Waren doch Rebellen die Täter von Hula?

von Michael Wrase

Lokale Augenzeugen beschuldigen syrische Rebellen, das Massaker von Hula begangen zu haben. Klarheit könnte jedoch nur eine unabhängige Untersuchung der Greueltaten bringen.

Bei dem Massaker in Hula wurden am 25. Mai mindestens 108 Zivilisten getötet, unter ihnen viele Frauen und Kinder. Die Täter waren laut der Opposition Präsident Assads Shabiha-Milizen, die «mordend von Haus zu Haus zogen». Dieser Darstellung haben inzwischen mehrere Augenzeugen widersprochen, die – unabhängig voneinander – von Reportern ausländischer Medien befragt wurden.

«Zielgerichtet» vorgegangen

Übereinstimmend berichten sie, bei den Opfern habe es sich «nahezu ausschliesslich um Familien der alawitischen und schiitischen Minderheit» in Hula gehandelt, deren Bewohner zu mehr als 90 Prozent Sunniten sind. «So wurden mehrere Dutzend Mitglieder einer Familie abgeschlachtet, die in den vergangenen Jahren vom sunnitischen zum schiitischen Islam übergetreten sind», berichtete der Nahost-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), Rainer Hermann, am Wochenende aus Damaskus. Der seit über 20 Jahren im Nahen Osten arbeitende Reporter beruft sich auf Oppositionelle aus der Region von Homs, die den Einsatz von Gewalt ablehnten. Nach ihren Schilderungen «hätten die Täter ihre Opfer gefilmt, sie als sunnitische Opfer ausgegeben und die Videos im Internet verbreitet».
Die russischen TV-Journalisten Marat Musin und Olga Kulygina erhärten die Darstellung in der FAZ. Gemäss ihren Recherchen zogen die Mörderbanden in Hula keineswegs von Haus zu Haus, sondern gingen «zielgerichtet vor». Getötet wurden zwei «wohlhabende Familien, die für Verräter gehalten wurden, weil sie die Rebellen niemals durch Spenden unterstützten».

«Kahl geschorene Männer»

Die von der Opposition verbreitete Liste mit den Namen der Toten belegt, dass es sich bei den Opfern vor allem um die Grossfamilien Al-Sayed und Abdul Rasak handelt. Einer der Söhne der Sayeds, der elfjährige Ali Al-Sayed, überlebte das Massaker, weil er sich tot stellte. In einem Bericht der Nachrichtenagentur AP beschreibt Ali die Angreifer als «kahl geschorene Männer mit langen Bärten» – eine Darstellung, die eher auf radikal-islamistische Rebellen als auf Assads Shabiha-Milizen zutrifft.
Doch warum sollten sie ihre eigenen Leute, Alawiten und Schiiten, umbringen, fragt auch der «Guardian», nach dessen Recherchen die wenigen Überlebenden des Massakers mit einem «alawitischen Akzent» sprachen.
Jedoch hegt auch die vom holländischen Journalisten Martin Jansen befragte Leitung des südlich von Hula liegenden Klosters von Qara Zweifel an der Schuld der Shabiha-Milizen. Die Ermordeten, heisst es in einer Erklärung des Klosters, seien Opfer einer «endlosen Kette von Gewalt und Folter», der vor allem Menschen zum Opfer fallen würden, die sich weigerten, die Rebellen zu unterstützen. Die dem Vatikan nahestehende Nachrichtenagentur Fides macht in einem am 30. Mai veröffentlichten Bericht darauf aufmerksam, dass unter den Opfern der Gewalteskalation in der Region von Homs auch «Hunderte von Christen» sind. Sie hätten nach dem Massaker von Hula die teils von Rebellen kontrollierte Region verlassen, da sie befürchteten, als «Schutzbefohlene des Assad-Regimes verfolgt zu werden».

Spuren schon verwischt?

Nur eine unabhängige Untersuchung könnte die wahren Schuldigen des Massakers von Hula bestimmen. Vermutlich ist es dafür aber schon zu spät. Denn viele der Spuren der jüngsten Greueltaten in Syrien werden systematisch verwischt.    •

Quelle: St. Galler Tagblatt vom 12.6.2012