Zyniker der Macht

Warum ich als Christ den Aufruf gegen das Embargo gegen Syrien unterschrieben habe

von Frieder Wagner

«Es kann geschehen, dass sechs Abgeordnete der Linken einen Aufruf gegen ein Embargo gegen das Terror-Regime in Syrien unterschreiben, der bedauerlicherweise den Terror des Regimes zu erwähnen vergisst», schreibt Christian Bommarius im «Kölner Stadt-Anzeiger» und kritisiert das vehement, meint, dass diese Abgeordneten auf einem Auge blind und Kommunisten seien. Ich bin kein Kommunist und habe den Aufruf auch unterschrieben, weil ich mit eigenen Augen gesehen habe, zu was der Terror des Krieges in Irak und im Kosovo geführt hat. Ich habe gesehen, was das internationale Embargo gegen Irak angerichtet hat. Ich habe die verhungerten Babys gesehen, die Kinder, die an Krebs erkranken und sterben müssen, weil es keine Chemotherapie gibt. Ich habe die missgebildeten Babys gesehen, die in Bagdad und Basra sterben, weil sich ihre Eltern mit den radioaktiven Nano­partikelchen kontaminiert haben, die die Uranbomben der Alliierten in diesen Ländern hinterlassen haben – ein Kriegsverbrechen.
Da frage ich mich, sind das überhaupt ­Politiker oder unverantwortliche Zyniker der Macht und Heuchler? Kein einziger europäischer Staatsmann hat bis heute darüber reflektiert, dass allein in den letzten 60 Jahren von den USA in Latein- und Mittelamerika und weltweit über zweihundert Militär­interventionen ohne UN-Mandat durchgeführt worden sind. Niemand stört sich bis heute daran, dass infolge der von den USA seit 1949 geführten Kriege mindestens sechs Millionen Soldaten und Zivilisten umgekommen sind. Diese Zahl nannte der Politologe John Tirman, Direktor des Massachusetts Institute of Technology, kürzlich in einem Beitrag für die «Washington Post». Wer weiss schon, dass Mitarbeiter von Untersuchungsausschüssen des US-Kongresses eine Mordliste der US-Geheimdienste erstellt haben? Daraus geht hervor, dass diese Dienste zwischen 1949 und 1991 mehrere ausländische Staatsmänner entweder umgebracht oder umzubringen versucht haben, darunter nach Berichten des US-Kongresses den kubanischen Staatschef Fidel Castro allein achtmal!
Die USA und die Nato sind unter dem Mäntelchen «Freiheit und Demokratie» zu bringen, wiederholt in sogenannte Schurkenstaaten einmarschiert, indem sie behaupteten, diese Staaten hätten Massenvernichtungswaffen. Ist ein solches Land aber nicht selbst ein Schurkenstaat, wenn es einen Angriffskrieg gegen ein Land mit Uranwaffen führt, die sich nun selbst als eine furchtbare Massenvernichtungswaffe herausstellen, weil sie noch viele Jahrtausende nach ihrer Anwendung die Menschen, die dort leben, sterbenskrank macht und die Umwelt kontaminiert, weil die Halbwertszeit 4,5 Milliarden Jahre beträgt?
Oder wie sollte man sonst ein Land nennen, das bei der Aburteilung der Nazi-Schergen in Nürnberg noch gesagt hat, dass ein Angriffskrieg mit solchen und ähnlichen Waffen das grösste internationale Kriegsverbrechen ist, weil ein solcher Krieg alle Verbrechen in sich vereint, und jetzt führt dieses Land selbst solche Kriege?! In seinem Buch «Krieg gegen das Volk» bezeichnet deshalb der bedeutende amerikanische Intellektuelle Noam Chomsky die USA wegen ihrer weltweiten illegalen Aktionen als Schurkenstaat.
Geschichte wiederholt sich. Sie wechselt dabei gelegentlich die Handlungsorte. Deshalb und aus den oben angeführten Gründen habe ich besagten Aufruf «Solidarität mit den Völkern des Iran und Syriens» unterschrieben. Denn das System, das da abläuft, kennen wir doch, es wurde von den USA und ihren Alliierten immer wieder angewendet: durch Embargos den Aussenhandel und Zahlungsverkehr solcher Länder lahmzulegen, die Wirtschaft in eine tiefe Krise zu stürzen, die Arbeitslosenzahlen zu erhöhen, die inneren Konflikte zuzuspitzen, damit ein Bürgerkrieg entsteht, um so einen Vorwand für eine Intervention zu schaffen.
Siehe Lateinamerika in den 70er Jahren, siehe Irak, siehe Kosovo, siehe Somalia, siehe Afghanistan, siehe Libyen. Ja, Baschar al-Assad ist ein Diktator, trotzdem habe ich als Christ unterschrieben, weil selbst die syrischen Oppositionellen kein Eingreifen des Westens wollen. Ich habe unterschrieben, weil Jürgen Todenhöfer recht hat, wenn er sagt: «Nicht ein einziges Mal in den letzten 200 Jahren hat ein muslimisches Land den Westen angegriffen. Die europäischen Grossmächte und die USA waren immer die Aggressoren. Nicht die Gewalttätigkeit der Muslime, sondern die Gewalttätigkeit des Westens ist das Problem unserer Zeit.» Ich habe unterschrieben, weil ich an die ehemalige US-Aussenministerin Albright denken musste, die 1996 auf die Frage, ob ihr der Tod von 500 000 durch das US-Embargo verhungerten irakischen Kindern wert gewesen sei, geantwortet hat: «Ja, wir denken, es war den Preis wert.»    •