Langendorf gegen den Geist der Kapitulation

von Philipp Barraud

«Der Hedonismus, verbunden mit dem alltäglichen Stress, macht nicht nur blind vor Bedrohungen, sondern führt zu deren Verneinung und zerstört damit den Willen zur Verteidigung.» In einem einzigen Satz zeigt Jean-Jacques Langendorf* das Problem auf, vor dem die Schweiz heute steht und in Zukunft stehen wird.
Der Historiker und Fachmann für Militärgeschichte präsentiert uns unter dem Titel «Kapitulation oder Wille zur Verteidigung?» ein Manifest, das geeignet ist, die Energien wieder zu wecken, die durch einen trügerischen Frieden in Europa eingeschläfert wurden – obwohl die Wunden der jüngsten Konflikte im Balkan noch lange nicht verheilt sind.
Aber von welchen Bedrohungen sprecht ihr, wird man von überall her gefragt? Um vorschnell zu schliessen, dass es ja keine mehr gibt und dass deshalb die militärische Verteidigung sinnlos geworden ist. Langendorf hebt jedoch hervor, dass der «diffuse Charakter der Bedrohung die irrige Vorstellung wecken kann, dass es sie gar nicht gibt. Die Bedrohung […] nähert sich maskiert, und sie hat eine Vielzahl an Masken zur Verfügung. Die bedeutendste Bedrohung ist wahrscheinlich diejenige, nicht an Bedrohungen zu glauben.»
Für den Historiker ist eine weitere Bedrohung «die ständig aufrechterhaltene Illusion, dass wir geliebt und geschätzt sind. Dies ist jedoch eine fatale Illusion. Die Schweiz ist nicht geliebt, weil man neidisch auf sie ist, und neidisch ist man, weil sie, wie die Amerikaner sagen, ‹deep pockets› hat, also tiefe Hosentaschen, oder anders gesagt, sie ist reich, und der Reichtum zieht alle Begierden an, vor allem in einem Europa, das zwischen den Klippen der Wirtschaftskrise, der Schulden und der Verarmung seinen Weg finden muss.»
Die Schweizer neigen dazu, die konstante Abscheu der Führungselite der EU vergessen zu wollen. Aber sie taucht immer wieder auf: Erinnern wir uns nur an die Beschimpfungen der Steinbrücks, Kouchners, Montebourgs … Für Jean-Jacques Langendorf stellt diese Abscheu eine vielfache Bedrohung dar, sowohl unseres Wohlstandes als auch unserer Institutionen – in erster Linie der direkten Demokratie, «eine archaische Wucherung, die das schöne Antlitz Europas verunstaltet» – und unserer Sicherheit: «Die Erwartung, dass uns die EU bei irgendeiner Bedrohung zu Hilfe eilen würde, ist eine absolute Illusion.»
Neben dem materiellen gibt es noch einen anderen Reichtum der Schweiz, der die Begierde ihrer Nachbarn weckt und der sie, sehr bald schon, in wahrhafte militärische Konflikte hineinziehen könnte. «Die Schweiz, ‹Wasserschloss Europas›, besitzt noch einen anderen Reichtum, dieses ‹flüssige Gold›, das in Zukunft immer begehrter sein wird, wie es bereits im Mittleren Osten und in Afrika der Fall ist, wo es starke Spannungen erzeugt. Der Druck auf die Schweiz wird zunehmen, je seltener dieses lebensnotwendige Gut wird. Auf die Begierde nach dem Geld wird die Begierde nach dem Wasser folgen, in deren Zentrum die Schweiz stehen wird. Der Tag wird kommen, an dem auf die Eidgenossenschaft dieser Druck ausgeübt werden wird, vielleicht auch mittels militärischer Intervention, vielleicht von der Uno abgesegnet, im Namen des ‹höheren Interesses der Menschheit›. Wenn wir dem nichts oder fast nichts militärisch entgegensetzen können, wird eine solche Entwicklung unabwendbar sein.»
Genau deshalb ist die Schweiz verpflichtet, eine starke und wirkungsvolle Armee zu erhalten. Wenn die Zeiten der diplomatischen Reden und der Politik der hingestreckten Hand vorbei sind, wird man den neuen Bedrohungen mit Waffen entgegentreten müssen, mit einer kriegstauglichen Armee: «Sie darf nicht für sportliche Grossanlässe oder für die Schneeräumung auf Skipisten eingesetzt werden. Sie muss für den Krieg vorbereitet sein und – ergänzend – für die Katastrophenhilfe.» Dazu muss man die Armee ständig auf dem höchsten Niveau halten, denn «eine Armee aufzubauen braucht Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. Und was zerstört wurde, kann nicht mit dem Zauberstab neu geschaffen werden, vor allem nicht in einer Notsituation.»
Wir leben in einem Zeitalter der Trägheit, der Sentimentalität oder gar der Schlaffheit. Eine zumindest widersinnige Entwicklung in einer unvorhersehbar gewordenen und deshalb gefährlichen Welt. Man muss also Jean-Jacques Langendorfs Aufruf zur Wehrhaftigkeit gut zuhören – ihm, der die Triebfedern des Krieges und die dunklen Seiten der menschlichen Seele besser kennt als jeder andere.
In seinem 1940 geschriebenen Werk «L’étrange défaite» («Die seltsame Niederlage») – dem bis heute besten Bericht über den Zusammenbruch der französischen Armee im Mai/Juni 1940 – zitiert der Historiker Marc Bloch die Aussage eines jungen Offiziers: «Dieser Krieg hat mich viel gelehrt. Unter anderem dies: Es gibt Berufsmilitärs, die nie richtige Krieger sein werden; es gibt jedoch Zivilpersonen, die von Natur aus Krieger sind.» Jean-Jacques Langendorf gehört ohne Zweifel zu der zweiten Kategorie.    •

* Jean-Jacques Langendorf: «Capitulation ou volonté de défense? La Suisse face à un défi» («Kapitulation oder Wille zur Verteidigung? Die Schweiz vor einer Herausforderung») F-01220 Divonne-les-Bains, 2011, ISBN-978-2-882295-621-7

Quelle: www.commentaires.com, 28. September 2011 (Übersetzung Zeit-Fragen)

Das Wesen der Gefahr

«Einer der Artikel dieser unveränderlichen Ordnung des ‹Alles ist gut› besagt, dass die europäische Union keinerlei Gefahr ausgesetzt ist (und sie selber hat lange daran geglaubt) und dass die Schweiz um so mehr gar nichts zu befürchten habe. Wie bereits erwähnt: eine diffuse Bedrohung kann die Illusion ihrer Nicht­existenz vermitteln. Aber worin besteht diese Bedrohung? ‹Larvatus proteo›, sagte Descartes. ‹Ich bewege mich getarnt vorwärts.› Auch die Bedrohung schreitet getarnt voran, und zwar hinter vielen verschiedenen Masken. Die erste Bedrohung ist wahrscheinlich diejenige, nicht an sie zu glauben und in einer Art Weltfremdheit und Naivität (‹angélisme›) zu versinken, von der wir gesprochen haben. Und die anderen? Es gibt auch die ständig aufrechterhaltene  Illusion, dass wir geliebt und geschätzt sind. Dies ist eine fatale Illusion.»

Langendorf, S. 69/70

In einer komplexen Welt, die sich in stetem Wandel befindet und in der zunehmend unsichere, ja sogar stürmische Aussichten bestehen – was kann da im allgemeinen, und im besonderen für die Schweiz, der Wille zur Verteidigung ihrer Freiheit, ihrer Demokratie und ihrer Unabhängigkeit bedeuten? Welches sind die aktuellen Bedrohungen, die zwar schwierig zu erkennen, aber dennoch sehr real sind, im internationalen Kontext, der sich unaufhörlich verändert? Ist die Zuflucht unter die Flügel einer mächtigeren Einheit, wie zum Beispiel der EU und der Nato, eine taugliche Lösung in Anbetracht ihrer gegenwärtigen militärischen Schwäche?
    Der permanente Wille zur Verteidigung ist eine kostbare und erprobte Qualität. Sie ist es, die in kritischen Situationen einer Gemeinschaft, einem Volk, einem Staat erlaubt, ihr Überleben und ihre Würde zu wahren.
    Die vorliegende Analyse will uns aufrütteln. Sie wendet sich an jede und jeden von uns und besonders an diejenigen, die zweifeln und versuchen, sich eine Meinung zu bilden über die Notwendigkeit der Armee, auf dem Hintergrund des Willens zur Verteidigung und des Wunsches nach Sicherheit.
    Kurz gesagt: Wollen und können wir uns noch verteidigen? Und gegen wen? Grundlegende Fragen, die nicht gelöst werden können durch Weltfremdheit und Naivität («angélisme»), die bei einer zu grossen Zahl von Politikern vorherrschen.

Aus dem Prospekt des Verlags Cabédita.
(Übersetzung Zeit-Fragen)

Capitulation ou volonté de défense? La Suisse face a un défi, Edition Cabédita

ISBN 978-2-882205-621-7