AFRICOM steht

«Lehren aus Afghanistan» sind gezogen / Neuer Mix / «Terrorismusbekämpfung» bleibt

von John Ryan, stellvertretendem Herausgeber der «Army Times», Washington D. C.

zf. Eigentlich müssten die USA sich fragen, wer ihnen Ende der 80er Jahre aufgeschwatzt hat, mit grossen Kriegen in die Welt auszurücken und dadurch ihre Volkswirtschaft zu ruinieren. Die Vermehrung der Geldmenge um mehr als das Dreifache im Vergleich zu 1990 nützt ja nicht einmal ihrer eigenen Wirtschaft etwas, geschweige denn allen andern. Hätten sie sich in diesen 20 Jahren im Sinne ihres alten Utilitarismus in der Welt bewegt, dann wären sie heute vielleicht beliebt und die Welt ein hochentwickelter Garten …
Inzwischen haben sie die «lessons from Afghanistan» gezogen und bereits in die «AFRICOM»-Strategie eingebaut: das Bündnis mit lokalen Kräften zuerst und unerläss­lich; humanitäre Elemente einbauen; Basen nicht im Zentrum, sondern an der Peripherie; Training lokaler Kräfte ausserhalb oder in den USA auf sicherem Gebiet.
Will das Imperium nun wie besinnungslos weitere Kriege führen? Nur weil seine Informatiker kein Computermodell zur Umstellung auf Friedenswirtschaft hinkriegen? Von der Position der führenden Weltmacht auf eine Stellung von Gleichen unter Gleichen umzusteigen, wäre mit mehr «Grandezza» möglich. In utilitaristischer Formulierung würde das in etwa heissen: «Die Gegebenheiten unserer Volkswirtschaft erfordern eine Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft.» Diese Durchsage würde dem amerikanischen Präsidenten nur fünf Minuten Zeit kosten. Die Welt würde aufatmen und bis in einem Jahr mit ihnen zusammen an den schönsten Entwicklungsprojekten arbeiten.

Im Mai hat die US-Armee angekündigt, dass im Rahmen eines Pilotprogrammes, das Brigaden turnusmässig Regionen rund um den Globus zuteilt, nächstes Jahr eine Brigade nach Afrika verlegt wird.
Man erwartet, dass im Jahre 2013 etwa 3000 Soldaten – und wahrscheinlich weitere – überall auf dem Kontinent Einsätze leisten, um ausländische Armeen auszubilden und Einheimische zu unterstützen.
Als Teil eines «regional abgestimmten Streitkräftekonzepts» werden Soldaten unter Afrikanern leben und arbeiten; dies in sicheren Gemeinschaften, die von der US-Regierung genehmigt werden, wie Generalmajor David R. Hogg, der Leiter der «US Army ­Africa» sagte.

Wie kommt man dahin?

Für den Dienst auf dem Kontinent können Soldaten:
–    sich freiwillig für den Dienst mit der «US Army Africa» melden,
–    bei einem Büro für Sicherheitskooperation für die Region eintreten,
–    sich bewerben und Beamter im auswärtigen Dienst werden.
Die Einsätze dauern einige wenige Wochen oder Monate und umfassen Mehrfacheinsätze (multiple Einsätze) an verschiedenen Orten.
Die Armee hat noch nicht bekanntgegeben, welche Brigade verlegt wird oder woher die Soldaten kommen werden.
Während der Afghanistan-Krieg beendet wird, gewährt das neue Bereitschaftsmodell Armeeeinheiten mehr Zeit, regionale Kulturen und Sprachen kennenzulernen und sich für spezielle Gefahren und Missionen zu schulen.
Afrika hat sich insbesondere deshalb zu einer grösseren Priorität für die US-Regierung entwickelt, weil Terroristengruppen dort zu einer wachsenden Bedrohung für die USA und die regionale Sicherheit geworden sind.
Obwohl US-Soldaten schon seit Jahrzehnten in Afrika operieren, darunter mehr als 1200 Soldaten, die gegenwärtig im Camp Lemonnier in Dschibuti stationiert sind, bleibt die Region in vielerlei Hinsicht die äusserste Grenze der Armee [am Rande des Interesses der Armee].
«So weit unsere Missionen gehen, das ist unbekanntes Territorium», äusserte Hogg von seinem Hauptquartier in Vicenza in Italien aus. Aber: «Ich bin nicht dort, um deren Kriege zu gewinnen oder deren Meinungsverschiedenheiten beizulegen», fügte er bei.
Vielmehr will die «US Army Africa» mit weiteren Soldaten die Verbindungen mit regionalen Armeen und Regierungen weiterhin stärken, indem sie militärische Taktiken, Medizin und Logistik sowie die Bekämpfung von Hunger, Krankheit und Terrorismus in sicheren Umgebungen vermittelt. Wegen Sicherheitsrisiken erlaubt die Armee herkömmlichen Soldaten derzeit die Einreise nur in 46 der 54 afrikanischen Staaten.
Aktivitäten in den andern Ländern, auch in jenen, in denen Konflikte im Gange sind, bearbeiten das US-Aussenministerium und das US-Kommando für Spezialoperationen (U.S. special operations commands USSOCOM oder SOCOM).
Soldaten im aktiven Dienst, Gardisten und Reservisten haben geholfen, regionale Gewalt zu unterdrücken, kranken und verletzten Afrikanern beizustehen und die Hungernden in Ostafrika zu ernähren.
Während einer vor kurzem durchgeführten Ausbildungsübung brachten US-Soldaten ugandischen Truppen bei, wie man Nachschub aus der Luft an Kameraden im Busch liefert, die Rebellen der Lord’s Resistance Army jagen, einer Miliz, der man Greueltaten in Zentralafrika vorwirft.
Auf Grund einer Initiative des US-Aussenministeriums haben Soldaten auch afrikanische Truppen, die auf Peacekeeping-Einsätze in Somalia zusteuern, in Geleitschutz für Transporte und Massnahmen gegen improvisierte Sprengkörper ausgebildet.
Bei medizinischen Aufträgen haben Ärzte Augenlinsen von Kataraktpatienten in Malawi und Sansibar ersetzt, die tanzten und strahlten, nachdem sie sehen konnten, in einigen Fällen zum ersten Mal. Sanitätssoldaten haben auch Moskitonetze verteilt, um Einheimische vor Malaria zu schützen, der Todesursache Nummer eins in Afrika, so Hogg.
Armeeseelsorger unterrichten Afrikaner in Klassen darüber, wie man mit posttraumatischem Stress umgeht und Bereitschaftsgruppen für Familien führt.

Lektionen der Realität

Eine Kampfeinheit von der Grösse einer Brigade ist in der Lage, mehr als zwei Drittel dieser Einsätze in Afrika zu erfüllen. Für den Rest werden erfahrene Experten benötigt – Mechaniker und Logistiker – von der Nationalgarde und der Reserve der Armee, wie Hogg sagte.
Jede Woche sind 300 bis 400 Einheimische von den Operationen der «US-Army Africa» betroffen, sagte er. «Ich habe einige dieser Missionen gesehen, deren Bataillonskommandant wohl zu den Wahlen als Gouverneur antreten könnte», sagte er. «So eng ist die Beziehung, die sie mit einigen ihrer Ansprechpartner sowohl auf seiten des Militärs als auch mit der lokalen zivilen Gemeinde haben. Das kommt von dem indirekten Zugang zu einigen dieser gewalttätigen, extremistischen Organisationen, die schlecht über die Amerikaner und die USA reden werden», sagte er. «Mit der Zeit hinterlässt das eine bleibende Wirkung.»
Von den Afrikanern haben die US-Soldaten Echt-Welt-Lektionen über tropische Krankheiten, internationale Kulturen und fremde Militärtaktiken mitbekommen.
In Zukunft könnten US-Soldaten auch militärische Kurse in Afrika besuchen, zum Beispiel an der französischen Schule für das Überleben in der Wüste in Dschibuti und die afrikanische Dschungel-Schule in Ghana und Gabun.
Noch hat die Armee keine Pläne zum Bau permanenter Basen auf dem Kontinent, und die Mission hat ihre Grenzen, sagte Hogg. «Bei all den Herausforderungen, die sich stellen und überall in Afrika aufkeimen, kommt es wirklich darauf an, dass es eine afrikanische Lösung ist. Wir sind hier, um die afrikanischen Streitkräfte, dort, wo man das will, in die Lage zu versetzen, dass sie ihre eigenen Probleme ergründen und lösen», so Hogg, der mehr als 20 Länder besucht hat. «Wir versuchen nicht, die Armee der Vereinigten Staaten in den 54 Ländern in Afrika zu reproduzieren», sagte er.    •

Quelle: Army Times, www.armytimes.com/news/2012/06/army-3000-soldiers-serve-in-africa-next-year-060812/

(Übersetzung Zeit-Fragen)