Sind wir eigentlich wahnsinnig?

«Müssen unsere technischen Hochschulen ihre Studenten bald in Afrika rekrutieren?»

ds. Hatten Sie schon einmal Gelegenheit, Kinder in einer afrikanischen Dorfschule im Unterricht zu beobachten, im Film oder sogar vor Ort? – Dann kennen Sie die wachen, erwartungsvollen Augen der Kinder, die dicht gedrängt auf einfachen Holzbänken oder am Boden sitzend aufmerksam den Ausführungen des Lehrers lauschen – lernbegierig. Dann haben Sie vielleicht auch schon bewundert, wie ein Lehrer mit wenigen Kreidestrichen auf einer Wandtafel das Schaubild einer Pflanze oder menschlicher Organe – zum Beispiel des Verdauungstrakts – entstehen lässt – einfach, klar und verständlich. Die Kinder stehen auf, wenn der Lehrer sie aufruft oder sie eine Frage stellen. Es wird gesungen, getanzt und gelacht und vor allem gelernt.
Auch unsere Kinder sind lernbegierig, wenn sie in die Schule kommen. Vielleicht etwas zappeliger und mehr mit ihrem eigenen Ego beschäftigt als die afrikanischen Kinder. Sie haben halt nicht gelernt, Erwachsenen zuzuhören; sie sind gewohnt, Papi und Mami zu führen, und zunächst etwas irritiert, wenn sie nicht allein im Mittelpunkt stehen – aber auch sie wollen lernen.
Statt nun die Kinder nach allen Regeln pädagogischer Kunst zu unterrichten und ihnen das Wissen und die Erfahrung vorangegangener Generationen zu vermitteln, damit sie dies nutzen und später vielleicht einmal vermehren können, setzen selbsternannte «Bildungsexperten» alles daran, dies zu verhindern: Die Kinder sollen nicht mit unnötigem Wissen belastet werden, damit sich ihre Kreativität frei entfalten kann. Jede Generation soll sich selbst neu erfinden und unbeschadet von Erfahrungen der Vergangenheit geschichtslos in «Räumen, Zeiten und Gesellschaften» – so heissen die neuen Fachbereiche – frei floaten können. Heerscharen hochbezahlter «Spezialisten» entwickeln laufend neue Lernverhinderungsstrategien, und eine Armada «professioneller Schulbeurteiler» wacht über die Umsetzung. Lehrer, die den Kindern noch etwas beibringen wollen, werden zur Umerziehung, genannt Fortbildung, aufgeboten; ihnen wird mit Entlassung gedroht. Die Schüler sollen selbstbestimmt, selbstentdeckend und selbstgesteuert lernen.
Einer der professionellen Lernverhinderer ist Peter Fratton, ein international tätiger «Bildungsanbieter», ein findiger Geschäftsmann, gut vernetzt, mit Support der Bertelsmann Stiftung, des führenden börsenkotierten Anbieters und Umgestalters des Bildungsmarktes. Zurzeit berät Fratton die rot-grüne baden-württembergische Regierung bei der Auflösung bewährter Schulstrukturen.
In einem Vortrag bei der Fraktion der Grünen des baden-württembergischen Landtags 2008 behauptet Fratton dreist, die Schule habe bisher nicht an die Kinder gedacht, um dann zu fordern, man müsse zu dem kommen, was er als Paradigmenwechsel bezeichne, nämlich die gewohnten Denkbahnen, das was wir mit Enthusiasmus gemacht hätten, mal einfach auf die Seite zu stellen und so zu tun, als würden wir auf einem Feld alles einmal neu erfinden. «Vielleicht zuerst erneuern und nachher, wenn das gelingt, auch neu erfinden. Und wenn das gelingt, dann heisst das, ich muss irgendwo auch den Mut haben, etwas umzusetzen. Nicht nur den Willen, sondern wirklich auch den Mut und sagen, keine Ahnung, was dabei herauskommt, aber schön falsch ist auch schön.» Fratton fabuliert vom Lehrer als Lernbegleiter und Schülern als Lernpartner, von autonomem Lernen und von gestalteter Lernumgebung – wichtig für den Umbau ganzer Schulhäuser –, um dann dem ganzen Unfug mit seinen 4 pädagogischen «Urbitten» die Krone aufzusetzen: Diese lauten: «Bringe mir nichts bei. Erkläre mir nichts. Erziehe mich nicht. Motiviere mich nicht.» – Wie bitte? – Müssen unsere technischen Hochschulen ihre Studenten bald in Afrika rekrutieren?    •