Leserbriefe

Cui bono?

Die vielfältigen Kommentare zur Euro-Rettung, die Ratlosigkeit und die verheerende Rolle, die unsere Funktionsträger dabei spielen, lassen eine Frage vermissen. Es ist die übergeordnete Frage nach dem Cui bono und den Spielräumen, die der deutschen Innen- und Aussenpolitik durch unseren Hegemon in Übersee zugedacht werden. Schliesslich ist die Einflussnahme auf die Finanzpolitik der Euro-Zone – und hier insbesondere auf die der BRD – ein entscheidendes Herrschaftsinstrument, das weiträumig geplant und zielgenau eingesetzt wird.
Nicht von ungefähr waren schon bei den seinerzeitigen Euro-Aufnahmeverhandlungen Griechenlands US-Spezialisten beim absichtsvollen Optimieren griechischer Bilanzen hilfreich. Es war wie das Implantieren eines Virus, um zu gegebener Zeit eine gewünschte Pandemie auslösen zu können.
Und auch jetzt spielt Herr Giorgos A. Papandreou mit Charme und fintenreicher Zielstrebigkeit unter dem euphemistischen Fanal von der Rettung seines Landes die amerikanische Karte aus. So nennen ihn auch hellsichtige Hellenen, ungeachtet seiner langjährigen Studienaufenthalte in den USA, nur noch den «Amerikaner». Und so musste auch Herr Dominique Strauss-Kahn durch eine Hotelangestellte in Manhatten zielgenau mit gekonntem Körpereinsatz in diesem so sittenstrengen Land bis zur Wahl von Mme Christine Lagarde aus dem Verkehr gezogen werden. Damit hat sich auch seine aussichtsreiche Nachfolge für das Präsidentenamt von Herrn Sarkozy erledigt: Zu eigenständige Köpfe der anderen könnten die eigene Strategie stören. Auch hier die Frage nach dem Cui bono?
Wer im geostrategischen Spiel den Verlauf der Kraftlinien verfolgt, weiss, dass die Schwächung der Euro-Zone und ihrer Währungs-Konkurrenz ein strategisches Ziel bei der Verteidigung der noch geltenden eigenen Welt-Reservewährung Dollar ist. Es gilt, sich für die eigentliche Auseinandersetzung mit dem chinesischen Yuan aufzustellen.
Bei solcher Übersicht wird das Zwergenhafte unserer europäischen Funktionseliten erkennbar, die widerstandslos diese Strategie aus Übersee umsetzen und sehenden Auges vorübergehende Liquiditätshilfen ohne jede eigene Bodenhaftung zu Lasten anderer in Anspruch nehmen, um nur noch tiefer in den Strudel einer gigantischen, irreversiblen Verschuldung und Bedeutungslosigkeit gezogen zu werden. In dieser globalen Strategie ist der Schutz nationaler Ressourcen verbündeter Länder oder gar die Einhaltung vertraglich festgelegter strikter Stabilitätskriterien einer gemeinsamen Währung nicht vorgesehen.
Wir sollten doch bei all diesen durch unsere sanktionierten Medien für den Normalverbraucher bekömmlich aufbereiteten Ungeheuerlichkeiten des Zeitgeschehens die grossen Linien nicht aus den Augen verlieren!

Dr. Horst A. Hoffmann, Kiel

«Wie werden die Grundlagen mathematischen Denkens gelegt?»

Der Artikel, der die momentan eingesetzten Mathematiklehrmittel differenziert analysiert und miteinander vergleicht (Zeit-Fragen Nr. 36 vom 5.9.2011) ist eine grosse Wohltat. Er erklärt mir einen gewichtigen Teil der Probleme, die meine Schüler mitbringen.

Als Heilpädagogin und langjährige Primarlehrerin bekomme ich die Schüler meistens im dritten bzw. vierten Schuljahr zugewiesen. Sie arbeiteten in den Unterstufenklassen mit dem «Zahlenbuch» oder jetzt neu mit dem Mathematiklehrmittel «logisch». Es fällt mir immer mehr auf, dass bereits keine Vorstellung im Zahlenraum bis 20 vorhanden ist und der Zehnerübergang nicht sauber eingeführt und geübt wurde. Dadurch wird auch im Hunderterraum kein klarer Aufbau ersichtlich. Viele Rechenfehler werden gemacht, weil die Schüler keine ausreichende Übung haben und keinerlei Sicherheit erlangt haben, wie sie Rechnungen angehen müssen. Es ist ein Durcheinander, und Orientierungslosigkeit herrscht vor. Einmaleinsreihen sind überhaupt nicht gefestigt. Meistens muss ich zunächst nochmals den Zehnerübergang im Zahlenraum bis 20 aufarbeiten, damit anschliessend ein strukturierter Aufbau im Hunderter- bzw. dann im Tausenderraum möglich ist. Durch eine kleinschrittige Anleitung und einen systematischen Aufbau, der ausführliche Übungsphasen einschliesst, arbeiten die Kinder den Aufbau des Zahlenraums Schritt für Schritt auf. Sie beruhigen sich und gewinnen Freude am Rechnen.
Lernschwache Schüler sind mit diesen Lehrmitteln besonders im Stich gelassen. Gerade sie bräuchten einen kleinschrittigen, klar strukturierten Aufbau, verbunden mit ausreichender Übung. So liesse sich so mancher Sonderklässler bzw. «Lernzielbefreite» mit etwas zusätzlicher Unterstützung gut in der Regelklasse mitnehmen.
Vor drei Jahren kam das Nachbarsmädchen, damals eine Zweitklässlerin, zum Mathematiklernen zu mir. Laut Aussage der Mutter sollte sie abgeklärt werden, da sie im Rechnen Probleme habe und zu langsam sei. Sie brachte ihr Mathematiklehrmittel mit, das «Zahlenbuch». Auf der Buchseite, an der sie in der Schule gerade arbeiteten, wurden drei verschiedene Herangehensweisen an eine Rechenoperation vorgestellt. Als Schüler sollte man sich eine Variante aussuchen. Keine davon wurde geübt. Es wurde ersichtlich, dass das Mädchen schon im Zahlenraum bis 100 schwamm. Es brauchte nicht viel, sie erlangte schnell Sicherheit und ist heute eine gute Fünftklässlerin. Eine Abklärung war kein Thema mehr. Vor kurzem kam auch ihre jüngere Schwester zum Lernen zu mir. Sie ist als Drittklässlerin zu einer jungen Lehrerin gekommen, die sie bereits in der siebten Schulwoche beim Schulpsychologen anmelden wollte. Sie sei zu langsam und habe Probleme im Rechnen. Sie brachte ihr Rechenlehrmittel, das «logisch», mit, in dem die Klasse am Aufbau des Zahlenraums 1000 arbeitete. Blättert man das Buch durch, wird man schon als Lehrer konfus: Kein Aufbau, ein zusammengemixtes Durcheinander. Woran sollen sich Schüler, die eine kleine Unsicherheit mitbringen, orientieren und Sicherheit gewinnen? Es kann ja wohl nicht sein, dass lediglich 20% unserer Kinder sich mit diesen Lehrmitteln zurechtfinden und die restlichen 80% durch die Maschen fallen und nicht mehr richtig rechnen lernen.
Auch alle Junglehrer sind im Stich gelassen. Sie werden in ihrer Ausbildung nicht mehr in eine fundierte Mathematikdidaktik eingeführt und haben in der Praxis nur die neuen Rechenlehrmittel zur Verfügung. Sie besitzen dadurch selber keine Vorstellung von einem soliden Aufbau des Zahlbegriffs und können nicht auf Bewährtes zurückgreifen.
Für unsere Schüler und für uns Lehrer ist es dringend nötig, endlich wieder vernünftige Lehrmittel zur Verfügung zu haben. Mit wenig Aufwand könnten die älteren, langjährig bewährten, gut aufgebauten und strukturierten Mathematiklehrmittel wieder neu aufgelegt werden. Damit würde auch bei den Kindern die Freude an der Mathematik wieder geweckt und das Interesse für technische und naturwissenschaftlich ausgerichtete Berufe wieder gelegt.

M. T.