Milizarmee und Verantwortung: Wo steht das Departement?

Brief an den Vorsteher des schweizerischen Verteidigungsdepartementes

me. Letzte Woche haben wir den Vortrag des Schweizer Korpskommandanten aD Heinz Häsler (Drei-Sterne-General) abgedruckt, der angesichts der Volksinitiative zur Aufhebung der Milizarmee deren wertvolle Elemente und Vorteile darstellte. In einem Vorspann haben wir beleuchtet, dass leider teilweise das Verteidigungsdepartement bzw. einige seiner Funktionäre der Initiative Vorschub leisten und irritieren.
Zeit-Fragen ruft zu einer Diskussion zum Thema «Milizarmee heute und morgen» auf und wünscht sich aus der Leserschaft mit und ohne Armeeerfahrung kurze oder längere Überlegungen zu diesem Thema. Zum Beispiel zur Bedeutung des Milizsystems für die Persönlichkeitsschulung der heutigen Jungbürger (alle Landesteile kennenlernen, Sprachkenntnisse praktisch anwenden, die verschiedenen Kulturen des Landes erleben, eine menschliche Verbundenheit entwickeln und die sozialen Schichten übergreifend Denken und Fühlen zu lernen usw.). Auch aus wirtschaftlicher Feder sähen wir gern beleuchtet, welche Standortvorteile die hiesige Wirtschaft davon hat (viele Kader haben die gleichen Prinzipien der Lagebeurteilung, der Problemanalyse und der Führung trainiert, können auch mit zivilen Problemen systematisch umgehen und kennen ihre Grenzen unter Belastung). Auch Zuschriften, die das Element der Zusammengehörigkeit im Gemeinwesen usw. beleuchten, werden die notwendige Diskussion bereichern.
Wir beginnen mit einem Brief an Bundesrat Ueli Maurer, der als Reaktion auf Heinz Häsler verstanden werden kann. Er stammt aus der Feder eines ehemaligen Kadermannes einer Grossbank alter Prägung, der militärisch zuletzt als Leitender Nachrichtenoffizier einer Division tätig war und das Milizprinzip lebt. Er bestätigt die schillernden Eindrücke, die das Verteidigungsdepartement heute auf aufmerksame Zeitgenossen macht und fordert Verantwortung von der Politik, ein Stoppen der Lügen und die Respektierung der verfassungsmässigen Grundlagen.

 

Felix Meier


Herrn
Bundesrat Ueli Maurer
Vorsteher VBS
Bundeshaus
3003 Bern



Schönenberg, 19. April 2012

Hochgeachteter Herr Bundesrat

Nach Ihrem Aufruf an der Generalversammlung der Schweizerischen Offiziersgesellschaft, wonach Offiziere ihre Leaderfunktion auch als Staatsbürger unvermindert wahrnehmen und gnadenlos kritisieren sollen, wenn Sicherheits- und Armeepolitik in eine falsche Richtung streben, und nach einem vor wenigen Tagen mit einem Ihrer Berufsoffiziere geführten persönlichen Telefongespräch zum Zustand unserer Armee, gestatte ich mir einiges wortwörtlich zu zitieren:
«Die Verschrottung der Schützenpanzer M113 basiert auf einem Fehlentscheid von Jakob Baumann.»
«Er ist unverständlich. Wir nutzen den M113 noch bei den Panzer-Sappeuren und in der Artillerie.»
«Der M113 ist in weltweit grösster Stückzahl im Einsatz.»
«Bereits werde der Panzerjäger (Pzj) in Frage gestellt. Er ist der nächste.»
Und im allgemeinen Kontext sagte der höhere Berufsoffizier:
«Die Generäle in Bern werden von den Sachbearbeitern des VBS brandschwarz angelogen.»

Angehörige der Panzer-Truppen, welche die Verschrottung der Schützenpanzer M113 beobachten und fotografisch dokumentieren, berichten:
Die M113 sind fahrtüchtig. Nach Einsetzen der Batterien können die  neuen (!) Motoren problemlos gestartet werden. Die Kanonen sind entgegen anderslautenden Aussagen noch montiert. Von «Verschimmelung», wie kolportiert wird, kann keine Rede sein. Aluminium schimmelt nämlich nicht.

Dazu meint Ihr Berufsoffizier: «Auch wenn der M113 auf dem Gefechtsfeld vielleicht nicht mehr gegen alle modernen Schützenpanzer bestehen kann, so ist er als gepanzerter Truppentransporter für die Infanterie noch lange bestens geeignet.»
Hochgeachteter Herr Bundesrat, die Glaubwürdigkeit unserer Militärpolitik hängt an einem seidenen Faden. Der Pannen und Peinlichkeiten aus den Reihen Ihrer Mitarbeiter, auch im Zusammenhang mit dem neuen Kampfflugzeug Gripen, ist genug. Sie und ich haben in unserer militärischen Führungsschulung gelernt: Führen heisst Verantwortung übernehmen.
Unsere Armee hat Bürger in Uniform, die Dienst leisten wollen. Sie brauchen unter anderem das richtige Material. Und sie erwarten Führung nicht nur von der Armee, sondern ebenso von der Politik.
Unsere Verfassung definiert die Sicherheit für unser Land. Die Verfassung zu negieren, indem man z.B. die Wahrung der Lufthoheit durch Nichtbeschaffen des dazu notwenigen Materials verhindert, ist Landesverrat und heisst, dass die Politik nicht führt.
Herr Bundesrat, führen Sie, übernehmen Sie Verantwortung. Ich danke Ihnen.

Hochachtungsvoll

Felix Meier, Oberst aD,
Ehem. Präsident VSN (Vereinigung Schweizerischer Nachrichtenoffiziere)

Kopien an
    die Herren Ständeräte (in alphabetischer Reihenfolge)
        Hans Altherr, Hans Hess, Filippo Lombardi, Hannes Germann
    Felix Gutzwiller
        die Herren Nationalräte (in alphabetischer Reihenfolge)
        Adrian Amstutz, Dr. Christoph Blocher, Toni Brunner
        Thomas Hurter, Hansjörg Walter, alt NR Dr. Ulrich Schlüer
        Schweiz. Offiziersgesellschaft, Br Denis Froidevaux   
    ASMZ, Oberst Peter Schneider
        Schweiz. Unteroffiziersverband, AdjJ Uof Alfons Cadario
    Der Schweizer Soldat, Oberst Peter Forster
    VSN, Oberstlt i Gst N. Büchi
    VSWW, Oberst i Gst G. Heuberger
    Pro Militia, Oberst aD Henri Wirz
        Giardino, Herrn Oberstlt aD Hermann Suter-Lang