Kultur der Wanderschäferei bedroht

Interview mit Dr. Stefan Völl, dem Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Landesschafzüchter

ab./thk. Deutschland hat eine spezielle Kultur der Wanderschäferei, mit der die Heidelandschaften offen gehalten werden. Dazu gehören spezielle Berufe mit einer reichhaltigen Tradition. Dies alles wird durch Naturpärke, Wolf und Luchs bedroht. Die Berufsschäfer wissen aus Erfahrung, was Herdenschutzhunde können und was nicht. Ihnen muss kein Schweizer Buwal-Beamter das Märchen von funktionierendem Herdenschutz bei Wolfsrudeln und Luchsen erzählen kommen. Die Schäfer werden sonst demnächst aus den Werken von Tschingis Aitmatow die entsprechenden Stellen zitieren.
Zeit-Fragen führte das folgende Interview mit dem Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Landesschafzüchter, Dr. Stefan Völl.

Zeit-Fragen: In der Schweiz hatten wir dieses Jahr wieder grosse Probleme mit dem Wolf. Besonders die Schafzüchter sind die Leidtragenden. Der hohe Schutzstatus des Wolfs verhindert eine vernünftige Regelung der Population, so dass eine weitere Ausbreitung immer offensichtlicher wird. Wie stellt sich die Situation in Deutschland dar?

Dr. Stefan Völl: Die Auswirkungen des Wolfs sind recht gravierend. Nur in ganz besonderen Ausnahmefällen darf man den Wolf, aber nur mit behördlicher Genehmigung, abschiessen. In einigen Bundesländern hat man Managementprogramme erarbeitet und überarbeitet, aber trotzdem gibt es keine 100%ige Absicherung der Risiken, geschweige denn eine Finanzierung der zusätzlichen Belastung der Weidetierhaltung durch Zäune oder Herdenschutzhunde. Ob die Herdenschutzhunde das alles leisten können, ist fraglich, vor allem weil zum Teil sehr grosse Areale zu schützen sind. Es gibt auch keine Fülle von Herdenschutzhunden, die sofort einsetzbar wären. Dafür gibt es einige «Goldgräber», die versuchen, Welpen zu verkaufen, die dann aber nicht in die Herde passen oder mehr Probleme bereiten als Hilfe geben.

Sie haben die Herdenschutzhunde erwähnt. Sie stellen zum Beispiel in der Schweiz für die Touristen oder Wanderer eine Gefahr dar, denn der Hund greift jeden an, der sich der Schafsherde nähert. Was auch seine Aufgabe ist.

Ja, das kann man sich vorstellen. Wir haben vor allem keine Richtlinien, und ich möchte gerne so ein Regularium festlegen, welcher Hund überhaupt als Schutzhund geeignet ist. Der sollte dann als Zuchthund eingesetzt werden und Welpen produzieren, die dann auch die Charaktereigenschaften haben, wie wir sie benötigen. Es gibt sonst diese Auswüchse, wie Sie sie beschrieben haben. Entweder taugt er nichts in der Herde, oder er ist zu aggressiv. Das ist ein Problem, aber wir können doch nicht von heute auf morgen ausgebildete Hunde haben. Aber ich muss auch feststellen, dass hier viel Schindluderei betrieben wird, wenn sich einer damit eine goldene Nase verdienen möchte. Dann heisst es, die Pyrenäen-Hunde seinen die richtigen, die werden als Welpen verkauft, und nachher muss man damit klar kommen. Man sollte nur qualifizierte Schutzhunde anbieten und nicht einfach nur die Rasse. Aber problematisch bleibt das auf alle Fälle. Es bedarf hier einer entsprechenden Zuchttierauswahl und damit Vorlaufzeit.

Wie verhalten sich die Behörden in bezug auf die Schafzucht?

Schafhaltung wird zunehmend abgebaut. Die Tierzuchtförderung wird immer weniger betrieben, während bei den Wölfen überall genügend Personal vorhanden ist. Das ist doch völlig absurd. Wenn wir in der Schaf- und Ziegenzucht so viel Personal von staatlicher Seite zur Verfügung gestellt bekämen wie für die Beobachtung der Beutegreifer, Wölfe, Bären und Luchse, dann könnten wir uns glücklich preisen.
Diese Raubtiere kommen nun noch zu den anderen bestehenden Problemen hinzu, die die Schäfer bereits haben, besonders die Verpflichtung zur elektronischen Einzeltierkennzeichnung, was enorme Grundkosten verursacht und die Seuchenrückverfolgung verschlechtert.
Wir haben die Diskussion über Dioxin, das bei der Müllverbrennung entstand und auf die Weideflächen heruntergeregnet ist. Unsere Schafe, salopp gesagt, die Rasenmäher der Nation, nehmen diese Fremdstoffe auf, die sich in den Organen wie der Leber absetzen. Damit wird der Schlachtkörper insgesamt als minderwertig eingestuft, ohne dass wir die Schuld tragen, und die Politik verschliesst die Augen! Auch haben wir den Kampf im Rahmen der Agrarreform. Das heisst, zunehmend verliert der Schäfer Freude an der Weidetierhaltung und ist vielleicht sogar besser beraten, die Tiere wie die Truthähne, die Hähnchen oder auch die Schweine in einen Stall zu setzen, schnell zu mästen und dann als Fleisch zu verkaufen.
Alle aktuellen Einflussfaktoren sind schaffeindlich. Ob das jetzt der Wolf ist, die Dioxinproblematik, die Einzelkennzeichnung oder im gesamten die Agrarreform.

Was spricht gegen eine Einzeltierkennzeichnung?

Wenn ich die Schafe im Stall halte, kann ich die Kennzeichnung regelmässig kontrollieren. Wenn ich aber mit den Schafen draussen bin und sie sich an Strauch und Zaun die Ohrmarke ausreissen, gibt es Verletzungen. Aber unsere Politik interessiert sich leider nicht dafür. Das Problem der elektronischen Kennzeichnung ist etwas Gravierendes. Durch den Einsatz der Schafe in der Landschaftspflege ist das Risiko sehr gross, dass die Ohrmarken ausgerissen werden und durch die elektronische Kennzeichnung noch verstärkt Probleme auftreten. Am Schluss bekommt der Schafhalter noch eine Anzeige wegen tierquälerischen Verhaltens. Er setzt etwas aus der EU um, was überhaupt noch nicht ausgereift ist. Die Ohren vereitern, es bilden sich eitrige Geschwüre, die bis zum Tod führen können.
Die Wölfe sind bisher nur die Spitze des Eisbergs, und wir werden bisher nur belächelt. Aber die Übergriffe des Wolfs finden jetzt auch schon bei anderen Weidetieren statt. Dadurch ist doch langsam eine grössere Sensibilität festzustellen.

Welche Bundesländer sind vom Wolf am stärksten betroffen?

Nicht nur die Bundesländer Sachsen und Brandenburg, sondern das geht jetzt bis nach Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein. Ziel ist es bekanntlich, dass sich die Wölfe überall in Deutschland heimisch fühlen sollen. Wenn dann ein Mensch zu Schaden kommen wird, dann wird man wohl etwas aufmerksamer werden. Das ist also ein grosses Problem. Wir haben das vor drei oder vier Jahren anlässlich einer Tagung in Berlin, der Grünen Woche, erörtert. Dort hatten wir grossen Zuspruch. Es waren 500 Schäfer anwesend. Wir haben nicht grundsätzlich etwas dagegen, aber man soll es in Absprache mit der Landwirtschaft machen und nicht irgendwelche Entscheide fällen, die in der Realität nicht umsetzbar sind. Man muss zusammen ein ganzes Netz schaffen. Denn was geschieht, wenn die Schafe ausreissen und auf die Strasse rennen, was ohne weiteres geschehen kann, wenn sie in Panik geraten. Wenn in der Folge ein Unfall geschieht, wer haftet dann, wer trägt die Kosten eines Verunglückten?

Die Zahl der Wölfe ist in Deutschland in den letzten Jahren enorm gestiegen. Manchmal fragt man sich schon, ob das alles auf natürlichem Wege geschehen ist.

Ob wir zwei Wölfe mehr oder weniger haben, ob das ein Jahr früher oder später ist, wenn wir an die Grenze stossen, das ist nicht der Punkt. Es geht doch um die grundsätzliche Frage, wie wir mit diesem Thema umgehen. Uns geht es um die sachliche Auseinandersetzung. Das sind Kernpunkte, bei denen wir oft nicht mitgehen können.

Wenn ich daran denke, dass es heute kaum noch menschenleere Weiten gibt, sondern dass das Land kultiviert und für die Landwirtschaft dringend gebraucht wird, hat der Wolf in Ländern wie Deutschland oder der Schweiz eigentlich keinen Platz. Ausserdem ist er von der Anzahl her gar keine bedrohte Tierart.

Genau. Sonst haben wir immer die Argumentation, wir sind ein gemeinsames Europa, wir wachsen zusammen. Wenn man den Wolf gerne sehen will, dann kann man in den Osten Europas fahren, da haben wir den Wolf in Hülle und Fülle, und auch Bären. Dann müssen wir diese Tiere doch nicht bei uns wieder ansiedeln. Wir müssen sie nicht zu uns holen. Das kostet enorme Summen von Geld und produziert nur Ärger. Für den Weidetierhalter hat es auf Grund der Bevölkerungsdichte und der durch die Weidetierhaltung belegten landwirtschaftlichen Fläche keinen Platz für die Beutetiergreifer, insbesondere den Wolf. Hier kommt es zwangsläufig zu erheblichen Problemen. Deshalb favorisieren wir, dass die Wölfe wieder betreut und gemanagt werden in den Ländern, aus denen sie zu uns gekommen sind, nämlich aus Osteuropa, statt das Rad zurückzudrehen und die Verbreitung der Beutegreifer in Westeuropa oder in Deutschland zu forcieren.

Deutschland hat sehr viele Naturschutzgebiete in Form von Naturpärken, Biosphärenreservaten und Nationalpärken. Gibt es hier Einschränkungen für die Landwirtschaft?

Ja, die gibt es, zum Beispiel dass Pachtverträge für Weideland nur mit der Auflage abgeschlossen werden, den Wolf dort zu dulden. Man weist auch Flächen aus, die nicht zu beweiden sind. Oder dass man bei der Nutzung der Fläche dann diese Auflage in Kauf nehmen muss, dass man nichts dagegen hat, wenn dann der Wolf dort durchmarschiert.

Inwieweit ist der Luchs ein Problem?

Der verbreitet sich vornehmlich in West- und Süddeutschland. Das ist ein grosses Problem, weniger noch bei der Schafzucht, als vielmehr im Bereich der landwirtschaftlichen Wildtierhaltung. Der geht über die Gatter und reisst die Tiere. Das ist auch ein grosses Thema.

Wie verhält sich die Politik?

Das ist in den Bundesländern unterschiedlich. Mein Wunsch wäre, dass man für die Schäden, die nicht vom Land getragen werden, einen Fonds einrichtet, zum Beispiel in Form einer Stiftung. Damit es eine Regelung gibt für diejenigen, die Schäden haben, die durch die Landesprogramme nicht abgedeckt sind. Da sollen sich auch diejenigen finanziell beteiligen, die diese Tiere – Wolf, Luchs und Bär – unbedingt wieder bei uns haben wollen. Aber auch das kann das Problem nicht wirklich lösen. Trotzdem ist das Ganze immer eine zusätzliche Belastung der Schäfer. Manche, mit denen ich diskutiere, sagen dann, die Schäfer sollen sich doch nicht so anstellen. Aber wenn derjenige am Stadtrand wohnt und die Wildschweine in seinen Garten eindringen und das Rosenbeet durchpflügen, dann empört er sich. Das sieht dann auf einmal ganz anders aus, obwohl der Städter nicht davon lebt. Aber der Landwirt, der Schäfer, der lebt von und mit den Tieren auf der Fläche. Im Grunde genommen ist das Ganze eine Enteignung der Fläche, die er von Gesetzes wegen diesen Beutegreifern überlassen muss, die zusätzliche Arbeit bewirkt und ihn auch finanziell sehr belastet. Da wird keine gemeinsame Lösung gesucht, wie man das handhaben könnte, sondern es wird von oben bestimmt, und wir müssen nachher dafür kämpfen, dass wir eventuell Unterstützung oder Entschädigung bekommen. Aber wie gesagt, es ist nicht nur ein materielles Problem, das bedeutet für den Schäfer mehr.

Herr Dr. Völl, herzlichen Dank für das ­Gespräch.    •

Deutschland: 12 Rudel plus Paare plus Einzeltiere

Bundesamt für Naturschutz: Wanderwege der Wölfe

Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) präsentierte die Ergebnisse eines vor kurzem abgeschlossenen Forschungsvorhabens zum Ausbreitungsverhalten der Wölfe in Deutschland. Die Untersuchung liefert neue Erkenntnisse über die z.T. beachtlichen Wanderleistungen und die individuellen Unterschiede dieser zurückgekehrten heimischen Tierart.
In der sächsischen Lausitz wurden sechs Wölfe mit GPS-Sendern ausgestattet, um herauszufinden, wie und wann Jungwölfe ihr elterliches Rudel verlassen, um sich einen Paarungspartner zu suchen und ein eigenes Territorium zu besetzen. Die Funkdaten wurden zwischen 2009 und 2011 gesammelt und ausgewertet.
«Das ist die erste Studie in Mitteleuropa, bei der die Wanderbewegungen mittels Satellit verfolgt und der Aufenthalt von Wölfen in ihrem Territorium untersucht wurde», sagte BfN-Präsidentin Prof. Dr. Beate Jessel bei der Vorstellung der Ergebnisse heute in Bonn. Die Resultate haben auch viele Fachleute verblüfft. Wölfe können mehr als 70 km pro Tag zurücklegen. «Dabei überwinden sie nicht nur Flüsse und Autobahnen, sondern sie fühlen sich auch in einer Vielzahl von ­Lebensräumen wohl, sofern man sie in Ruhe lässt», so Frau Professor Jessel.
Die Studie zeigt individuelle Unterschiede im Wanderverhalten der Tiere. Während ein junger Rüde nach 12 Monaten das Rudel verliess und in etwa zwei Monaten 1550 km weit nach Weissruss­land wanderte, blieb ein Weibchen auch noch nach mehr als zwei Jahren bei seiner Familie. Auch beim Raumbedarf zeigten sich die untersuchten Wölfe sehr individuell: Zwischen 49 km2  und 375 km2 Fläche wurden von ihnen genutzt, was einer durchschnittlichen Territoriumsgrösse von 172 km2 entspricht.
Innerhalb ihrer Territorien waren die Wölfe sehr anpassungsfähig und hielten sich nicht nur in Waldgebieten, sondern auch in offenem Gelände wie Heideflächen auf. Selbst längere, wenngleich seltenere Aufenthalte entlang von Verkehrswegen konnten nachgewiesen werden. Ein neben den Jungwölfen ebenfalls mit Sender ausgestattetes erwachsenes Weibchen legte keine 500 Meter von einer vielbefahrenen Strasse sogar mehrere Höhlen zur Aufzucht ihrer Jungen an. «Wölfe brauchen also keine Wildnis, sondern sie können sich auch in unserer Kulturlandschaft sehr rasch ausbreiten und an die unterschiedlichsten Lebensräume anpassen», so die BfN-Präsidentin. «Man sollte sich deshalb überall in Deutschland auf das Erscheinen des Wolfes einstellen und auf der Grundlage von Managementplänen ein möglichst konfliktfreies Miteinander von Menschen und Wölfen sicherstellen.»
Erst vor 11 Jahren wurde wieder ein Wolfsrudel in Deutschland entdeckt, nachdem die Art Mitte des 19. Jahrhunderts faktisch ausgerottet worden war und dann aus Polen erneut einwanderte. Heute leben wieder 12 Rudel sowie mehrere Paare und Einzeltiere in unserem Land.

Quelle: Bundesamt für Naturschutz, 27.10.2011