Ein Besuch im Raiffeisen-Haus in Flammersfeld

Erbe verpflichtet – Geschichte wird erlebbar

Interview mit dem Bürgermeister Josef Zolk, von Christine und Christian Ottens

Der sonntägliche Besuch im neu renovierten Wohn- und Amtshaus von Friedrich Wilhelm Raiffeisen in Flammersfeld sollte für uns zu einem menschlich beeindruckenden Erlebnis werden.
Begrüsst wurden wir schon im Eingangsbereich von Bürgermeister Josef Zolk. Er führt interessierte Besucher einmal in der Woche im Wechsel mit drei ebenfalls ehrenamtlich engagierten Bürgern durch die Wohn- und Wirkungsstätte Raiffeisens.
Hier erlebt man in einer kleinen Zeitreise, wie zu Raiffeisens Zeit gelebt und gearbeitet wurde. Das 250 Jahre alte Raiffeisen-Haus ist heute ein Museum mit Bauerngarten. In der Zeit von 1848 bis 1852 wirkte dort der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (*30.3.1818 †11.3.1888) als Bürgermeister. Raiffeisens Idee der Hilfe zur Selbsthilfe löste eine weltumfassende Bewegung aus. Unter anderem liess er Schulen bauen und sorgte für den Ausbau der heutigen Raiffeisenstrasse von Hamm/Sieg nach Neuwied, damit die Landwirte eine günstigere Verkehrsanbindung zur Stadt hatten, um ihren Handel zu betreiben. Er gründete die Vereine «Weyerbuscher Brodverein» zur Linderung der Hungersnot und in Flammersfeld den «Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte», bei dem die Bauern Geld ansparen konnten, aber auch Geld leihen konnten, um zum Beispiel Vieh und Gerät anzukaufen. 1864 wurde der «Heddesdorfer Darlehenskassenverein» gegründet, der Beispiel für viele Genossenschaftsbanken wurde, die es heute in aller Welt gibt.
In einem persönlichen Gespräch konnten wir dem engagierten Bürgermeister unsere Fragen stellen.

Christine und Christian Ottens: Herr Zolk, wie lange sind Sie schon Bürgermeister in Flammersfeld?

Josef Zolk: Im 13. Jahr.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Haus von Raiffeisen zu renovieren?

Dieses Haus war in dem Erdgeschoss seit 15 Jahren ein Heimatmuseum. Raiffeisen hat darin natürlich eine Rolle gespielt, aber es war etwas durcheinander, und dann hatten wir plötzlich die Gelegenheit, durch Unterstützung des deutschen Raiffeisenverbandes, der seinen Sitz in Bonn hat, das Haus zu kaufen und zu sanieren – was wir dann umgesetzt haben. Wir haben baulich alles verändert, und wir haben ein didaktisches Konzept entwickelt.

Raiffeisenorganisationen in 36 Staaten der Welt

Das didaktische Konzept sollte Friedrich Wilhelm Raiffeisen in den Mittelpunkt stellen, aber keine Nachahmung von dem, was in seinem Geburtsort Hamm bereits entstanden ist, sein, sondern einen eigenen Stil haben. Und wir wollten das Ganze auch museums­didaktisch modern machen. Das ist uns in weiten Teilen gelungen, und wir haben Texte geschrieben, die man auch als Nichtfachmann verstehen kann. Wir erleben, dass die Idee der Genossenschaften eine richtige Renaissance hat. Das ist in Deutschland so, wenn ich an Friedrich Wilhelm Raiffeisens Energiegenossenschaften denke, und es ist aber auch weltweit so, wenn ich die Weltkarte ansehe, dann haben wir heute in 36 Staaten Raiffeisen-Organisationen. Der internationale Sitz der Raiff­eisen-Organisationen ist in Bonn, und die österreichischen Raiffeisen-Organisationen haben ihre Filialen sogar in China. Wir hatten in der letzten Woche Besuch von der Internationalen Raiffeisenunion – da waren Afrikaner, Chinesen, Asiaten – gerade die Japaner haben da relativ viel entwickelt im Genossenschaftswesen, und es war einfach toll.
Wir haben die Informationen mittlerweile auch mehrsprachig da, weil wir auch häufig Besuch aus dem Ausland bekommen. Gerade in den Entwicklungsländern spielt die Genossenschaftsgründung eine ganz grosse Rolle. Wenn man in Deutschland die Volks- und Raiffeisen-Banken zusammennimmt und deren Bilanzsumme addiert, dann kommt man auf eine höhere Bilanzsumme als die Deutsche Bank. Das weiss man eigentlich nicht, und in der ganzen Finanzkrise haben «nur» 0,2% der Genossenschaften Konkurs gemacht.

Wie kommt das?

Es liegt an der kleineren Struktur mit klaren Aufsichtsgremien. Jede Genossenschaftsbank hat ihren Aufsichtsrat, und da sind die Dinge noch überschaubarer. Und jeder Genossenschafter hat eine Stimme. Die haben sich an dem ganzen Finanz-Hype nicht beteiligt und sind zum Teil von den Grossbanken zunächst ausgelacht worden. Es hat sich aber als richtig erwiesen, diese Struktur beizubehalten und sich an dem ganzen, nicht mehr durchschaubaren Finanztreiben der Grossen nicht zu beteiligen. Die Stabilität der Genossenschaftsbanken, das gilt auch für die Sparkassen, ist deutlich höher. Es kommt noch hinzu, dass die Genossenschaftsbanken eigentlich die Mittelstandsbanken sind. Die Deutsche Bank war sich ja lange Zeit zu schade, Kredite unter Millionenbeträgen zu vergeben, während man von der Genossenschaftsbank wirklich sagen kann, das dies die Bank der kleinen und mittleren Unternehmen ist, vergleichbar mit den Sparkassen.

Sie halten also auch Vorträge?

Wir wollten den Gedanken Raiffeisens in der Region halten, und wir haben das dann so entwickelt, wie wir es heute haben. Wenn ich heute irgendwo einen Raiffeisen-Vortrag halten muss, nehme ich diese hier entwickelten Folien mit – und ich trage relativ häufig zum Thema vor.

Wer fragt Sie an?

Bildungshäuser, Politiker … Ich habe jetzt zum Beispiel bei der Credit Mutuel in Strassburg, das ist die Raiffeisen-Gründung einer der grössten französischen Banken, vorgetragen.

Wie fliesst der genossenschaftliche Gedanke in das Bankwesen ein?

Jeder hat unabhängig davon, wieviel Geld er eingibt, eine Stimme. Die Genossenschafter wählen die Aufsichtsgremien, und dann werden die Zinssätze überschaubar. Wenn man auf Raiff­eisen zurückgeht, dann lagen damals die Zinssätze bei über 100%. Raiffeisen hatte damals dann den Zinssatz auf 7% festgelegt. Was Raiffeisen auch wichtig war, war die Überschaubarkeit. Er wollte die Kredite nicht über eine grosse Bank, sondern er wollte die Kreditvergabe hier an die Gemeinde anbinden – häufig an die Kirchengemeinde.

Es wurden also keine Geschäfte über den regionalen Bezug hinaus gemacht.

Der regionale Bezug stand für Raiffeisen im Mittelpunkt. Raiffeisen hat eigentlich immer die Idee gehabt, dass am besten der Pastor die Kasse nimmt, wegen einer vermuteten Ehrlichkeit. Aber die Überschaubarkeit und dass die Begüterten einzahlen und die nicht Begüterten auch Kredite bekommen können, das war ihm immer ganz wichtig. Hier in Flammersfeld hat er 61 Menschen dazu gebracht, Geld in den Topf zu werfen, so dass andere etwas davon herausholen konnten, was sie natürlich wieder verzinst zurückbezahlen mussten, aber eben «nur» mit 7%. Das ist gegenüber den 100% natürlich etwas völlig anderes.

Sie sind Historiker?

Ich bin gelernter Historiker, Politologe, Germanist und habe eine solide Gymnasiallehrerausbildung – bin dann aber nie in der Schule gewesen. Ich habe 16 Jahre Erwachsenenbildung gemacht in Baden-Württemberg im Kirchendienst und habe ein Berufsbildungswerk für Lernbehinderte geleitet. Dann bin ich ins Bundesarbeitsministerium in den Leitungsbereich und die Grundsatzabteilung und wollte immer mit 50 Jahren im Rathaus sein. Irgendwann sagte mir mein damaliger Chef, «bei uns wird ein Bürgermeister gesucht». «Danke, dann verlieren Sie gleich einen Mitarbeiter», und so war es dann auch. Der Chef wohnte hier in Flammersfeld ganz in der Nähe. So kam ich als Baden-Württemberger in den Westerwald. Wir wollen das Erbe von Raiffeisen aufrechterhalten.

Er hat sich am Menschen orientiert

Raiffeisen hat sich nicht nur in der Kredit- und Genossenschaftsarbeit engagiert oder im Strassenbau, sondern auch sehr um eine vernünftige Schulbildung bemüht. Er hat Schulhäuser gebaut und saniert, hat darauf geachtet, dass die Lehrer morgens nüchtern angetreten sind und auch besser ausgebildet wurden. Er hat sich um die Bergleute, wir sind ja hier eine Bergbauregion, gekümmert. Zum Beispiel wollten die Waldbesitzer die Bergleute auf dem Weg zur Grube – was damals alles zu Fuss zu bewältigen war – wegen des Wildes nicht durch den Wald gehen lassen. Dann hat er sich mit denen angelegt, bis die Bergleute dann doch auf direktem Weg durch den Wald zur Grube gehen konnten – wodurch sich die Anmarschzeit zur Grube halbiert hat. Er hat immer den Menschen gesehen. Er ist 1818 geboren, wie Karl Marx. Der ist 1883 gestorben, er 1888. Karl Marx hat mit Engels zusammen 1848 das Kommunistische Manifest veröffentlicht. – Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Kommunismus. – Raiffeisen hat 1848 hier in Flammersfeld angefangen – zeitgleich war auch die Frankfurter Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, wo 1848 bis 1849 die Wahl der ersten frei gewählten Volksvertretung der deutschen Lande erfolgte. Ferner fand in dieser Zeit – ab März 1848 – die 1. Deutsche Katholikenversammlung statt. Da verdichtet es sich sehr in dieser Zeit. Die Bauern werden ab 1818 frei und sind nicht mehr abhängig. Jedoch kommt es damit dann zur Realteilung, und die Grundstücke wurden immer kleiner. Die Grundstücke, die da waren, wurden unter den Kindern aufgeteilt. Bei den vielen Kindern wurden die Flächen dann schnell zu klein, um sie zu bewirtschaften. Parallel dazu beginnt die Industrialisierung, wobei diese hier oben im Westerwald keine Rolle gespielt hat. Aber als Raiff­eisen dann von hier aus hinuntergegangen ist nach Neuwied bzw. Heddesdorf, heute Neuwied, da ist er unten am Rhein auch den Industriearbeitern begeg­net und hat sich auch um diese gekümmert. Er hat auch Volksbildung betrieben und Büchereien eingerichtet. Also Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist eine unglaublich dichte Persönlichkeit. Wir sind dankbar, dass wir diese Persönlichkeit hier ehren dürfen, und das machen wir mit grosser Freude.

Herr Zolk, wir danken Ihnen für das anregende Gespräch über Leben und Wirken von F. W. Raiffeisen in seiner Zeit und die Bedeutung für die aktuellen Zeitfragen.     •