Ein «Tipping point» für Israel

von Philip Giraldi

Ein Tipping point [Deutsch: Umkipp-Punkt, qualitativer Umschlagspunkt] wird erreicht, wenn der physikalische Impuls in eine Richtung seinen Lauf umdreht [verlangsamt], sich stabilisiert und dann beginnt, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen [oder sich unaufhaltsam beschleunigt].
Diejenigen unter uns, die für eine vernünftige US-Aussenpolitik im Nahen Osten eingetreten sind, wissen sehr wohl, dass die Chancen für einen Wandel der vorherrschenden Richtung gegen uns stehen, da die mächtige einheimische Lobby über überwältigende Mittel verfügt. Vor zehn Jahren war es in Amerika unmöglich, auch nur einen Leserbrief in den Mainstream-Zeitungen oder -Magazinen unterzubringen, der in irgendeiner Form kritisch gegenüber Israel war. Abgesehen von Pat Buchanan äusserte niemand im Fernsehen Kritik an Israel und dessen Politik.
In den US-Medien war Israel immer die belagerte kleine Demokratie, umringt von brutalen Arabern.
Aber dann begann sich die Verschwörung des Verschweigens plötzlich aufzulösen. Es begann mit der Aufarbeitung der Vorgeschichte des Irak-Krieges, als sich dieser Konflikt immer mehr in die Länge zog. Viele begannen die Initiierung des Krieges durch Washington, zumindest teilweise, israelischen Interessen zuzuschreiben. Philip Zelikow, Chefberater des «9/11 Commission Report», stellte März 2004 vielbeachtet fest, dass der Krieg geführt wurde, «um Israel zu schützen»; das war sicher übertrieben, enthielt aber etwas mehr als nur ein Körnchen Wahrheit.
Viele haben auch begonnen zu erkennen, dass die Agitation für einen neuen Krieg gegen Iran dem gleichen Muster folgt und die Anhänger Israels den Angriff anführen.
2006 veröffentlichte der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter sein Buch «Palestine: Peace Not Apartheid» [Palästina: Frieden statt Apartheid]. Dieses führte zu einem beachtlichen Skandal und von den Medien hochgespielten Austritten aus dem Vorstand der Carter-Stiftung mitsamt Vorwürfen, Carter unterstütze palästinensischen Terrorismus. Aber der grosse Durchbruch kam mit der Veröffentlichung des Beitrags von Stephen Walt und John Mearsheimer «The Israel Lobby and US Foreign Policy» [Die Israel-Lobby und die US-Aussenpolitik] im folgenden Jahr.
Das Buch wurde zu einem Bestseller der «New York Times», und plötzlich war es zulässig, über Israel auch ohne die üblichen Gemeinplätze zu sprechen. Zum ersten Mal nahmen die Menschen in Amerika Notiz von der Macht der Israel-Lobby und den dazugehörigen Nachteilen für die nationalen Interessen der USA.
Getrieben von der Aussicht auf einen endlosen Krieg auf Grund des Versuches, die ganze muslimische Welt mit Gewalt umzuformen, begannen Leserbriefe und Kommentare in den Mainstream-Medien zu erscheinen, die Kritik an Israel und seiner Politik übten.
Es waren zwar nicht sehr viele, und sie wurden immer einer grösseren Anzahl von Gegenkommentaren «ausbalanciert», aber es waren genügend, um zu zeigen, dass eine Veränderung stattfand. Die jüdischen Mainstream-Organisationen, die immer sehr wachsam bei der Verteidigung dessen sind, was sie als die Interessen Israels wahrnehmen, nahmen mehr und mehr Zuflucht zur Diskreditierung der Kritiker, indem sie diese «Antisemiten» nannten. Tatsächlich gelang es ihnen, jede Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen, und sie schafften es sogar, in Kanada und mehreren europäischen Staaten Gesetze durchzubringen, die jede Kritik an Israel ipso facto [durch die Tat selbst] zur Volksverhetzung machten.
Einige amerikanische Juden hat die dunkle Seite der Geschichte Israels immer beunruhigt, die mit der Nakba, der ersten Vertreibung von Palästinensern aus ihren Häusern, beginnt und zu der auch die neuere Siedlungspolitik, die «Sicherheitsmauer» und die Verweigerung der Bürger- und Menschenrechte für die Araber, die in Israel selbst oder in den besetzten Gebieten leben, gehören.
Sie waren zu Recht davon überzeugt, dass Israel keine Absicht hatte, die Schaffung eines lebensfähigen Palästinenserstaates zuzulassen. Viele begannen zu protestieren, ihre Stimmen blieben jedoch anfänglich auf die alternativen Medien beschränkt, und sie ­mussten sich durch zahlreiche progressive Gruppen vorarbeiten, die – als Antwort auf den entsetzlichen «globalen Krieg gegen den Terror» von George W. Bush – einen viel breiteren Friedensplan vorbrachten.
Aber nun haben wir Amerikaner endlich unseren Wendepunkt erreicht. Kürzlich hat der Zionist und langjährige Verteidiger Israels, Peter Beinart, sein Buch «The Crisis of Zionism» (Die Krise des Zionismus) veröffentlicht; darin legt er dar, wie Israel zu einem bewaffneten Feldlager geworden ist, das sich der Unterdrückung und gar Vertreibung seiner palästinensischen Leibeigenen verschrieben hat. Als liberaler Jude lehnt er die militanten Werte, die das Israel von Premierminister Benjamin Netanjahu treiben, ab und geht sogar so weit, einen wirtschaftlichen Boykott gegen Israel zu unterstützen, der dem Druck gegen die Apartheid in Südafrika vergleichbar ist. Das Buch hat – wie vorherzusehen war – beim israelfreundlichen Establishment einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, aber Beinart steht nicht allein. Tom Friedman und Paul Krugman von der «New York Times», beides Juden und langjährige Freunde Israels, haben dieselben Bedenken geäussert, und zwar dass Israel nicht mehr die liberalen und humanistischen Werte repräsentiert, die es selbst schätzt. Nebenbei wurde angemerkt, dass junge amerikanische Juden Israel zunehmend weniger positiv sehen, ein Zeichen, wenn es noch eines bedürfte, dass die ältere Generation, die glaubt, dass Israel immer recht hat, egal was es tut, bald der Vergangenheit angehört.
Und das ist noch nicht alles. Sogar die Mainstream-Medien sind nun, vielleicht widerstrebend, mit dabei. Am 22. April sendete 60 Minutes, das meistgesehene US-Fernsehprogramm für Nachrichten und Kommentare, einen Beitrag über die Verfolgung von Christen in Israel.
Der Bericht war ein richtiger Schock für die vielen fundamentalistischen Christen, die Israel bisher durch eine rosarote Brille gesehen haben. Viele Evangelikale haben den Mythos verbreitet, Israel sei gar ein Beschützer der Christen, was es ganz entschieden nicht ist; wie die Sendung 60 Minutes zeigte, sucht es sie vielmehr auszugrenzen und zur Emigration zu zwingen. In der Sendung wurde auch der israelische Botschafter in den USA, Michael Oren, interviewt, der versuchte, den Bericht als unwahr darzustellen, und von «einer üblen Verleumdung» sprach. Sein Auftritt wirkte abwechselnd eingebildet und wütend und wurde allgemein als Public-Relations-Desaster betrachtet. Er ging so weit zu sagen, die grossen christlichen Kirchen seien «bekannt für ihren Antisemitismus».
Das Büro Benjamin Netanjahus unterstützte Orens Behauptung, der Bericht sei eine «Bedrohung für Israel» gewesen. Damit wagte sich Netanjahu zum zweiten Mal innert kurzer Zeit in den PR-Bereich vor, nachdem er zuvor den deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass angeprangert hatte. Netanjahu erteilte Grass ein Reiseverbot für Israel und sagte, seine Schriften hätten Israel «zutiefst verletzt». Netanjahu reagierte damit auf Grass’ eher milde Aussage in einem Gedicht, das Atomprogramm des jüdischen Staates gefährde «den ohnehin brüchigen Weltfrieden».
Netanjahu weiss, dass der Trend sich gegen ihn und alles, was er vertritt, wendet, vor allem weil auch die Kritik ehemaliger führender Beamter seines eigenen Landes weiter zunimmt; aber er ist zu starrsinnig, um zu tun, was getan werden muss.

Junge gebildete Israeli verlassen das Land

Eines der dunkelsten Geheimnisse Israels ist das Ausmass, in dem junge gebildete Juden das Land fliehen, um bessere Möglichkeiten ganz besonders in den USA zu finden. Nach groben Schätzungen hat ein Drittel der in Israel geborenen Juden der zweiten und dritten Generation mit abgeschlossenem Universitätsstudium das Land verlassen.
Zurück lassen sie die neuen Einwanderer aus Russland, von denen viele weder wirklich religiös noch jüdischer Herkunft sind, und die islamophobischen Rassisten, die den Kern der israelischen Rechtsextremen bilden. Israel veröffentlicht keine Statistiken über die Abwanderung seiner studierten Jugend, welche die demographischen Probleme des Landes verschärft und seine Wettbewerbsfähigkeit verringert hat.
Wir haben also den Punkt erreicht, an dem die sprichwörtliche Katze aus dem Sack ist. Jedermann – möglicherweise mit Ausnahme des US-Kongresses – ist sich gewahr geworden, dass in Israel etwas furchtbar im argen liegt. In Israel selbst, wo es oft heftige Debatten über die Politik des Landes gibt, ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Will Israel ein normaler Staat mit vernünftigen Beziehungen zu seinen Nachbarn werden, wozu auch ein unabhängiges Palästina gehört, oder will es den Weg weitergehen, den es heute verfolgt, was Wahnsinn ist und in den Ruin führen wird?
Die Wahl liegt letztlich bei Israel, aber die Amerikaner beginnen zum ersten Mal, wirklich frei und offen über das Problem zu sprechen und zu schreiben.    •

Quelle: http://mycatbirdseat.com/2012/05/a-tipping-point-for-israel/ 
 (Übersetzung Zeit-Fragen)