Das grün-rote «Gemeinschaftsschul-Projekt» in Baden-Württemberg

Kritische Stimmen vor dem Überrumpelungs-Vorgang im Stuttgarter Landtag vom 18. April 2012

von Karl Müller

Vor der Änderung des baden-württembergischen Schulgesetzes am 18. April 2012 und der Einführung sogenannter Gemeinschaftsschulen gab es viele kritische Stimmen. Gerhard Brand, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg, sah «alle anderen Schularten benachteiligt» und die «Arbeit aller anderen Schulen abgewertet». Mit der Einführung der Gemeinschaftsschulen werde es «einen herben Verlust der Fachlichkeit und damit verbunden ein Absinken des gesamten Leistungsniveaus» geben. Mit der neuen Schulart drohe ein Unterricht, «der ausschliesslich auf das selbstorientierte Lernen setzt oder einseitig auf Teamarbeit am Gruppentisch, wo alle Schüler zwar immer ‹beschäftigt› sind, am Ende der Stunde aber manchmal nicht mehr so genau wissen, warum sie eigentlich was gemacht haben. Und das sind meist gerade die, die besonderer Förderung bedürfen.»
Der Philologen-Verband des Landes war nicht weniger kritisch: «Alle innerdeutschen Schulleistungsstudien bestätigen, dass, je differenzierter ein Schulwesen ist, je weniger Gesamtschulen es in einem Bundesland gibt, desto besser das Bundesland abschneidet. Eine gegliederte Schulstruktur kommt allen Schülerinnen und Schülern zugute, insbesondere auch Kindern aus sozial schwächeren Schichten oder mit Migrationshintergrund. Die intendierte einseitige Förderung von Gemeinschaftsschulen zu Lasten aller anderen Schularten ist nicht hinnehmbar.»
Der Städtetag des Bundeslandes monierte, dass «momentan der Kompass in der Schulpolitik des Landes» fehle. Und der Gemeindetag doppelte nach: «Ausgerechnet beim Thema Schule wischt die grün-rote Landesregierung sämtliche Vernunftargumente mit einem Wimpernschlag vom Tisch.»
Die grün-rote Landesregierung Winfried Kretschmanns hat das nicht davon abgehalten, ihr wichtigstes politisches Projekt für diese Legislaturperiode, die Einführung der sogenannten Gemeinschaftsschule, allein mit der Macht ihrer Mehrheit im Landtag durchzusetzen. Denn anders als beim Neubau des Bahnhofes in Stuttgart sollen die Bürger des Landes über dieses zentrale politische Projekt nicht in einem Volksentscheid abstimmen dürfen. So gilt seit dem 18. April: Mit Beginn des Schuljahres 2012/2013 werden in Baden-Württemberg 40 Schulen ihren Schulbetrieb als sogenannte Gemeinschaftsschulen weiterführen.
Gemeinschaftsschulen sind Schulen, die den Hauptschul- und Realschulbildungsgang in einer Schule zusammenfassen, die auch Förderschüler haben sollen und die auch eine Oberstufe mit dem Ziel des Abiturs haben können. Aber noch wichtiger als die Zusammenfassung der Schularten ist, dass die Gemeinschaftsschulen mit ihrem «pädagogischen Konzept» radikal vom bisherigen Schulunterricht abweichen sollen.
Das, was jetzt per Gesetz als Regelschule eingeführt wurde, die Gemeinschaftsschule, war der bildungspolitische Kern des Wahlprogramms der Grünen für die Landtagswahlen im März 2011. Die Gemeinschaftsschule ist ein Nachfahre der antiautoritären Erziehung und Antipädagogik der 68er und passt zur bisherigen «Pädagogik der Grünen». «Angereichert» wurde sie nun mit fragwürdigen Elementen der Vererbungslehre, die nach NSdAP riechen. «Individualisierung» heisst nämlich jetzt für die Grünen: Die Schüler sind – genetisch bedingt(!) – unterschiedlich begabt und können deshalb nicht mehr dasselbe lernen.
Gemeinschaftsschulen sind allerdings auch ein riesiges Geschäft für Konzerne wie Bertelsmann, die mit besten Kontakten in die Bildungspolitik teure Lernmaterialien für den «individualisierten», «selbstgesteuerten» Unterricht anbieten und verkaufen wollen. Bertelsmann wirbt seit Jahren für «neue» Schulen, die bisherige Strukturen auflösen und zugleich ein gutes Geschäft versprechen.
Die grün-rote Landesregierung will das bisherige gegliederte Schulsystem in Baden-Württemberg aus den Angeln heben und die Gemeinschaftsschule flächendeckend einführen. Dies wird schon aus der Zielsetzung der Gesetzesnovelle deutlich. Dort heisst es: «Der getrennte Unterricht für Schülerinnen und Schüler im gegliederten Schulwesen soll überwunden werden.» Grün-Rot in Baden-Württemberg will allerdings die Problemlage von Schwarz-Grün in Hamburg nicht wiederholen und die neue Schulart nicht offen von oben verordnen. Die örtlichen Schulträger müssen die Anträge stellen. Die Gemeinschaftsschule wird als «Schule von unten» angepriesen. Tatsache ist aber: Die neue Schulart wird von der Landesregierung massiv privilegiert. Die Lehrerbildung des Landes soll in den kommenden Jahren auf die neue Schulart ausgerichtet werden. Vor Ort wird die grün-rote Anhängerschaft mobilisiert. Kleine Gemeinden, deren Schulen von einer Schliessung bedroht sind, werden damit geködert, dass ihr Schulstandort gerettet werden könnte, wenn sie eine Gemeinschaftsschule bilden – obwohl es den Protagonisten der Gemeinschaftsschule ausdrücklich nicht um die Rettung wohnortnaher Schulen geht. Die meisten Medien des Landes haben sich auf die Seite der Regierung gestellt – gegen die nach Umfragen von Mitte Mai 2012 nach wie vor mehrheitliche Ablehnung der neuen Schulart durch die Baden-Württemberger.
Schulleiter, die sich kritisch zum grün-roten Plan geäussert hatten – so 60 Schulleiterinnen und Schulleiter aus Baden-Württemberg öffentlich kurz vor den Landtagswahlen 2011 – wurden nach den Landtagswahlen von der neuen Kultusministerin gemassregelt. Die grün-rote Regierung, die sich als bürgernah und gesprächsfreudig preist, lässt sich in Sachen Schulpolitik nicht auf sachliche Diskussionen ein, schon gar nicht mit Sachverständigen. Die zuständige Ministerialverwaltung, aus der es viele kritische Stimmen gibt, wurde kurzerhand durch die Einrichtung einer Stabsstelle, deren Leitung ein Parteifunktionär übernommen hat, umgangen. Und die Methode, Kritiker des Projektes aus Schulleitungen zu massregeln, hält bis heute an.
Die Gemeinschaftsschule ist eine Mogelpackung. Sie wird als «leistungsstark», «sozial gerecht» und «demokratischen Werten besonders verpflichtet» angepriesen. In der Handreichung des Kultusministeriums zur Beantragung einer Gemeinschaftsschule ist von Leitgedanken wie «Solidarität», «Verantwortung» und vielem Schönen mehr die Rede.

Wie wird es wirklich sein?

Zum Beispiel: das Konzept des selbstgesteuerten Lernens. Schüler sollen in der Gemeinschaftsschule – wegen ihrer Individualität – weitgehend autonom lernen können.
Das Konzept ist seit langem Gegenstand der Forschung. In einer Meta-Meta-Analyse («What works», 2009) hat John ­Hattie, Professor für Erziehungswissenschaft an der University of Auckland, Neuseeland, und heute Melbourne, Australien, empirische Befunde zu den Einflussfaktoren auf das schulische Lernen und Leisten zusammengetragen. Von den Faktoren Schüler, Eltern, soziale Herkunft, Schule als Organisation, Curricula, Unterricht und Lehrer erwies sich der Einfluss der Lehrer als mit Abstand am gröss­ten. Lehrer müssen direktiv, einflussreich und fürsorglich sein und sich aktiv für das Lehren und Lernen engagieren. Die Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung, die Qualität der Anleitung sowie des Korrigierens und Rückmeldung-Gebens gehören zu den einflussreichsten Faktoren.
–    Die Lehrer müssen wissen, wo sie mit ihrer Lektion hinwollen,
–    sie müssen wissen, wie sie den Erfolg ihres Unterrichts beurteilen, d.h. Erfolgskriterien kennen,
–    sie müssen wissen, wie gut sie diese erreichen.
–    Der Stoff braucht eine auf dem Vorwissen aufbauende und auf ein Ziel hin orientierte Anleitung.
–    Lehrer müssen wissen, wo ihre Schüler stehen und was sie wissen, um angemessene Rückmeldung zu geben und Fortschritte beurteilen zu können.
Der entscheidende Faktor, der durch nichts zu ersetzen ist, ist der engagierte Lehrer,
–    der sein Fach kennt und Begeisterung für das Fach und den Unterricht in einer Klasse hat und ausstrahlt,
–    der gut strukturierten Unterricht bietet und seine Kinder oder Jugendlichen kennt,
–    der klare Orientierung gibt (und zum Beispiel Störungen einschränkt)
–    und dabei als professionelles Ethos Fürsorglichkeit zeigt,
–    der sich also nicht zurücknimmt, sondern das Unterrichtsgeschehen aktiv und engagiert gestaltet
–    und mit seinen Schülern in Beziehung steht.
In der Gemeinschaftsschule aber soll es keine Klassengemeinschaft mehr geben, keinen vom Lehrer geführten Unterricht mehr, sollen sich die Lehrer weitgehend zurücknehmen, sollen die Schüler sich und ihrem teuren Lernmaterial weitgehend selbst überlassen bleiben: auf der Strecke bleiben die demokratischen Werte.
Das zweite Beispiel: die vermeintliche Verpflichtung auf demokratische Werte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wusste man, dass die Demokratie Demokraten braucht, dass die Bürger Staatsbürger sein müssen. Deshalb hat man in den Bundesländern die Erziehung zur Demokratie in die Landesverfassungen aufgenommen. Den Schulen wurde bei dieser Erziehungsaufgabe eine hervorragende Rolle zugewiesen.
Kern der Erziehung zur Demokratie ist die Entwicklung eines sozialen Gefühls und die Einübung prosozialen Handelns. Das entspricht dem personalen Menschenbild des Grundgesetzes, welches das Bundesverfassungsgericht wie folgt formuliert hat: «Das Menschenbild des Grundgesetzes ist nicht das eines isolierten souveränen Individuums, das Grundgesetz hat vielmehr die Spannung Individuum – Gemeinschaft im Sinne der Gemeinschaftsbezogenheit und Gemeinschaftsgebundenheit der Person entschieden, ohne dabei deren Eigenwert anzutasten.»
Der tatsächliche Beitrag der Schule zur Ausbildung und Förderung von Gemeinschaftsbezogenheit und prosozialem Verhalten hängt von verschiedenen Faktoren ab. Grosse Bedeutung haben aber auch hier die Lehrerpersönlichkeit, die Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung und die Möglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler, prosoziales Verhalten zu lernen und zu üben. Der vom Lehrer angeleitete Unterricht im Klassenverband bildet hierfür beste Voraussetzungen. Im Klassenunterricht bietet sich dem geschulten Lehrer die Gelegenheit, die positiven mitmenschlichen Einstellungen des Kindes zur Entfaltung zu bringen und es in seinem sozialen Verhalten anzuleiten und zu fördern. Das gemeinsame Lernen mit gleichaltrigen Klassenkameraden birgt grösstmögliche Chancen, Aufgaben zusammen zu bewältigen, voneinander zu lernen, sich gegenseitig als gutes Team beizustehen und gegenseitig zu stärken, einen tragfähigen Umgang zu üben – alles Qualitäten, die einen unschätzbaren Wert für das gesamte Leben bedeuten. Aufgabe des Lehrers ist es, positive Ansätze aufzugreifen und zu fördern, den Kindern bei der Überwindung ihrer Schwächen und Unzulänglichkeiten behilflich zu sein sowie den Tendenzen unsozialen Verhaltens entgegenzuwirken.
Der Schweizer Privatschulunternehmer Peter Fratton – notabene kein ausgebildeter Pädagoge oder gar Erziehungswissenschaftler – der als Promotor der baden-württembergischen Gemeinschaftsschulbewegung auftritt und im kommenden Schuljahr 56 sogenannte «Lernbegleiter» für diese Schulen ausbilden soll, hält hiervon nichts. Seine Frau führe, wie man hört, eine Innenarchitektur-Firma, die schon ganzen Schulgemeinden horrende Summen für inneren Umbau aller Schulräume abgeknöpft habe: Steuermittel, die woanders fehlen. 2008 hat Fratton bei der Anhörung der Landtagsfraktion der Grünen zum Thema «Die Schule der Zukunft. Wie geht individuelle Förderung?» gesagt, dass er die «Lernbegleiter» seiner Schulen auf vermeintliche «Urbitten» der Schüler verpflichtet: «Bringe mir nichts bei. Erkläre mir nichts. Erziehe mich nicht. Motiviere mich nicht.»
So ist zu befürchten, dass die sogenannte Gemeinschaftsschule die Probleme, die mit der mangelhaften Erziehung von Kindern und Jugendlichen zusammenhängen, enorm verschärfen wird. Sehr wahrscheinlich werden dann noch viel mehr solche «Gemeinschaften» gebildet, die man als hierarchisch organisierte Banden bezeichnen kann. Gegen die Demokratie wächst dann eine Jugend heran, die nicht mehr demokratiefähig ist, weil die wesentlichen Voraussetzungen dafür fehlen. Die «Chefs» solcher «Banden» können später durchaus Karriere machen …
Schon seit Jahren ist mit Pisa und Bologna, mit OECD und EU eine nicht legitimierte Schul- und Hochschulinternationale am Werk. Ihr Ziel: «Flexible Menschen» mit Patchwork-Wissen und ohne Rücksicht auf nationale Bildungstraditionen. Das heisst, hier rollt eine Welle von Gleichschaltung und Globalisierung an mit mehr als fragwürdigem Niveau.    •

«Das Menschenbild des Grundgesetzes ist nicht das eines isolierten souveränen Individuums, das Grundgesetz hat vielmehr die Spannung Individuum – Gemeinschaft im Sinne der Gemeinschaftsbezogenheit und Gemeinschaftsgebundenheit der Person entschieden, ohne dabei deren Eigenwert anzutasten.»