Die gesellschaftliche Verantwortung auch im Finanzbereich wahrnehmen

Interview mit Professor Marc Chesney, Professor für Finance und Vizedirektor des Instituts für Banking und Finance der Universität Zürich

Zeit-Fragen: Herr Professor Chesney, Sie sind Mitinitiant des Aufrufs «Sustainable and Responsible Finance» – was hat Sie dazu veranlasst? Was sind Ihre Hauptkritikpunkte an der heutigen Situation in Lehre und Forschung? Wo liegen die Ursachen der aktuellen Misere?

Professor Marc Chesney: Im Aufruf sagen wir, dass die Finanzkrise die Schranken und Gefahren sowie die Verantwortlichkeit der herrschenden Lehre, das heisst der Chicago School, in den Wirtschaftswissenschaften aufgezeigt hat. Diese Schule behauptet insbesondere, die Märkte seien effizient und in der Lage, sich selbst zu regulieren, und Staatseingriffe seien grundsätzlich gefährlich.
Wir, das heisst die Autoren dieses Aufrufs, stellen mit Besorgnis fest, dass vier Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise diese Lehre nach wie vor ein Quasimonopol in der akademischen Welt beansprucht. Dieses Monopol beruht auf der institutionellen Macht, die bedingungslos auf die Universitätswelt und die Forschung ausgeübt wird. Es ist problematisch, dass in den als «A-Journals» qualifizierten wissenschaftlichen Zeitschriften, welche die Forscher verwenden sollen, zu wenig kritische Artikel erscheinen und junge Kollegen um ihre Karriere fürchten, wenn sie sich kritisch äussern.
Wir plädieren für mehr Pluralismus in der Lehre und in der Forschung.
Die Universitäten sind in der Schweiz öffentlich, und deswegen sollten die Finanzprofessoren die Interessen der Gesellschaft repräsentieren.

Der Aufruf ist in verschiedenen Ländern publiziert worden. Wie war das bisherige Echo auf Ihren Aufruf?

Bis jetzt haben etwa 400 Personen, hauptsächlich aus der Schweiz, aber auch aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Spanien, Italien diesen Aufruf unterschrieben. Die meisten kommen aus der akademischen Welt, aber nicht exklusiv. Leider sind im Finanzbereich nicht viele Kollegen interessiert.

Wo sehen Sie konkret Möglichkeiten, um die Bedingungen für eine nachhaltigere und ethisch fundierte, am Gemeinwohl orientierte Wirtschaftswissenschaft zu legen? Was muss anders werden?

Die Professoren sollten den Inhalt der Lehre und die Hypothesen der Modelle kritisch analysieren. Danach sollten wir die Modelle, die nicht realistisch sind, nicht benützen und neue entwickeln. Die Lehre sollte angepasst werden.
Zum Beispiel hat sich die finanzwissenschaftliche Forschung bisher zu wenig gefragt, welche Systemrisiken neue Finanzprodukte bergen. Wir müssen klar aufzeigen, dass derivative Produkte (wie z. B. Optionen oder CDS, das heisst Credit Default Swaps) nicht nur der Risikodeckung dienen, sondern auch ein Systemrisiko erzeugen können, wie es sich seit 2007 gezeigt hat. Verpasst wurde auch, zu erforschen, inwiefern etwa der Handel ausserhalb der Börse, die intransparenten und nicht regulierten sogenannten OTC-Transaktionen (OTC = Over the counter) oder Verbriefungen, also handelbar gemachte Kredite, gefährlich sind für die Stabilität der Wirtschaft. Insofern tragen die Wirtschaftswissenschaften auch eine Mitverantwortung.

Welche Massnahmen schlagen Sie im Hinblick auf die Finanzkrise vor?

OTC-Finanzprodukte sollten verboten sein, um mehr Klarheit und Transparenz zu erhalten. Sie sind gefährlich, weil sie das Risiko diffuser machen und meistens Informationen über diese Produkte nicht greifbar sind.
Ausserdem ist auch bei Finanzprodukten eine Zertifizierung anzustreben. In der Pharma­industrie, bei der Nahrungsmittel- oder der Autoindustrie kennen wir das. Das heisst, wir sollten auch für Finanzdienstleistungen eine nationale und/oder internationale Einrichtung schaffen, die diese Produkte daraufhin analysieren kann, ob sie Systemrisiken erzeugen oder nicht, das heisst, ob sie zulässig und erlaubt sind oder nicht. Die Finanzkrise hat uns gezeigt, dass Finanzprodukte, die System­risiken erzeugen, gefährlich für die Realwirtschaft und die Gesellschaft sind.

Sie sprechen im Aufruf die interdisziplinäre Zusammenarbeit an. Wo sehen Sie da Mängel und wo Potential für eine sinnvolle Entwicklung der Finanzwirtschaft?

Wie wir schon im Aufruf geschrieben haben, sind Professoren, Lehrkräfte und Forschende Träger des Vertrauens der Gesellschaft, die ihnen die Aufgabe auferlegt hat, ihr zu dienen durch die ständige Suche nach einem besseren Verständnis der realen Welt und durch die Weitergabe dieses Wissens. Um der Gesellschaft und der Realwirtschaft zu dienen, sind Debatten hinter verschlossenen Türen unter Spezialisten, die alle nach dem gleichen Muster funktionieren, problematisch. Hier brauchen wir mehr Vielfalt und Interdisziplinarität, zum Beispiel auch mit den Bereichen Ethik, Philosophie, Anthropologie usw.

Sie sprechen die Verantwortung für die Gesellschaft an. Welche Aufgaben sehen Sie da in der Ausbildung zukünftiger Finanzexperten und Wirtschaftswissenschafter?

Wir bilden an den Universitäten die zukünftigen Führungskräfte aus, und deshalb haben wir auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Die Studenten sollten verstehen, dass das Finanzwesen nicht nur ein technischer Bereich ist, sondern noch andere Dimensionen hat. Wenn wir in der Ausbildung auf der rein technischen Ebene bleiben, laufen wir Gefahr, weitere Jérôme Kerviels (er hatte 2008 der Bank Société Générale mit betrügerischen Termingeschäften den höchsten Verlust ihrer Geschichte von 4,9 Milliarden Euro beschert) oder Kweko Adobolis auszubilden (der Händler der UBS, der in der Abteilung «Equities» in London mit Handelsgeschäften einen Verlust von rund zwei Milliarden Dollar aufgetürmt hat).
Es geht darum, die finanzwirtschaftlichen und ethischen Dimensionen im Fachgebiet zu verbinden. Wer mit Wertpapieren zu tun hat, trägt eine Verantwortung, die über das Unternehmen hinausgeht und auch die Gesellschaft betrifft.

Herr Professor Chesney, herzlichen Dank für das Interview.    •

Marc Chesney studierte Mathematik und Ökonomie in Paris. Von 1993 bis 2003 war er Professor an der École des Hautes Études Commerciales HEC in Paris. Seit 2003 ist er ordentlicher Professor für Finance am Institut für Finance und Banking an der Universität Zürich, seit 2008 auch dessen Vizepräsident. Er ist zudem Research Fellow am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik ZRWP, einer gemeinsamen Einrichtung der Universitäten Basel, Lausanne, Luzern und Zürich sowie des Collegium Helveticum.