Der Familie ihr natürliches Recht zurückgeben …

… dann löst sich die demografische Frage von selbst.

Auszüge aus dem Buch der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder

In einer Gesellschaft, die Freiheit und Individualität des Einzelnen respektiert und Gleichheit nicht durch Eingriffe in die Freiheit herbeizwingt, wird es, im Durchschnitt betrachtet, immer Ungleichheiten zwischen Frau und Mann geben, so wie es immer Ungleichheiten zwischen 30- und 60jährigen Menschen geben wird. Mit Verschiedenheit umzugehen und dafür zu sorgen, dass Frauen und Männer die Chance haben, ihre individuellen Vorstellungen von einem guten Leben zu verwirklichen – darum geht es, und nicht um Einebnung der Unterschiede im Namen der Gleichstellung der Frau mit dem Mann! Das unterschiedliche Abschneiden von Frauen und Männern in den Berufsstatistiken als Diskriminierung des weiblichen Geschlechts zu deuten, führt in die Sackgasse. Wo jeder Geschlechterunterschied zum Beweis für die Spaltung der Menschheit in diskriminierte Frauen und privilegierte Männer erklärt wird, bleiben als politische Massnahmen nur Einschränkungen individueller Freiheit, angefangen bei Versuchen, Frauen über vermeintlich moderne Leitbilder und die Deklassierung alternativer Lebensentwürfe vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, hin zur staatlichen Steuerung über Frauenquoten und andere staatsdirigistische Eingriffe.

Zeit für Verantwortung: Auf dem Weg in die Arbeitswelt der Zukunft

Ist es utopisch zu glauben, dass Zeit für Familie und Fürsorge irgendwann so selbstverständlich zum Lebenslauf weiblicher und männlicher Führungskräfte gehören wird wie eine gute Ausbildung? Ist es utopisch, Menschen eine individuelle Gestaltung ihrer Arbeitszeiten passend zu ihrer familiären Situation zu ermöglichen? Ist es utopisch, die ungeschriebene Regel abzuschaffen, wonach die entscheidenden Karriereschritte zwischen 30 und 40 stattfinden müssen – und damit in einer Lebensphase, in der die meisten Menschen eine Familie gründen? Ist es utopisch, Müttern und Vätern kleiner Kinder zuzutrauen, dass sie mit einer Präsenzzeit von 30 Arbeitsstunden pro Woche ein Team führen oder ein Projekt leiten können? Ist es utopisch, dass auch Top-Führungskräfte wie das Vorstandsmitglied eines DAX-Konzerns, der Chefredakteur einer überregionalen Tageszeitung oder die Partnerin einer renommierten Grosskanzlei zwei halbe Tage in der Woche ganz für ihre Kinder da sein und am Wochenende in der Regel frei von beruflichen Verpflichtungen sein können? Ist es utopisch, beim Einstellungsgespräch nicht nur über Geld, sondern auch über Zeit zu verhandeln: über Zeit, die der Familie oder dem eigenen Privatleben gehört? Kurz: Ist es utopisch, auch dann «Familie zuerst!» sagen zu können, wenn man erfolgreich im Beruf sein möchte? «Wenn wir […] bereit wären, in die Entwicklung und Durchsetzung neuer Arbeitszeitmodelle in etwa so viel Energie und Sachverstand zu investieren, wie es bei der Entwicklung neuer Fortbewegungsmittel oder neuer Handtelefone üblich und selbstverständlich ist, wird sich dieses […] organisatorische Problem sehr schnell in nichts auflösen»11, hat Iris Radisch dazu einmal trocken bemerkt. Genau so ist es!
Zeitsouveränität ist die Freiheit, «Familie zuerst!» sagen zu können, wenn es darauf ankommt. Zeitsouveränität ist die Freiheit, für den Partner beziehungsweise die Partnerin, für pflegebedürftige Angehörige und als Eltern für die Kinder da sein zu können, ohne sich damit im Beruf für verantwortungsvolle Aufgaben oder den nächsten Karriereschritt zu disqualifizieren. Zeitsouveränität ist die Freiheit für Frauen wie für Männer, Familie und Partnerschaft den Stellenwert einräumen zu können, den sie aus ihrer Sicht verdienen – und zwar auch und gerade dann, wenn sie berufstätig sind. Statt das Bedürfnis, für die Familie da zu sein, als störenden Sand im Getriebe der Leistungsgesellschaft zu betrachten, sollten wir die Zwänge infrage stellen, gegenüber denen das Familienleben regelmässig den kürzeren zieht, und den Vorrang von Partnerschaft und Familie gegen die raumgreifenden Verfügbarkeits-, Mobilitäts- und Flexibilitätsansprüche der Arbeitswelt verteidigen. Das ist kein Kampf von Frauen gegen Männer um die Hälfte der Welt. Es ist ein Ringen um Freiheit zur Individualität.
Die politische Schlussfolgerung daraus kann nur lauten, die Steuerung nach Rollen- und Familienleitbildern zu unterlassen und die Ermöglichung unterschiedlicher Lebensentwürfe ins Zentrum moderner Familien- und Gleichstellungspolitik zu rücken. Menschen in der Verwirklichung ihrer eigenen, ganz persönlichen Vorstellungen von einem guten Leben zu unterstützen ist der Auftrag an die Politik, und dabei ist Zeit die Leitwährung, weil sie Gleichberechtigung und Verantwortungsfähigkeit gleichermassen fördert. Wenn wir uns Gleichberechtigung in unseren Partnerschaften und familiären Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wünschen, brauchen wir sowohl den Freiraum als auch den Mut, den Takt des Berufslebens individuell passend zum Rhythmus des Familienlebens zu gestalten. «Danke, emanzipiert sind wir selber!» wäre dafür zumindest schon einmal die richtige Einstellung.    •

Quelle: Kristina Schröder mit Caroline Waldeck, Danke, emanzipiert sind wir selber! Abschied vom Diktat der Rollenbilder
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags, © 2012 Piper Verlag GmbH, München, erschienen April 2012, ISBN 978-3-492-05505-5