht und sich erkundigt, auf welche Art und Weise die Bauern ihre Alpen bewirtschaften.
Was hat Elinor Ostrom in diesem abgelegenen Bergdorf erforscht? – Sie ging der Frage nach, wie die Bewohner Gemeinschaftsgüter (Allmende) wie Alpen, Fischgründe, Wälder und Wasser bewirtschaften, ohne diese in ihrer Substanz zu schädigen. Ostrom erforschte einen Aspekt der Marktwirtschaft, der in der Wirtschaftswissenschaft mehr Aufmerksamkeit verdient. Das Nobel-Komitee hat dies erkannt und mit dem Nobelpreis eine Botschaft verbreitet, die gehört wird.

Törbel ist überall

Der Bus brachte uns vom Grund des Rhonetals in engen Kehren tausend Meter hoch auf eine steile Terrasse, wo ungefähr 500 Menschen wohnen. Die Törbler sind von der Sonne verwöhnt, so dass neben der Viehzucht auch Früchte, Gemüse und Getreide gut gedeihen. Mit dem Wasser, das über verschiedene Leitungen herangeführt wird, müssen die Bewohner haushalten – wie in vielen Walliser Gemeinden. Die Gemeinde führt eine eigene Schule mit zwei Klassen für die Grundstufe. Ein Ortskundiger stellte uns sein Dorf vor und zeigte uns stolz die Moosalp, die in den letzten Monaten in den Medien viel Beachtung fand. Er erklärte uns die Abläufe, wie die Törbler ihre Alpen bewirtschaften. Elinor Ostrom hatte diese in ihrem Hauptwerk «Governing the Commons» (Die Verfassung der Allmende)1 wissenschaftlich dokumentiert. Anschliessend führte er uns durch sein Dorf mit den gepflegten, typischen Walliser Holzhäusern und mit den der Selbstversorgung dienenden Gemeinschaftseinrichtungen wie z.B. dem Backhaus und der Mühle. Das liebevoll ausgestattete Dorfmuseum gab uns Einblick, wie frühere Generationen in Törbel gelebt haben.
Folgen wir für ein paar Zeilen dem Text von Elinor Ostrom, in dem sie das Leben und die Geschichte von Törbel beschreibt: «[…] Schriftliche Urkunden gehen bis ins Jahr 1224 zurück, berichten über die Arten des Grundbesitzes und die Grundbesitzübertragungen, die im Dorf vorgekommen sind, sowie über die Regeln der Dörfler für die fünf Arten ihres Gemeindeeigentums: Almen, Wälder, Ödland, Bewässerungsanlagen sowie Pfade und Wege, die privaten und gemeindeeigenen Besitz verbinden. Am 1. Februar 1483 unterzeichneten die Einwohner von Törbel eine Satzung, mit der formell eine Genossenschaft zu dem Zweck gegründet wurde, die Nutzung von Almen, der Wälder und des Ödlandes besser zu regeln.» […] Diese Genossenschaft, stellte Elinor Ostrom fest, gibt es heute noch. «Die Bürger kommen einmal jährlich zusammen, um die allgemeinen Regeln und Prozeduren zu erörtern.» Eine der wichtigsten Regeln – damals und heute – ist die «Winterregel». Ein Bauer darf im Sommer nur so viele Kühe auf die Alp treiben, wie er selber überwintert hat. Das heisst, er soll nur so viele Kühe halten, wie er zum Erhalt seiner Familie braucht.
Elinor Ostrom zog auch andere Regionen der Schweiz in ihre Untersuchung mit ein: «In der ganzen Alpenregion verwenden die Bauern Privateigentum für landwirtschaftliche Zwecke und Gemeineigentum für die Sommerweiden, Wälder und das steinige Ödland.» […] Die Einwohner von Törbel und anderer Schweizer Dörfer, die gemeindeeigenes Land besitzen, verwenden viel Zeit für ihre Selbstverwaltung.» […] Zusammenfassend konnte die amerikanische Forscherin feststellen: «Selten wird von einer Übernutzung der Almen berichtet.»

Vielschichtige Marktwirtschaft

Wenn wir heute über die freie Marktwirtschaft debattieren, ist oft die Rede vom freien Wettbewerb, der uns den Wohlstand beschert, den wir heute geniessen. Oder es ist die Rede vom Casino auf den Finanzmärkten, das zu überborden droht und das ganze System in Gefahr bringt. Dabei wird in den Auseinandersetzungen oft vergessen, dass die Marktwirtschaft noch andere Seiten hat. Die Wirtschaftsfreiheit gibt den Menschen Raum und Chance, autonom im Kollektiv zusammenzuarbeiten und sich die Regeln selber zu geben. Elinor Ostrom ist Politikwissenschaftlerin an der Universität Indiana in Bloomington, USA. Sie setzte mit ihrer Forschung genau an diesem Punkt an. Welchen Platz hat ihre Arbeit in den Wirtschaftswissenschaften?

Marktwirtschaft gewährt Raum für Zusammenarbeit

Die Wirtschaftsfreiheit ist ein Produkt der Aufklärung. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde in vielen Ländern der so genannte Merkantilismus praktiziert. Die Wirtschaftsbürokratie der Könige und Fürsten steuerte das wirtschaftliche Geschehen zentral – nach aussen mit protektionistischen Zöllen und im Inland mit strengen Vorschriften und Kontrollen. Dahinter stand meist die Absicht, die Kassen für ihren verschwenderischen Lebenswandel und für ihre Kriege zu füllen. Das änderte sich in der Zeit der Französischen Revolution. Inspiriert von der Aufklärung nahm das Bürgertum die wirtschaftlichen Belange mehr und mehr in die eigene Hand und war vor die Frage gestellt: Wie wollen wir die neu gewonnene Freiheit nutzen?
1776 hat Adam Smith mit seinem Buch «Reichtum der Nationen» die moderne Volkswirtschaftslehre begründet. Er glaubte an eine natürliche Wirtschaftsordnung, die sich durch Harmonie von Einzel- und Gesamtinteressen auszeichnet. Smith beschreibt die Eigeninitiative, das Streben des Einzelnen nach persönlichem Nutzen, die Arbeitsteilung, den Austausch von Gütern und den freien Wettbewerb als treibende Kräfte für den gesellschaftlichen Wohlstand, von dem alle profitieren. Übertriebene staatliche Eingriffe würden das Spiel der Marktkräfte nur verzerren und zu Fehlentwicklungen führen. So schrieb er in seinem Buch von der «unsichtbaren Hand» des Marktes, die Probleme oft von alleine löse.
Führt der Markt nicht zu Ungerechtigkeiten oder gar zur Ausbeutung, wie spätere Ökonomen kritisierten? Nein – Adam Smith war nicht nur Ökonom, sondern auch Moralphilosoph. Er betrachtete den Menschen als soziales Wesen. Der Eigennutz finde Grenzen in der «Sympathie» des Menschen, schrieb er. Der Mensch habe die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Dabei spiele das Gewissen als «unparteiischer Beobachter» eine regulierende Rolle.
Der Verlauf der industriellen Revolution hat in den folgenden Jahrzehnten jedoch gezeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung nicht so problemlos verlaufen ist, wie es sich ein optimistischer Adam Smith 1776 gewünscht hat. Soziale Probleme wie Kinderarbeit, Verelendung grösserer Bevölkerungsschichten und ähnliches verlangten dringend nach Abhilfe und Ausgleich.
Der Staat erliess Arbeitsgesetze zum Schutz der Schwachen. So wurde die Kinderarbeit an vielen Orten eingeschränkt und später ganz verboten. Die Arbeitszeit wurde Schritt für Schritt reduziert. Die Arbeiterschaft organisierte sich in Gewerkschaften und Parteien und trieb diese Entwicklung voran. Die Marktwirtschaft sollte auf politischem Wege mit Gesetzen gezähmt und sozialer werden.

Reformen

Einen andern Weg beschritten Reformer wie z.B. in England der sozial engagierte Unternehmer Robert Owen. Sie vertraten folgende Ansicht: Wirtschaftsfreiheit bedeutet nicht nur «freier Wettbewerb» im Sinne von Adam Smith, sondern sie beinhalte auch Mündigkeit und Würde, im Kollektiv zusammenzuarbeiten und die Lebenschancen für alle zu verbessern. Dazu sei der Mensch um so mehr in der Lage, wenn die Arbeits- und Lebensbedingungen humaner werden und er sich Bildung aneigne. Owen hat auch mit Erfolg bewiesen, dass mit besseren Arbeitsbedingungen, insbesondere kürzeren Arbeitszeiten, die Produktivität der Arbeit steigt.
Die Reformer warteten nicht auf neue Gesetze, sondern sie nutzten den Spielraum, den ihnen die Wirtschaftsfreiheit gab. Robert Owen (1771–1858) experimentierte mit genossenschaftlichen Ideen in New Lanark (Schottland) und in New Harmony (USA). So versuchte er eigentliche Genossenschaftssiedlungen (Communities) einzurichten. Ein Mitarbeiter Owens gründete 1821 in England die erste genossenschaftliche Zeitschrift The Economist, die heute noch als bedeutende Wirtschaftszeitung existiert. Zu erwähnen sind auch die «Pioniere von Rochdale» (nahe bei Manchester), die 1844 als erste Grundsätze und Regeln für die Errichtung einer Genossenschaft in einem Programm festhielten. Sie gelten heute als Begründer der Konsumgenossenschaftsbewegung.
In der Schweiz gab es damals zahlreiche Brotvereine und Bäckereigenossenschaften, die in Selbsthilfe versuchten, die mangelhafte Versorgung mit Brot in den Griff zu bekommen. Sie bereiteten den Weg für die späteren Konsumgenossenschaften (1851 Konsumverein Zürich, 1852 Lebensmittelverein Töss). In Deutschland erkannte Wilhelm Raiffeisen (1818–1888), dass dieser Weg auch im Geld- und Kreditwesen beschritten werden konnte. Vorher hatten vor allem Gemeinden nach genossenschaftlichen Prinzipien Spar- und Leihkassen eingerichtet. Bereits 1805 wurde zum Beispiel in Zürich für die Bevölkerung eine Sparkasse eingerichtet. Daraus entstand später die genossenschaftliche «Bank Sparhafen Zürich», die heute noch existiert.
Owen, Raiffeisen und andere initiierten mit ihrem Beispiel eine eigentliche, globale Genossenschaftsbewegung. So gibt es heute zum Beispiel weltweit über 300 000 Raiffeisenkassen. Auch im Bereich der Landwirtschaft begannen viele Bauern zusammenzuarbeiten und gründeten flächendeckend ganze Netze verschiedenster Genossenschaften. Auch hier hat Raiffeisen gewirkt. In der Schweiz hat der Dichter Jeremias Gotthelf mit seinem 1850 erschienen Roman «Die Käserei in der Vehfreude» die Entwicklung mitgeprägt.
Die Erkenntnis verbreitete sich weltweit: Eigennutz wird in der Zusammenarbeit zum Gemeinnutzen. Wettbewerb wird ergänzt durch sinnvolle freie Vereinbarungen.
Im 19. und 20. Jahrhundert erfasste die globale Genossenschaftsbewegung alle Bevölkerungsschichten. Auch Klein- und Mittelbetriebe schlossen sich zu Genossenschaften verschiedenster Art zusammen. Als Beispiel erwähne ich hier die 1907 in Zürich gegründete Spengler-, Sanitär- und Dachdeckergenossenschaft, die heute noch existiert. Eine Besonderheit in der Schweiz ist die WIR-Genossenschaft: In der grossen Krise der 1930er Jahren haben sich einige Klein- und Mittelbetriebe zusammengefunden, um in schwerer Zeit zusammenzustehen und sich gegenseitig zu unterstützen – unter anderem mit eigenem Genossenschaftsgeld, dem WIR-Franken. Es sollte eine Erfolgsgeschichte werden, die bis heute anhält. Die WIR-Genossenschaft verbindet heute über 60 000 Klein- und Mittelbetriebe.
In den letzten Jahren lässt sich eine Renaissance des Genossenschaftsgedankens beobachten, die Elinor Ostrom mit ihrer Forschungsarbeit und das Nobel-Komitee mit dem Wirtschaftspreis ermutigt und gestärkt hat.

Genossenschaftsidee in der Staatenbildung

Ein besonderer Abschnitt in unserer Reise durch die Geschichte soll hier der Schweiz gewidmet werden: Wie Elinor Ostrom feststellte, gibt es hier zahlreiche Feld-, Wald-, Alp- und Wasserkorporationen, die ihren Ursprung in den Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften des Mittelalters haben. Die Korporation Uri, die Korporation Ursenen oder die Ober­allmend Schwyz zum Beispiel sind älter als die 1291 gegründete Eidgenossenschaft. Die freiheitliche Gesinnung und das auf das Gemeinwohl ausgerichtete Denken jener Menschen standen im Kontrast zum damaligen Feudalismus. Sie haben – wie Elinor Ostrom aufzeigt – das moderne Genossenschaftswesen inspiriert. Sie haben aber auch den politischen Aufbau und die Entwicklung der Eidgenossenschaft mitgeprägt. So trägt diese auch im 21. Jahrhundert die Bezeichnung «Genossenschaft» in ihrem Namen.

Wie lässt sich Zusammenarbeit erfolgreich gestalten?

Diese allgemeine Frage leitet Elinor Ostrom seit Beginn ihrer Forschertätigkeit. Sie stellte vor mehr als 30 Jahren in den USA ein Forscherteam zusammen, das die Arbeitsweise von Personengruppen untersuchte, die die Reichtümer der Natur autonom im Kollektiv bewirtschaften. Die Forscher führten in zahlreichen Ländern Fallstudien durch – im Alpwesen, in der Waldbewirtschaftung, in der Bewässerung von landwirtschaftlichen Böden, in der Versorgung mit Trinkwasser und im Bereich der Fischerei. Elinor Ostrom und ihr Team haben – ähnlich wie in Törbel – Kooperationen und Genossenschaften in Spanien, der Türkei, auf den Philippinen, in Sri Lanka, in Japan und in Kalifornien besucht und untersucht. Sie verglichen die Resultate mit Fallbeispielen, bei denen die staatlichen Behörden Einzelpersonen private Eigentumsrechte zuteilten, oder die Nutzung zentral von oben dirigierten: Die Forscher haben festgestellt, dass die Reichtümer der Natur überall dort schonender genutzt wurden, wo es – wie in Törbel – gelungen ist, die Ressourcen auf eine freiheitliche Art im Kollektiv zu bewirtschaften.
Elinor Ostrom und ihr Team sind Fragen nachgegangen wie: Welche der selbst gewählten Regeln begünstigen eine erfolgreiche Zusammenarbeit? Wer sorgt dafür, dass sie eingehalten werden? Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass die Zusammenarbeit über längere Zeit gelingt? Welche «Bausteine» sind nötig? Welche Regeln haben sich nicht bewährt? Wie werden Konflikte nachhaltig gelöst?
Die US-amerikanischen Forscherinnen und Forscher haben die Erkenntnisse aus Törbel und aus weiteren Fallstudien ausgewertet und daraus eine Theorie über autonome Zusammenarbeit mit selbst gewählten Regeln entwickelt – insbesondere in Wirtschaftsbereichen, wo Menschen die Ressourcen der Natur nutzen. Ostrom publizierte das Resultat bereits vor 20 Jahren in ihrem oben erwähnten Buch «Governing the Commons» («Die Verfassung der Allmende»). Im Jahr 2009 erhielt sie den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für ihr Lebenswerk.    •

1     Elinor Ostrom, Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action, Cambridge 1990