«Timeo Danaos et dona ferentes» – Ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen

Interview mit Samuel Krähenbühl, Gemeinderat Unterlangenegg (BE) und Redaktionsleiter «Schweizer Bauer»*

Zeit-Fragen: Es waren ursprünglich 18 Gemeinden, die in den Naturpark eingebunden werden sollten. Warum soll jetzt unbedingt eine Abstimmung in den Gemeindeversammlungen der übrigen 11 Gemeinden zu einer abgespeckten Version durchgezwängt werden?

Samuel Krähenbühl: In Unterlangenegg wird am 7. Dezember noch einmal in der Gemeindeversammlung über den Naturpark abgestimmt. Unsere Position im Gemeinderat ist: Wir beantragen den Austritt aus diesem Projekt.
Auf der Landkarte hängen wir zwar schon noch mit dem Naturpark zusammen. Wir sind in der Praxis aber nur noch über den tiefen Zulggraben, über den es keine direkte Fahrverbindung gibt, mit dem restlichen Gebiet zusammenhängend. Ganz egal, wie die anderen Gemeinden entscheiden, macht das für uns keinen Sinn mehr: Wir sind im Prinzip abgeschnitten in der Version mit den verbliebenen 11 Gemeinden. Das ist die lokalpolitische Ausgangslage von unserer Gemeinde. Aber auch generell ist die Ernüchterung gross. Die naturräumliche Integrität, die am Anfang noch eher vorhanden war, ist im Prinzip bereits aufgelöst. Doch der Naturpark Thunersee-Hohgant hat schon von Anfang an daran gekrankt, dass es nicht ein Verkehrsraum ist. Für die Menschen sind die Wege zwischen Oberem Emmental und Brienzersee sehr weit.
Den Gedanken des Regionalmarketings – dass man die regionale Wirtschaft und den Tourismus fördert – finde ich grundsätzlich nach wie vor richtig und wichtig. Unser Gebiet hat Regionalmarketing und sanfte Tourismusförderung nötig. Wir sind hier oft über der Nebelgrenze, sehr naturbelassen, es gibt ein ehemaliges Moor, da kommen viele Leute zum Spazieren. Hier könnte man durchaus etwas mehr tun. Als wir gemerkt haben, in welche Richtung das geht, haben wir im Gemeinderat, und gerade auch ich persönlich, versucht, die Naturparkverantwortlichen dazu zu bewegen, doch gescheiter das Projekt zu beerdigen und statt dessen ein sinnvolles Regionalmarketing aufzuziehen. Dazu braucht es keinen Park. Das stiess aber beim leitenden Gremium gar nicht auf Zustimmung, was ich bedaure. Ich gehe nicht davon aus, dass noch etwas zustande kommt, es wird vermutlich in einigen anderen Gemeinden auch ablehnende Entscheide geben. Da erlebe ich die Verantwortlichen als sehr stur, nach dem Motto «Nach uns die Sintflut», wir fahren lieber das Schiff richtig auf den Grund und überlegen nicht: Wie könnte man die Sachen, die im Kleinen funktionieren, wie zum Beispiel das Lädeli in Eriz, auf eine solide Grundlage stellen? Dass man sich vom Label verabschiedet und auf niederschwelliger Ebene etwas macht, eben etwa eine Erlebnisregion Thunersee-Hohgant. Das können wir nach einem ablehnenden Entscheid dann selber an die Hand nehmen.

Wenn das Ganze ein schweizerisches Anliegen wäre, würde selbstverständlich über diese Alternative diskutiert, und Sie hätten bei den landwirtschaftlichen Bildungs- und Beratungszentren jegliche fachliche Unterstützung dafür.

Unsere Haltung in Unterlangenegg ist basisdemokratisch. Wir sagen, unser Souverän hat einmal dem Park zugestimmt, und wir legen es ihm noch einmal vor. Wir machen es nicht wie andere, die gesagt haben, wir beerdigen es auf Gemeinderatsebene. Wir legen es nochmals vor mit ablehnendem Antrag, das Volk soll sich noch einmal äussern. Aber wir sagen, wir sehen es nicht mehr. Kürzlich hat noch eine Sitzung der verbliebenen 11 Gemeinden in Oberhofen stattgefunden. An dieser Sitzung war der Tenor bei vielen Gemeindevertretern: Wir stimmen schon noch einmal darüber ab, aber vermutlich wird es abgelehnt.
Da kann man gut erkennen, dass es den Kräften, die von oben den Naturpark durchziehen wollen, gar nicht darum geht, dass ihr in eurer Region etwas Gutes aufgleisen könnt, sondern dass sie ihr stures Konzept durchziehen wollen.
Zu dieser Überzeugung komme ich langsam auch. Vor allem sehe ich auch – das hört man hinter vorgehaltener Hand auch von den Projektverantwortlichen – dass ein erheblicher Teil der Mittel, die von Bund und Kanton fliessen, dazu verwendet wird, Papier zu produzieren. Das ist auch etwas, was mich ärgert.

Seien Sie froh, wenn die draussen sind.

Ich sehe schon, mit denen hätte man ohnehin nichts in dieser Art machen können. Im Prinzip müssten wir mit unseren Nachbardörfern etwas zusammen machen, nicht mit den Dörfern, die weit entfernt, beispielsweise am Brienzersee, sind.

Die Stellen im Bund, die die Naturpärke aufgleisen wollen, sind ja gar nicht wirklich daran interessiert, die Regionen zu fördern. Sondern sie führen Pläne aus, die sie von Brüssel bekommen haben.

Ja, mit diesen Bundesämtern habe ich meine Erfahrungen. Was mich irritiert, das hängt auch mit meiner Berufstätigkeit zusammen. Der Schweizer Bauer*, für dessen Internetportal ich als Redaktionsleiter verantwortlich bin, ist seit dem Herbst die grösste landwirtschaftliche Zeitung der Schweiz.
Ich habe in letzter Zeit einiges mitbekommen, gerade was vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) herkommt. Zum Beispiel eine Übung ist ziemlich klammheimlich durchgeführt worden, nämlich die Ausscheidung von Gewässerräumen. Das bedeutet, dass man entlang von jedem Rinnsal einen Raum von mehreren Metern ausscheiden muss, in dem der Bauer nicht mehr düngen darf. Im Prinzip ist dort nur noch extensive Landwirtschaft erlaubt. Erstens ist es ein riesiger bürokratischer Aufwand, die Gemeinden und Kantone sind am Schwitzen, für die Geometer gibt es viel Arbeit, aber es ist eine Riesenbürokratie. Zweitens werden auf diese Weise der Landwirtschaft etwa 20 000 Hektaren Land entzogen.
Dann hat auch der Bundesrat, das hat noch Moritz Leuenberger gemacht, das sogenannte Nagoya-Protokoll,  mit den sogenannten Aichi-Zielen unterschrieben, wonach die Schweiz sich verpflichtet hat, 17 Prozent der Landfläche als Biodiversitäts-Vorrangflächen auszuscheiden. Ich habe die Leute vom Bafu gefragt, was das bedeutet, und habe auch einige Artikel dazu geschrieben. Die Antwort war, diese Flächen müssten überall sein, auch im Mittelland, das ja bereits sehr intensiv genutzt ist. Es ist naheliegend, dass diese zusätzlichen Ökoflächen in den Naturpärken gesucht werden könnten.
Bei solchen Dingen frage ich mich manchmal, wem das Ganze dient.
Es gibt ein Sprichwort aus der Äneis von Vergil zur Schlacht von Troja, als die Griechen ihr berühmtes hölzernes Pferd den Trojanern scheinbar als Geschenk übergaben. Dabei waren Krieger darin versteckt: «... Timeo Danaos et dona ferentes» (Ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen.). Mir kommt es langsam ein wenig so vor. So, wie es heute geregelt ist, kann man nicht ohne weiteres neue Naturschutzauflagen machen. Wenn ich aber die Dynamik in der Verwaltung anschaue, auch im Bafu, was die immer ausbrüten, dann traue ich diesen Leuten nicht.
Zum Beispiel hat das Bafu über Jahre, zum Teil mit Manipulation (das ist zwar ein anderes Thema), versucht, die Partikelfilterpflicht, die Nachrüstungspflicht bei Traktoren, durchzusetzen, obschon die nachgerüsteten Partikelfilter nachweislich nicht funktioniert hatten. Sie sind so weit gegangen, Versuche zu fälschen und Resultate zu unterschlagen, weil die nachgerüsteten Filter nicht funktioniert haben. Nur weil man das aus ideologischen Gründen unbedingt wollte. Eine derartige Dynamik finde ich problematisch.
Die Forderung der Naturschutzverbände steht jetzt im Raum, man müsse in den Naturpärken etwas tun, damit sie «richtige» Naturpärke würden, die bestehenden Pärke würden sonst das Naturpark-Label gar nicht verdienen. Dort sehe ich auch eine gewisse Gefahr.

Also versucht das Bafu über die Naturpärke, die Landwirtschaft einzuschränken?

Man könnte heute konkret bei den Naturpärken noch nichts in dieser Richtung nachweisen, aber ich sehe die Dynamik solcher Bestrebungen in vielen anderen Bereichen, und irgendwann ist es naheliegend: Wir haben heute schon einen Selbstversorgungsgrad von nur noch 60 Prozent und wenn wir noch 17 Prozent der produktiven Fläche für die Biodiversität ausscheiden, dann sinkt der Selbstversorgungsgrad noch tiefer.
Zusammenfassend ist meine Haltung: Ich traue dem Bafu nicht. Vergessen wir nicht: In den Naturschutzverbänden sitzen ehemalige Studienkollegen, ehemalige Arbeitskollegen oder zumindest Gleichgesinnte von vielen Bafu-Mitarbeitern. Wenn die Naturschutzverbände zusätzliche Auflagen in den Naturpärken fordern, dann kommt diese Forderung von Leuten, die dem Bafu sehr nahe stehen. Was die alles aufgleisen wollen, zum Beispiel im Tierschutz oder die Sache mit den 17 Prozent Biodiversitäts-Vorrangflächen, da muss ich zitieren: «Timeo Danaos …» …

Wie sehen Sie die Stimmung hier vor der Abstimmung?

Die einen meinen, der Naturpark sei eine Chance, und es gebe Geld. Aber das Lädeli in Eriz und ähnliche Einrichtungen könnte man auch sonst weiterführen. Die Mehrheit hier sind eher SVP-Wähler, aber es gibt auch eine Anzahl Mittewähler oder sogar Rot-Grüne, welche sich durchaus mit zusätzlichen Auflagen für den Naturpark anfreunden könnten. Ein Bestehen auf dem Naturpark wird aber von vielen als Zwängerei angeschaut. Im März hatten wir hier Abstimmungen über eine Gemeindefusion, die mehrheitlich abgelehnt wurde. Schon von daher ist die Stimmung für Grossprojekte im Moment eher schlecht.
Ich habe nicht das Gefühl, dass der Naturpark durchkommt. Wenn die Erizer nein sagen, ist der Park wahrscheinlich gestorben.

Es ist auffallend still hier. In der Lokalpresse steht kaum etwas.

Doch, es gibt viele Gegner. Es gibt aber auch bürgerliche Befürworter wie Samuel Graber, SVP, Gemeindepräsident von Horrenbach-Buchen und Grossrat. Er war und ist dafür, obschon er meines Wissens skeptischer geworden ist als auch schon. Aber über seine aktuelle Position müssten sie ihn selber fragen.
Über die Naturpärke hinaus ist die Ökologie zu stark dominant gegenüber anderen dringenden Erfordernissen: Ich erinnere beispielsweise auch an die Problematik der Grossraubtiere wie Bär und Wolf, wo sich öko-romantische Städter über die Probleme der Landbevölkerung hinwegsetzen.
Naturpärke sind ein Teil der Grosswetterlage: Der Landwirtschaft wird generell immer mehr Land entzogen, und zwar nicht nur durch die Bautätigkeit, sondern auch durch Renaturierungen. So will der Kanton Bern 50 Hektaren Wald abholzen zur Renaturierung der Aare bei Münsingen, für 100 Mio Franken. Da darf man plötzlich Wald abholzen, obschon der Wald sonst sehr streng geschützt ist! Und das viele Geld muss dann bei den Lektionen der Schulkinder eingespart werden?

Vielen Dank für das Gespräch.    •

*Schweizer Bauer: Die grösste landwirtschaftliche Zeitung der Schweiz mit einer beglaubigten Auflage von 30'841. 51% der Aktien hat die Ökonomische und Gemeinnützige Gesellschaft (OGG), einst präsidiert von Albrecht von Haller und später von Rudolf Minger. 49% gehören der Tamedia, welche die Redaktion unabhängig arbeiten lässt. 15 festangestellte Redaktoren, Verlag in Bern, Zeitung erscheint zweimal pro Woche.