Australier in Afghanistan erleben ihren «allerschlimmsten Tag»

von Richard A. Oppel Jr. und Matt Siegel

Fünf australische Soldaten sind im südlichen Afghanistan im Abstand von wenigen Stunden getötet worden, drei durch die Hand eines abtrünnigen afghanischen Soldaten, womit diese Phase für einen der strammsten Verbündeten der Vereinigten Staaten zur allerschlimmsten im ganzen Jahrzehnt der Kämpfe hier wurde.
Zwei australische Soldaten starben, als ihr UH-1 Huey-Helikopter am Dienstagmorgen in Baghram, einem Distrikt der Provinz Helmand, abstürzte, wie Nato-Beamte mitteilten. Sie sagten, dass ihnen die Ursache des Absturzes, der ausserdem weitere Soldaten verletzte, unbekannt sei.
Drei andere australische Soldaten wurden Donnerstagnacht umgebracht, als in der Provinz Uruzgan im südlichen Afghanistan ein afghanischer Soldat sein Gewehr auf sie richtete, der letzte Ausbruch von Anschlägen auf die Koalitionsstreitkräfte, die in diesem Jahr 45 Tote zu verzeichnen hatten, die durch die Hand afghanischer Sicherheitskräfte oder anderer afghanischer Insider, die eng mit ihnen zusammenarbeiten, umkamen.
Der Anschlag ereignete sich bei einem Treibstoffdepot, als ein Mitglied der afghanischen Nationalen Armee die Australier erschoss und dann von der Basis floh, berichtete Oberstleutnant Hagen Messer, ein Sprecher der US-geführten Koalition in Kabul. Das Kommando der internationalen Streitkräfte sagte, das Motiv der Erschiessung sei unklar und man sei am Ermitteln.
Australien hat 1550 Soldaten in Afghanistan – die meisten von ihnen in Uruzgan – womit seine Militärpräsenz die grösste ist unter den Nicht-Nato-Staaten in der US-geführten Koalition, die hier im Kampfeinsatz ist. Der einzige weitere militärische Todesfall Australiens ereignete sich im Juli. Im letzten Jahr waren 11 australische Soldaten hier umgekommen, so die Daten von Icasualities.org, die militärische Todesopfer verfolgt.
Die Fünf neuen Toten bestürzten Australien. Premierministerin Julia Gillard nannte sie die «schrecklichsten Nachrichten» für das Land. «Das ist ein sehr hoher Tribut», sagte Gillard während eines Besuches auf den Cook-Inseln, wo sie erklärte, sie werde ihre Reise abbrechen und nach Canberra zurückkehren. «Das ist unser allerschlimmster Tag in Afghanistan.» Sie sagte, solche Insider-Attacken «zersetzen das Vertrauen» und es sei schwierig, damit umzugehen.
Im April dieses Jahres kündigte Gillard an, dass Australien seine Truppen bis Ende 2013 abziehen werde – ein Jahr früher als geplant – und führte das an, was sie als Verbesserungen der Sicherheitslage in Afghanistan bezeichnete, wobei sie auch die Unpopularität des Krieges anerkannte.
Am Donnerstag sagte sie, die fünf Toten würden an diesem Plan nichts ändern. «Unsere Strategie ist klar definiert, unsere Strategie ist konstant, und wir können auch nicht zulassen, dass selbst die schmerzlichsten Verluste unsere Strategie ändern», sagte sie. «Wir sind mit einer Absicht dorthin gegangen, und wir werden diese Absicht durchziehen.»
Die Welle von Insider-Anschlägen hat die Spannungen zwischen der Nato und den afghanischen Sicherheitskräften zu einem kritischen Zeitpunkt der Ausbildungsmission erhöht. Nato-Sicherheitskräfte arbeiten eng mit der afghanischen Armee und Polizei zusammen, da sie die westlichen Truppen darauf vorbereiten, 2014 abzuziehen, aber die Morde erschweren die Kooperation.
«Wir haben keine Ahnung, ob es sich um einen Eindringling handelt oder ob es einen anderen Grund für die Erschiessung gibt», meinte General Abdul Hamid Wardak, der Kommandant des 205. Afghanischen Korps in Kandahar. Er identifizierte den Angreifer als Hikmatullah, einen Soldaten aus der Provinz Ghazni, der vor fünf Monaten in die afghanische Armee eingetreten war.
Mit den jüngsten Todesfällen wurden allein in diesem Monat 15 Mitglieder der internationalen Koalition bei Insider-Attacken umgebracht, die auch [in Anspielung auf die Uniformfarben der afghanischen Sicherheitskräfte bzw. der Nato-Verbündeten] Green-on-Blue-Anschläge genannt werden, 12 von ihnen waren Amerikaner.    •
Matt Siegel berichtete von Sydney, weitere Beiträge von Graham Bowley in Kabul und Taimoor Shah in Kandahar.

Quelle: The International Herald Tribune vom 30.8.2012.

(Übersetzung: Zeit-Fragen)