Lithiumabbau in Bolivien – Raubbau oder Ressourcengerechtigkeit?

Internationale Arbeitskonferenz, Universität Leipzig, 22. September 2012*

npa./bha. Wie kann das «Gold» Boliviens, das in Form von lithiumhaltiger Salzlauge im Salzsee Salar de Uyuni vorhanden ist, so abgebaut werden, dass die Bevölkerung des Landes einen nachhaltigen Entwicklungsaufschwung nehmen kann?
Geschunden von Kolonialmächten wurden die Minenarbeiter in den Silberminen von Potosí – im Cerro Rico – wohl zur Genüge. Diese tragische Erfahrung nicht mehr zu machen sind sowohl die Regierung Morales als auch die Bürgerkomitees von Potosí wie diejenigen von Llica und Tahua bis zum äussersten entschlossen.
Die Konferenz gab Einblick in die kontroversen Standpunkte, die bezüglich des Abbaus und der Weiterverarbeitung des Lithiums bestehen. Negativ hervorstechend sei der deutsche «grüne» Standpunkt erwähnt. Eine grüne Kennerin Lateinamerikas forderte die Bevölkerung des Salars und seiner Umgebung auf, eine Menschenrechtsklage bei der Menschenrechtskommission der OAS anzustreben. Inhalt solle «Ungleichbehandlung» sein und Umweltprobleme, die aus dem Lithiumabbau resultieren könnten. Mit einer Arroganz, die sie selber gar nicht zu merken schien, kritisierte diese grüne deutsche Professorin die bolivianische Regierung. Damit schützt «Grün» – wie so oft – die Wirtschaftsinteressen der USA. Die Entgegnungen von seiten der anwesenden Bolivianer blieben nicht aus: Jetzt wollten ihnen ökologische Päpste vorschreiben, was sie zu tun hätten, und damit jegliche Entwicklung des Landes verhindern …
Andere Beiträge zeigten mehr Ausgewogenheit. Differenzen bestehen jedoch hinsichtlich der schnellen, raschen Förderung des Lithiums, was mit importierten technologischen Methoden geschehen könnte, und der langsameren, jedoch umweltverträglicheren Methode, die erst noch im Projektstadium ist. Hier ist die Technische Universität Bergakademie Freiberg/Sachsen an der gründlichen Auswertung und Berechnung des Möglichen und Machbaren. Sie hatte der Tomas Frias Universität in Potosí bereits eine Anlage zur Verfügung gestellt, mit der Lithium industriell verarbeitet werden kann. Heute steht diese Anlage still – der Grund blieb im dunkeln. Weiter liegt ein Patent von Professor Wolfgang Voigt vor, das die Trennung des Lithium von Magnesium beinhaltet und das dort zur Anwendung kommen müsste.
Dass Lithium auf dem Weltmarkt in zunehmenden Masse gebraucht wird, ist klar, denn die Entwicklung der Elektroautos schreitet voran. Von den meisten Autoherstellern wird in die Forschung und Entwicklung investiert. Weitere Gesichtspunkte waren der Tourismus, der durch die Förderung keine Einbussen erfahren dürfte. Auch das Wasser/Grundwasserproblem wurde stets beleuchtet. Es wird eine Grundwasserverminderung prognostiziert, die vor allem bei der industriellen Verarbeitung zu Buche schlägt. Wären die Campesinos dadurch in ihren Einkommensquellen geschädigt, müssten auch hier Methoden gefunden werden, die keinen Nachteil bringen bei der Produktion von Quinua, der Zucht von Lamas und dem Abbau von Schwefel aus dem Vulkangestein.
Milton L. Lerida Aguirre aus Llica sprach für die indigene Bevölkerung des Altiplano aus tiefer und historischer Kenntnis. Er repräsentiert das Comité Impulsor de la Universidad Boliviana del Litio y Recursos Evaporiticos und die Provinz Daniel Campos, die zum grössten Teil aus dem Salzsee besteht. Seine Botschaft war getragen von einer tiefen Besorgnis um das Wohlergehen der Indigenen. Sie seien eine vitale, würdig lebende Bevölkerung, hätten aber keine Elektrizität und kaum Schulen und bräuchten wissenschaftliches Know-how. Ihnen muss der Lithiumschatz zu einem höheren Lebensstandard verhelfen. Milton Lerida setzt sich für den Aufbau einer Basis- und Fortgeschrittenen-Schulung in Wissenschaft und Technik ein, einen Aufbau, der längerfristig in eine Universidad Boliviana del Litio (UBL) in Llica münden soll. 400 Jahre für die Zukunft planen sei angebracht. Der Weg ist das Ziel, ist Milton Leridas Maxime. Sein 92 Jahre alter Vater war an der Konferenz anwesend, er sprach über das miserable Schicksal der Mineros, das er selbst erlebt hat. Das dürfe sich nie wiederholen.
Nach den Ressourcen-Kriegen des Westens der letzten 20 Jahre sind wir heutigen Menschen alle in der Pflicht, um die Ressourcen eines Landes auch seinem Volk zu überlassen und beim Aufbau einer nachhaltigen Auswertung behilflich zu sein. Daraus würde ein gemeinsamer Wille zur Bewältigung der Gegenwartsaufgaben erwachsen, der zu ihrem und zu unserem Wohle wird.    •

*    Die Konferenz wurde organisiert durch Ayni – Verein für Ressourcengerechtigkeit e.V., Dr. Muruchi Poma, www.ayni-ev.de