Die abendländisch-christliche Wertehaltung als Weg der Mitte

Der Religionsunterricht an der Oberstufe ist für uns Normalsterbliche die letzte spezifische religiöse Ausbildung und beeinflusst ganz signifikant das Verhältnis zum Glauben und zu den kirchlichen Institutionen! Darum stand für mich und für den von mir zu erteilenden Unterricht die Kardinalfrage im Vordergrund: Was ist eine gute Religion?
Gute Religion ist Sinn und Geschmack für das Unendliche, muss Mündigkeit wecken und den Drang nach Freiheit in sich tragen. Gut ist eine Religion, wenn sie Arroganz verhindert und selbstbewusste freie Demut einübt. Gute Religion hilft Menschen dazu, vielfältige, chaotische, widersprüchliche Erfahrungen des Lebens erfolgreich zu meistern. Gott ist weder ein Garant der Moral noch die Religion ein Lieferant einer Weltanschauung, vielmehr sind Moral und Weltanschauung eine Sache der Rationalität des Menschen und damit ein Erweis seines Erwachsenseins.
Als kritischer und hinterfragender Christ bin ich überzeugt, dass das Christentum in diesem Sinne eine gute Religion ist.
Es ist für mich aber auch selbstverständlich, dass alle anderen Religionen nach diesen Betrachtungen gewürdigt und vor allem respektiert werden müssen, nur Transparenz kann die nötige Toleranz entfalten. Religion darf sich nicht mit Ideologie vermählen und nicht den Zwecken der Macht dienen.
Professor Hans Küng formulierte es klar! Ohne Frieden unter den Religionen kein Frieden unter den Völkern.
Auch stellt sich mir die Frage, welches Wahrheits- oder Orientierungspotential religiöse Bildung für die pluralistische, multikulturelle Schülerschaft angebracht ist und umgesetzt werden kann. Vor diesem Hintergrund entschied ich mich für eine humanistisch-ethische Ausbildung, die der multireligiösen Herkunft der Schüler Rechnung trägt, aber unzweideutig die abendländische/christliche Wertehaltung als Richtschnur oder auch «als Weg der Mitte» im Unterricht als Zielsetzung verfolgte!
Was führt zum Erfolg: Vier Sachen sind entscheidend!
1.    Das persönliche Engagement, der emotionale, authentische Unterricht. Die intellektuelle Redlichkeit, die Fairness, die Lebenserfahrung, das Wohlwollen und eine gute Prise Humor!
2.    Die fachliche wie die sachliche Kompetenz und Professionalität, die absolute Präsenz und das konsequente Durchsetzen der Disziplin!
3.    Die Auswahl der Themen. Sie müssen auf die Bedürfnisse der jungen Menschen ausgerichtet sein. Im Vordergrund stehen die Wertehaltungen/die Tugenden, die klar definiert und formuliert werden müssen! Es geht darum, die Erwartungen einer freiheitlichen, liberalen Gesellschaft an die zukünftige Generation zu thematisieren/aufzuzeigen! Aber auch die sich in aller Härte abzeichnenden Probleme einer Welt, die in vielen Bereichen (mitmenschlichen) die Balance verloren hat, darf man nicht ausklammern!
4. Wichtig ist, ein Klassenklima zu schaffen, das jede Stunde zum Erlebnis macht und der Religionsunterricht zum Höhepunkt der Schulwoche wird!
Mir ist, auch wenn es mich nicht mehr betrifft, schleierhaft, wie man Ethik und Religion in Zukunft auseinanderhalten will, etwas, was ohne das andere keinen Bestand und Hintergrund hat!

Thomas Huber