Ein wunderschönes, unvergessliches Wander- und Kulturerlebnis im Appenzellerland

von Gabrielle Ege und Edith Frey

Die Appenzeller sind bekannt für ihren Widerstandsgeist. Als Eidgenossen haben sie immer für ihre Freiheit und Unabhängigkeit gekämpft. Im Jahre 1403 wurden die freiheitsliebenden Appenzeller von dem Heer des «Bundes der Bodenseestädte St. Gallen» angegriffen. Mit Hilfe der Schwyzer gelang es ihnen unterhalb der Vögelinsegg, Widerstand zu leisten. Denkmäler erinnern an jene Zeit. Voller Freude und Erwartungen verfolgen wir die Spuren dieser denkwürdigen Ereignisse, verbunden mit einer schönen Wanderung. Wir steigen in die Bahn und fahren Richtung Teufen.
Schon bei der Ankunft im 800m hoch gelegenen Teufen, bekannt als Luftkurort, sind wir überrascht von der aussergewöhnlich schönen Panoramaaussicht. Das verschneite, im Winter besonders kontrastreiche und markante Säntismassiv, erhebt sich eindrucksvoll hinter den umliegenden Höhenzügen. Beim Blick ins Dorfzentrum fallen die prächtigen Häuser aus der Zeit der blühenden Textilindustrie auf. Von diesem Aufschwung profitierten auch die Zimmermeisterbrüder Grubenmann, bekannt für ihr besonderes Geschick im Bauen von Brücken mit stützen­loser Überspannung grosser Distanzen.
Nach all diesen Eindrücken führt uns der Wanderwegweiser schon auf den richtigen Pfad Richtung Vögelinsegg.
Langsam geht der Weg bergauf an typischen Appenzellerhäusern vorbei durch tief verschneite Felder und Wälder.
Man kann sich kaum satt sehen an der weiss verschneiten, glitzernden Winterlandschaft. Faszinierend sind die mit Schnee bedeckten, vereisten Tannennadeln und Äste. Dadurch entstehen neue, interessante Strukturen und Formen.
Nach einem angenehmen Aufstieg auf den höchsten Aussichtspunkt erwartet uns das Gasthaus Waldegg, wo wir gerne einen Zwischenhalt einlegen. Kaum ist man im Haus drin, gibt es viele Überraschungen zu sehen. Zum Beispiel ein Schulzimmer, der «Tintelompe» von anno dazumal. Mit Tintenfässli in der Schulbank, Schultaschen mit Fellen, ein Flicksocken von der Handarbeitsschule, eine von Hand gezeichnete Schweizerkarte, ... Eine Treppe, die zu «Tante Emmas Ladebeizli» hinaufführt. Wieder eine Pracht von gesammelten Raritäten, von Mercerieartikeln zu Lebensmitteln, eine alte Waage, Kinderspielzeug und anderem Kleinkram. Wo man hinkommt, gibt es etwas zu entdecken. Man spürt, dass da jemand mit viel Liebe zum Detail am Werk war. Viele gut erhaltene Alltagsgegenstände aus früheren Zeiten sind zu sehen. Sie schmücken die passenden Räume, sind sorgfältig ausgewählt und geschmackvoll  angeordnet. Ein Stück Tradition wird lebendig gemacht und an die jüngere Generation weitergegeben.
Freude bereitet auch ein kleiner sauberer Stall, eingebaut im Restaurant, mit vielen kleinen rosaroten Ferkeln, die munter herumhüpfen. Die beiden Mutterschweine liegen friedlich mitten drin. Also auch für Kinder eine Freude.
Weil der Magen knurrt, müssen wir jetzt unsere Entdeckungsreise unterbrechen. Wir werden von der Wirtin freundlich empfangen und in eine Stube geführt, eingerichtet wie zu Grossmutters Zeiten. Die Familie Dörig wirtet in der zweiten Generation seit 1948 in der Waldegg. Sie entstammen einer Wirte-Dynastie, die bereits seit mehreren Generationen in diesem Metier tätig ist und mit der Tradition im Appenzellerland und der Ostschweiz bestens vertraut ist. Das prägt die ganze Atmosphäre, und das Essen ist ausgezeichnet. Auf dem Tisch liegt der Waldeggkalender, eine umfangreiche Hauszeitschrift. Neben uns ist Grosis Küchenherd mit allem, was dazu gehört. Eine mit Kreuzstichen bestickte Decke schmückt unseren massiven Holztisch. In der Schublade befindet sich das Besteck. Sauerbraten mit Rotkraut und Kartoffelstock steht heute auf der Menukarte. Eine feine Kürbissuppe zur Vorspeise mundet vorzüglich. Frisch gestärkt können wir unsere Entdeckungsreise fortsetzen. Im Keller die Waschküche, oben die Magd- und Knechte-Kammer und viele andere Räume können noch besichtigt werden. Beeindruckt von diesem gepflegten und erlebnisreichen Ort, der wie ein Museum wirkt, setzen wir unsere Wanderung fort.
Draussen begegnen wir Appenzeller Ziegen, Kleinvieh im Streichelzoo und anderen Haustieren. Besonders sehenswert sind die grossmächtigen Arbeitsochsen Falk, Fritz, Franz und Fridolin. Mit dem Ochsengespann kann man, wenn es wärmer wird, die Fahrt zum Gasthof Waldegg geniessen. Auffallend ist, dass die Gemeinde Teufen die höchste Ochsendichte in der Schweiz hat. Weiter geht es in der herrlichen Landschaft Richtung Kulturpfad, wo die Freiheitskriege stattfanden. Unterwegs erinnert ein steinernes Mahnmal an den letzten im Jahr 1695 erlegten Wolf.
Von weitem sieht man einen stolzen Appenzeller Krieger, stehend auf einem aus Marmor gehauenen Schlachtdenkmal. Er erinnert uns an den damals geleisteten Widerstand. Auch heute ist es nötig, für unsere Freiheit einzustehen.
Erstaunt, welche geschichtlichen und kulturellen Eindrücke wir von dieser Wanderung mitnehmen, machen wir uns auf den Heimweg und fahren mit der Trogener Bahn Richtung St. Gallen. Unsere Neugierde ist erwacht, wir wollen mehr über das Appenzellerland und seine Bevölkerung erfahren    •

Quelle: Kulturspur Appenzellerland, Thomas Fuchs et. al.,
ISBN 978-3-85882-451-6