Willkommen in der Natur!

Heimische Pflanzen bringen Leben in Gärten und öffentliches Grün

von Dr. Reinhard Witt

Ein Blick in die meisten Gärten und Grünanlagen reicht: sterile Rasenflächen, geharkte und sauber gemulchte Rabatten. Rhododendron, Forsythie, Thujahecken, exotische Blumen. Welche vielfältigen Vorteile demgegenüber heimische Pflanzen bringen, erfahren Sie in dem folgenden Beitrag von Dr. Reinhard Witt.

Es ist doch paradox: Den meisten Menschen sind Gartencenterpflanzen vertrauter als die Flora einer heimischen Blumenwiese oder eines Trockenhanges. Wer kennt schon eine Rosenmalve? Den Aufrechten Ehrenpreis? Seinen Unterschied zum Langblättrigen Ehrenpreis? Wie steht’s mit dem Schwarzen Geissklee, einem wundervollen, honigduftenden Kleinstrauch? Sie alle wären optimale Bienenfutterpflanzen. Doch man sucht sie vergebens.
Das hat fatale Folgen. Neben der allgemeinen Naturentfremdung von uns Menschen – vor allem für die Natur selbst. Denn nur die heimischen Wildpflanzen geben die Überlebensgarantie für die Tierwelt. Ihr ökologischer Wert ist immens: Im Schnitt ist eine heimische Pflanzenart die Futterbasis für zehn Pflanzenfresser, vor allem Insekten. Ohne pflanzenfressende Insekten wiederum kein Tier(er)leben. Keine Wildbienen, Schmetterlingsraupen, Blattkäfer, keine Heuhüpfer und Schwebfliegen. Und deshalb auch kaum noch Vögel in Garten und Park, einmal abgesehen von Allerweltsarten wie Amsel, Eichelhäher, Elster und Co. Kein Grauschnäpper, denn er jagt grössere Fluginsekten, die aber nur dort vorkommen, wo viele heimische Pflanzen wachsen. Und ebenso kein Distelfink, denn dieser frisst die Samen von Wildstauden. Naturnahe Gärten und Grünflächen sind also Über-Lebens-Räume für Pflanzen und Tiere – und auch für uns Menschen.

Das Naturgartenkonzept

Naturnah wird es, wenn wir die hierzulande heimischen Wildpflanzen verwenden. Dabei unterscheiden wir zwischen Siedlungsbereich und freier Landschaft. Im Siedlungsbereich nehmen wir alle Wildpflanzen Deutschlands, in freier Landschaft am besten nur die regional vorkommenden Arten. Ein reiner Naturgarten besteht laut Richtlinien der Fachbetriebe für naturnahes Grün aus mindestens 60% heimischen Pflanzen, oft sind es aber 80% und mehr. Entsprechend sind maximal 40% Sorten und nichtheimische Arten, also Zuchtformen und Exoten. Natürlich bleibt die Entscheidung, wieviel heimische Wildpflanzen man verwendet, jedem selbst überlassen. Auch Gärten mit weniger als 60% heimischen Wildpflanzen sind ein wertvoller Beitrag für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen, gerade im Siedlungsraum. Jede heimische Art ist Verbesserung und Gewinn für die Natur!
Alle gärtnerisch gestalteten Lebensräume im Siedlungsbereich könnten grundsätzlich naturnah oder wenigstens naturnäher sein, zum Beispiel Privatgärten, öffentliche Grünanlagen, Verkehrsstreifen, -inseln und Strassenränder, Natur-Erlebnis-Räume wie Schulhöfe, Kindergärten, Spielplätze, Gewerbe- und Industriegebiete.

Viele Vorteile

Das Naturgartenkonzept vereint vielfache Vorteile: Es ist nicht nur kostengünstiger in Anlage und Pflege, sondern auch umweltschonend und ressourcensparend. Es muss nicht so viel eingegriffen werden, sondern Entwicklung (Sukzession) und Veränderung (Dynamik) sind hier die Kerngedanken. Entsprechend gestaltete Flächen sind sogar strapazierfähiger und belastbarer, gerade bei intensiver Nutzung. Dabei werden Pionierpflanzen, Stresstolerante und Konkurrenzstarke geschickt kombiniert. Es ergeben sich vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten und Erscheinungsformen mit Zwiebelpflanzen, Einund Zweijährigen, Stauden, Kleingehölzen, Grossgehölzen und naturnahen Rosen. Hier siedeln sich heimische Tiere ganz von selbst an. So entsteht eine Erfahrungsvielfalt für alle Sinne, für gross und klein, alt und jung. Und das beste daran: Ein solches, von Menschenhand geschaffenes Paradies bleibt über sehr lange Zeiträume bestehen, ohne dass wir nennenswert eingreifen müssten. Genau das ist Nachhaltigkeit! Unter diesem inzwischen schon für alles und jedes inflationär gebrauchten Begriff verstehen wir folgendes:
– regionales Potential von Boden und Baustoffen,
– schonender Material- und Energieeinsatz,
– naturnahe statt technische Bauweisen,
– an Standort und Nutzung angepasste Ansaaten und Pflanzen,
– natürliche Vermehrung durch Aussaat oder Ausläufer,
– langlebige (heimische Wild-)Pflanzen oder naturnahe, sich selbst erneuernde Sorten,
– Pflanzen mit hohem ökologischen Wert für Tiere,
– dynamische Entwicklung und Veränderung,
– sensible begleitende Pflege.

Auch Nachteile

Bei all diesen Vorteilen sollte nicht verschwiegen werden, dass es auch Nachteile gibt. So sind naturnahe Flächen ab dem Spätsommer nicht mehr so repräsentativ. Statt vieler bunter Blüten herrschen nun Brauntöne vor. Aus Natursicht wenig erstaunlich, denn jetzt geht es den Wildpflanzen um die Samenproduktion, was wiederum Distelfinken und andere Samenfresser freut. Hinzu kommt ein geringerer Schauwert. Die Natur hält nicht so hochgezüchtete, effektheischende Pflanzensorten bereit wie die Züchtungslabore dieser Welt. Ausserdem ist die Naturgartenidee oft noch erklärungsbedürftig. Sie muss durch gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden, damit der Laie versteht, dass die schönsten Blumenwiesen auf Kies oder Schotter wachsen und eben nicht auf fettem Mutterboden. Und schliesslich wird natur­nahes Grün oft von Pseudo-Profis falsch verstanden und kopiert und damit in Misskredit gebracht.

Und so geht’s

Heimische Stauden und erst recht Gehölze brauchen Zeit, bis sie ihre volle Kraft entfalten können, denn ihre Lebensstrategie ist das mehr oder weniger Dauerhafte. Das kann im ungünstigen Fall einige Jahre dauern, was uns zuweilen viel Geduld abverlangt. Eine geschickte, dem Standort angepasste Pflanzenauswahl führt aber mit Sicherheit zum Erfolg. Wenn aber Gartencenter, Gärtnereien und Baumärkte keine zuverlässige Quelle für heimisches Saatgut und Pflanzen sind, woher bekommen wir dann diese Arten? Auch das ist kein Problem: Vor 22 Jahren gründete sich der Verein für naturnahe Garten- und Landschaftsgestaltung (Naturgarten e.V.) genau aus diesem Grund. In seinem bundesweiten Netzwerk finden Sie alles, was das Wildpflanzenherz begehrt.    •

Quelle: Allgemeine Deutsche Imkerzeitung ADIZ. Nr. 7/2012

Kontakt: Dr. Reinhard Witt,
Quellenweg 20, 85570 Ottenhofen;
E-Mail: reinhard(at)reinhard-witt.de

Literaturempfehlung

Reinhard Witt, Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten. Kräuter, Stauden und Sträucher. Für Jahrzehnte erfolgreich gärtnern. Naturnah, praktisch, klimafest. Unkräuterlexikon und Pflegestrategien. Bestellung über Buchshop: www.reinhard-witt.de

Infos im Internet

www.naturgarten.org
Verein für naturnahe Garten- und Landschaftsgestaltung
www.naturgarten-fachbetriebe.de 
Geprüfte Fachbetriebe für Planung, Gestaltung, Wildstauden und Saatgut in Kooperation mit Bioland
www.naturgartenplaner.de 
Zertifizierte Bio-Naturgärten, Schulhöfe, Spielplätze, Kindergärten, öffentliches Grün