Spektakuläre Wasserwelten

von Dr. Dr. hc. Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung für Landschaftsschutz

Die landwirtschaftliche Nutzung an Hanglagen in den niederschlagsarmen Regionen der inneren und Rätischen Alpen, im Wallis, in Teilen des Tessins und Graubündens wie im Münstertal und im Engadin erfordert grundsätzlich zwei Dinge: erstens Erde, zweitens Wasser, wobei letzteres weniger für die eher anspruchslose Getreidewirtschaft als vielmehr für Gärten, Wiesen und Weiden gebraucht wurde. So wie die Erde bei der Terrassierung für die Äcker herangeführt oder zumindest nach Abschwemmungen wieder heraufgeschafft werden musste, so hatte man auch das Wasser über künstlich erstellte Kanäle  hinzuzuleiten. Diese – im Wallis Suonen, Wasserleiten oder französisch Bisses genannt – wurden auf Grund ihrer lebensnotwendigen Funktion auch poetisch als «heilige Wasser» bezeichnet – ausgehend von Jakob Christoph Heers Roman «An heiligen Wassern» (1898). Da an den besonnten, primär süd­exponierten Hanglagen mangels Quellen das Wasser fehlte, wurde es mit einem ausgeklügelten Kanalsystem von den Gletscherbächen abgeleitet und in offenen, oft kilometerlangen Rinnen in gleichmässigem Gefälle zu den Dörfern und Wiesen transportiert. Dort konnte es unter bestimmten Bedingungen genutzt werden. Die Wasserrechte hielt man in Dokumenten fest, welche heute zu den ältesten schriftlichen Urkunden vieler Walliser Gemeinden zählen. Bau und Unterhalt oblagen in der Regel privaten genossenschaftlichen Trägerschaften, zusammengesetzt aus Familien, die auf die Bewässerung angewiesen waren und auch die Unterhaltspflichten untereinander aushandelten. Die streng reglementierten Wasserrechte wiesen jedem Nutzer bestimmte Wässerzeiten zu und wurden in einem «Wasserkehr» (dem Turnus der Bewässerung) geordnet. Die Instandhaltung der Wasserkanäle war an ausgewählte Personen gebunden, die entsprechend ihrer Rolle auch eigene Bezeichnungen trugen. So war beispielsweise im Unterwallis der «Metral», im Oberwallis der «Wasservogt» für die Unterhaltsarbeiten verantwortlich. Maurus Schmid zitiert eine urkundliche Erwähnung zur Frage der Wasserrechte aus dem Jahr 1040, die über die Verteilung des Augstbordwassers Aufschluss gebe.23 Die Wasserkanäle sind daher Teil einer uralten anthropogenen Landschaftsgestaltung. Schriftliche Zeugnisse aus dem Wallis häufen sich ab dem 13. Jahrhundert. Sie bilden historische, aber noch heute aktuelle und künftig durch den Klimawandel wieder bedeutender werdende Wasserwelten inmitten trockener Berghänge.
Viele Wasserkanäle entstanden nach Ende des 14. Jahrhunderts als Folge der sich wandelnden Landwirtschaft vom ursprünglich fast ausschliesslichen Acker- und Rebbau zur Viehzucht und Grünlandwirtschaft, die entsprechend mehr Wasser benötigte. Die Wasserleitung «Wiigartneri» aus Baltschiedertal ist bereits im Jahre 1377 dokumentiert und dürfte dem Namen nach auch der Bewässerung von Reben gedient haben. Einige eindrückliche Wasserkanäle versorgten die Rebberge rund um Sitten. Das Wasser zweigten sie vom Tal der Lienne (Bisse de Clavau von etwa 1450 und Bisse de Sillonin vor 1400) oder vom Tal der Sionne ab (Bisse de Lentine und als Ableitung aus dem Lac de Montorge der Bisse de Montorge, beide Ende des 19. Jahrhunderts erstellt). Auch die Rebberge rund um Siders mussten mit Wasserkanälen bewässert werden. Victor Pulliat erwähnt 1885 den Spruch: «Pas de Bis, pas de vigne» (Keine Suone, kein Weinstock). Das Wasser wurde dort über die gebrochenen Schieferplatten («Brisées») geleitet, die den Rebbergboden bedeckten. Dies bewirkte dank des talgigen, kalium- und phosphathaltigen Schiefers auch eine gewisse natürliche Düngung. Noch heute betreiben ein paar wenige Winzer diese traditionelle Rebbewässerung aus Überzeugung.
Immer wieder beschrieben Reisende die eindrucksvollen Bauleistungen mit hölzernen, hangenden Kanälen entlang der steilen Felswände. Bereits Sebastian Münster rühmte 1550 die Bedeutung des Wassers für Leuk, das wichtiger sei als der Wein: «Es haben die ynwoner dises fleckens gar gross arbeit/ unnd lassend auch ein mercklichen kosten gon auff das wasser/ das sie neben an den hohen felsen mit keneln geleiten in die matten so an den bergen ligen und in die höhe sich ziehen. As thut man aber nit allein zu Leugk/ sunder auch durch das gantz land/ das tumb die ynwoner sprechen/ es gang inen mere kosten und arbeit auff das wasser dann auff den wein.» (Mehr zu Münster auf S. 80)
Wie schwindelerregend die Wege entlang der Wasserkanäle sein konnten, zeigt sich in einem Text über den «Kännelweg am Rawilpass» (gemeint ist eventuell der spektakuläre Bisse d’Ayent) von Franz Lauterburg 1854:  «Das Auge schaute unmittelbar in einen haarsträubenden Abgrund. Von oben neigten sich die Felsen so stark, dass man, um vorwärts zu schreiten, sich in die Knie lassen musste. Und endlich sah ich den schmalen Weg, der bisher noch mehr oder weniger sicheres Auftreten gestattet hatte, sich verlieren und eins werden mit dem noch schmäleren, das Wasser eindämmenden Gemäuer. Hier galt es nun, auf losen Steinen, vom Wasser bestäubt und bespritzt, vorwärts zu kommen. Den Bergstock konnte ich nicht gebrauchen: Denn als ich ihn auf dem Grund des Baches fest einsetzen wollte, berührte seine Spitze die überhängende Wand. Dem Schwindel zu wehren, hatte ich meinen Hut schräg vor die Augen genommen.»24 Der Bisse d’Ayent stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die hölzernen Kanäle wurden in den 1990er Jahren im Abschnitt Torrent–Croix zu Demonstrationszwecken rekonstruiert, sind aber nicht mehr begehbar.
Im Wallis wurden seit dem Mittelalter Kanäle mit einer Gesamtlänge von etwa 20 000 km gebaut. Die längste Suone, der Bisse de Saxon, war 32 km lang. Noch um 1900 waren 200 Leitungen von rund 2000 km in Betrieb. 1992 erfasste man im Wallis insgesamt noch etwa 1750 km Wasserkanäle. Mit den Beregnungsanlagen ab 1930 und der entsprechenden staatlichen Subventionierung verschwand schrittweise die traditionelle Praxis der Reb- und Wiesenbewässerung. Viele exponierte und nur mit grossem Aufwand instand zu haltende Leitungen wurden in Tunnel verlegt, in Betonschalen gefasst oder gänzlich verrohrt. Die Beregnungsanlagen mit Hydranten- und Pumpsystemen nutzen zwar noch heute oft das Wasser der Suonen. Sie wurden, gerade in den Rebbergen, oft mit hässlichen Betoneinrichtungen, Druckleitungen und allerlei Rohren versehen. Der einstige Charme der Wasserkanäle blieb auf der Strecke. Am Beispiel des Bisse de Vex beklagte Auguste Vautier bereits 1928 diese Betoninstallationen: Die Beregnungsanlagen hätten durchaus ihre Vorteile und der Beton erfüllte seinen Zweck. Doch entspräche dies nicht immer dem Ziel des Touristen.25 ­Walter Schmid übte 1955 ebenfalls Kritik: «Vielen Leitungen ist in den letzten Jahren die Romantik abhanden gekommen, weil die Ingenieure im Zuge ihrer Modernisierung die wildesten Passagen an den Felswänden durch Stollenbauten und die hölzernen Kännel durch kahle Zementröhren ersetzten. Die alten Suonen gehen immer mehr diesen Weg, und man kommt bei dieser Gelegenheit nicht um die Frage herum, ob nicht eines Tages, wenn die Technik Zug um Zug die malerischen alten Anlagen mit der unserer Zeit eigenen Nüchternheit modernisiert hat, eine Stimme in den eidgenössischen Landen laut werden könnte, die sich verpflichtet fühlt, den Schutz der altehrwürdigen, viel Arbeit, Müh und Sorge erheischenden ‹Bisses› zu fordern.»26 Diese Stimme ist unterdessen laut geworden.
Louis Courthion hatte bereits 1920 auf den touristischen Wert der Suonen hingewie- sen.27 Zur Sensibilisierung trugen zahlreiche Bücher sowie die künstlerisch hervorragende fotografische Dokumentation der Volkskultur und Landschaften des Wallis ab Ende des 19. Jahrhunderts bei. Auch Filme leisteten Aufklärungsarbeit: «An heiligen Wassern» (1960) und «Wasserwosser – Die Waale», ein Film aus dem Vinschgau mit Erwähnungen des «Niwärch» von Ausserberg Anfang der 1980er Jahre.
Seit dieser Zeit ist eine eigentliche Wiederentdeckung der Walliser Wasserleitungen festzustellen. 1982 rief die Dachorganisation Schweiz Tourismus für das Wallis das «L’année des Bisses» aus. Als eine Wasserkraftnutzung für den Baltschiederbach geplant wurde, schien das Schicksal der fünf verbliebenen Suonen im Tal besiegelt. Mit einem Schutzvertrag zwischen der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) und den vier Talgemeinden konnte 1986 das Ende der jahrhundertealten Bewässerung verhindert werden.28 Dank Gönnerbeiträgen von Privaten und Institutionen werden heute manche Wasserleitungen unterhalten: das «Niwärch» (erbaut 1381), die «Undra» (1377), «Gorperi» (Ausbau in den 1930er Jahren), «Laldneri» (gebaut um 1312) und «Wiigartneri» (vom Unwetter 2000 weggerissen und seither mit dem Wasser der Undra gespiesen). Auch im benachbarten Gredetschtal konnten die eindrückliche «Wyssa» und das «Stigwasser» auf Munder Seite sowie die «Obersta» auf Birgischer Seite instand gesetzt werden. Sie dienen wieder ihrem ursprünglichen Zweck, auch wenn diese Bewässerung zu einem grossen Teil mit Beregnungsanlagen durchgeführt wird. Immerhin gibt es noch viele Bewirtschafter, die ihre Wiesen traditionell wässern, zum Beispiel entlang des Niwärch oder auch am Munder, Birgischer und Natischer Berg.
An steilen Felspartien wurden vereinzelt die ursprünglichen Holzkännel wieder in die Leitungen eingesetzt. Doch der langfristige Erhalt der Wasserkanäle ist auf Grund der zunehmenden Stark­niederschlagsereignisse gefährdet. Zwar gibt es heute Bundes- und Kantonssubventionen für den Erhalt der offen geführten Wasserleitungen und deren Wege, doch diese genügen oft nicht, so dass Institutionen wie die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz und der Fonds Landschaft Schweiz helfen müssen. Dank ihnen konnten zahlreiche Sanierungsprojekte realisiert werden. Verschiedene Publikationen und touristische Schriften förderten die öffentliche Sensibilisierung.29 2010 wurde im Rahmen eines internationalen Kolloquiums über die Wasserkanäle in Sitten gar eine Kandidatur für ein Unesco-Weltkulturerbe «Wasserkanäle» diskutiert.30
Die zukünftige Wasserversorgung für die Landwirtschaft ist auch in der Schweiz im Zuge der Klimadebatte in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Zu diesen Herausforderungen wurde 2010 das Nationale Forschungsprogramm 61 (NFP 61) «Nachhaltige Wassernutzung» gestartet. In diesem Rahmen untersucht das Forschungsprojekt «Wasserkanäle – ein Modell für nachhaltige Wassernutzung» unter Leitung der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz die ökologische und soziokulturelle Bedeutung der historischen Wasserkanäle und der traditionellen Wiesenbewirtschaftung. Untersucht wird, welchen Einfluss das System der Wasserkanäle dank des Sickerwassers auf den Bergwald und durch die Art der Bewässerung (traditionelle Berieselung versus Beregnung) auf die Artenvielfalt der Wiesen hat. Zudem werden die historisch überlieferten genossenschaftlichen Eigentums- und Nutzungsrechte auf ihre Modellhaftigkeit für eine zukünftige nachhaltige Wassernutzung in trockenen Berggebieten und unter dem Aspekt des Klimawandels beurteilt. […]
Die offen geführten Wasserkanäle mit ihrer jahrhundertealten Geschichte können daher im Umgang mit dem knapper werdenden Gut für die Zukunft wegweisend sein.    •

Quelle: Auszüge aus: Rodewald, Raimund.
Ihr schwebt über dem Abgrund. Die Walliser
Terrassenlandschaften. Entstehung – Entwicklung – Wahrnehmung. Rotten Verlag AG, Visp 2011.
ISBN 978-3-952374-42-9

23 Schmid, Maurus. Wasser Kostbares Nass, Die Wasserleitungen an den «Sonnigen Halden» Joli-, Bietsch-, Baltschieder- und Gredetschtal, Visp 1994, S. 11
24 Lauterburg, Franz 1854. Kännelweg am Rawilpass, in: Die Schweiz in Lebensbildern, Bd. III ­Wallis 1933, S. 174
25 «Le paysage a naturellement beaucoup perdu à cette transformation économique, mais l’irrigation y trouve son avantage, et le béton tend à son but … Ce n’est pas toujours celui du touriste.» Vautier Auguste. Au pays des bisses, Lausanne 1928, S. 60
26 Schmid, Walter. Komm mit mir ins Wallis, Bern 1955, S. 158
27 «Les bisses ont fait déjà le sujet de plusieurs études, mais jamais, que nous sachions, on ne s’était préoccupé de les présenter comme un objet d’intérêt esthéthique et touristique (Louis Courthion 1920. Echo des Alpes 7/8, in: Louis Courthion et Solandieu. Les Bisses du Valais 1920, Sierre 2007, S. 70
28 Rodewald, Raimund. Historical water supply channels in the Müstair Valley/Switzerland and their evaluation, in: Cultural heritage and landscapes in Europe (eds: C. Bartels, C. Küpper-Eichas), Bochum 2008, S. 547–556
29 Z.B. Gerber, Johannes. Wandern an sagenhaften Suonen, Visp 2009
30 Société d’Histoire du Valais Romand. Les Bisses, économie, société, patrimoine. Actes du colloque international Sion 2–5 septembre 2010. Annales valaisannes 2010–2011, Martigny 2011