Wir sind hilflose Nachbarn der orientalischen Tumulte

von Peter Scholl-Latour

Europa steht den Entwicklungen in Arabien voller Illusionen gegenüber, die Türkei indes dehnt ihren Einfluss aus. Es droht eine Achse Ankara–Kairo

Jenseits des Mittelmeers und im ganzen Orient hat sich eine verblüffende Serie von ­politischen Umbrüchen vollzogen, der die Europäer ratlos gegenüberstehen und die von ihnen hoffnungsvoll «Arabischer Frühling» genannt wurde. Meine Absicht ist es nicht, die jüngsten Ereignisse in ihren Einzelheiten darzustellen. Vielmehr möchte ich eine Momentaufnahme skizzieren vom jetzigen Stand der sogenannten Arabellion. Bei näherem Zusehen wird sich die ursprüngliche Begeisterung des Westens über den «Arabischen Frühling» schnell eintrüben.
Um mit Tunesien zu beginnen: Dort kündigt sich innerhalb einer Myriade von Partei-Neugründungen die traditionelle islamische Bewegung «En Nahda» – zu Deutsch «Aufschwung» oder «Erneuerung» – laut Meinungsumfragen als die stärkste Formation an.
In Ägypten hat der Verteidigungsminister des gestürzten Diktators Mubarak, Feldmarschall Tantawi, die Macht übernommen und die Euphorie des Tahrir-Platzes einer kalten Dusche ausgesetzt. Vom Ausgang der angekündigten Wahlen hängt es ab, ob die straffe Organisation der Muslimbrüder sich als bedeutendste politische Kraft durchsetzen wird. Unklar bleibt, welches Verhältnis sich zwischen dem politischen Islam und dem herrschaftsgewohnten Militär herausschälen wird.
Zur Stunde ist nicht entschieden, ob Libyen durch tribale Gegensätze und den Streit über das Verhältnis von Staat und Religion auf einen Bürgerkrieg zutreibt.
Das Gleiche gilt in stärkerem Mass für die Arabische Republik Syrien, wo die Ausschaltung des Präsidenten Baschar al-Assad und seiner alawitischen Glaubensbrüder unübersehbare Folgen nach sich zöge.
Seltsamerweise hat sich innerhalb der westlichen Allianz keine Stimme von Gewicht gemeldet, um die extrem reaktionäre und unduldsame Dynastie Saudi-Arabiens an den Pranger zu stellen, obwohl sich inzwischen erwiesen hat, dass aus den Reihen der fanatischen Wahhabiten, die dort die höchste religiöse Autorität ausüben, die Terrorgruppen von al-Kaida hervorgegangen sind.
Zur völkerrechtswidrigen Invasion gegen die revoltierende Insel Bahrain durch saudische Panzerkolonnen hat sich kaum eine Stimme des Protests erhoben. An dieser Stelle hüllen sich die westlichen Prediger von Menschenrechten und freier Volksentscheidung in das bislang praktizierte heuchlerische Schweigen.
Wundert es da, wenn ein hoher Funktionär der Nationalen Befreiungsfront, die einst die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich erkämpfte, dem damals noch in Tripolis ausharrenden Gaddafi zu Hilfe kam und sich vor laufender Kamera zu dem Ausruf hinreissen liess: «Allah möge die Demokratie verfluchen», eine Äusserung, die im Westen als Gotteslästerung empfunden wird.
Statt dessen ist eine ganz andere Figur wie ein mächtiger Magier und Hoffnungsträger auf den Plan getreten. Der türkische Regierungschef Erdogan hat die Schauplätze der «Arabellion» aufgesucht. Er verfügte im Vergleich zu europäischen Staatsmännern über den immensen Vorteil, sich inmitten einer ergriffenen Masse gläubiger Muslime beim gemeinsamen Gebet in Richtung Mekka verneigen zu können. Eine neue tragende Rolle der Türkei ist plötzlich sichtbar geworden, und Erdogan scheint an die Grösse des Osmanischen Reiches anknüpfen zu wollen. Schon wird von einer Achse Ankara–Kairo gesprochen.
In Saudi-Arabien könnte dabei die Erinnerung an jene Strafexpeditionen zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommen, die der Vizekönig und Khedive Mohammed Ali von Ägypten im Auftrag des Sultans und Kalifen von Istanbul gegen den Beduinenaufstand der Wahhabiten-Sekte in die Einöde des Nedjd ausschickte. Diese Wüstenkrieger, aus denen die Dynastie des Hauses al-Saud hervorging, standen damals im Verdacht, die heiligen Stätten von Mekka und Medina besetzen zu wollen.
Wenn sich in Zukunft eine Interessengemeinschaft zwischen Türken und Ägyptern gegen Saudi-Arabien herausbilden sollte, ginge es nicht um die heilige Kaaba und das Grab des Propheten, sondern um den ungeheuerlichen Erdölreichtum dieses Königreichs, der bislang zur schamlosen Erpressung und Korrumpierung all jener Staaten, der USA zumal, benutzt wurde, deren Energiebedarf nicht zu sättigen ist.
Gewiss, das sind Spekulationen. Die Amerikaner können im Falle einer konsequenten Abkehr von ihrer nahöstlichen Einflusssphäre eine Schwerpunktverlagerung zum Pazifik vollziehen oder in einen Isolationismus zurückfallen, der lange genug ihre aussenpolitische Richtschnur war.
Für die Europäer hingegen, für die unmittelbaren Nachbarn dieser orientalischen Tumulte, geriete der Übergang des Arabischen Frühlings oder des arabischen Herbstes in einen frostigen arabischen Winter zu einer Belastung, der der zerstrittene Kontinent nicht gewachsen wäre. Das Abendland ist in keiner Weise gewappnet, den arabischen Ungewissheiten mit Gelassenheit, Selbstbewusstsein, Sachkenntnis und auch mit der nötigen Sympathie zu begegnen.    •

Erstdruck in Focus, 43/2011; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.