Manifest für eine menschliche Arbeitszeit

zf. Unter der Trägerschaft des Kantons ­Appenzell Ausserrhoden und der Ausserrhodischen Kulturstiftung findet einmal im Jahr, jeweils am ersten Mai-Wochenende, die Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde statt.
Als Kulturanlass will sie Menschen unterschiedlicher Disziplinen – aus Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik – eine gemeinsame Plattform zur Auseinandersetzung um aktuelle gesellschaftliche Fragen bieten. Im Zentrum steht dabei der Austausch zwischen den anwesenden Persönlichkeiten untereinander sowie mit dem Publikum. Die Kulturlandsgemeinde ist für alle zugänglich, ein Grundgedanke, den sie mit dem Verzicht auf ein Eintrittsgeld zusätzlich unterstreichen möchte.

Die Essenz der Reflexionen und Anstösse aus den Debatten und künstlerischen Beiträgen fliesst in eine «Sendschrift» ein, die den Proklamationen abgeschaut ist, die in früheren Jahrhunderten jeweils zur Landsgemeinde gedruckt und verlesen wurden.

In diesem Jahr widmete sich der Anlass dem Thema «Arbeit».

In der diesjährigen Sendschrift, die wir nachfolgend dokumentieren, ist es den Veranstaltern gelungen, zum Nachdenken über den Sinn menschlicher Arbeit anzuregen – sie nicht nur als Erwerbstätigkeit aufzufassen, sondern sie in ihrer grundlegenden Bedeutung für den Menschen, als Teil des Menschseins, als Sinn und Beitragenwollen des Individuums für das menschliche Zusammenleben zu reflektieren.
Die Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde 2011 galt dem Thema Arbeit. Aus den Debatten entsteht jeweils die «Sendschrift», das Manifest der Kulturlandsgemeinde. Es wurde am 8. Mai feierlich verlesen – hier der Wortlaut:
Reden wir von der Arbeit. Gestehen wir uns ein: Die Arbeitswelt ist aus dem Lot. Die einen haben zu viel zu tun, die andern nichts. Die einen erhalten Millionen, die anderen verdienen kaum genug zum Leben. Viele finden ihr Glück im Arbeiten, andere macht die Arbeitswelt krank. Wir, die Kulturlandsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden, haben uns versammelt, um zu arbeiten und über Arbeit nachzudenken unter dem Motto: «Arbeit, fertig, los». Reden wir also von der Arbeit. In sieben Arbeitsschritten.


1. Das Recht auf Arbeit

Der Mensch ist das tätige Wesen. Der Mensch, jedenfalls in aller Regel, arbeitet gern. Arbeit ist eine Lust und ein Glück, Arbeit gibt Selbstwert, bringt Menschen zusammen und schafft Teilhabe an der Gesellschaft. Sorgen wir dafür, dass jeder Mensch arbeiten kann – mit Kopf, Herz und Hand. Und dafür Anerkennung bekommt. Wer arbeitet, kann zeigen, was er kann. Arbeit ist ein Menschenrecht.

2. Es gibt genug zu tun

Die Arbeit geht uns nicht aus, im Gegenteil. Immer mehr Arbeiten bleiben unerledigt, weil sie nicht rentieren oder gesellschaftlich nicht wertgeschätzt werden. Unsere Zeit braucht eine Definition von Arbeit, die nicht nur den Lohnerwerb umfasst, sondern soziale und gemeinnützige Tätigkeiten, Familienarbeit oder Ich-Zeit mit einbezieht. Arbeit, so umfassend verstanden, dient der Beförderung der gemeinsamen Wohlfahrt.

3. Lob der Bildung

Das wichtigste Kapital der Arbeit ist die Bildung. Die Schweiz baut ihren Wohlstand auf einem Bildungssystem mit starken und vielseitigen Berufslehren auf. Gute Bildung für alle Jugendlichen ist das entscheidende Mittel für Integration und gegen Jugendarbeitslosigkeit. Denn keine Arbeit zu haben, ist entwürdigend.

4. Von der guten Arbeit

Die Menschheit arbeitet an der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Die Grenzen des Wachstums sind auch Grenzen der Arbeit und des Konsums. Richten wir uns aus auf Arbeiten, die nachhaltig, ressourcenschonend und regional förderlich sind. Verpflichten wir uns auf ethische Ansprüche an die Arbeit. Es gibt ein Recht auf Arbeit, aber auch eine Pflicht: die Pflicht zu guter Arbeit. Arbeit, die dem Frieden, der Verständigung sowie der Beseitigung von Hunger und Armut dient. Und damit der Wert-Schöpfung im vollen Wortsinn verpflichtet ist.

5. Arbeit statt Formulare

Immer mehr Menschen leiden darunter, für ihre eigentliche Arbeit zuwenig Zeit zu haben. Die Ursache heisst: Bürokratisierung und Ökonomisierung ohne Mass und Proportion. Quer durch alle Branchen, Verwaltungen und Schulen gibt es ständig neue Formulare, Kontrollen, Normen und Ratings. Was der Qualitätssicherung und der Effizienz dienen soll, verschlechtert in Wahrheit die Qualität der Arbeit für alle. Lassen wir die Kompetenzen dort, wo sie hingehören: bei den Arbeitenden selbst. Bauen wir auf Verantwortung statt Entmündigung.

6. Der Lohn der Arbeit

Saläre in Millionenhöhe sind eine Frage der Politik und des persönlichen Schamgefühls. Doch hier soll es nicht darum gehen, sondern um Selbstverantwortung. Wer gern arbeitet, arbeitet besser. Die beste Arbeit ist die, die den Lohn in sich selber trägt – Arbeit aus Leidenschaft und Überzeugung, mit Teamgeist und Offenheit. Fördern wir in der Arbeit Tugenden wie Könnerschaft, Beharrlichkeit, Eigensinn, Phantasie und schöpferische Praxis.

7. Arbeit braucht Sinn

Statt schöpferisch ist die Arbeit für eine zunehmende Zahl von Menschen erschöpfend oder macht sie gar krank. In einer komplex gewordenen Welt erwachsen im Turbotempo neue Ansprüche. Stress wird zum Normalzustand, Gewinnmaximierung zum einzigen Inhalt. Doch Arbeit braucht Pausen und einen Sinn. Nehmen und geben wir uns Zeit, die Frage nach dem Sinn unseres Tuns zu stellen. Machen wir uns klar: Die Arbeit der Zukunft ist menschlich – oder sie ist nicht.

www.kulturlandsgemeinde.ch