Die Biene ist ein feiner Bioindikator

Interview mit Richard Wyss, Präsident des Vereins Deutschschweizer und Rhätoromanischer Bienenfreunde VDRB

Richard Wyss hat sich als Imker für die Schweizer Landwirtschaft verdient gemacht und wurde deswegen an der «Tier&Technik» mit dem «Agro-Star-Suisse»-Preis ausgezeichnet.

Michael Götz: Was hat Sie am Agro-Star-Suisse-Preis besonders gefreut?

Richard Wyss: Ich war total überrascht. Gefreut hat mich, dass das Thema Bienen in die Öffentlichkeit kam. Den Preis haben eigentlich die Bienen verdient. Doch einen
Bienenschwarm kann man kaum auf die Bühne nehmen. Mein Part war und ist es, optimale Bedingungen für die Bienen zu schaffen, eine Arbeit, welche ich zusammen mit meinen Kollegen im Vorstand des VDRB leiste.

Wie reagierte die Umwelt auf den Preis?

Ich habe in der Folge sehr viele E-Mails erhalten und gute Begegnungen gehabt. Insbesondere gab es neue Impulse für das «Networking», sei es mit dem Bauernverband oder mit eidgenössischen Parlamentariern.

Was fasziniert Sie persönlich an den Bienen?

Die Biene ist für mich ein herrliches Beispiel, wie das Grosse im Kleinen abgebildet ist. Es gibt die Biene einerseits als Individuum, andererseits auch als Volk, als Organismus, in welchem jedem Teilchen eine eigene Aufgabe zukommt. Dabei steht das Interesse des Ganzen über dem Interesse des Individuums. Ein Vorbild für uns Menschen: Man kann nicht nur von der Gemeinschaft profitieren, ohne das Seinige zum Gemeinwohl beizutragen. Die Biene fasziniert mich nicht nur, sondern – indem ich mich mit ihr beschäftige – öffnet sie mir Augen und Ohren für die Natur.

Weshalb ist die Biene für die Landwirtschaft wichtig?

Bienen sind für die Landwirtschaft überlebenswichtig, aber umgekehrt auch die Landwirtschaft für die Bienen. 80% der Fremdbestäubungen gehen auf das Konto der Bienen. Ohne Bestäubung durch die Bienen gäbe es einen sehr geringen Obstertrag, bei Äpfeln wären es etwa 30%, bei Birnen nur noch etwa 10%, und bei Beeren gäbe es praktisch keinen Ertrag mehr. Man geht davon aus, dass ohne Bienen weltweit 30% weniger Lebensmittel zur Verfügung stünden. Honig können wir importieren, aber die Bestäubung nicht. Schliess­lich ist der Wert der Bienen für die Biodiversität nicht in Franken auszudrücken.

Wieso ist die Biene bei der Bestäubung so wichtig?

Die Biene ist das einzige Insekt, das als Staat überwintert. Alle anderen, auch die Wildbienen, überwintern als Ei oder als Individuum. Sie benötigen deswegen viel Zeit, bis sie ein Volk aufgebaut haben und effizient bestäuben können. Zum zweiten ist die Biene im Gegensatz zu anderen Insekten blütenstetig. Das heisst, wenn eine Biene am Morgen auf Äpfel fliegt, dann fliegt sie den ganzen Tag auf Äpfel. Sie schaut nichts anderes an, nicht einmal einen Birnbaum. Das ist ein grosser Vorteil für den Erfolg der Bestäubung, denn eine Apfelblüte kann mit einem Birnenpollen nichts anfangen.

Was heisst, die Biene ist ein Bioindikator?

Sie zeigt uns, ob unsere Umwelt gesund ist. Denn sie reagiert sehr empfindlich auf Umweltgifte. Analysiert man den Körper einer Biene, dann lassen sich heute oft eine Vielzahl von Pestiziden und Fungiziden nachweisen, von welchen wissenschaftliche Studien zeigen, dass sie sich negativ auf die Gesundheit und das Verhalten von Bienen auswirken. Aktuell sind die Neonikotinoide, eine neue Art von Pflanzenschutzmitteln, auf welche Bienen schon fast in «homöopathischer Dosierung» reagieren. Wir dürfen nicht glauben, dass wir davon ausgenommen sind. Die Biene reagiert einfach ein paar Jahre früher als wir Menschen und zeigt uns, was uns passieren kann.

Welche Ziele hat der VDRB?

Den Bienen und den Imkern möglichst optimale Bedingungen zu bieten.
Welche Herausforderungen stellen sich den Imkern?
Sehr grosse Probleme stellen sich bei der Bienengesundheit, im besonderen wegen der Varroa-Milbe, aber auch wegen Bakterien und Viren. Es geht soweit, dass ein Bienenvolk ohne Imker heute nicht mehr überleben kann. Eine andere Herausforderung ist es, den Bienen zu mehr Wertschätzung zu verhelfen. Ich möchte sie in der Gesetzgebung so positionieren, dass sie Förderungen erhalten wie unsere Nutztiere. Denn volkswirtschaftlich gesehen ist die Biene nach dem Rind und dem Schwein das drittwichtigste Nutztier. Doch im Vergleich zu den Beiträgen, welche der Bund für die Nutztierhaltung ausgibt, kommt die staatliche Bienenförderung «Brosamen» gleich.

Wo können Imker und Landwirte zusammenarbeiten?

Beide können und müssen zusammenarbeiten. Der Imker liefert dem Landwirt Bestäubung zum Nulltarif, dafür ist er darauf angewiesen, dass er seine Bienenstöcke aufstellen darf. Eine Wiese soll erst nach der Blüte gemäht werden. Werden Mähaufbereiter verwendet, sind sie zwingend nur ausserhalb des Bienenflugs einzusetzen, ansonsten werden die Bienen zu Tausenden zerquetscht. Jeder Landwirt überlege sich zweimal, ob er ein chemisches Pflanzenschutzmittel einsetzen soll. Sieht er keine andere Möglichkeit, dann nur streng nach Vorschrift und möglichst sparsam. Das gilt nicht nur für Landwirte, sondern ganz explizit auch für Gärtner in Privat- und Schrebergärten.

Was kann man auf Ihrer Homepage erfahren?

Alles, was Sie über Bienen wissen möchten. Die Homepage unseres Vereins www.vdrb.ch richtet sich vor allem an die Imker. Sie finden dort nicht nur Informationen über Veranstaltungen und Reglemente, sondern auch zu den Beobachtungsvölkern, welche über die ganze Schweiz verteilt sind, zum Beispiel ob zurzeit die Bienenvölker im Wachsen oder im Abnehmen sind. Der Konsument findet vor allem unter www.swisshoney.ch Auskunft, zum Beispiel, wo er Honig aus der Region beziehen kann. Wer Honig kauft, soll Schweizer Honig kaufen und auf das Qualitätssiegel achten. Dieses garantiert, dass es naturreiner Honig ist.    •

Autor: Michael Götz (Dr. Ing. Agr.),
Freier Agrarjournalist, LBB-GmbH, Säntisstr. 2a; CH-9034 Eggersriet, Tel.: +41 71 877 22 29
E-mail: migoetz(at)paus.ch, www.goetz-beratungen.ch


«Werden Mähaufbereiter verwendet [sog. Kreiselmäher. Anm. der Red.], sind sie zwingend nur ausserhalb des Bienenflugs einzusetzen, ansonsten werden die Bienen zu Tausenden zerquetscht.»
[Anm. der Red.: Diese Aufforderung wurde in den letzten 2–3 Wochen in vielen Gegenden nicht eingehalten!]

Ohne Bestäubung durch die Bienen gäbe es nur:
•    30% Äpfel
•    10% Birnen und
•    praktisch keinen Beerenertrag mehr.