Die Schweiz braucht eine produzierende Wirtschaft

Berggebiete und Randregionen als Chance

Interview mit Landrat und Unternehmer Toni Niederberger

thk. Spätestens seit der Finanz- und Wirtschaftskrise braucht es ein verstärktes Nach- und Umdenken auch bei uns in der Schweiz. Die 60 Milliarden Stützungsgelder für die UBS haben gezeigt, dass wir als Dienstleistungsland mit einem grossen Bankensektor ein hohes Risiko eingehen und dabei unsere Stabilität und Freiheit aufs Spiel setzen. Neben der Dienstleistungsbranche brauchen wir eine produzierende Wirtschaft, die mit guten Produkten, wie sie die Schweiz in der Vergangenheit immer entwickelt hat, auf dem Markt bestehen kann. Die Schweiz war bisher auf dem Gebiet der Technologie ein erfolgreiches Land und sollte diesen Bereich unbedingt weiter ausbauen. Nach Meinung von Experten hat die Schweiz hier noch sehr viel Potential, das zuwenig genutzt wird. Im folgenden Interview legt der Unternehmer und Landrat Toni Niederberger seine Sicht der Dinge dar, wobei er gerade auf dem Gebiet der Hochtechnologie grosse Erfolge aufweisen kann und neue Modelle für ein erfolgreiches Wirtschaften entwickelt.

Zeit-Fragen: Was kann man tun, damit unser Land in Zukunft nicht nur noch Dienstleistungen erbringt, sondern wieder mehr als heute Produkte entwickelt und diese produziert?

Niederberger: Grundsätzlich braucht unser Land neue Produkte. Um für alle in unserem Land Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen, müssen wir mehr produzieren und exportieren. Die Schweiz ist weltweit als Exportland bekannt, und wir müssen aufpassen, dass wir diese Position nicht verlieren. Damit wir das wieder verstärken können, müssen wir mehr Innovation betreiben, die zu neuen Produkten führt. Wir müssen hochtechnische Produkte entwickeln, solche aus der Sparte High-Tech, denn nur diese können wir exportieren. Einfachere Produkte können sie in den Schwellenländern oder auch in Ländern, die bereits industrialisiert sind, selbst herstellen. Wir müssen spezielle High-Tech-Produkte herstellen. Dafür hat die Schweiz in vielen Ländern schon einen Namen.
In der Forschung und in der Entwicklung sind wir bereits sehr gut. Wir geben pro Kopf in Verhältnis zu anderen Ländern sehr viel Geld aus, das ist gut so, aber was fehlt, ist, die Forschungserkenntnisse in Arbeitsplätze umzusetzen. Wir müssen Firmen gründen, und dazu braucht es Unternehmer, aber auch Investoren, die die Firmen mit entsprechenden Beträgen unterstützen. Da braucht es ein Umdenken, da viele Investoren ihr Geld im Ausland anlegen. Es braucht Leute, die Geld haben, das eigene Land lieben und im eigenen Land investieren wollen.

Es braucht also Menschen mit einem gesunden nationalen Bewusstsein?

Genau das ist es. Banken stellen heute nicht mehr das Geld für «Start-ups» zur Verfügung. Für die Banken ist das alles Risiko­kapital. Aber eigentlich ist es Chancen­kapital. Ich appelliere an die Vermögenden in unserem Land, dass sie in solche Projekte und Firmengründungen investieren. Damit schafft man etwas, was über das Leben eines Menschen hinaus eine Werterhaltung bedeutet. Man kann sich als Pionier ein Denkmal setzen, indem man geholfen hat, eine Firma zu gründen und ein Produkt zu entwickeln. Wenn sich daraus eine mittlere oder grössere Firma entwickelt, sind alle dankbar, vielleicht weit über die nächsten 100 Jahre hinaus.

Sie haben erwähnt, dass die Forschungsergebnisse zuwenig in neue und alte Produkte fliessen und wir demzufolge zu kleine Produktionserfolge in unserm Land haben. Sie selbst haben Firmen gegründet. Welcher Gedanke hat Sie dabei geleitet?

Ich habe 10 Jahre in Zürich gearbeitet, bin immer gependelt und habe mir dann überlegt, etwas in meiner Region aufzubauen. Ich habe eine Einzelfirma gegründet und eigene Produkte entwickelt. Zuerst habe ich Dienstleistungen für Dritte gemacht und parallel dazu ein eigenes Produkt entwickelt. Es war mir klar, dass ich ein eigenes Produkt brauche, da sonst die Abhängigkeit von der Konjunktur zu gross ist. Acht Jahre später ist eine AG entstanden, in der wir einen eigenen Roboter entwickelt haben. Ich hab eine Marktchance für die ganze Weltkugel gesehen. Für mich gibt es nur einen weltweiten Markt. Für mich gibt es nicht die EU, die Nafta, den Asean usw., sondern nur einen Markt. Unsere Uhrenindustrie oder unsere «Victorinox» gehen genau diesen Weg, indem sie weltweit erfolgreich Schweizer Produkte absetzen. Diese Chance habe ich auch für unseren Roboter gesehen und eine neue Firma gegründet, und die ganze Robotertechnologie wird dort entwickelt und hergestellt. Ich bin überzeugt, dass wir weiter so vorgehen sollten. Ich sage das nicht, um mich in den Vordergrund zu stellen, sondern es ist einfach nötig, und zwar besonders in den Randregionen und den strukturschwachen Gebieten, bis hinein in die Berggebiete. Wenn man ein High-Tech-Produkt herstellt, spielt der Standort nur noch eine untergeordnete Rolle. Dank moderner Telekommunikation kann ich an allen Orten mit der Welt verbunden sein.
Ein grösseres Spektrum der High-Tech-Produkte zeichnet sich durch viele Vorteile aus, weil sie meistens gewichtsmässig gesehen nicht besonders schwer, geometrisch klein sind, lassen sie sich dadurch gut transportieren. So eine Firma muss nicht unbedingt neben dem Flughafen stehen.

«Aus einem gesunden Stock kommt auch gesundes Holz»

Neben der Möglichkeit, gute Produkte in unserem Land zu produzieren, entstehen durch solche Firmen auch neue Arbeitsplätze. Wie war das bei Ihrer Firma?

Die erste Firma, die Entwicklungsfirma, beschäftigt rund 10 Personen. Die zweite Firma, die, die Roboter fabriziert, hat 13 Angestellte. Und dann gibt es noch eine Firma, die alle Rechte, Marken (Label), Namensrechte, Logos sowie die Patent- und Know-how-Rechte ­besitzt, und dieses geistige Eigentum pflegt und bearbeitet.
Noch etwas zum Entwicklungsumfeld für sogenannte High-Tech-Produkte. Hier sieht man den Zusammenhang von einer intakten Natur und einer gesunden Bevölkerung. Das ist die Voraussetzung von High-Tech-Produkten. Man kann in aller Ruhe und ohne Dreck oder Ablenkung ein sinnvolles und nützliches High-Tech-Produkt entwickeln und sich von der Natur inspirieren lassen.

Sie haben betont, dass man möglichst dezentral und in der gesunden Natur nachdenken, suchen, entwickeln und produzieren sollte. Man hört oft das Argument, dass es in den Ballungszentren kostengünstiger sei.

Nein, das stimmt so nicht. Die Innovation kann man nicht steuern. Ein Komponist setzt sich auch nicht auf eine Müllhalde, um zu komponieren, sondern er lässt sich auch von der schönen Natur inspirieren. Und wenn wir das an verschiedenen Orten tun, ist die Chance sehr gross, dass an mehreren Orten etwas Sinnvolles entsteht. Die kulturelle Vielfalt macht es aus, diese bringt positive Resultate hervor, nicht Einfalt und Konzentration. Aus unseren Berggebieten kommen gesunde, kreative, hoch motivierte und fähige Leute. Sie sind gut ausgebildet, haben alle einen Beruf und haben die Härte und Ausdauer, sich bis zum Ingenieur weiterzubilden oder sonst an einer Technikerschule ein Diplom zu erreichen. Aus einem gesunden Stock kommt auch gesundes Holz. Ich stelle bereits heute grosse Unterschiede fest. Wenn ein Lehrling aus der Stadt zu uns kommt oder jemand aus einem Bergtal, da gibt es ganz gewaltige Unterschiede.
Deshalb müssen wir zu unseren Tälern Sorge tragen, damit wir dort weiterhin einen gesunden Nachwuchs haben. Die Jungen aus den Bergtälern haben mehr Durchhaltewillen, mehr Anstand und sind besonders gut in den Naturwissenschaften wie Physik und Mathematik.
Auch der akademische Weg sollte vermehrt von begabten Menschen eingeschlagen werden, die an beiden ETH studieren und dann im Bereich Entwicklung und Forschung arbeiten. Aber der andere Weg ist ebenso wichtig. Dass man zuerst einen Beruf lernt und parallel die Berufsmatur macht oder diese nach Abschluss der Lehre nachholt und sich anschliessend an der Fachhochschule zum Ingenieur ausbilden lässt. Das ist ein sehr erfolgreicher Weg, den ich aus eigener Erfahrung nur empfehlen kann. Der Erfolg in meinem Betrieb ist solchen Mitarbeitern zu verdanken. Das sind Leute, die praktische Erfahrung haben. High-Tech und eben solche Produkte müssen wir entwickeln, dies ist besonders anspruchsvoll und sehr komplex. Man kann das nicht mehr so einfach handhaben wie noch vor 40, 50 Jahren. Da der Stand der heutigen Technik eine grosse Komplexität angenommen hat. (Verschiedene, ineinandergreifende Technologien sind der Grund.) Die schwierigen Aufgaben können Praktiker häufig eher lösen als Akademiker.

«Gesunde und initiative Leute kommen sehr häufig aus den Berggebieten»

Auf welchen Gebieten sehen Sie Chancen, dass die Schweiz die Entwicklung vorantreibt?

Auf dem Gebiet von Mikro-, Medizinal- und Biotechnik, Maschinenbau, Automation und Robotik. Im Pharmabereich sowie in der ­Nanotechnik und mit Softwareprodukten (eigener Source-Code) der vierten Generation sollten wir tatsächlich unsere Chancen nutzen. Wenn ich sehe, wie viele Projekte im Bereich der KTI (Kommunikation, Technik und Innovation) in Forschung und Entwicklung finanziert werden und wenn am Schluss die Erkenntnisse, Resultate nicht in neue Produkte und Arbeitsplätze umgesetzt werden, dann sind die Steuergelder schlecht eingesetzt. Diesen Wirkungsgrad sollte man unbedingt verbessern, damit Firmen mit neuen Produkten entstehen. Die Gemeinden in den Berggebieten könnten solchen Firmen mehrere Jahre Steuerfreiheit bieten, damit sie sich dort niederlassen. Es wäre doch interessant, in solchen Gegenden, wo die «kleine Welt» im Grossen und Ganzen noch in Ordnung ist, zudem noch mit grossem vorhandenem Kreativpotential, diese Natur mit High-Tech-­Zukunftsperspektiven miteinander zu verbinden.

Kommen wir nochmals auf den Punkt zurück, wie man die Berggebiete besser für solche Projekte und Entwicklungen einbeziehen kann. Können Sie da noch etwas konkreter werden.

Schauen wir uns den Waadtländer Jura an, im Vallée de Joux, dem Watch-Valley. Hier sind wir in einem total abgelegenen Gebiet, das weit vom nächsten Flughafen entfernt ist. Es ist eindrücklich, was für aussergewöhnliche Produkte dort entstanden sind, die weltweit eingesetzt werden, vom Herzschrittmacher bis zum Messinstrument und nicht zu vergessen die vielen Premium-Uhrenmarken. Das geschieht weitab der grossen Städte, genau dort in einer bäuerlichen Gegend, mit einer grossen Vielfalt, mit verschiedenen französischsprachigen Kulturen. Ich bin überzeugt, dass wir im Alpen- und Voralpengebiet diesen Weg gehen sollten.
Wenn wir uns die Entwicklung der Uhrenindustrie im Jura anschauen, dann sehen wir das Resultat der kulturellen Vielfalt. Hayek hat das vorgelebt und mit seiner Swatch-Gruppe vorgemacht: französische Kultur, italienische Kultur und Deutschschweizer Kultur in einer Entwicklungsabteilung (Engineering) mischen, damit besonders gute Produkte herauskommen. Man kann sich diese Vielfalt in gewissen Regionen gut vorstellen, in jedem Tal gibt es eine eigene Mentalität und im gewissen Sinne eine eigene Kultur, die man nicht einmal mit Welscher und Tessiner mischen muss. Wir müssen schauen, dass wir die Innovation auf ein hohes Niveau bringen, und je höher wir im Niveau steigen, um so schwieriger ist es, dieses noch höher zu bringen. Deshalb müssen unsere Jungen sehr gut ausgebildet werden. Damit das gelingt, brauchen wir gesunde und initiative Leute, und diese kommen, wie gesagt, sehr häufig aus den Berggebieten.

«Es braucht innovative Leute, die etwas versuchen und Sinnvolles erschaffen»

Gibt es Modelle, wie man die ländliche Bevölkerung in solche Projekte integrieren kann? Sagen wir mal eine Mischung aus Landwirtschaft auf der einen Seite und High-Tech-Produktion auf der anderen Seite?

Wir sind alle der Meinung, dass eine gesunde und gepflegte Landschaft wichtig ist. Wir müssen uns darum bemühen, dass es weiterhin so bleibt. Dazu braucht die Bevölkerung dort dringend einen finanziellen Zustupf. Man könnte den Bauern im Winter eine Verdienstmöglichkeit schaffen, indem sie nach der Arbeit im Stall und bis sie wieder in den Stall müssen, zu Hause etwas montieren können. Auch könnte man eine kleine Firma in ein Dorf verlegen, damit die Bevölkerung dort Arbeit findet. Es sind lange nicht alle Gebiete mit Bergbahnen und Skiliften touristisch erschlossen, wo die Bevölkerung dann Arbeit finden kann. Auch hier ist Innovation gefragt, damit man in diese Gebiete Firmen bringen könnte, die entsprechende Produkte anfertigen würden. Nicht das Geld liegt auf der Strasse, und ich muss es nur aufheben. Nein, die Probleme liegen auf der Strasse, und indem ich diese löse, zum Beispiel mit der Herstellung eines Produkts, das eines dieser Probleme löst, könnte man Geld verdienen. So würde dann in einer Marktnische eine Firma entstehen. Aber hier braucht es innovative Leute, die etwas versuchen und Sinnvolles erschaffen. Ich appelliere an alle angehenden Ingenieure der ETH Zürich, Lausanne oder an unsern Fachhochschulen, dass sie sich einsetzen, Unternehmer werden und etwas auf die Beine stellen. Ich appelliere aber auch an wohlhabende Leute, damit sie solche Initiativen unterstützen, damit aus einem kleinen Pflänzchen ein grosser Baum werden kann. Leute, die das Land lieben, sollten das automatisch machen, und ich hoffe, es gibt viele Menschen, die unser Land lieben.

Haben Sie selbst ein Projekt in einer Gemeinde im Berggebiet?

In Gurtnellen habe ich den Plan, dort ein neues Produkt montieren zu lassen. Das ist ein mikromechanisches Gerät mit vielen Funktionen. Dieses kann man zum Beispiel auf einem Tisch aus den bereits produzierten Einzelteilen zusammenbauen. Das könnte man theoretisch zu Hause in einer Stube machen, und das mit einem High-Tech-Produkt. Ein Beispiel für die Zukunft. Die einzelnen Teile werden in meiner Firma produziert, und irgendwo dezentral werden diese Teile dann zusammengesetzt. Da braucht es keine grosse Fabrik und keinen rauchenden Kamin. Die Natur wird nicht belastet. Es kann doch nicht sein, dass wir diese schöne Arbeit nach Asien auslagern, die müssen wir bei uns in der Schweiz behalten. Der Zug ist noch lange nicht abgefahren, wie manche Pessimisten uns weismachen wollen. Vor 30, 40 Jahren haben wir die asiatischen Länder noch unterstützt, heute machen sie uns Konkurrenz. Dem müssen wir uns stellen und unser Potential ausschöpfen. Wir müssen unsere Chance nutzen. In der Zukunft sind Macher gefragt und keine Verwalter.

Herr Niederberger, herzlichen Dank für das Gespräch.    •